Who would imagine a kin... äh - colonel

      Who would imagine a kin... äh - colonel

      Titel: Who would imagine a kin... äh - colonel
      Autor: anonyma
      Beta: Mrs. Mallard
      Inhalt: 1990 - Es weihnachtet im Hause Gibbs und das Krippenspiel von Kellys Schule steht an. Ein "Unfall" mit der Bastelschere bringt einen kleinen DevilDog dazu beinahe ihre Einheit im Stich zu lassen, doch mit etwas Holzleim lässt sich so einiges kitten - und zum Glück gibt es da noch den Colonel, der stets weiß seine Chaoten in der Spur zu halten!

      Disclaimer:
      Die Rechte an der Serie und ihren Charakteren liegen bei CBS, Paramount und Wings/When Pigs Fly Productions, alle sonstigen Charaktere sind meiner
      Phantasie entsprungen und beruhen nicht auf lebenden Personen. Die Geschichte ist aus Spaß an der Serie und am Schreiben entstanden, um andere Fans zu unterhalten und nicht, um damit Geld zu verdienen.

      Während ich mich eingehend mit der Suchfunktion des Forum auseinandergesetzt habe, ist mir aufgefallen, dass diese kleine Geschichte es scheinbar nie ins Forum geschafft hat. Eine humorige Weihnachtsgeschichte, doch womöglich lässt der eine oder andere sich schon jetzt darauf ein.



      Who would imagine a kin... äh - colonel



      Mit einem zufriedenen Lächeln ließ Jethro seine Finger über die hübsche Verzierung des kleinen, hölzernen Kästchens gleiten und pustete noch einmal darüber, um auch das letzte Holzspänchen zu vertreiben. Er würde es nur noch lackieren müssen. Der Marine atmete tief durch. Er hatte nicht gedacht, dass es noch rechtzeitig fertig werden würde, doch das Schicksal hatte ihm in die Hände gespielt. Dabei war dieses kleine Holzkästchen ja nur die Verpackung für Shannons Geschenk. Die kleine Brosche in Schmetterlingsform, die morgen früh auf dem kleinen Samtkissen liegen würde, nur ein winziger Lückenfüller für das eigentliche Geschenk. Vorsichtig öffnete der Mann eine Dose mit Klarlack und tauchte den Pinsel in die durchsichtige Masse.
      Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Gott, er war so unendlich stolz auf seine Frau. Schon während ihrer Schulzeit hatte Shannon davon geträumt einmal selbst unterrichten zu können. Kindern etwas beizubringen, am liebsten den Kleinsten von ihnen. Und nun hatte sie es tatsächlich geschafft. Im Sommer hat sie ihren Abschluss gemacht und strahlend neben all den anderen Studenten ihren „Bachelor of Education“ entgegen genommen. Gemeinsam mit ihrer Tochter Kelly hatte Shannon dann im September ihren ersten „Schultag“ an der Grundschule in Quantico. Während ihre Tochter die Vorschule besuchte, unterrichtete Shannon die Vorschüler und die Schüler der ersten und zweiten Klasse. Kunsterziehung. Seine Frau war schon immer ungeheuer kreativ gewesen. Hatte ständig irgendetwas genäht, gebastelt oder hübsche Bilder gezeichnet. Dass sie wirklich neben ihren Verpflichtungen als Mutter und Ehefrau ein Studium erfolgreich absolviert hat, beeindruckte den Marine sehr.
      Zwar hatte sein Rotschopf es nur einmal beiläufig erwähnt, dennoch wusste Jethro, dass seine Frau sich einen kleinen Rückzugsort wünschte, an dem sie in Ruhe ihre Kreativität ausleben und ihren Unterricht vorbereiten konnte. Und genau diesen Ort würde er ihr erschaffen!
      In den Untiefen seiner Werkbank lag ein Stapel Zeichnungen. Pläne für ein Gartenhaus. Es würde nicht sehr groß sein, dafür fehlte schlichtweg der Platz, aber es wäre Shannons ganz eigenes Reich mit fließendem Wasser, elektrischen Leitungen und einer Heizung. Ein kleines, gläsernes Schlösschen für seine Königin.
      „Jethro!“ Der ungeduldige Ruf riß den Dunkelhaarigen aus seinen Gedanken.
      „Ja?“ Mit einer gleichmütigen Gelassenheit trug er weiter den Lack auf das Holz.
      Er wusste, dass sie vom oberen Ende der Treppe aus nicht sehen konnte was er tat, also unterbrach Gibbs seine Arbeit nicht und wandte nur den Kopf in Richtung seiner Frau und bekam große Augen. „Wow! Meine Göttin!“
      Shannon verdrehte die Augen, strich ihr elegantes Kleid aus dunkelgrünem Stoff glatt und bändigte mit zwei Spangen ihre Haare. „Kannst du mir sagen was das hier werden soll, Gibbs?!“
      „Ähm“, erwiderte der Marine scheinbar ahnungslos. „Ich … Na, ich muss das hier fertig kriegen. Santa hatte keine Zeit und ich -“
      Der Rotschopf stemmte die Arme in die Seiten und funkelte ihren Mann ungeduldig an. „Leroy Jethro Gibbs!“, knurrte sie mit bedrohlich leiser Stimme.
      Gibbs hob beide Hände und schenkte seiner Frau ein unschuldiges Lächeln. „Ich bin schon beinahe umgezogen. Habe ich dir schon gesagt, dass du einfach bezaubernd aussiehst, Darling!?“
      Shannon schmiss die Hände in die Luft und stieß einen leisen Schrei aus. „Kommst du jetzt?“
      „Du … naja, dreht dich mal um, weil sonst… Ich kenne noch nicht alle Tricks, die Santa so beherrscht und -“, druckste Gibbs herum, während er seinen Pinsel in ein Glas mit einem Lösungsmittel stellte.
      Kopfschüttelnd verließ Shannon den Keller. „Beeil dich!“ Das energische Klappern ihrer hochhakigen Schuhe auf den Holzdielen begleitete ihren Weg durch den Flur. „Kelly? Bist du endlich umgezogen?“
      Ein lautes Krachen ertönte gefolgt von einem deutlichen Schluchzen. „Nein! Ich komme nicht mit und ziehe auch das blöde Kostüm nicht an! Die werden alle über mich lachen!“
      „Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du dir selbst den Pony geschnitten hast, Kelly! Zieh dich um!“ Shannons Stimme hatte all ihre Sanftheit verloren. Es gab Tage da brachten Jethro und Kelly sie an die Grenzen ihrer Geduld. Heute war einer davon. Mit einem entschiedenen Schnauben griff sie nach den Autoschlüsseln.
      „Um Punkt sieben Uhr beginnt das Krippenspiel! Ihr kennt Eure Aufgaben. Wenn ihr nicht pünktlich seid, dann…“
      Jethro steckte den Kopf aus der Kellertür. „Wo willst du denn hin?“
      „Ich muss in zehn Minuten in der Schule sein, Jethro! Was denkst du wo ich hin will?!“
      Der Dunkelhaarige zog unwillkürlich den Kopf ein.
      „Wo ist Cameron?“, herrschte Shannon ihren Mann an, während sie noch einmal mit einem Lippenstift ihre Lippen nachzog und den Sitz ihrer Frisur überprüfte.
      „Weiß ich nicht! Warum auch? Ich bin doch nicht seine Mutter“, brummte Gibbs und verließ auf Socken den Keller und wandte sich dem oberen Stockwerk zu. Sand und Sägespäne rieselten von den Hosenbeinen seines Kampfanzuges. Am Fuß der Treppe hielt er inne und wandte sich nach seiner Frau um, die mit dem Lippenstift in der Hand dastand und ihrem Mann einen mörderischen Blick zuwarf. Jethro schaute an sich hinab und nahm den Fuß von der ersten Treppenstufe. „Vielleicht lasse ich meine Klamotten lieber im Keller.“
      Shannon wandte sich wieder um und griff nach einem Korb, der bis an den Rand mit diversen Notfall-Utensilien vollgestopft war. „Und finde heraus wo der verfluchte Offizier ist! Der sollte vor 5 Minuten hier sein. Ihr fahrt mit ihm, ich nehme unser Auto! Und wenn ihr auch nur eine Minute zu spät kommt …“ Shannon wußte, dass sie die Drohung nicht aussprechen musste, aber um ihre Worte noch ein wenig zu vertiefen, warf sie Gibbs einen letzten niederschmetternden Blick zu und genoss es insgeheim, wie ihr Mann den Kopf einzog.
      Gibbs wandte sich um und hastete nur in Unterwäsche bekleidet die Treppe hinauf. Er war so in seine Basteleien vertieft gewesen, dass er gar nicht gemerkt hatte, dass die Natur ihr Recht forderte. Literweise Kaffee wollten schließlich auch irgendwann wieder raus. Hastig eilte der Marine über den Flur und stieß die Badezimmertür auf.
      Erleichtert, dass er sich keine Gedanken darüber machen musste, ob seine Frau gleich reinplatzen könnte, klappte er den Klodeckel hoch und stellte sich vor die Toilette. Ein leises Schluchzen ließ ihn inne halten.
      Mit gerunzelter Stirn und protestierender Blase zog er den Duschvorhang zur Seite. Kelly saß in der Dusche, ihr Hirtenkostüm an die Brust gepresst und schniefte leise vor sich her.
      „Hey?“
      „Hey Daddy!“, schniefte sie mit erstickter Stimme.
      „Was ist los, Krümel?“
      „Mummy zwingt mich bei dem blöden Krippenspiel mitzumachen!“ Empörung blitzte in Kellys Augen auf.
      „Uhm… Warst du nicht ganz wild darauf und so stolz, weil du das Solo singen sollst?“, hakte Gibbs verwirrt nach und presste die Beine zusammen.
      „Jetzt nicht mehr!“
      „Aha, Kelly … Gehst du bitte in dein Zimmer und … denkst noch mal darüber nach?!“ Unruhig stieg der Marine von einem Fuß auf den anderen.
      „Nein!“
      „Nein?“
      „Ich brauche nicht darüber nachdenken, ich bin mir sicher!“
      „Ok, Kelly, aber trotzdem gehst du jetzt in dein Zimmer!“
      „Wieso?“
      „Weil … weil ich … Kelly! Geh einfach!“
      Das Mädchen musterte ihren Vater und grinste dann breit, was eine Zahnlücke offenbarte. „Musst du mal, Daddy?“
      „Ja! Und jetzt raus!“
      Hinter vorgehaltener Hand kichernd verließ die Kleine das Badezimmer, während der Gunny endlich Erleichterung fand.
      Wenige Augenblicke später lief Gibbs über den Flur ins Schlafzimmer und stieg in eine schwarze Jeans und zog sich ein weißes T-Shirt über den Kopf.
      „Du kannst deine Freunde nicht hängen lassen, Kelly! Wer soll denn deinen Part übernehmen?“, rief Jethro seiner Tochter zu.
      „Ist mir egal!“, erscholl die trotzige Antwort der Fünfjährigen.
      „Mir aber nicht! Immerhin hast du meinen Boss eingeladen und was soll der von mir denken, wenn er herausfindet, dass meiner Tochter sang- und klanglos ihre Einheit im Stich lässt!“
      Ein leises Schnauben war zu hören. „Onkel Will würde mich nie zu etwas zwingen, was ich nicht machen will. Onkel Will ist mein Freund! Und wenn du mich zwingst bei dem blöden Krippenspiel mitzumachen, dann bist du nicht mehr mein bester Freund, sondern Onkel Will!“
      Jethro rollte mit den Augen. „Ok, dann rufe ich jetzt die Mum von Wyona McGannon an und sage ihr, dass sie die letzte Strophe in eurem Lied singen darf!“
      Ein wütender Aufschrei folgte einem Poltern und dann das Stapfen energischer Kinderfüße im Flur. „Wyona kann gar nicht singen! Und schon gar nicht meine Strophe!“
      Das Öffnen und Schließen der Haustür riss Vater und Tochter aus ihrer Diskussion. „Hey?! Ich bin da!“
      „Hi, Onkel Cam, wir sind oben! Wir sind noch nicht fertig, weil Daddy solange im Keller war!“
      Jethro schnaubte empört und warf Kelly einen grimmigen Blick zu, den die Kleine stumpf ignorierte. Umständlich versuchte sie in ihr Kostüm zu steigen, verhedderte sich und fiel zu Boden. Das ratschende Geräusch reißenden Stoffs hallte scheinbar überlaut durch das Schlafzimmer. David Camerons dunkelblonder Haarschopf tauchte im Türrahmen auf und der Mann versuchte sich ein Überblick zu verschaffen.
      Jethro hob seine Tochter auf und setzte sie aufs Bett, dann griff er in den Stoffhaufen und hielt das Kostüm in die Luft. Ein Ärmel war abgerissen und fiel lautlos zu Boden.
      „Ach du Sch …“ Cameron verstummte und hob den Ärmel auf.
      „Ups“, kam es von Kelly, die zu ihrem Dad und ihrem Patenonkel getreten war.
      „Und nun?“, wollte Gibbs wissen und schaute fragend in die Runde.
      Kelly zuckte mit den Schultern. „Musst du ihn wieder annähen!“
      „Ich kann nicht nähen!“
      „Ich auch nicht“, warf Cameron hastig ein und hob abwehrend die Hände.
      Kelly rollte mit den Augen. „Ich kann ja schlecht mit nur einem Ärmel … Was soll Onkel Will denn dazu sagen, hm?“
      Jethro legt den Kopf schief und betrachtet seine Tochter aufmerksam. „Naja, es würde zu deiner Frisur passen!“
      Mit vor Zorn funkelnden Augen presste die Kleine beide Hände auf ihren Kopf. Wo zuvor ihre Ponyhaare die Stirn verdeckt hatten, standen nun stoppelig einige Haarbüschel wild zu Berge. „Das ist nicht witzig, Dad!“
      Cameron sprang ein. „Na, aber die Hirten waren doch auch immer sehr arm, vielleicht … möglicherweise konnte er sich keine Klamotten mit zwei Ärmeln leisten?!“
      Kelly schüttelte den Kopf. „Wer näht denn Pullover mit nur einem Ärmel. Das ist ja total unlogisch, Onkel Cam!“
      Der Offizier strich sich nachdenklich mit einer Hand über das Kinn. „Habt ihr einen Tacker?“
      „Keine Ahnung!“, kam es von dem Gunnery Sergeant, dann erhellte sich dessen Miene. „Aber Holzleim! Den Schnelltrocknenden!“ Mit triumphierenden Blick lief der Marine über den Flur und die Treppe hinunter, gefolgt von Cameron und seiner Tochter.
      Wenige Minuten später steckte das Mädchen in ihrem Kostüm, während die beiden Männer sie kritisch beäugten. „Der Ärmel ist nun viel kürzer als der andere“, bemerkte Cameron und wollte schon daran herumzupfen.
      „Nicht! Du reißt ihn nur wieder ab, mit deinen zwei linken Händen“, schallt der Gunny seinen Freund.
      „Da ist was von dem Kleber übergelaufen, Daddy. Das klebt nun an meinem Pullover fest.“
      Gibbs runzelte die Stirn und zuckte mit den Schultern. „Mummy wird sicher was einfallen. Erst mal steckst du nun in dem Kostüm. Und jetzt los! Wir haben keine Zeit mehr. Shan dreht uns den Hals um, wenn es noch später wird!“
      Gibbs Sakko hing bereits an der Garderobe, sodass er nur hinein schlüpfen brauchte. Das kornblumenblaue Hemd hatte er sich bereits angezogen und somit waren sie binnen Minuten fertig und saßen in Camerons Auto.

      Dichtes Schneetreiben hatte eingesetzt und verlängerte die Fahrtzeit zur Schule erheblich. Als sie endlich einen Parkplatz gefunden hatten, waren es nur noch fünfzehn Minute bis zum Beginn der Aufführung. Jethro lief mit Kelly durch den Schnee hinüber zum „Bühneneingang“ der schuleigenen Aula und lieferte das Mädchen atemlos in den Umkleideräumen ab.
      Shannon kniete am Boden und reparierte einen abgerissenen Saum eines kleinen Engels und warf ihrem Mann einen finsteren Blick zu. „Dein Glück!“, knurrte sie leise und Jethro hoffte inständig, dass seine Frau den zu kurzen Ärmel am Kostüm ihrer Tochter nicht sofort bemerken würde. Wenigstens musste er sie jetzt nicht bitten diesen anzunähen. Jethro atmete erleichtert aus und verließ den Bereich hinter der Bühne und machte sich auf die Suche nach Cameron.
      Er hatte den Offizier schnell gefunden und mit ihm auch seine Schwiegermutter Joann, deren Lebensgefährten Mac und Audrey Ryan, die Frau seines Vorgesetzten. Er gesellte sich zu der kleinen Runde und begrüßte alle.
      „Wo haben Sie den Colonel gelassen, Ma’am?“, erkundigte sich Jethro bei der Frau seines CO.
      Diese lachte auf. „Ich hoffe in Quantico! Sie wollen doch in ihrer Freizeit sicherlich auf das Strammstehen und Salutieren verzichten, Jethro! Will hat noch jemanden getroffen und wollte gleich zu uns kommen“, erklärte sie und ließ schulterzuckend den Blick über die Menge schweifen.

      Will Ryan schob sich durch die Menge der aufgeregt schwatzenden Eltern und Verwandten und schaute sich suchend nach seiner Frau um. Als sein Blick eine Seitentür streifte, runzelte der Mann verwundert die Stirn. Wenn er sich nicht täuschte, war grad die kleine Kelly Gibbs durch diese Tür hinaus ins Freie entwischt.
      Neugierig folgte der Colonel dem Mädchen und entdeckte sie ein wenig verloren unweit der Eingangstür. Im Arm hielt Kelly ein unförmiges, graues Etwas, während dicke Krokodilstränen über ihre geröteten Wangen liefen.
      „Was hat meinem kleinen Devil Dog denn die Laune verhagelt?“, sprach der Colonel die Kleine ruhig an und ging vor ihr in die Hocke.
      Mit einem verzweifelten Schluchzen schmiss sich Kelly in die Arme des Mannes. „M-mein Esel… der… Miss. … wollte… n-nun… k-krank und… soll nun…“
      „Hey! So verstehe ich ja kein Wort und außerdem ist es bitterkalt! Wo wolltest du denn hin?“, unterbrach Will Ryan sie und nahm das Mädchen auf die Arme und trug sie zurück in das Schulgebäude. Während Kelly ihm stockend und schluchzend davon berichtete, dass Miss Bellows, die das Kostüm des Esels tragen sollte, krank war und sie nun ohne den Esel zu führen, den Hirten spielen sollte.
      „Ist es so schlimm ohne Esel auf die Bühne zu gehen?“, fragte der Colonel und strich dem Mädchen die letzten Tränen von den Wangen.
      Kelly sah ihn ungläubig an und nickte.
      „Aber wieso denn eigentlich ein Esel? Müssten es denn nicht Schafe sein? Hat der Esel denn nicht Maria getragen?“, hakte Will noch einmal nach, während sie den Bereich hinter der Bühne erreicht hatten, wo sich nun alle auf den Beginn der Aufführung vorbereiteten.
      „Aber die Schafe sind ja nicht echt, die sind auf eine Leinwand gemalt. Einer muss den Esel doch festhalten und Maddie hält ja schon die Kuh fest und wenn ich gar nichts festhalten darf, dann mache ich auch nicht mit!“ Mit vorgeschobener Unterlippe und vor der Brust verschränkten Armen, funkelte Kelly den Vorgesetzten ihres Vaters finster an. Der Colonel seufzte, diesen Blick kannte er, aber mit dieser Gibbs musste, dem Himmel sei Dank, nicht er sich herumärgern.
      Der Mann betrachtete das Mädchen eine Weile, sichtlich mit sich hadernd. „Was muss der Esel denn machen? Singen? Text aufsagen?“
      Kelly zuckte mit den Schultern. „Nein, nichts! Er muss sich festhalten lassen!“
      Will Ryan runzelte die Stirn und fragte sich was für eine Funktion der verfluchte Esel dann eigentlich hatte, doch bevor er überhaupt wusste was er tat, sagte der Marine. „Na los, Soldat. Her mit dem Ding und auf in die Schlacht!“
      Kelly riss erstaunt die Augen auf, ehe sich ein zufriedenes Grinsen auf ihrem Gesicht breitmachte.


      Mit einem stolzen Lächeln verfolgte Gibbs das Krippenspiel und schmunzelte, als er bemerkte wie seine Tochter dem Esel neben ihr gedankenverloren das Fell kraulte. Der zu kurze Ärmel fiel kaum auf und spielte eigentlich ohnehin keine Rolle. Die fünf Chorkinder, eines von ihnen war Kelly, spielten ihre Rollen wunderbar und begleiteten, gemeinsam mit ihrer Lehrerin, die gesamte Aufführung der Vorschüler mit Weihnachtsliedern. Doch am Meisten freute der Marine sich auf das letzte Lied. Seine Mum hatte es jedes Jahr zu Weihnachten mit ihm gesungen und im Kirchenchor von Stillwater war stets sie es gewesen, die diesem Lied den ganz besonderen Zauber verliehen hatte. Und nun stand seine Kleine dort vorn und würde dieses Lied singen, genauso wie es ihre Großmutter zuvor getan hatte. Schon wenn Kelly es Zuhause geübt hatte, während Shannon sie auf dem Klavier begleitete, hatte er diesen Kloß im Hals gespürt. Seine Mädchen waren etwas ganz besonderes.

      Verwundert schaute sich Audrey Ryan immer wieder um. Der Platz neben ihr war leer geblieben, die blonde Frau hatte keine Ahnung, wo ihr Mann stecken mochte. Er hatte sich nur kurz mit einem anderen Marine unterhalten und dann zu ihr und der Familie Gibbs stoßen wollen. Will konnte sich auf ein Donnerwetter gefasst machen, wenn er nicht einen wirklich triftigen Grund hatte, der Aufführung fern zu bleiben. Kelly hatte sein Fehlen sicher längst bemerkt und würde bestimmt enttäuscht darüber sein, dass ihr Onkel Will sich nicht an ihre Absprachen gehalten hatte. Audrey versuchte sich nicht länger über das Verhalten ihres Mannes zu Ärger und beschloss stattdessen die Aufführung der Kinder zu genießen.

      David Cameron sah im Blick seines Freundes, wie stolz dieser auf sein kleines Mädchen war und konnte es ihm nicht verdenken. Kelly war ganz wunderbar. Er war froh ein Teil dieser Familie sein zu dürfen. Hatte Dave doch bisher nie erfahren, wie Familie sein konnte. Seine Eltern waren in der Regel betrunken oder nicht da. Schon als Vierjähriger hatte er sich am Weihnachtsmorgen allein mit seinem Glas Milch und einer Handvoll altbackener Kekse vor den Fernseher gesetzt und darauf gewartet, dass bei ihrer sehr betagten Nachbarin, ein Licht anging und er hinüber winken und ihr Frohe Weihnachten wünschen konnte. Das hatte der kleine Junge gern gemacht, es hatte kaum Erwachsene gegeben, die diesen Gruß eines Kindes unbeantwortet ließen. Nachdem das Jugendamt dann Jahre später auf ihn aufmerksam geworden war, hatte er sein erstes richtiges Weihnachtsfest erleben dürfen. Seine Tante und sein Onkel haben versucht all die schlechten Jahre seiner Kindheit ungeschehen werden zu lassen. Und für Stunden hatten sie es geschafft. Aber den richtigen Weihnachtszauber hatte der Offizier erst erlebt, als er neben seinen Freunden Jethro und Shannon, mit dem kleinen Baby Kelly auf dem Arm, unter dem strahlenden Weihnachtsbaum gesessen hatte. Er war nicht weniger stolz auf das kleine Mädchen, als dessen Vater.

      Joseph, Maria, eine kleine Ansammlung von Hirten und die Heiligen Drei Könige standen einträchtig um die Krippe herum und bewunderten das winzige Jesuskind. Die ersten sanften Töne des letzten Liedes erklangen. Zaghaft und mit leicht zitternder Stimme begann Kellys Freundin Maddie ihren Part zu singen. Ihre helle Stimme schien den Raum zu füllen und Jethro wandte den Blick und sah, wie Maddies Mum Carol sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel wischte. Doch die Szene in der Schulaula verschwamm vor den Augen des Gunnys und die Bilder seiner Kindheit nahmen ihren Platz ein. Vorsichtig und mit stolz geschwellter Brust, hatte der kleine Leroy die hölzernen Figuren ihrer eigenen Weihnachtskrippe aus dem seidenen Papier gewickelt. Den ganzen Sommer war der Junge immer wieder mit seinem Vater im Holzschuppen verschwunden, hatte still auf dessen Schoß gesessen und dabei zugeschaut wie Jackson die kleinen Figuren geschnitzt hatte. Zu Beginn der Adventszeit dann, hatte Leroy seiner Mum die Figuren schenken dürfen. Ann Gibbs hatte vor Freude ganz rote Wangen bekommen und sofort die ausladende Anrichte im Esszimmer frei geräumt und mit der Hilfe ihres Sohnes die Krippe aufgestellt. Dabei hatte sie die ganze Zeit gesungen und als sie dieses eine Weihnachtslied angestimmt hatte, da war es dem Jungen ganz warm ums Herz geworden, weil es so schön klang und ihre Stimme noch viel sanfter war als bei all den anderen Liedern. Und so hatte seine Mum dieses Lied wieder und wieder für den kleinen Leroy singen müssen.

      Mommies and daddys always believe
      That their little angels are special indeed
      And you could grow up to be anything
      But who would imagine a king


      Mit einem wehmütigen Gefühl fragte der Marine sich, ob sein Vater die Weihnachtskrippe wohl noch hatte. Doch dann schüttelte er den Kopf und zwang sich in die Gegenwart zurück. Was für ein Sinn hatte es, an diese Dinge zu denken. Ann Gibbs lebte nicht mehr und Jackson hatte seine Frau und seinen Sohn verraten. Jethro spürte, wie die altbekannte Bitterkeit in ihm aufstieg und atmete tief durch. Als sein Blick auf Kelly fiel, verschwand das unschöne Gefühl in seiner Magengegend auf einen Schlag.

      Die Kinder sangen eine gemeinsame Strophe und dann schaute Jethro gespannt zu seiner Tochter. Ein Spot hob Kelly in den Vordergrund wie zuvor bereits ihre Freundin Maddie. Die Klavierbegleitung spielte die Strophe an, die Lehrerin nickte Kelly zu, doch das Mädchen blieb stumm. Jethro hielt die Luft an und spürte wie seine Handflächen feucht wurden. Erneut spielte die Frau am Klavier die Strophe an, die Lehrerin nickte, nun schon etwas energischer, und der Esel stupste Kelly an. Jethro erkannte wie seine Tochter mit beinahe trotzigem Ausdruck die Lippen zusammenkniff. Der Marine stöhnte leise auf.

      Unruhig versuchte der Colonel durch die winzigen Schlitze in dem Eselkostüm Kellys Blick aufzufangen. „DevilDog! Du musst singen!“
      „Ich hab den Text vergessen!“, zischte Kelly zwischen zusammengekniffenen Zähnen.
      „One day an angel said quietly-“, brummte Will Ryan leise.
      Kelly beugte sich vor. „Was?“
      Das Klavier gab erneut den Einsatz vor, die Lehrerin rang um Fassung, aus den Reihen der Eltern gab es erstes Gekicher. Der Esel stupste das Mädchen mit dem Vorderbein an und begann kopfschüttelnd zu singen, in der Hoffnung dass die Kleine einsteigen würde.

      One day an angel said quietly…

      Cameron keuchte als eine tiefe Stimme zu hören war, die offensichtlich zu dem Esel an Kellys Seite gehörte. „Das ist doch … Ist das-?“
      „Der Colonel?“ Jethro kniff die Augen zusammen, als könnte er so durch das graue Kostüm hindurch schauen. Die beiden Marines wandten den Kopf nach rechts, als ein unterdrücktes Lachen zu hören war. Audrey Ryan hatte sich eine Hand vor den Mund gepresst und wischte sich atemlos einige vorwitzige Lachtränen aus den Augenwinkeln.
      Sprachlos und mit dümmlichen Gesichtsausdrücken verfolgten der Gunnery Sergeant und der Lieutenant das Schauspiel vor ihnen auf der Bühne.

      Shannon hatte sich an die Wand gelehnt und starrte kopfschüttelnd ihren kleinen Hirten an. Im Scheinwerferlicht war Kellys Unfall mit der Bastelschere deutlicher zu erkennen, ihre Haare standen am Oberkopf stachelig in die Höhe, vom Pony war fast nichts übrig. Erst jetzt fiel der Rothaarigen auf, dass ein Ärmel ihres Kostüms viel kürzer war als der andere.
      „Nun komm schon, du kleiner Chaot! Sing endlich diese verflixte Strophe. Du kannst es doch!“, murmelte sie leise.

      Mit einem erleuchteten Grinsen stieg Kelly in den Gesang ihres Esels ein. Erleichtert atmeten Jethro, Cameron und Shannon tief durch.

      One day an angel said quietly
      That soon he would bring something special to me
      And of all those wonderful gifts he bring
      Who would imagine, who could imagine
      Who would imagine a king



      The End
      Hallo meine Liebe,
      wie schön, die Story noch einmal wieder zu lesen! Egal, welche Jahreszeit gerade ist... hauptsache, ich muss kein Spekulatius dazu essen ;)
      Einfach ein toller Einblick in das Familienleben von Gunny Gibbs - und dann auch noch mit "Onkel Will" in der heimlichen Hauptrolle. Genial. Mehr davon! :D