[Shibbs] Sunburned Thread III *19.07.2017

      [Shibbs] Sunburned Thread III *19.07.2017

      Sunburned


      Autor: anonyma
      Genre: Whump, Romanze
      Rating: P12
      Beta: the one and only ~ Vicky Mallard *Danke*

      Inhalt: Während einer Ausbildungsmaßnahme seines Squads, treffen Lance Corporal Gibbs und seine Kameraden auf einen unangenehmen Zeitgenossen. Einer der Ausbilder versucht den jungen Marines das Leben schwer zu machen. Die Situation eskaliert und hat vor allem für Gibbs unangenehme Folgen.

      Eine Geschichte, die seit Jahren unfertig zwischen meinen Schreibleichen lag. Nun ist sie beendet und möchte gern das Tageslicht erblicken!

      Disclaimer: Alle Charaktere und sämtliche Rechte an Navy CIS gehören CBS, Paramount und Belisarius Productions. Diese Fanfic wurde lediglich zum Spass geschrieben und nicht um damit Geld zu verdienen. Jegliche Ähnlichkeiten zu lebenden und toten Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Alle unbekannten Charaktere sind Eigentum des Autors.


      [Shibbs] Sunburned Thread I

      [Shibbs] Sunburned Thread II



      *24.06.2017

      Deutlich waren die harten Bässe der Musik am Vibrieren des Fussbodens zu spüren. Als Jethro, Joan und Dean am Abend die Scheune der Familie Woodrowe erreichten war das Fest bereits in vollem Gange. Einige ältere Männer aus dem Ort und von den Farmen standen an der Theke und tranken etwas, darunter auch Mac Drake und – wie hätte es auch anders sein sollen – sein Dad. Jethro hob die Hand zum Gruß und wandte sich dann ab.
      Während seine Freunde Getränke holten, suchte Gibbs mit den Augen das Getümmel ab, auf der Suche nach Shannon. Langsam schlenderte er an der Tanzfläche entlang, als eine bekannte Gestalt sich ihm in den Weg stellte.
      „Und da war ich mir doch beinahe sicher, dass wir dir beim letzten Mal deutlich gemacht haben, dass du hier nicht erwünscht bist!“ Vor ihm hatte sich Ed Gantry aufgebaut. Ein grobschlächtiger junger Mann mit der Intelligenz einer Zuckerrübe.
      Jethro schnaubte leise und schob sich an ihm vorbei.
      Doch so einfach ließ der andere ihn nicht davonkommen. Eddie stieß seine Hand hart gegen Jethros Schulter, sodass er taumelte und gegen die Wand prallte. Er sog hart Luft ein, als seine OP-Wunde ob der unbedachten Bewegung schmerzte.
      „Du lässt mich nicht einfach stehen, wie einen Idioten!“
      Jethros Grinsen kam einem Zähnefletschen gleich. „Tja, Eddie, man ist was man ist.“ Seine Miene verfinsterte sich und er musterte den verhassten Gegenüber herablassend. „Geh mir aus dem Weg!“
      Eddie trat so zur Seite, dass er Jethro den Weg freigab, der aus der Scheune hinausführte. „Du wolltest gerade wieder gehen, oder?“
      Jethro stieß sich von der Wand ab und stieß ein verächtliches Schnauben aus. „Gibt es hier tatsächlich irgendjemanden, den du mit deinem Gehabe beeindrucken kannst? Verpiss dich einfach!“
      Eddie durchbrach die entstandene Distanz, so dass sie einander beinahe berührten. „Pass auf wie du mit mir sprichst!“
      Gerade wollte Jethro erneut das Wort gegen Eddie richten, als eine muntere Stimme ihn ablenkte und ein Arm um seine Schulter gelegt wurde.
      „Leroy Jethro Gibbs! Das ist ja eine Überraschung! Du in der Stadt. Wunderbar!“
      Gibbs blinzelte irritiert und sah sich seinem alten Klassenkameraden Kyle Buckley gegenüber. Mit Kyle hatte er sich immer gut verstanden und schon in der Highschool hatte der andere gewusst, wie man brenzlige Situationen entschärft.
      Jethro begrüßte den Freund mit freudigem Lächeln und ignorierte Eddie schlicht.
      „Ed, Kumpel! Am Parkplatz gab es irgendeinen Ärger, Alter. Abgefahrener Seitenspiegel eines Trucks. Was weiß ich. Guck doch da mal nach. Oder seid ihr mit Eurer Wiedersehensfeier noch nicht durch?“
      Jethro guckte mit schelmischem Funkeln in den Augen von einem zum anderen. „Eddie wollte mich gerade zum Tanzen auffordern. Wenn ich es richtig verstanden habe.“
      „Ach verdammt! Und gerade jetzt gibt es Ärger auf dem Parkplatz. Aber gut, das geht wohl vor!“
      „Fickt Euch, ihr Tussis!“, knurrte der angehende Policeman und trat noch einmal dicht an Jethro heran.
      Bevor Eddie etwas sagen konnte, stieß Kyle ihm gegen die Brust. „Alter! Wollt ihr Euch zum Abschied noch küssen, oder was? Eddie! Dein guter Ruf wäre ruiniert!“
      Ein Lachen steckte Jethro in der Kehle, das sich entlud, als Eddie mit sauertöpfischer Miene abzog.
      Kyle rollte mit den Augen. „Es hat sich also nichts verändert! Ohne Anstandsdame kann keiner von Euch auf den Ball gehen, was?“
      Gibbs zuckte die Schultern. „Manch einer wird wohl nie erwachsen.“
      Kyle wiegte den Kopf hin und her. „Ich glaube im Moment leiden alle unter extremer Langeweile. Das Baseballteam ist für diese Saison gesperrt worden, wegen diverser Prügeleien der Spieler, und das Wasser im Badesee ist umgekippt. Stinkende Plürre. Was gäbe es da schöneres als eine handfeste Prügelei?“
      Gibbs kratzte sich den Nacken und verzog das Gesicht. „Sie haben schlimm zu leiden, was?!“
      Kyle lachte, als Jethro in eine Richtung deutete, in der er gerade Joan und Dean entdeckt hatte, die sich suchend umsahen. „Trinken wir was?“
      Der Brünette nickte und folgte Gibbs durch das Getümmel. „Wie ist es bei den Marines? Kommst du zurecht?“
      Jethro grinste breit. „Ist richtig gut! Genau mein Ding.“
      „Coole Sache.“
      „Und du? Arbeitest du im Laden von deinem Dad?“ Jethro hätte sich als kleiner Junge immer gewünscht mit Kyle zu tauschen. Die Familie Buckley führte sowohl den örtlichen Bau- und Werkzeugladen, als auch einen Holzhandel. Es schien ihm deutlich erstrebenswerter Schrauben, Nägel und Bohraufsätze zu sortieren, als Dosensuppen und Reis in Regale zu stellen.
      Kyle nickte grinsend. „Ja, das und ich bin verlobt. Mit Clarice Svenson.“
      Jethros Augenbrauen schnellten empor. „Ach! Glückwunsch. Wann wird geheiratet?“
      „In vier Wochen. Ende August.“
      Jethro klopfte dem ehemaligen Schulfreund auf die Schulter. „Dann steht ein großes Fest an, was?!“
      Nun blickte Kyle leicht verlegen drein. „Eher was kleineres. Nur Familie. Also, meine Familie.“
      „Oh ...“ Jethro ahnte was das hieß und seufzte leise.
      „Ja, wir haben Mist gemacht. Im Oktober erwarten wir ein Baby. Mann, Alter, ich hab echt die Hosen voll.“
      Der Marine legte dem Brünetten eine Hand auf die Schulter. „Ähm, ja … Da habt ihr echt … Naja, aber du … es ist ok, dass ihr heiratet? Clarice ist sehr nett und hübsch. Oder?“
      Kyle hob abwehrend die Hände. „Sie ist die Beste! Hätte mir nur weniger Ärger gewünscht. Ihre Familie macht echt Theater.“
      Bevor Jethro irgendwas erwidern konnte, rief jemand nach Kyle und bat ihn darum für den Getränkenachschub zu sorgen. Er zuckte mit den Schultern und eilte mit einem knappen Gruß davon.
      „Ein Freund von dir?“, fragte Joan. Sie und Bull hatten es geschafft sich durch eine Menschentraube hindurch zu Gibbs vorzuarbeiten.
      Er nickte. „Wir waren in der selben Schulklasse.“
      „U-u-und? H-hast d-du sie g-gesehen?“, wollte Bull wissen und reichte Gibbs ein Glas Cola. Gibbs schüttelte den Kopf, trank einen Schluck und verzog das Gesicht, was seinen Freund auflachen ließ.
      Joan zwinkerte ihm zu. „Die lässt du aber rumgehen!“
      Gibbs lachte leise und musterte Dean, der auf die Brusttasche seiner Jacke klopfte, wo er gerne einen kleinen Flachmann verbarg, und ein unbeteiligtes Gesicht machte. Er nahm einen weiteren Schluck und reichte dann Joan das Glas. Erhielt es aber umgehend zurück, als das Licht gedimmt wurde und Barry Manilow „Can‘t Smile without you“ schmachtete.
      Mit einem spitzbübischen Lächeln zog Bull die Soldatin an sich und wiegte sich mit ihr im Arm zum Takt. Joan lachte ausgelassen, als Dean sie in eine schneidige Drehung führte und sie geradewegs in Jethros Armen landete. Gibbs reichte nun Bull das Colaglas, das dieser in einem Zug leerte, und genoss es unwillkürlich Matteson so dicht bei sich zu spüren. Er roch sie so gerne und ihr Lachen löste in ihm ein warmes Glücksgefühl aus. Er biss sich auf die Lippe und versuchte seine Gleichmütigkeit aufrecht zu erhalten. Wie gerne würde seine unversehrte Hand nun über den weichen Stoff ihrer ärmellosen Bluse gleiten und die sanften Rundungen ihres Körpers erforschen. Noch nie hatte sie so verlockend ausgesehen wie heute Abend. Ihre schlanken Beine steckte in engen Hosen, die knapp unter dem Knie endeten und ihre Schuhe hatten gefährlich hohe Absätze. Noch nie hatte sie sich so verführerisch weiblich gezeigt. Er konnte kaum den Blick von ihr abwenden.
      Gibbs trat einen Schritt zurück und ließ Joan nun seinerseits in Bulls Richtung tanzen. Sein Freund schwang gerne noch einmal das Tanzbein und als es nahtlos mit einem schnelleren Lied weiterging, tanzten sie einfach ausgelassen weiter.
      Jethro lehnte sich gegen einen Stehtisch der gerade freigeworden war und beobachtete seine Freunde, die immer weiter in der schwofenden Menge verschwanden. Tatsächlich war er ein wenig eifersüchtig auf Dean. Er hätte auch gerne weiter getanzt, doch er fühlte sich dafür nicht fit genug. Dennoch wurmte es ihn Joans Nähe nur für einen so kurzen Moment hatte genießen zu können. Was war nur los mit ihm? Seitdem ein Wiedersehen mit Shannon in greifbare Nähe gerückt war, schienen seine neugierigen Gefühle, das Bedürfnis sie noch einmal zu treffen, Zeit mit ihr zu verbringen, vollkommen abzuflauen.
      Nein, er korrigierte seine Gedanken. Seitdem er sie mit Winslow gesehen hatte. Das war es. Das was sein Vater laut ausgesprochen hatte entsprach ganz genau seiner Empfindung. Warum unternahm sie nichts? Warum gab sie sich mit einem wie Winslow ab? War sie denn all seine Bemühungen wert? Er hatte sich angeschlagen auf den Weg in seinen verhassten Heimatort gemacht und hätte jede Strapaze auf sich genommen. Und Shannon ging einfach ihrer Wege und versuchte nicht einmal über seinen Vater Erkundigungen über sein Verbleiben einzuholen. Und mittlerweile pfiffen doch schon längst sämtliche Spatzen von den Dächern, dass er in der Stadt war. Davon, dass ihr Stiefvater und dessen Vater genau wussten, dass er vor Ort war. Was stimmte nicht mit dem Mädchen?
      Ein harter Stoß in den Rücken ließ ihn taumeln und beinahe wäre er mitsamt dem Stehtisch umgefallen. Mit einem leisen Fluch auf den Lippen wandte er sich um. Und sah sich Chuck Winslow gegenüber. „War ich dir im Weg, Winslow?“, schnappte er und setzte ein gelangweiltes Gesicht auf, während er seinen Feind musterte. Chucks Augen schimmerten glasig und sprachen von reichlich Alkohol. Und wieder einmal behielt sein Dad recht. Jethro seufzte leise und zwang sich zur Ruhe. Er konnte sich keine Rauferei leisten.
      „Wieder einmal ganz alleine unterwegs? Will sie dich nicht?“, verhöhnte Winslow ihn und schaute sich beifallheischend nach seinen Freunden um. Vereinzelt erntete er hämisches Gelächter. „Und, Jarhead, ist es schön im Dreck zu kriechen und sich anschreien zu lassen?“ Chuck salutierte grinsend.
      „Verpiss Dich einfach!“
      Winslow musterte ihn ernst und stützte dann den Ellenbogen auf den Tisch und stützte seinen Kopf in der Hand. „Shannon ist eine Rakete. Keine Ahnung ob du das weißt. Hat sie dich rangelassen?“, fragte der hochgewachsene Blonde mit Unschuldsmiene, bevor er ohne auf Antwort zu warten fortfuhr. „Aber weißt du, Leroy. Ein Mädchen wie Shannon, die will keinen verkorksten Idioten. Wer will schon mit jemandem zusammen sein, dessen Mom sich lieber das Hirn weggepustet hat. Immerhin hat sie 10 Jahre mit dir ausgehalten. Das ist ne Leistung, was?! Der kleine Nigger hat nach 6 Jahren aufgegeben.“
      Jethros Kiefer hatten sich unwillkürlich festaufeinander gepresst, seine unversehrte Hand lag zur Faust geballt auf dem Tisch. Es war als warteten seine Reflexe nur noch auf den Befehl draufzuschlagen. Doch er hatte gelernt die blinde Wut zu beherrschen. Er würde keine Chance haben, während einer Rauferei mit Chuck. Er war noch immer viel zu angeschlagen. Seine OP-Wunde schmerzte schon, wenn er versuchte aufrecht zu stehen. Es hatte keinen Sinn.
      Jethro richtete sich auf und trat weg von dem Stehtisch. Er hob die Hand, wie zum Gruß und wandte sich ab. Er würde einfach gehen. Vielleicht entdeckte er doch noch das eine oder andere bekannte Gesicht. Erst jetzt bemerkte er, wie das Blut in seinen Ohren rauschte. Noch einmal wurde Chucks Stimme in seinen Erinnerungen laut: „ ... sie hat es nur zehn Jahre lang mit dir ausgehalten!“
      Jethro wußte, dass Chuck Unsinn redete, doch der kleine, zehnjährige Leroy war da noch immer irgendwo in ihm und glaubte davon jedes Wort. Er zwang sich weiterzugehen, während Chuck ihm unter dem gröhlenden Gelächter seiner Freunde weitere Beleidigungen hinterherrief.



      *28.06.2017


      Gibbs verließ die Scheune durch einen Seiteneingang und atmete tief durch, als ein kühler Luftzug ihm entgegenwehte. Erst jetzt bemerkte er, dass er schwitzte. Er lehnte sich gegen die Scheunenwand und schloss sekundenlang die Augen – riss sie jedoch wieder auf, als er hörte wie sich Schritte hastig näherten.
      Eddie tauchte in Jethros Blickfeld auf und er hatte keine Chance ihm auszuweichen. Aus dem Laufen hieb der angehende Policeman ihm die Faust ins Gesicht. Hart traf er Jethros Unterkiefer, was diesem einen gequälten Aufschrei entfahren ließ. Gibbs taumelte zur Seite und versuchte sich an der Wand abzustützen, um nicht zu Boden zu gehen.
      „Na na na, Eddie! Was hat unser Leroy dir denn getan?“, drang Winslows Stimme lallend in Jethros Bewusstsein.
      Gibbs schmeckte Blut und schien nicht klar sehen zu können. Ihm war so schwindelig, dass er Mühe hatte seinen weichen Knien nicht nachzugeben. Blinzelnd versuchte er wieder Herr über seine Sinne zu werden und langsam schien es ihm zu gelingen.
      Jemand lief unmittelbar an ihnen vorbei und rief:„Ach, scheiße. Winslow, Gantry, lasst doch den Ärger!“
      Gibbs konnte die Stimme nicht zuordnen, doch wer auch immer das gesagt hatte schien sich nicht weiter einmischen zu wollen. Vermutlich stand dieser Jemand auf der Gehaltsliste von Chucks Dad.
      Schwer atmend richtete Jethro sich auf und musterte seine Rivalen voller Abscheu. Sie umkreisten ihn wie zwei Spinnen eine Fliege.
      Jethro hob abwehrend eine Hand und wollte sich davonstehlen, doch ihm war schon zuvor klar gewesen, dass sie ihn nicht einfach gehen lassen würden. Vermutlich freuten sie sich schon auf die Rauferei, seitdem sie von seiner Ankunft erfahren hatten.
      „Und da dachte ich immer Marines wären besonders harte Typen. Wehr dich, Leroy! Du feige Schwuchtel!“, knurrte Winslow, trat näher an ihn heran und holte aus. Gibbs parierte den Schlag mit seiner gesunden Hand, nur um beinahe im selben Augenblick seinen Gipsarm hart gegen Winslows Schläfe krachen zu lassen. Chuck ging zu Boden wie eine gefällte Eiche. Jethro umklammerte sein gebrochenes Handgelenk und sog scharf Luft ein. Diese hirnverbrannten Idioten. Er sah aus dem Augenwinkel, wie Ed Gantry erneut auf ihn losging, doch seine Reaktionsfähigkeit ließ auf sich warten. Gibbs versuchte noch den Anderen abzuwehren, doch es gelang ihm nicht. Eddie rammte seine Faust mit vollem Körpereinsatz in Jethros Bauch, was diesen sofort zu Boden gehen ließ.
      Es gab nichts mehr, außer dem irrsinnigen Schmerz in seinem Körper, der sich kaum auf eine Stelle begrenzen ließ. Gibbs rang um Atem, doch sobald seine Lungen sich aufblähen wollten, benebelte die Qual seine Sinne. Als es ihm endlich gelang zu atmen, wallte die Übelkeit mit unfassbarer Urgewalt in ihm auf. Er schaffte es gerade so den Kopf zu heben, bevor er sich erbrach.
      Unfähig aufzustehen ließ er sich wieder auf die Seite sinken, hoffte weit genug weg von seinem Erbrochenen zu sein. In seiner Nähe war es ruhig geworden. Anscheinend hatten Eddie und Chuck genug davon sich zu raufen. Noch immer war ihm entsetzlich schlecht und sein Bauch schmerzte fürchterlich, doch schlimmer war das Gefühl, als ob sich alles um ihn herum drehen würde. Es blieb ihm nichts anderes übrig als einfach liegen zu bleiben.
      Am Rand seines Sichtfeldes sah er zwei Gestalten und vermutete Eddie und Chuck. Eiseskälte durchfuhr ihn. Was war, wenn die beiden noch nicht genug hatten? Ein Schauder durchlief seinen Körper und er spürte das leichte Zittern seiner Muskeln. Er musste auf die Beine kommen. Die Stimme des Lieutenants hallte durch seinen Kopf und trieb ihn an.


      Fröhlich flachsend schlenderten Joan und Bull durch die Scheune, in der die Feiernden zu Hochstimmung aufgelegt waren und schauten sich suchend nach Jethro um, konnten ihn aber nirgends entdecken.
      „B-Be-Bestimmt h-hat er s-sie -g-ge-gefunden“, übertönte Dean die lauten Klänge der Musik, bevor er in Richtung einer Seitentür zeigte. „K-klo!“
      Joan nickte. „Ich komme mit raus. Ich brauche dringend frische Luft! Das ist eine Hitze hier drin!“
      Kurz vor einem der weitgeöffneten Scheunentore, die nach draußen führten, trafen sie auf Jackson Gibbs.
      „Hallo! Alle klar bei Euch?“, fragte Jethros Vater sie gutgelaunt und sah sich um. „Hat er das Mädchen gefunden?“
      Joan zuckte lächelnd mit den Schultern. „Plötzlich war er verschwunden! Ich denke schon.“ Mit frechem Augenaufschlag musterte sie Gibbs senior. „Haben Sie heute Abend denn schon getanzt, Mr. Gibbs?“
      Jacksons Grinsen wurde eine Spur breiter. „Du hast mich bislang nicht gefragt, Miss Matteson!“ Er breitete lachend die Arme aus und folgte der Freundin seines Sohnes dann amüsiert auf die Tanzfläche.

      Nach vier Liedern hob Jackson abwehrend die Hände!
      „Schluss! Jetzt ist Schluss, Miss! Du schaffst mich.“ Jackson griff nach Joans Hand und führte sie zur Theke. „Was trinkst du?“
      „Eine Coke.“
      „Na, und für unsere Jungs nehme ich wohl dasselbe, was?“
      Sie nickte. „Ja, aber ich denke, wir sollte Jethro suchen. Ich glaube, er mutet sich hier viel zu viel zu.“ Ihr Gesichtsausdruck hat sich vor Sorge verfinstert.
      Jackson stimmte ihr zu. „Ja, aber er ist so stur. Er weiß es grundsätzlich besser.“
      Joan lachte leise. „Oh ja. Aber er lässt sich auch überzeugen. Wir sollten es jedenfalls versuchen. Doch ich bin mir fast sicher, dass er spätestens morgen die Quittung für diesen Abend erhält. Nun ja, dann pflegen wir ihn eben wieder gesund, hm?!“
      Der ältere Gibbs schüttelte den Kopf. „Eine so gute Freundin wie dich hat der Bengel gar nicht verdient!“
      Gemeinsam verließen sie nun die Scheune durch eine Seitentür und schauten sich suchend um. Beinahe wären sie in der Tür mit einem jungen Mädchen aus dem Ort zusammengestoßen. „Hoppla, Lindsay. Langsam“, lachte Jackson amüsiert, doch das Mädchen schien ihren Zusammenstoß kaum registriert zu haben. Sie griff nach seinem Arm.
      „Mr. Gibbs. Gott sei Dank! Leroy … er liegt dort vorne. Schnell!“
      Joan schnappte nach Luft und rannte los, in die Richtung, in der sich zwei Gestalten von der Nachtschwärze abhoben.
      Sie erkannte Bull, der am Boden kniete und leise redete.
      „Scheiße, Jethro!“, rief Joan aus und fragte dann an Bull gerichtet: „Was ist mit ihm?“
      Dean war gerade dabei sich einen Arm seines Freundes um die Schultern zu legen und ignorierte Joans Frage. „I-ich h-helfe dir au-auf. A-a-ab-ber langsam u-und d-dann erst mm-al durchatmen, D-DevilDog. A-All-Alles cool?“
      Joan hörte Gibbs angestrengte Atmung und ein leises Stöhnen. Gerade als Joan nach Jethros anderem Arm greifen wollte, um Dean zu unterstützen, hielt ihr hünenhafter Freund sie auf. „N-nicht! Der Arm i-ist nicht ok. I-ich h-hab ihn.“
      „Was ist hier los?“, polterte Jackson ungehalten vor Sorge und unguter Vorahnung.
      Langsam half Dean seinem Freund auf die Füße, was diesen gequält aufstöhnen ließ.
      „Junge! Rede!“
      Dean hatte Mühe Jethro aufrecht zu halten. „Z-Zum Wa-Wagen!“, bellte er nur knapp und überging die aufgeregten Fragen von Joan und Jackson.
      Nun war Joan doch an Jethros Seite getreten, um ihn ebenfalls stützen zu können. Sie kamen nur langsam voran und Joan spürte wie schwer Jethro jeder Schritt fiel. Es war erst gestern, als sie ihn mit dem Rollstuhl über die Gänge des Krankenhauses geschoben hatte. Er hatte sich vollkommen verausgabt heute. Das würde es mit Sicherheit sein.
      Ein albernes Lachen ertönte in der Nähe. „Der Schlappschwanz! Lässt sich verkloppen wie ein Mädchen.“
      Joan sah, wie Jackson herumschnellte und die kurze Distanz zu der Gruppe flachsender junger Männer überwand. „Ist das dein Verdienst, Chuck Winslow?“, bellte Jethros Vater mit vor Zorn bebender Stimme und stieß den Jüngeren mit beiden Händen vor die Brust, sodass dieser zurücktaumelte.
      „Wow! Mr. Gibbs“, murmelte Chuck und hob abwehrend die Hände.
      „Kommst du, oder einer deiner Freunde meinem Jungen noch einmal zu nahe, dann verpasse ich Euch allen ne Ladung Schrot! Und das ist keine leere Drohung. Ich will in Zukunft keinen von Euch kleinen Dreckskerlen in meinem Laden sehen! Nie wieder!“
      Joan staunte wie ungehalten dieser gutmütige, friedfertige Mann werden konnte. Kurz bevor sie Jacksons Pickup erreicht hatten, war dieser wieder zu ihnen aufgeschlossen. Jethro wandte langsam den Kopf und warf seinem Vater blinzelnd den Blick zu. „Ist alles gut, Dad!“, murmelte er undeutlich und der Tonfall seiner Stimme verriet ihnen allen, dass dies nicht der Fall war.
      Gibbs stieß einen erstickten Laut aus, als Dean ihm auf den Beifahrersitz half. Im Licht des Wageninneren musterten seine Begleiter ihn.
      Jethro hatte den Kopf zurückgelegt und die Augen geschlossen. Er war kalkweiß, seine Lippe blutete und ein Bluterguss schien sich an seinem Unterkiefer zu bilden.
      „Hattest du dem Ärger nicht aus dem Weg gehen wollen?“, blaffte Jackson und fuhr sich mit einer Hand durch das Haar. Die Sorge stand ihm ins Gesicht geschrieben.
      Währenddessen ruhte Joans Blick auf Jethros Hand, die dieser fest auf seinen Bauch presste. Sanft griff sie danach und löste sie behutsam. Gibbs blinzelte und schaute an seinem Körper herab. Ein Blutfleck hatte sich sowohl auf seinem Hosenbund, als auch auf seinem Hemd gebildet. So behutsam wie möglich öffnete die Soldatin die Hose ihres Freundes und schob den blutdurchtränkten Stoff beiseite. Das schützende Pflaster über der OP-Wunde hatte sich gelöst und offenbarte die Folgen des Fausthiebes. Die Naht schien eröffnet, doch die Blutung war bereits zum Stillstand gekommen.
      „Dean?“, fragte sie leise und trat von der offenen Tür zurück.
      Der Hüne trat an seinen Freund heran und ließ seine Augen über die Wunde schweifen. Dann nickte er. „D-das m-mu-muss si-sich ein A-Arzt an-ansehen.“
      „Nein!“, stieß Gibbs gequält aus.
      Bull legte ihm eine Hand auf die Schulter und lächelte schmallippig. „D-Doch! D-du k-ka-kannst n-nicht w-wissen w-wieviel kaputt ge-gegangen i-ist. I-innere B-Blutungen w-wären n-nicht g-gut.“
      Jackson war derweilen auf der Fahrerseite eingestiegen und deutete den jungen Leuten es ihm endlich gleich zu tun.
      „Wir fahren!“, bestimmte er knapp und ließ den Motor an. „Du sagst Bescheid, wenn irgendwas nicht stimmt, Leroy! Verstanden?!“
      Sein Sohn nickte nur matt.



      *06.07.2017

      Jackson Gibbs war geradewegs in den Nachbarort gefahren, wo es einen Arzt gab, den er flüchtig kannte. Sie hatten Glück gehabt, der Mann war daheim und hatte sie direkt in seine Praxisräume gelotst.
      Nun lag Jethro auf einer Untersuchungsliege in einem erstaunlich kühlen Zimmer und spürte, wie die Klarheit zurück in seine Sinne trat und den zähen Nebel vertrieb. Während er stumm an die Zimmerdecke spähte versuchte er seinen Körper zu erspüren. Erstaunt stellte er fest, dass wenigstens die Kopfschmerzen, die ihn den gesamten Tag gequält hatten, endlich abgeklungen waren. Stattdessen pochte es nun unangenehm an Lippe und Unterkiefer, doch er wußte aus Erfahrung, dass dies nicht lange anhalten würde. Seine Hand hingegen machte ihm größere Sorgen, er konnte nicht recht einschätzen, ob das unangenehme Gefühl davon kam, dass sein Gips eventuell etwas abbekommen, oder daran lag, dass er sich neue Verletzungen hinzugezogen hatte, als er Chuck abgewehrt hatte. Vorsichtig versuchte er seine Finger zu bewegen, doch irgendetwas schränkte den Versuch ein.
      Die Schmerzen an der OP-Wunde hatten nachgelassen, auch wenn sich die Verletzung nun frisch anfühlte und nicht länger wie eine heilende Wunde. Allerdings schmerzte sein Bauch nun wieder insgesamt. Als hätte er sich sämtliche Bauchmuskeln gezerrt. Das Gefühl ging tiefer, weniger oberflächlich, als die erneute Eröffnung der OP-Naht. Zudem war ihm noch immer speiübel.
      Er spürte eine sanfte Berührung an seinem versehrten Arm und wandte blinzelnd den Kopf.
      „Der Arzt hat mir was zum kühlen für dich gegeben“, sagte Joan mit leiser Stimme und schon im nächsten Moment spürte er die Kälte an seinen Fingerspitzen, die aus dem Gips lugten. „Und für dein Gesicht.“
      Er schloss die Augen, als Matteson ihm das Kühlkissen an den Kiefer hielt.
      „Wie fühlst du dich?“, fragte sie und er spürte ihren sorgenvollen Blick auf sich.
      „Ok – also so, dass ich vielleicht morgen freiwillig im Bett bleiben würde. Wo ist der Doc?“
      Joan grinste schief. „Wir haben ihn aus dem Bett geholt. Er muss sich noch was anziehen.“
      Er verzog die Mundwinkel. „Schlaf hätte es für heute auch getan. Dad und Bull sind mal wieder wie alte Glucken.“
      Die Miene der Soldatin wurde ernst. „Du warst vollkommen weggetreten, als Bull dich gefunden hat, Jethro! Und auch im Wagen gerade warst du nicht klar bei dir. Es war das einzig Richtige sofort hierher zu fahren!“
      „Ja, da stimme ich der jungen Dame vollkommen zu!“, ertönte die feste Stimme eines grauhaarigen Mittfünfzigers. „Ja, dich hatte ich schon häufiger auf meinem Tisch, oder, Leroy?“
      Er verzog das Gesicht. „Sooft auch nicht.“
      Der Arzt lachte auf. „Nein, das stimmt. Es gibt andere, die häufiger hier waren. So, nun lass mich mal sehen.“
      Dr. More deutete Joan das Kühlkissen von seinem Kiefer zu nehmen. Behutsam betastete er die geprellte Stelle. „Die Zähne sind alle fest?“
      „Ja“, entgegnete der Marine knapp.
      „Das verheilt so. Da machen wir nichts. Du kühlst das! So, weiter. Die Hand. Was … Ne!“, unterbrach der Arzt sich, nahm sich die Brille von der Nase und musterte seinen Patienten interessiert. „Mal anders. Nun erzählste erst mal was da los gewesen ist. Ich will ja nicht nörgeln, aber wenn der Arm schon gebrochen und die OP-Wunde noch frisch ist, was musst du dich denn dann noch prügeln, Junge?“
      Jethro schnaubte grimmig. „Ich habe es ganz bestimmt nicht provoziert.“
      „Mensch! Du hättest in dein Bett gehört, Freundchen! Nicht in Woodrowes Scheune. Man weiß doch, dass die Bengels sich da immer raufen. Gerade du weißt das doch! Vorallem jetze, wo sie nicht Baseballspielen dürfen.“
      Joan stieß ein amüsiertes Geräusch aus und Jethro schüttelte den Kopf.
      „Hier sind alle irre, Matts. Fällt dir auch auf, oder?“
      „Nanana! Nun wirste aber nicht auch noch frech, Leroy Gibbs! Wobei hatteste dir die Hand gebrochen?“
      Rasch berichtete Jethro von dem, aus dem Ruder gelaufenen, Morgentraining in Quantico.
      „Na prima! Gebrochene Mittelhandknochen, jawoll.“ Er hatte sich die Brille wieder aufgesetzt und betrachtete nun den Gips an Jethros Hand. „Ja, den müssen wir erst mal abmachen und gucken ob nur der Gips gebrochen ist, oder auch die Hand darunter was abgekriegt hat. Ist ne ganz ordentliche Schwellung an deinen Fingern. Aber gut, da müssen wir erst mal drunterschauen. So, Joanie, du gehst mal da rüber an den Schrank. Dort findest du ne Schere, die aussieht wie die, mit der deine Mom ein Hühnchen zerlegen würde. Und die bringste mir dann!“ Während Joan der Anweisung des Doktors folgte, beugte dieser sich über Jethro und schob dessen Hemd hoch. „Was ist mit der rechten Hand? Geht die?“
      Jethro nickte stumm.
      „Na, dann halt dein Hemd selber fest, damit ich vernünftig gucken kann. Hier wird es ja nun richtig spannend. Scheinst mir ja ganz klar in der Birne zu sein. Und dass wo dein Pa noch meinte, dass du nicht ganz bei dir bist.“
      Joan stieß einen leisen Laut aus. „Das ist er aber erst jetzt wieder, Doc. Auf der Fahrt hierher ist es besser geworden.“
      „Hmm“, machte der Arzt, blickte auf und suchte den Blick seines Patienten. Er griff in die Brusttasche seines Hemdes, einen Arztkittel trug er nie, und holte eine kleine Leuchte hervor, mit der er Jethros Pupillenreflexe überprüfte. „Ne, im Oberstübchen passt wohl alles. So, jetzt aber weiter hier.“ Dr. More widmete sich wieder Jethros Bauch und tastete diesen vorsichtig ab. Gibbs verzog das Gesicht, was von dem Arzt nicht unbemerkt geblieben war.
      „Abdomen ist weich, leichte Abwehrspannung, aber tiefer liegende Blutungen scheint es nicht zu geben. Nun erzählste noch mal bisschen was, Freundchen. Wann war das jetzt genau mit dem Blinddarm?“
      „Ungefähr vor einer Woche.“
      „Ungefähr sechs oder ungefähr acht Tage?“, hakte der Mediziner mit spöttischem Unterton nach.
      Jethro suchte fragend Joans Blick. „Ich … weiß nicht recht.“ Vor seinem inneren Auge tanzte eine Aneinanderreihung diffuser Tage und Eindrücke herum, sodass er es beim besten Willen nicht sagen konnte. Es schien ihm schlicht zu anstrengend sich auf diese Frage zu konzentrieren.
      „Es ist heute genau eine Woche her“, kam Joan ihrem Freund zur Hilfe.
      „So, weiter. Was war da los? Die Wunde ist großer, als bei einem Routineeingriff. Musste wohl gespült werden?“
      Jethro zuckte mit den Schultern. „Sie sagten was von Vereiterung.“
      „Ja, es hieß dass Eiter im Bauchraum gewesen sei“, ergänzte Joan noch einmal. „Deswegen hatte Jethro auch 2 Tage auf der Intensivstation gelegen, wegen irgendeiner Entzündung. Aber es ging ihm schnell besser. So berichtete es jedenfalls Lieutenant Ryan.“
      Dr. More nickte erst und schüttelte dann in Gibbs Richtung tadelnd den Kopf. „Ne, damit gehört man ins Krankenhaus, du Witzbold! Die haben dich doch da nicht freiwillig am sechsten Tag gehenlassen?! Die sind doch im Bethesda nicht blöde!“
      „Musste was unterschreiben.“
      „Ja, und dann ist dir sicher gesagt worden, dass du liegen sollst! In einem Bett und dass du da nur raus sollst, wenn es sich ganz und gar nicht vermeiden lässt!“ Der Mediziner raufte sich tatsächlich die Haare. „Mensch, sag mal! Was haste dir denn dabei gedacht? Du musst dich doch mies fühlen! Auch schon ohne die Keile, die du dir nun auch noch eingefangen hast! Von eins bis zehn, sag mal. Wie groß waren die Schmerzen heute?“
      „Nicht schlimm. Manchmal sechs, vielleicht auch mal sieben.“
      Dr. More lachte auf. „Nicht schlimm … Das hältste doch im Kopf nicht aus! So, nun hörste mir mal zu! Du wirst in den kommenden Tagen das Bett nicht verlassen. Ich werds auch deinem Vater stecken, dass der da ein Auge drauf hat! Du hattest ne richtig große Bauchoperation. Die haben da deine ganzen Gedärme rausgefriemelt, saubergewaschen und wieder reingestopft. Ja, da guckste! Du hast da Minimum vierlagig frische Nähte, die schon wenn du brav im Bett liegst viel zu halten haben. Nun haben sich wenigsten die Unterhautnaht und die oberflächliche Hautnaht aufgeribbelt, bei der Klopperei. Das ist Scheiße!“
      Gibbs schloss die Augen und atmete tief durch. Das waren für seinen Geschmack viel zu viele Details, doch er ahnte, dass er aus der Nummer nun einfach nicht mehr rauskommen würde. „Wo ist mein Dad eigentlich?“, lenkte er vom Thema ab.
      „Bei meiner Frau. Die macht Erste Hilfe mit ihm. Bourbon und Apfelkuchen. Hat deinen alten Herrn ganz schön mitgenommen, die Sache hier.“ Dr. More wandte sich ab, griff nach einem kleinen Tablett und ging leise vor sich hin murmelnd durch den Behandlungsraum, während er einige Sachen für eine Wundversorgung zusammensuchte. Als er zum wiederholten Male an Joan vorrüberging hielt er inne und musterte sie. „Ach, die Gipsschere haste ja auch noch. Erst Mal machen wir da jetzt den Bauch. Die legste du mal an die Seite. Kannst du assistieren oder ...“
      „Ich hole Dean!“, stoppte die Dunkelhaarige den hochmotivierten Mediziner schnell und eilte aus dem Zimmer.
      Jethro stöhnte leise auf. Am liebsten würde er seiner Kameradin auf dem Fuß folgen. Doch er würde wohl nicht einmal bis zur Tür kommen.
      Es dauerte nur wenige Augenblicke bis Bull seinen Kopf zur Tür hereinsteckte. „S-Sie brauchen H-Hi-Hilfe?“
      „Aha, du bist in der Chaotentruppe hier also die Krankenschwester? Na, dann richte mal dein Häubchen und wasch dir die Hände. Wie heißt du?“
      „D-Dean H-Hunt, S-Sir!“ Rasch durchquerte Bull den Raum und wusch sich gründlich, bevor er sich die Hände auch noch desinfizierte.
      „Na, Hygiene kannste. Das ist schon mal gut. Wenn du jetzt auch noch die Lampe so drehen kannst, dass ich was sehe, dann … Hach, das ist ja herrlich! Du kommst ganz ohne Tritt dran. Prima! So, und was treibst du so bei den Marines?“
      „S-Sa-Sanitätsdienst.“
      Dr. More lüpfte eine Augenbraue. „Würdeste bei mir gleich rausfliegen! Was lässte denn deinen Kumpel soviel rumrennen, gleich nach der großen OP?“
      Gibbs suchte Deans Blick und schüttelte den Kopf. „Das war einzig meine Sache, Doc! Dean ist richtig gut. Machen Sie ihn nicht für Dinge verantwortlich, für die er nichts kann!“
      Dean schwieg, doch sein ruhiger Blick machte für Jethro deutlich, dass er sich die Worte des Arztes nicht zu Herzen nahm. Wenigsten lenkte der Schlagabtausch ihn von den Handgriffen des Arztes ab. Schon seit einer Weile wischte Dr. More mit Tupfern und einer klaren Flüssigkeit an seinem Bauch rum.
      „Ich mache erst Mal nur alles bisschen sauber, damit ich sehen kann wie es wirklich aussieht. Also festhalten können wir wohl schon mal, dass es nun vor der Prügelei keine Probleme gegeben hat. Oder? Sonst wärste wohl kaum auf der Scheunenfete gewesen.“ Der Arzt suchte nun Deans Blick. „So, pass auf. Da drüben, neben der Pflasterschale liegt ein Fieberthermometer. Desinfizierste noch mal bisschen und dann rein in den Schnabel. Du bist nämlich die ganze Zeit schon bisschen warm und meine Finger irren sich da nie. Hätte noch von der Aufregung sein können und richtig Kühl ist es nicht geworden, aber hier drin ist es doch ganz angenehm, da hätte deine Haut eigentlich etwas kühler werden müssen. Da haste bestimmt was über 38 Grad Körpertemperatur.“ Dr. More wandte sich an Dean. „Hier, komm her, Sani! Fass mal an. Was meinste?“
      Bull folgte der Anweisung des Arztes mit ernster Miene und legte Jethro eine Hand auf den Arm.
      „Na?“
      Dean nickte. „I-ist warm.“
      „Ja, gerade die Gliedmaßen. Oberarme zum Beispiel, fühlen sich immer schnell recht kühl an. Bei unserem Freund hier aber nicht. Mach mal hier, schön vorsichtig.“ Er hielt Gibbs Hemd hoch und deutete aufs Brustbein.
      Dean war nun in seinem Element, während Jethro mit den Augen rollte. Das Unterrichtsobjekt zu spielen war nun nicht unbedingt sein dringlichster Wunsch!
      „So, und nun guckste mal was das Thermometer verrät.“
      Bull griff nach dem Thermometer, das aus Gibbs Mund ragte und schaute neugierig auf die Skala. „38,3!“, seine Stimme klang beinahe ein wenig triumphierend, was den Patienten genervt aufstöhnen ließ.“
      Dr. More nickte. „Ja, das habe ich mir gedacht. Dein Körper hat eben gut zu tun mit deinen Eskapaden. So, weiter jetzt! Was machen wir mit der OP-Naht? Wie finden wir jetzt raus wie tief diese eröffnet ist?
      Jethro fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. „Ist das jetzt echt Ihr Ernst, Doc?“
      „Ne, das mache ich nur zum Spaß. Kannst auch gehen, wenn du willst.“ Nun rollte der Mediziner mit den Augen und schüttelte den Kopf. „Also, glaubste! So, Dean, jetzt sag mal. Wie finde ich raus was da los ist?“
      „S-so-sonografie?“
      Der Mediziner grinste breit. „Ja, wenn ich jetzt in einem gut ausgestatteten Militärkrankenhaus säße wäre das genau mein Weg. Wir sitzen hier aber in einer kleinen Klitsche auf dem Land. Kein Sono für Gibbs! Also?“
      Dean musterte seinen Freund beinahe mitleidig. „S-sie mü-müssen das son-sondieren.“
      „Jawoll!“ Eifrig griff Dr. More nach einem sterilen Päckchen, in dem sich ein Metallstab befand, ähnlich einer Stricknadel.
      Jethro verzog das Gesicht in unguter Vorahnung. „Was machen Sie damit?“
      „Das wird mit unser Sanitäter hier gleich anreichen, sobald meine Hände in Handschuhen stecken.“ Er wandte sich an seinen Assistenten und reichte ihm zunächst ein Päckchen mit OP-Handschuhen. „Weißt du, wie du mir die Handschuhe anreichen musst, ohne sie zu verunreinigen?“
      Dean nickte und griff danach, während der Mediziner sich noch einmal wusch und Desinfektionsmittel über seine Hände laufen ließ. „Du ziehst die Enden einfach soweit auseinander, bis ich bequem an das sterile Material reichen kann. Ja, genauso. Sehr gut.“ Routiniert hatte der Arzt die Handschuhe übergezogen und kehrte zurück zu seinem Patienten, dem derweilen der Schweiß ausgebrochen war. Dr. More musterte Jethro forschend. „Na, mein Junge? Was ist los?“
      Gibbs fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. „Mir ist schlecht. Was … was machen Sie mit dem Ding da?“, fragte er mit bebender Stimme.
      „Schlecht wie: Du musst dich übergeben? Oder eher Angst, weil du nicht weiß was kommt?“
      „Beides?“, gab Jethro kleinlaut zu und verzog angestrengt das Gesicht.
      Rasch deutete der Arzt Dean an aus einer Metallkiste ein grünes Tuch zu holen, welches er über Jethros Bauch ausbreitete, um die bereits desinfizierte und gereinigte OP-Wunde nicht erneut zu verunreinigen. „Hilf ihm sich auf die Seite zu legen! Und nimm eine von den Schalen. Dann warten wir erst mal, dass es dir besser geht. Hilft es dir, wenn ich dir nun erkläre was ich machen werde?“
      Jethro nickte stumm, während er mit geschlossenen Augen und vor Anstrengung verzogener Miene dalag.
      Bevor der Mediziner weiter mit Jethro sprach, wandte er sich noch einmal an Dean. „Im Schrank neben dem Waschbecken findest du kleine Handtücher, hole doch davon mal eines. Dann nimmste dir eines von den Kühlkissen, wickelst es ein und legst es Leroy in den Nacken.“ Mit einem Seufzen zog der Arzt sich die sterilen Handschuhe wieder aus und zog sich einen Hocker an die Seite seines Patienten.
      „Es ist wichtig, dass ich herausfinde wie weit die Naht eröffnet ist, Leroy. Dazu nehme ich dieses kleine Metallstäbchen und lasse es vorsichtig in die Wunde gleiten. Es wird nicht sehr wehtun, aber ich kann verstehen, wenn die Vorstellung dir Unbehagen bereitet. Für gewöhnlich heilt das tiefere Gewebe erstaunlich schnell, sodass ich wirklich denke, dass es nur eine oberflächliche neue Verletzung gegeben hat, aber ich muss auf Nummer sicher gehen.“ Er strich dem jungen Marine mitfühlend über die Schulter. „Na, gehts langsam wieder?“
      Als Gibbs nickte halfen Dean und Dr. More ihm sich wieder auf den Rücken zu legen. „Aber du sagst sofort Bescheid, wenn es dir wieder schlecht wird! Gut, so, und du Dean nutzt deine beeindruckende Größe noch einmal, bitte, und richtest die Lampe vernünftig aus! Jawohl.“ Nachdem er in ein neues Paar Handschuhe geschlüpft war, betrachtete Dr. More ein weiteres Mal aufmerksam den Bereich der OP-Wunde und ließ seine Finger behutsam darüber gleiten. „Es kommt jetzt natürlich zu einer Schwellung. Da wirste auch kühlen müssen, dass uns da nicht noch mehr kaputt geht. So, nun brauche ich die Sonde, Dean. Alles klar bei dir, Leroy?“

      „Ja, Sir!“, murmelte Jethro, während er die unangenehmen Empfindungen versuchte niederzuringen. Der Gedanke daran möglicherweise ein Loch im Körper zuhaben, das bin in sein Innerstes ging war einfach abscheulich. Genauso wie die Vorstellung, dass der Arzt nun in diesem Loch rumstochern würde. Er zwang sich an etwas anderes zu denken und wünschte sich Joan an seine Seite oder seinen Dad. Ob er diesen Wunsch einfach äußern sollte? Er hatte schon lange nicht so empfunden, aber tatsächlich schien ihm die Nähe seines Vaters jetzt mehr als willkommen.
      Die Stimme des Arztes drang erneut in seine Gedanken. „Na, Junge? Wirklich alles gut. Du schnaufst wie ne alte Frau beim Dauerlauf.“
      „Kann … kann vielleicht mein Dad herkommen?“, fragte er mit leiser, zitternder Stimme.
      „Komm, Dean! Lauf. Hol Jackson ruhig her.“
      Als sich die Tür öffnete blickte Jethro in das blasse Gesicht seines Vaters. Tiefe Sorgenfalten hatte sich in seine Züge gegraben.
      „Nichts anfassen, Jack! Komm, setz dich da rüber auf den Hocker und lenkte den Jungen bisschen ab. Ist hier gerade bisschen unangenehm für ihn.“
      Ohne seinen Sohn aus den Augen zu lassen, ließ Gibbs senior sich auf den zugewiesenen Platz sinken und strich seinem Jungen über das kurze Haar. „Wie fühlst du dich?“
      „Bin ok, Dad. Nur … ich finde es ziemlich widerlich, was der Doc da gerade macht.“
      Jackson grinste verhalten. „Ich will es nicht so genau wissen. Ich gucke gar nicht hin.“
      Jethro atmete tief ein. „Tut mir leid, Dad, dass ich dir schon wieder Ärger mache. Ich wollte es wäre anders gelaufen.“
      Der Ältere schüttelte den Kopf. „Warum könnt ihr nicht endlich einfach Ruhe geben, Leroy? Müsst ihr immer aufeinander losgehen?“
      Jethro schnaubte leise. „Ich habe dieses Mal wirklich nichts gemacht, um sie zu provozieren. Ich hätte ja schön blöd sein müssen!“
      „Waren das Chuck und Eddie? Oder auch andere?“
      „Nur die beiden.“
      Jackson machte ein bekümmertes Gesicht. „Hab den alten Winslow heute erst getroffen. Er hatte dem Jungen schon ins Gewissen geredet, doch der lässt sich auch nichts sagen. Was haben wir mit Euch nur falsch gemacht?“
      Es versetzte Jethro einen Stich, dass sein Vater andeutete, dass er selbst Schuld sein könnte an der Situation in seinem Heimatort. Doch das war es nicht! Das einzige Problem hier waren Eddie und Chuck!
      „Na, das hat doch gut geklappt!“, frohlockte nun der Mediziner. „Also, mein Freund, das ist alles gar nicht so schlimm wie befürchtet. Allerdings kommst du um eine absolute Bettruhe nicht drum rum. Wir lassen die Naht nun offen, so wie sie ist, und schauen, dass sie gut verheilt. Du hast sicher ein Antibiotikum vom Bethesda mitgekriegt?“
      Jethro nickte.
      „Für 14 Tage nehme ich an? Gut. Das nimmst du brav weiter. Ansonsten meine ich das Ernst! Jackson, der Junge hat absolute Bettruhe! Maximal bis zum Klo – das wars. Und ich komme täglich bei Euch rum und verbinde die Wunde neu!“ Nun wandte der Mediziner sich noch einmal Jethros Hand zu. „So, das müssen wir noch machen. Dean? Biste bereit? Schneide mal den Gips auf.“
      Rasch und so behutsam wie möglich machte Dean sich an die Arbeit.
      „So, wenn mir da was nicht passt, dann müsst ihr noch mal in die Klinik zum röntgen!“
      Jethro stieß ein gequältes Stöhnen aus, woraufhin Jackson nur mit den Schultern zuckte. „Ja, Junge … Das kommt dann eben davon!“
      Der junge Marine rollte mit den Augen. Sein Bedarf an väterlicher Nähe hatte sich nun schon wieder erledigt. Blinzelnd versuchte er zu erkennen, was Dr. More an seiner Hand tat.
      „Ja, ganz ordentlich geschwollen. Du, da warten wir erstmal ab. Das gipsen wir wieder zu, damit das schön ruhig hält. Also erst mal besser eine Gipsschiene mit ordentlichem Verband. Und dann kühlen. Ich gucke dann die Tage noch mal drunter und wir überlegen neu.“ Der Arzt schlug sich auf die Schenkel. „So! Nun hole ich meine Frau. Die kann das mit dem Fummelkram beim Gipsen immer besser. Dann haben wir Pause, Jackson! Auf den Schreck … na, wir gehen mal rüber in die Küche. Der Junge wird wohl nicht der Einzige sein, den wir heute wieder zusammenflicken. Ging ja alles noch mal gut.“

      Jethro stieß einen langen Seufzer aus, als sich die Tür hinter seinem Dad und dem Arzt schloss. „Erinnere mich daran, dass ich wirklich nie wieder hierherkommen will, ja, Bull?!“
      Der Hüne lachte hinter vorgehaltener Hand. „M-mann … h-hast m-mir einen sch-schö-schönen Schrecken ei-ein-eingejagt. W-wa-warum h-haste denn n-nicht g-gesagt, d-dass d-die T-Typen d-dir am A-arsch kleben?“
      Jethro zuckte mit den Schultern. „Ich dachte nicht, dass sie grundlos raufen würden. Früher haben wir uns täglich gesehen, da gab es immer einen Grund. Aber jetzt … Ich kann denen doch egal sein. Ich bin doch eh bald wieder weg.“


      *09.07.2017


      Die Musik hallte ihnen laut entgegen, als Shannon in Begleitung ihrer Freundinnen auf die Scheune der Woodrowes zuging.
      Gerade als sie die Scheune betreten wollten kamen ihnen zwei Jungen aus dem Nachbarort entgegen, die einen dritten zwischen sich stützten. Anscheinend hatte sich dort jemand an zuviel Alkohol vergriffen. Shannon verzog das Gesicht. Sie konnte es nicht leiden, wenn sich jemand so gehen ließ.
      Sie betraten die Scheune und schauten sich um. Überall wurde getanzt und ausgelassen gefeiert. Ihr Blick fiel beinahe augenblicklich auf eine Gruppe, die sich um Chuck Winslow und Eddie Gantry versammelt hatte. Doch sie würde es vorziehen den Abend nicht mit ihnen zu verbringen. Chucks Aussage vom Morgen lag ihr noch immer schwer im Magen. Da verlor ein kleiner Junge seine Mum und die Leute taten so, als würde es wie ein Makel an ihm haften. Als hätte der Junge sich das selbst ausgesucht. Sie war zutiefst enttäuscht, sowohl von ihrer Mom, als auch von Chuck.
      „Kommst du, Shannon? Dahinten sind Andrea und Lindsay.“
      Sie wollte den Freundinnen folgen, als sich ihr jemand in den Weg stellte. Vor ihr stand Chuck und grinste sie schief an. Er taumelte zur Seite und lachte übermütig. Er war betrunken. Na wunderbar.
      Die Rothaarige verschränkte die Arme vor der Brust und musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen. „Was willst du?“
      „Ich hätte gar nicht mit dir gerechnet, Süße! Dachte du würdest deinen Freund umsorgen.“
      Shannon rollte mit den Augen. „Ach, zieh ab. Du bist ja total voll!“
      Chuck trat näher an sie heran. „Du solltest dir das noch mal überlegen, ob du wirklich auf Schlappschwänze stehst. Ein Hieb hat genügt und er ist nicht wieder aufgestanden.“
      Jetzt entdeckte sie die Schwellung an Chucks Wange und musterte ihn forschend. „Ich habe keine Ahnung was du mir sagen willst. Aber anscheinend habt ihr Euch mal wieder geprügelt. Herzlichen Glückwunsch, Winslow! Du stellst deine Intelligenz wieder beeindruckend zu Schau. Hoffentlich tut es lange weh!“
      Sie wandte sich ab und eilte ihren Freundinnen nach, die bereits mit den anderen Mädchen die Köpfe zusammensteckten und aufgeregt tratschten. Lindsay zeigte auf Winslow und schüttelte dann den Kopf.
      „Habe ich was verpasst?“, fragte sie lachend.
      „Ja, also eigentlich wir alle! Kennst du den Sohn von Jack Gibbs? Du weißt schon, der mit dem Lebensmittelladen. Leroy. Er war in der Klasse über uns auf der Highschool. Jedenfalls war der hier, gar nicht lange. Hat mit kaum jemanden gesprochen, außer mit Kyle Buckley. Naja, ich bin dann raus, weil ich Andrea gesucht habe und dann lag er da! Draußen, auf dem Boden. Richtig bewusstlos war er nicht, aber vollkommen neben der Spur. Ich hab dann seinen Dad gefunden und der ist dann auf Chuck los. Habs nicht richtig gesehen, aber ich glaube er hat ihm richtig eine verpasst! Und Chuck macht seitdem auf ganz dicke Hose. Der Typ nervt so. Von wegen, dass die Sache mit den Marines nur erfunden ist, weil Leroy ja sonst nicht nach einem Hieb k.o. gegangen wäre und ...“
      Shannon war kopfschüttelnd zwei Schritte zurückgetreten und runzelte nun verständnislos die Stirn. „Wie hätte das gehen sollen?“
      „Was? Dass er die Sache mit den Marines nur erfunden hat?“ Lindsay schien verstimmt ob der Unterbrechung ihres Berichtes.
      „Gibbs ist mit seiner Einheit in Quantico! Wie sollte er hierherkommen und warum sollte er sich von Chuck k.o. schlagen lassen?“
      Die vier Mädchen schauten Shannon irritiert an. „Äh? Was?“
      Die Rothaarige schüttelte den Kopf und schaute sich suchend um. „Kyle Buckley! Wer ist das?“
      Melissa zeigte auf einen jungen Mann beim Getränkeausschank. „Dort drüben. Wieso?“
      Shannon antwortete nicht auf die Frage der Freundin, sondern bahnte sich zielstrebig einen Weg an die Theke.
      „Bist du Kyle?“, rief sie laut, um die Musik zu übertönen. Der Blonde nickte und beugte sich zu ihr herüber.
      „Was gibts?“
      „Stimmt es, dass du vorhin mit Gibbs gesprochen hast? Also mit Jethro … ähm, Leroy Gibbs?“
      Er nickte wieder. „Ja, habe ich. Aber er scheint schon wieder weg zu sein.“
      „Es heißt, dass Chuck und Eddie sich mit ihm geprügelt haben.“
      Kyle zog die Augenbrauen hoch. „Echt? Weiß ich nichts von, aber das wäre wohl blöd.“ Er nickte in die Richtung links von sich. „Du bist doch Macs Stieftochter. Mac ist da drüben. Hat mir gerade erzählt, dass Leroy hier ist, um sich von irgendeiner Operation zu erholen. Ich hab auch gemerkt, dass er nicht auf der Höhe ist. Da wäre ne Prügelei wohl nicht so doll. Frag Mac doch mal, was er sagt.“
      Shannon nickte, während in ihr die Sorge wuchs und sich ein schlechtes Gewissen breit machte.
      „Mac!“, rief sie und drängte sich durch eine Menschentraube, bis sie den Mann ihrer Mutter erreicht hatte. „Hey!“
      „Hey Kleines. Alles klar bei dir? Kleidchen genäht?“
      Shannon machte eine wegwerfende Handbewegung. „War Leroy Gibbs hier?“
      Mac nickte. „Ja. Vorhin habe ich ihn kurz gesehen. Er war heute morgen auch auf der Farm bei uns. Hab es Joanne extra gesagt, damit sie dir davon erzählt. Dad und ich glauben, dass er zu dir wollte. Auch wenn er das nicht gesagt hat.“
      Shannon schlug sich eine Hand vor den Mund. „Scheiße...“
      Mac zog die Augenbrauen hoch. „Gibt es ein Problem?“
      „Lindsay sagt, dass Chuck damit prahlt, dass er Gibbs verprügelt hat.“
      Ihr Stiefvater verzog das Gesicht. „Davon weiß ich nichts. Aber ich kanns rausfinden, wenn es dir wichtig ist!“
      Shannon schüttelte den Kopf. „Er ist wirklich in der Stadt, Mac?“
      Ihr Stiefvater seufzte leise. „Ja. Ist er. Darf ich dich was fragen, Shannon?“
      Sie nickte und biss sich auf die Unterlippe. „Du bist so traurig gewesen, als du hier angekommen bist. Bist viel stiller als wir es von dir kennen. Hat das was mit Leroy Gibbs zu tun?“
      Shannon nickte. „Ja. Wir waren verabredet. Wir … wir haben schon länger Kontakt. Nur – er hat mich versetzt. Ich hatte geglaubt, dass er es mit mir einfach nicht ernst gemeint hat.“
      Mac nickte und spähte nachdenklich auf seine Hände. „Leroy ist keiner, der ein Mädchen einfach versetzt. Er ist ein elendiger Hitzkopf, weiß manchmal nicht recht wohin mit seiner Energie, aber man kann sich auf ihn verlassen. Ganz bestimmt.“
      „Er wird nicht zu unserem Treffen gekommen sein, weil er verletzt oder krank war.“
      Mac nickte. „Ja, er ist am Blinddarm operiert worden.“
      „Und das wissen alle – nur ich nicht.“ Shannon stöhnte leise auf. „Oh man. Er wird denken, dass er mir gleichgültig ist. Aber ich habe ihm geschrieben, bevor ich gefahren bin und geglaubt ich finde eine Antwort voller mieser Ausreden von ihm, wenn ich zurückkomme ins Studentenwohnheim.“
      Mac lachte auf. „Tja, dann fühl dich halt jetzt einfach positiv überrascht! Ein klassisches Missverständnis, das sich doch ganz bestimmt aus der Welt schaffen lässt!“
      Shannon zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Wenn das nun alles stimmt, dann hat er ziemlich viel einstecken müssen. Lindsay sagte, dass sie ihn beinahe bewusstlos draußen gefunden hatte und dass Jackson Gibbs auf Chuck losgegangen ist.“
      Mac stieß sich von der Theke ab. „Ich gehe mal bißchen mit Chuck und Eddie plaudern. Und misch du dich unter die Leute! Hab Spaß – jetzt kannst du ohnehin nichts tun. Ich werde dir berichten was ich in Erfahrung bringe.“
      Shannon gab ihrem Stiefvater einen Kuss auf die Wange und machte sich auf ihre Freundinnen zu suchen.


      12.07.2017


      Die Mainstreet des Ortes schien verwaist an diesem frühen Samstagmorgen. Nur die Tür zum kleinen Geschäft von Jackson Gibbs stand wie erwartet bereits weit offen. Milder Kaffeeduft wehte dem alten Farmer entgegen, als er den Laden betrat. Peter Drake blieb im Eingang stehen und musterte seinen Freund Jackson, der gedankenversunken an seinem Tisch saß, die Hände um eine Kaffeetasse gelegt, als müsste er sich an ihr wärmen. Die Tageszeitung lag unbeachtet daneben.
      Wortlos trat Pete näher heran, legte seinem Freund im Vorbeigehen kurz die Hand auf die Schulter und ging zur Kaffeemaschine, um sich ebenfalls ein Heißgetränk zu nehmen.
      Dann nahm er neben Jackson am Tisch Platz und räusperte sich.
      „Bei mir Zuhause sitzt ne hübsche Rothaarige und heult meinen Zuchtstuten die Mähnen nass.“
      Jackson schaute auf. „Was?“
      „Es hält sich anscheinend das Gerücht, dass Winslow und Gantry es übertrieben haben und deinen Sohn so verdroschen haben, dass er ins Krankenhaus gebracht werden musste. Und wenn ich dich hier so sitzen sehe ...“
      Jack unterbrach sein Freund mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Leroy ist oben in seinem Zimmer.“
      Pete zog die Augenbrauen hoch. „Dann haben die Bengels die Geschichte erfunden.“
      „Nein!“ Jackson schüttelte den Kopf und berichtete von den Vorfällen während des Scheunenfestes, wobei die Wut in ihm hochkochte, sodass er von seinem Platz aufsprang und rastlos auf und ab lief. „Warum können sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Was ist wenn er nun bald gar nicht mehr nach Hause kommen will?“ Jackson stützte sich schwer auf die Stuhllehne. „Ich hab doch nur noch den Jungen.“
      Peter schüttelte den Kopf und seufzte. „Was für eine Scheiße. Irgendwann muss doch mal gut sein. Was stimmt nur nicht mit diesen Bengels? Aber wie geht es ihm denn? Ist es schlimm?“
      Jackson zuckte mit den Schultern. „Nicht so schlimm wie es hätte sein können, sagt der Doc. Aber er hat ihm ziemlich die Leviten gelesen. Muss nun strikte Bettruhe halten. Noch schläft er.“
      „Aber wir wissen ja beide, dass der Tag nach der Rauferei immer der schlimmste ist. Da wird er heute ordentlich dran knabbern. Aber dann kann ich dem Mädchen sagen, dass er nicht im Krankenhaus ist und wieder wird.“
      Jackson funkelte seinen alten Freund finster an. „Interessiert es sie denn überhaupt? Vielleicht hätte sie, anstatt mit Winslow anzubändeln, besser versucht herauszufinden, warum der Junge sie versetzt hat.“
      Pete zog die Augenbrauen hoch. „Sie ist ein gutes Mädchen, Jack. Das war alles ein großes Missverständnis. Und sie hat nicht mit Chuck angebandelt. Ihre Mom ist mit Maureen Gantry und Carol Winslow bekannt. Sie würde da gerne bißchen die große Dame spielen und ihr zuliebe hat Shannon dann wohl eine Verabredung mit Chuck gehabt. Aber das war scheinbar nichts. Das Mädel ist nicht dumm. Erinnert mich immer an meine Ella. Und bedenke mal, Jack! Die Kinder hatten lediglich eine gemeinsame Fahrt im Zug bis DC. Danach haben sie einander ein Jahr lang nur Briefe geschrieben und haben dennoch daran festgehalten.“
      Jackson blinzelte irritiert. „Wie?“
      „Du weißt das gar nicht?“
      „Keine Details. Besonders gesprächig ist der Junge ja nicht.“
      Pete lachte. „Ja, da hast du allerdings recht. Shannon hatte sich Ella anvertraut und sie über deinen Jungen ausgefragt. Und ihr eben auch alles erzählt. Na, und Ella wiederum hat es mir erzählt.“
      Jackson hatte sich wieder an seinen Platz gesetzt und nahm einen Schluck aus seiner Kaffeetasse. „Vielleicht kommt das Mädchen in den nächsten Tagen mal her. Aber ganz unkompliziert ist es dennoch nicht. Der Junge hat noch ein Mädel aus seiner Einheit bei den Marines mitgebracht. Die Kleine scheint über beide Ohren verliebt in ihn zu sein – und Leroy scheint nicht vollkommen abgeneigt. Sitzt da wohl bisschen zwischen den Stühlen.“
      Pete verzog das Gesicht und kratzte sich am Kopf. „Meine Güte, was bin ich froh, dass ich nicht noch einmal so jung sein muss. Was für ein Theater.“
      „Aber wenn du sagst, dass die Kinder sich seit einem Jahr nicht mehr gegenübergestanden haben, dann ist es vielleicht wirklich das Beste, wenn das Mädel mal herkommt. Bestimmt schafft ein Wiedersehen Klarheit.“
      „Ein Funke genügt um die ganze Welt in Brand zu stecken – hat Ella immer gesagt. Wenn da noch was glimmt, sollte das was werden.“ Pete rieb sich grinsend die Hände, was Jackson mit einem Augenrollen quittierte.
      „Na, du träumst schon davon, dass du dir die nächste Generation auf die Farm holen kannst, was?“
      Pete lachte laut auf und schlug Jackson auf die Schulter. „Das wäre doch was! Wären wir beide noch verschwägert und dein Junge … Der hat doch da ein Händchen für! Eigene Kinder kriegt mein Sohn nicht mehr! Aber das … Mit sowas käme ich gut zurecht und du hättest nicht die Sorge, dass der Junge nicht nach Hause kommt, sondern bald die Nase voll von einem ganzen Haufen kleiner Enkelchen.“
      Jackson zeigte dem Freund einen Vogel. „Nun gehen dir aber die Pferde durch, Drake!“
      Doch eine kleine Hoffnung darauf, dass es genauso kommen würde, keimte in Jackson auf.




      Nachdem Gibbs seinen Körper am vergangenen Tag bis an seine Grenzen gebracht hatte, hatte er geschlafen wie ein Stein. Er war nach der Behandlung des Arztes am Ende gewesen. Bull hatte ihn beinahe die schmale Treppe, die in die Wohnung seines Vaters führte hinauftragen müssen. Sein Kreislauf hatte ihn hängen lassen, da war auch mit aller verbliebenen Willensstärke nichts zu machen gewesen. Als er endlich in seinem Bett gelegen hatte, war er schweißgebadet gewesen und hatte trotz der Hitze gefroren. Zunächst war er immer wieder aus dem Schlaf hochgeschreckt und jedes Mal hatte sein Vater an seiner Seite gesessen und über ihn gewacht.
      Nun hatte ihn ein dringendes Bedürfnis geweckt. Nur mit Mühe schaffte er es sich aufzusetzen. Er fühlte sich zittrig und spürte wie das Schwindelgefühl, dass ihn gestern schon so gequält hatte, erneut einsetzte. Als er es geschafft hatte sich auf die Bettkante zu setzen, verbarg er das Gesicht in den Händen. Es war doch zum verrückt werden! Wie konnte er sich nun so elend fühlen?
      Jethro versuchte aufzustehen, doch seine Beine schienen nicht kräftig genug, zudem schien der Raum zu kippen, sobald er den Kopf hob.
      „Oh Scheiße ...“, murrte er und hörte erstaunt, dass nicht einmal seine Stimme ihren gewohnt festen Klang hatte. „Dean?“, rief er in die Stille der Wohnung und seufzte erleichtert, als er tatsächlich sich nähernde Schritte hörte.
      „W-was p-planst du d-denn schon w-wieder?“
      Rasch eilte der Hüne an die Seite seines Kameraden.
      „Pinkeln“, gab Gibbs gepresst zurück und verzog das Gesicht. „Und vermutlich auch kotzen.“
      „Sch-Scheiß P-plan!“, gab Bull zurück, während er sich Gibbs unversehrten Arm um die Schulter legte und den Freund langsam auf die Beine zog. „A-Alles gut?“
      Jethro spürte wie der Schweiß ihm aus sämtlichen Poren trat. Er presste seinen gegipsten Arm gegen seinen Bauch, um dem Gefühl, einfach in der Mitte entzweizugehen, entgegenzuwirken.
      „P-pinkeln o-od-oder k-kotzen?“, fragte Dean, als sie das Badezimmer erreicht hatten.
      „Erst mal pinkeln, dann sehen wir weiter“, keuchte Gibbs, ohne den Raum vor sich noch klar erkennen zu können. Auch wenn es ihm sonst ein Graus war, bei den Marines häufig alles im Beisein seiner Einheit erledigen zu müssen, so hatte es ihn doch tatsächlich abgestumpft. Es war ihm nun wirklich scheißegal, dass Dean ihn in aufrechter Position halten musste, während er sich erleichterte.
      „U-und d-die an-andere S-Sache? I-ist d-dir noch schl-schlecht?“
      Gibbs nickte. „Ja, aber ich glaube, ich habs im Griff.“
      „D-das d-dein Kreislauf i-immer sch-schlapp macht, d-das i-ist n-nicht g-gut. D-Denkst d-du, d-dass du was e-essen u-und t-trinke kannst? D-dann w-wirds v-vielleicht besser?“
      Alleine beim Gedanken daran ein Lebensmittel nur zu riechen kam ihm beinahe die Galle hoch. Er konnte ein Würgen nicht unterdrücken und verlor den Kampf gegen die Übelkeit. Doch Dean reagierte blitzschnell und hielt ihm ein Handtuch hin.
      „Ha-Haste es e-eben n-icht i-im G-Griff“, murrte er leise und ließ das beschmutzte Handtuch einfach in die Badewanne fallen. „W-War‘s d-das?“
      Jethro stand nach vorne gebeugt da und keuchte auf. Das krampfhafte Würgen quittierte sein Bauch nun mit einem brennenden Ziehen und Stechen. Er bekam kaum mit, dass sein Dad dazugekommen war und die beiden Männer ihn zurück in sein Bett buxierten. Er hatte kaum gelegen, da war er auch wieder in einen unruhigen Schlaf weggedämmert.

      Jethro wurde von einem leise geführten Gespräch geweckt. Blinzelnd öffnete er die Lider und sah in das munter auf ihn herabschauende Gesicht des Arztes.
      „Na, Freundchen, mit dir können wir heute keinen Krieg gewinnen! Ich werde mal deinen Blutdruck messen. Anscheinend ist damit nicht viel los.“
      Teilnahmslos ließ Jethro die Untersuchung über sich ergehen. Es war ihm alles recht, solange sie ihn nur hier liegen ließen.
      „Kein Appetit?“, fragte der Arzt, doch Jethro reagierte nicht, was dieser mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis nahm. „Gut, dass du angerufen hast, Jackson. Hast schon recht, trinken muss der Junge unbedingt!“
      Jethro hörte die Stimme seines Vaters, ungewohnt rau vor Sorge. „Er war nur einmal soweit wach, dass er hätte trinken können und da hat er erbrochen.“
      Gibbs schloss seine Augen. Sollten sie doch einfach machen …

      „Na, da müssen wir reagieren. Er ist dehydriert. Er war so fit letzten Abend in meiner Praxis, dass ich in der Hinsicht nicht mit Komplikationen gerechnet habe, Jackson. Sonst wäre ich heute morgen gleich als erstes her gekommen. Ich werde ihm jetzt eine Infusion anhängen, damit er Flüssigkeit und Elektrolyte bekommt. Vermutlich geht es ihm danach schon gleich viel besser.“
      Mit routinierten Handgriffen bereitete der Mediziner alles vor und schaute auf, als Bull den Kopf zur Tür hereinsteckte. „Ah! Dr. Dean. Na, das passt ja prima. Hab schon gehört, dass du hier alle Hände voll zu tun hast mit unserem Freund.“
      Bull machte eine wegwerfende Handbewegung und kam näher. „H-hab m-mir schon ge-gedacht, da-dass e-er ei-eine In-Infusion braucht!“
      Der Arzt nickte. „Ja, war gut so. Ach, wir kriegen ihn schon wieder auf die Beine! Musst zwischendurch immer mal den Senior beruhigen, der reibt sich ja hier völlig auf vor Sorge. Mensch! Der Junge ist doch nicht aus Zucker, Jackson! So! Und jetzt lässt du uns mal hier in Ruhe arbeiten und kochst uns einen Kaffee!“ Als Jackson den Raum verlassen hatte, wandte der Arzt sich an Bull. „Aber, hier, Dean, mal was anderes! Ich denke bei den Marines haben sie gar keine Sanis?“
      Bull schüttelte den Kopf. „N-ne, a-aber w-wegen m-meinem Sp-Sprachfehler w-wollten d-die m-mich nach d-der Grundausbildung l-loswerden. D-die H-Hospital C-Corpsmen h-hatten a-aber z-zu wenig An-Anwerber u-und i-ich h-hab d-da m-meine A-ausbildung m-machen k-können. U-und n-nun m-muss ich noch d-die s-sieben Wo-Wochen Aus-Ausbildung b-bei d-den Sch-Schützen m-machen. D-Dann k-kann i-ich a-als F-field Med-Medical Service T-Technician zu-zurück zu m-meiner Ei-Ein-Einheit b-bei d-den Ma-Marines.“
      „Dann biste aber eigentlich nicht in Quantico stationiert, oder was? Die Hospital Corpsmen sind doch in Lejeune.“
      „J-Ja, i-in Q-Quantico s-sind w-wir nu-nur zur A-Ausbildung a-an d-den Kates.“
      Der Doktor runzelte die Stirn. „Ein Sanitäter mit einer Scharfschützenausbildung?“
      Dean schüttelte den Kopf. „Ne, i-ist n-nur d-die v-vertiefende G-Grundausbildung a-an d-den Sch-Schusswaffen. M-Machen e-erst m-mal a-alle und dann g-gucken sie, w-wer d-da b-besser i-ist al-als andere.“
      „Und? Ist einer von Euch dreien besser als andere?“
      Dean deutete grinsend auf Jethro.
      Der Arzt lachte laut auf. „War ja klar! Er war schon als Kleiner immer ganz scharf auf das Luftgewehr seines Dads.“ Während des Gespräches hatte der Mediziner eine Braunüle in Gibbs Vene gelegt und eine Infusionsflasche angehängt. Zufrieden beobachtete er wie die klare Flüssigkeit aus der Flasche tropfte. „Komm, Großer, hänge mal die Flasche da an die Gardinenstange, dann brauch die keiner festhalten. Das soll so langsam wie möglich laufen, nicht dass sein Kreislauf wieder kippt. Nun gucke ich mir mal seinen Bauch an und wir warten mal ab, ob er doch noch Lust auf ein Schwätzchen kriegt.“
      Wie bereits am Vorabend, betastete der Arzt den Bauch seines Patienten vorsichtig, bevor er das Pflaster löste und sich die Wunde ansah. „Kaum Schwellung. Das ist sehr gut.“
      „H-hab i-immer d-drauf g-geschaut, dass e-es gekühlt w-wird.“
      Dr. More nickte zufrieden. „Sehr gut, mein Junge. So wird es schon bald heilen.“ Er musterte den Patienten, der von alledem kaum etwas mitbekam. „Wir nutzen seine Schläfrigkeit nun. Geh mal an meine Tasche und hole mir da eine von den steril verpackten Pinzetten und Kompressen und das Döschen mit den Leukasekegeln. Jawoll!“
      Der Mediziner arbeitete rasch. Reinigte die Wunder noch einmal, legte dann einige der medizinischen Kegel hinein und drückte mit den Spitzen der Pinzette nun vorsichtig die sterile Wundkompresse direkt in die Wunde. „Weißt du warum man es so macht?“
      Dean nickte. „J-ja. M-man w-will d-dass d-die W-Wunde v-von innen h-her ausheilt.“
      „Richtig. So, nun kleben wir rasch wieder ein Pflaster drauf, damit der Marine das gar nicht sehen muss. Ab morgen wirst du ihn dann k.o. hauen müssen, bevor wir hier spielen können. Das wird ihm nicht gefallen.“
      Bull lachte auf. „N-ne, d-da i-ist er e-echt emp-empfindlich.“
      „So, nun lassen wir ihn in Ruhe und gucken mal ob Jackson einen Kaffee für uns hat.“



      *15.07.2017

      Den ganzen Tag wurde Jethro von unangenehm hartnäckiger Übelkeit und stetem Schwindelgefühl gequält. Zudem hatte er rasende Kopfschmerzen, die sich auch von den Schmerzmitteln, die Dr. More ihm dagelassen hatte, nicht lindern ließen. Er war froh darüber nie länger als ein paar Minuten am Stück wach zu sein. Die Schläfrigkeit war erlösend.
      Nun ging der Nachmittag allmählich in den Abend über. Joan saß am Fußende seines Betten, las in einer Zeitschrift und wirkte ungewohnt unruhig, während Dean unten im Laden, bei seinem Dad war. Jethro seufzte leise. Morgen würden Dean und Joan abreisen müssen. Der Gedanke daran bereitete ihm schlechte Laune.
      „Alles ok?“, fragte seine Kameradin mit leiser Stimme und suchte seinen Blick. Sie erkannte, dass er es kaum schaffte die Lider auf zu halten. Sie stieg von Bett und trat an seine Seite. Vorsichtig setzte sie sich neben ihn und legte eine Hand auf seine Stirn. „Du bist wieder ziemlich warm. Wie fühlst du dich?“
      „Super!“, witzelte er und versuchte sich an einem Grinsen, doch so ganz wollte es ihm nicht gelingen.
      „Lügner!“
      „Mir fallen schon wieder die Augen zu“, murrte er mit rauer Stimme.
      „Dann schlaf doch einfach. Du verpasst hier nichts“, erwiderte die Dunkelhaarige.
      „A-Außer v-vielleicht ei-einen Besucher!“, ertönte Deans Stimme von der Tür aus.
      Neugierig blinzelte Gibbs an Joan vorbei zur Tür und entdeckte das unrasierte Gesicht von Peter Drake.
      „Mr. Drake, Sir!“, sagte er überrascht und machte Anstalten sich etwas aufzusetzen, während Joan Dean aus dem Zimmer folgte.
      „Liegen bleiben, Junge! Um Himmelswillen.“ Der alte Farmer trat rasch an das Bett heran und legte dem Jüngeren eine Hand auf die Schultern. „Hätte ich gestern gewusst, wie mies es dir wirklich geht, dann hätte ich dich eigenhändig an dein Bett gebunden.“
      Jethro machte ein entschuldigendes Gesicht.
      „Ich störe dich auch gar nicht lange. Aber auf meinem Hof sitzt ein Mädchen und ist voller Sorge, wie es dir wohl gehen mag.“ Mr. Drake zog einen Umschlag aus seiner Hemdtasche und legte ihn auf die Bettdecke. „Ein kleiner Gruß von Shannon.“
      Das Herz schlug dem Marine bis zum Hals, als er ihre feingeschwungene Handschrift auf dem Umschlag erkannte. „Danke!“, murmelte er, ohne den Blick von dem Umschlag zu nehmen. „Sagen Sie ihr, dass es mir gut geht, ja?“
      Drake lachte amüsiert. „Ich soll sie anlügen?“
      Jethro seufzte. „Ich bin bald wieder ok.“
      Der Ältere nickte lächelnd und drückte seine Schulter. „Aber sicher mein Junge. Etwas anderes würde ich auch nicht akzeptieren. Shannon kommt dich besuchen, wenn es dir etwas besser geht.“
      Gibbs nickte. „Danke, dass sie extra hergekommen sind.“
      „Gut zu sehen wie viel Freude es dir bereitet von dem Mädchen zu hören.“ Der alte Farmer zwinkerte ihm zu und hob dann die Hand zum Gruß.


      Lieber Gibbs,
      noch habe ich wohl nicht die gesamte Verkettung irriger Umstände kapiert, aber natürlich sehe ich des Pudelskern. Du bist krank geworden und aus dem Grund haben wir uns nicht treffen können. Ich gebe zu, dass ich geglaubt habe, mich in dir getäuscht zu haben. Und, auch wenn du meine Gedanken nicht kennst, entschuldige ich mich für das Misstrauen, das ich tagelang für dich empfunden habe.
      Was ich zu den Vorfällen von gestern Abend sagen soll weiß ich nicht. Mir fehlen einfach die Worte. Aber ich habe Chuck Winslow in den vergangenen Tagen etwas besser kennenlernen können und auch Dinge erfahren, die mir eine Seite eurer ständigen Rauferein ein bißchen verständlicher machen.
      Doch ich denke immer noch, dass ihr es einfach lassen solltet!
      Was ich aber mit absoluter Sicherheit weiß ist, dass ich es nicht erwarten kann dich zusehen. Ich möchte mich davon überzeugen, dass es dir bald besser gehen wird. Gibs mir Bescheid, wenn du dich fit genug für einen Besuch fühlst.
      In Gedanken bei Dir,
      Deine Shannon






      Nur das Mondlicht erhellte das kleine Dachzimmer und im silbrigen Schein wirkte der Marine noch blasser, beinahe durchscheinend.
      Joan saß auf der Bettkante neben Jethro und betrachtete ihn stumm, während er im Schlaf Erholung fand. Schmal war er geworden, seine Wangen schienen eingefallen und der Bluterguss, der bis an sein Kinn verlief, verstärkte den Eindruck nur noch mehr.
      Sanft strich sie über seine, aus dem Gipsverband schauenden Fingerspitzen und betrachtete sein Mienenspiel im Schlaf.
      Morgen würden Dean und sie mit dem Zug zurück nach Quantico fahren und ihre Zeit mit Gibbs würde dann vielleicht für immer vorbei sein. Er hatte ihr von dem Brief erzählt, den Shannon durch Peter Drake hatte überbringen lassen.
      Nie hätte sie es zugegeben, aber insgeheim hatte Joan sich gewünscht, dass Shannon sich in Jethros Erzfeind Chuck verlieben würde. Doch sie hatte es gewusst und es würde sie nicht umbringen, nur schmeckte der morgige Abschied schon heute nach entschlossener Endgültigkeit. Sie hatte keinen Grund mehr ihre eigenen Zukunftspläne noch länger auf Eis zu legen.
      Tränen stiegen ihr in die Augen, als ihr die verschiedenen Momente der zurückliegenden Zweisamkeit einfielen. Sie hatten eine Nacht in einer behelfsmäßigen Hütte verbracht. Nach experimentierfreudigen Stunden waren sie aneinandergeschmiegt eingeschlafen und erst von einer Reihe Befehlen aufgewacht, denen eine Gruppe Soldaten im Frühtraining Folge leisten sollten. Joan hatte ihren Kampfanzug getragen und sich einfach unter die Kameraden mischen können, doch Jethro war des Nachts lediglich in Boxershorts bekleidet aus seiner Baracke entwischt. Sie hatte versucht ihm Rückendeckung zu geben und tatsächlich hatte er Glück gehabt und es geschafft durch ein Fenster seiner Baracke zu steigen, hinter dem sich die Sanitärenanlagen befanden.
      Sie hatte bereits draußen das Rufen des Offiziers hören könnten und hatte sich das Lachen verkneifen müssen, als Gibbs etwas von Magenverstimmung faselte. Sie hatten gemeinsam so einiges erlebt bei den Marines und vermutlich war die letzte Geschichte noch nicht vom Tisch – immerhin schien der Gunny, dem sie all diese Umstände hier zu verdanken hatten, noch immer wie vom Erdboden verschluckt.
      Sie erinnerte sich an gierige, neugierige und forschende Küsse in dunklen Ecken. Das Spiel mit dem Feuer, aus dem immer tiefere Zuneigung und Vertrauen geworden war.
      Nun war es vorbei.
      Sie wischte sich die Tränen von den Wangen und veränderte ihre Position. Vorsichtig streckte sie sich an Gibbs Seite aus und legte ihren Kopf an seine Schulter. Sie spürte, wie er langsam aus dem tiefen Schlaf auftauchte, kurz stutzte und dann seinen Arm unter ihren Körper schob. Mit einem Seufzen zog er sie an sich, wandte den Kopf und küsste sie auf die Stirn.
      „Das fühlt sich gut an, Matts“, murmelte er schlaftrunken und sog ihren Duft ein. „Ich wollte dir schon die ganze Zeit sagen, dass du herrlich riechst.“
      Joan konnte nicht sprechen. Würde sie es versuchen, würde ihr das Schluchzen entkommen, das sie so dringend versuchte in sich zu verschließen.
      Doch vor Jethro Gibbs ließ sich kaum etwas verbergen. „Hey? Weinst du etwa?“
      Sie verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter und weinte bittere Tränen. „Warum weinst du?“, fragte er nach einer Weile leise und hielt sie weiter mit einem Arm ganz fest.
      „Ich habe die Zusage bekommen, Gibbs.“
      „Was?“ Sie hörte am Klang seiner Stimme, dass er nicht wußte was sie wohl meinen könnte.
      „Sie schicken mich nach dem Sommer nach Okinawa. Ich gehöre bald zu den fighting 3rd – wie mein Dad.“
      Er blieb still. Sein Blick fixierte unbewegt die Decke über ihnen, nur seine Hand klammerte sich schier in den Stoff ihres T-Shirts.
      „Das war was du wolltest, Matts. Es ist großartig. Darum bist du zu den Marines gegangen.“ Seine Stimme klang gepresst und eigenartig hohl.
      „Wir werden uns für eine lange Zeit nicht sehen, Gibbs“, flüsterte sie. Ihre Stimme schien nun ganz ruhig, sein „Ja“ hingegen tonlos. Seine Stimme spiegelte die Leere wieder, die er empfand, wenn er an die Tage ohne Joan an seiner Seite dachte.
      Als sie aufschaute glaubte sie Tränenspuren auf seinen Wangen zu sehen.
      „Aber es ist nicht für immer, Matteson. Irgendwann kommst du zurück. Sie kommen alle irgendwann zurück!“
      Ihre Finger strichen über seine Brust. Sie spürte das Beben, das der Schlag seines Herzens hinterließ und empfand es als erstaunlich kräftig.
      Langsam, um ihm nicht weh zu tun, löste sie sich von ihm und stützte sich auf den Ellenbogen. Sie musterte sein Gesicht, legte eine Hand an seine Wange, genoss seinen intensiven Blick und senkte langsam ihre Lippen auf die seinen.
      Sie küssten sich lange und gründlich, wisperten einander kleine Botschaften zu und küssten sich erneut. Jethro wollte mit diesem Spiel nicht aufhören. Kalt lag sein Herz in seiner Brust. In jedem Kuss schmeckte er die Endgültigkeit. Wußte, dass ihre gemeinsame Zeit zuende sein würde, sobald er sie losließ und glaubte nicht dazu die Kraft finden zu können.
      „Geh nicht weg“, sagte er schließlich leise und fesselte sie mit seinem Blick. „Bleib heute Nacht bei mir. Bitte.“
      Sie nickte wortlos und ließ sich wieder in seinen Arm sinken, den Kopf an seiner Schulter.
      „Deine Freundschaft bedeutet mir soviel, Matts.“ Seine Stimme klang ungewohnt brüchig, als er weiter sprach. „Ich hatte solange niemanden auf den ich wirklich zahlen kann.“
      Sie legte ihre Hand auf seine Brust, genau über sein Herz. „Du bist der beste Freund, den ich je hatte, Jethro Gibbs! Nichts kann das ändern. Gar nichts! Wir entwickeln uns lediglich weiter.“
      Er drehte den Kopf, sodass er ihre Stirn küssen konnte.


      Neu *19.07.2017

      Epilog
      18. September 1978

      Nie wieder! Das war es was er sich geschworen hatte, als er im Sommer, nachdem er die Folgen seiner Blinddarm-OP auskuriert hatte, Stillwater verlassen hatte. Und nun saß er ein weiteres Mal im Zug zurück an diesen verhassten Ort.
      Und wieder gab einen es einen Grund weniger dorthin zurückzukehren.
      Langsam näherte sich die vertraute Silhouette der Stadt und er seufzte schwer. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und stellte fest, dass er knapp dran sein würde. Eigentlich hatte er sich umziehen wollen, doch seine Uniform war durchaus dem Anlass entsprechend.
      Es war als drückte ein schweres Gewicht auf sein Herz. Dieses war ein schwerer Weg zurück nach Stillwater.

      Der Zug passierte die ersten Häuser und Fabrikhallen und Jethro stellte fest, dass Stillwater ihm als Kind nie so schäbig und hässlich vorgekommen war. Wie sein Blick auf die Dinge sich mittlerweile verändert hatte …
      Der Zug rollte aus und der junge Marine nahm sein Gepäck. Er verließ den Bahnhof rasch und wandte seine Schritte in Richtung des kleinen Geschäftes seines Vaters. Sein Dad würde sicher nicht dort sein, aber er wollte auch nur schnell seinen Seesack dort abstellen.
      Als er den Laden betrat stand hinter dem Verkaufstresen eine junge Frau. Vielleicht etwas älter als er selbst.
      „Hi!“, sagte er leise und schenkte ihr ein schmales Lächeln. „Wir kennen uns noch nicht. Ich bin Jethro.“
      Die Blonde grüßte nett, doch sie schien verwirrt.
      „Jethro Gibbs – Jacks Sohn“, erklärte er weiter, während er eilig zur Treppe ging. Er ließ seinen Seesack am Fuß der selbigen Fallen und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Er konnte keinen Makel erkennen und wandte sich zum Gehen.
      „Ich hatte geglaubt, dass Mr. Gibbs Sohn Leroy heißt!“, rief sie ihm hinterher.
      Er zuckte nur mit den Schultern und rief kurz angebunden: „Kann ja mal passieren!“ und grinste sie frech an.

      Doch das Grinsen verschwand schnell aus seinem Gesicht, während er durch die Straßen der Stadt hastete. Es war ein windiger Tag und er zog die Schultern hoch. Zwar schien die Sonne von einem beinahe wolkenlosen Himmel, doch der Herbst kündigte sich unaufhaltsam an.
      Nach einem Blick auf die Uhr fing er an zu laufen, um sich nicht doch noch über alle Maße zu verspäten.
      Er bremste seine Schritte erst, als er den heckengesäumten, gußeisernen Zaun erreichte, der das Friedhofsgelände zur Straße hin abgrenzte. Er hielt zwei älteren Damen die Pforte auf, nahm seine Kopfbedeckung ab und eilte die verzweigten Wege hinunter, bis er die Menschenansammlung entdeckte. Noch hatte die Trauerfeier scheinbar nicht begonnen. In kleinen Grüppchen stand man etwas abseits beisammen, in leise, respektvolle Gespräche vertieft. Mit gemäßigten Schritten trat der Marine vor den Sarg und verharrte dort, wie es ein ungeschriebenes Gesetzt vorgab, einige Augenblicke in stillem Gedenken, bevor er aufsah und sich Mac zuwandte.
      Er reichte dem Älteren die Hand und spürte plötzlich den Kloß im Hals. Er räusperte sich. „Es tut mir so leid, Mac. Ich habe … Es kam so unerwartet.“
      Der andere nickte und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Hätte Dad viel bedeutet zu wissen, dass du extra für ihn den weiten Weg auf dich genommen hast.“
      Jethro wandte sich Macs Frau, Shannons Mom zu. „Herzliches Beileid“, murmelte er, bemüht sich nicht suchend nach deren Tochter umzusehen.
      „Dich verbindet soviel mehr mit ihm als mich. Er hat oft von dir gesprochen. Eine sehr nette Geste von dir heute hier zu sein.“
      Froh, das belastende Kondolieren hinter sich gebracht zu haben, wandte er sich um und entdeckte seinen Vater mit einigen Männer zusammenstehen. Jack hatte sein Kommen scheinbar noch gar nicht bemerkt. Er nickte grüßend in die Runde und legte seinem Vater eine Hand auf die Schulter.
      „Hi Dad.“
      Jackson fuhr herum und zog seinen Sohn abrupt in eine feste Umarmung. „Dass du es wirklich einrichten konntest, Junge.“
      Es war seinem alten Herrn anzusehen, dass der Tod seines deutlich älteren Freundes ihn schwer mitnahm. Während er sich wieder dem Gespräch zuwandte, ließ er seine Hand auf der Schulter seines Jungen liegen, als wäre er auf eine Stütze angewiesen.
      Jethro ließ seinen Blick schweifen und ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er die Reiter entdeckte, die langsam nebeneinanderher den breiten Weg zwischen den Gräber hindurch geritten kamen. Peter Drake hatte sich als Züchter und Farmer einen Namen gemacht, so wunderte diese Geste hier niemanden. Und dann entdeckte er sie. Über einen Seitenweg kam Shannon und führte zwei Pferde. Jethro löste sich von seinem Vater und ging der Rothaarigen entgegen.
      Ihr Gesicht war blass, doch das rote Haar wehte lebendig im Wind. Jethro schlug das Herz hart in der Brust, als er ihr Lächeln entdeckte, das einzig ihm galt. Als sie voreinander standen zögerte er einen Augenblick, doch dann beugte er sich vor und küsste sie sanft, bevor sie sich in seine Arme ziehen ließ. Er spürte das Beben ihrer zierlichen Schultern und hielt sie für eine Weile einfach fest in den Armen.
      „Sie werden alle reden“, schniefte Shannon und rückte ein Stück von ihm ab. Er legte eine Hand an ihre Wange und wischte eine einzelne Träne fort.
      „Das kümmert mich nicht, Rotschopf. War es sehr schlimm?“
      Sie schüttelte den Kopf und wieder traten ihr Tränen in die Augen. „Die schlimmste Woche meines Lebens. Es ging ihm so schlecht. So plötzlich. Wie kann man sich denn im Sommer eine Lungenentzündung einfangen?“
      Gibbs schluckte schwer und reichte ihr ein Taschentuch, bevor er ihr die Zügel des fuchsfarbenen Hengstes abnahm. Sanft strich er dem braven Tier über die Nüstern und stellte fest, dass es bei weitem nicht so gut aussah, wie beim letzten Mal, als er es gesehen hatte.
      „Er scheint nicht ok zu sein“, murmelte Jethro, als sie Shannons Weg nun gemeinsam fortsetzten.
      Shannon schniefte und schnäuzte sich. „Ja, er frisst kaum was und ist furchtbar lustlos. Ich … es ist albern, aber ich dachte, wenn er sich heute verabschieden kann, dann wird es ihm womöglich besser gehen.“
      Jethro strich dem Fuchs über den Hals und seufzte. Der rote Hengst war schon immer dagewesen. Solange der Marine sich erinnern konnte, war Pete auf ihm durch die Gegend geritten.
      „Er trauert“, sagte er nun leise und hielt das Tier in etwas Abstand zu dem Sarg an.
      Es kam Gibbs beinahe so vor, als könnte er die tiefe Trauer des Tieres körperlich spüren und es versetzte ihm einen Stich. Und womöglich hatte Shannon sogar recht, vielleicht half es dem Roten, wenn er Abschied nehmen konnte.
      Stumm verfolgten sie die Trauerfeier, lauschten den Worten der Redner und waren sich der Gegenwart des jeweils anderen überdeutlich bewusst. Als der Sarg in die Erde gelassen wurde, spürte Jethro Shannons Finger an seiner Hand und er griff danach und drückte sie sanft.
      Als schließlich alle Trauergäste den Friedhof verließen, um sich auf der Farm zu einem gemeinsamen Kaffeetrinken zu treffen, steuerte Jackson auf die beiden jungen Leute zu. Er reichte Shannon die Hand. „Er hat große Stücke auf dich gehalten, Mädchen. Hast ihm sehr geholfen in den letzten Tagen. Pete hat sich so sehr gesorgt. Um die Pferde und Hunde und um Mac. Aber zu wissen, dass Mac dich und deine Mom an seiner Seite hat, das hat ihn beruhigt.“
      Shannon lächelte. „Ihre Besuchen haben ihm ebenfalls viel bedeutet, Mr. Gibbs. Es war immer der Höhepunkt seines Tages. Er hat immer gesagt, dass er sein Leben lang nie länger als nötig im Bett herum gelegen hatte und dass es ihn ganz kribbelig machte. Aber wenn sie da waren, dann kam er etwas zur Ruhe.“
      Jackson nickte mit einem Lächeln und strich der Stute, die friedlich an Shannons Seite stand über die weichen Nüstern.
      „Du begleitest Shannon, oder Leroy? Soll ich deine Mütze und die Uniformjacke mitnehmen? Ich fahre noch kurz Zuhause vorbei und gucke ob das Mädchen dort zurechtkommt. Wo hast du denn dein übriges Gepäck?“
      „Alle noch Zuhause vorbeigebracht, Dad“, erwiderte er, während er seine Uniformjacke auszog und sie Jackson reichte. „Danke. Bis später.“

      Schweigend führten sie die Pferde von dem Friedhofsgelände und die Straße entlang, die aus Stillwater hinausführten. Nach einer Weile durchbrach Shannon die Stille: „Wie ist die Sache mit dem Gunny ausgegangen? Ist er wieder aufgetaucht?“
      Jethro schüttelte den Kopf. „Nein. Man munkelt, dass er sich vielleicht abgesetzt hat und sein Glück nun als Söldner versucht.“
      Shannon schauderte sichtbar. „Hoffentlich bleibt er verschwunden und kehrt nie wieder zurück. Nach allem was du erzählt hast denke ich, dass man ihm besser nicht begegnen möchte.“
      Er nickte. „Manche Menschen kommen nicht klar, wenn man ihnen Entscheidungsfreiheiten überträgt. Die knallen dann einfach durch. Es passiert sogar häufiger, als man vielleicht meint.“
      Sie nickte mit einem leisen Seufzen. „Bist du wieder ganz fit?“
      „Hm, geht so. Die Wunde ist nicht gut verheilt und die Ärzte mussten … da noch häufiger dran herumfuschen. Aber ich hoffe, dass es jetzt endlich erledigt ist.“
      Sie musterte ihn forschend. „Zumindest siehst du rundum gesund aus!“
      Er grinste verhalten und zuckte mit den Schultern.
      „Und deine Freundin. Joan heißt sie, oder? Ist sie schon in Japan?“
      Seine Miene verfinsterte sich ein wenig. „Nein, noch nicht. Sie ist im Augenblick in Pendleton.“
      Erneut spürte er Shannons Blick auf sich. „Es ist ziemlich schwer einen guten Freund gehenzulassen.“
      „Ja, das ist es wohl.“

      Sie verfielen wieder in ein friedvolles Schweigen, während die Pferde brav neben ihnen hertrotteten. Nach einer Weile griff Jethro zögernd nach Shannons Hand. Vertrauensvoll verschränkte sie ihre Finger mit seinen und er atmete erleichtert aus.
      „Ich habe nicht gewusst wie es sein würde, dich nun hier wiederzusehen“, sagte er leise und spürte ihren forschenden Blick auf sich.
      „Und? Wie lautet dein Urteil? War es ok?“
      Jethro lachte leise auf, nur um sofort wieder ernst zu werden. „Shannon!“ Er hielt an und wandte sich ihr zu. „Es ist mir sehr ernst mit dir. Mit uns.“
      Als sie sich vor Wochen hier in Stillwater von einander verabschiedet hatten, da hatte keiner von Ihnen eine Meinung wohin diese Sache zwischen ihnen führen würde, doch nun … Jedenfalls für Jethro stand es fest: Er wollte Shannon so sehr, wie er noch nie eine Frau gewollt hatte. Spätestens in dem Moment, als sie vorhin erneut voreinander gestanden hatten, das Herz schwer vor Trauer, spätestens da hatte er begriffen, dass es für ihn keinen Weg zurück mehr gab. Es war wie ein innerer Trieb gewesen sie zu küssen. Ihre Lippen zu berühren – und dieser eine Kuss hatte in ihm das Verlangen nach all ihren Küssen geweckt.
      Shannon lächelte ihr strahlendes Lächeln, das er so liebgewonnen hatte, und trat näher an ihn heran. Sanft küsste sie seine Lippen, lachte leise in den Kuss hinein und wisperte dann:
      „Regel Nummer 5 ~ Verschwende niemals etwas Gutes~!“



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      Oh, die Party geht ja schon gut los. Wenn unser Marine nicht erst die Op gehabt hätte, hätte er Chuck sicher die fresse poliert. :D sorry, für den Ausdruck.
      Aber Gibbs muss sich in Zurückhaltung üben. Wobei ich befürchte, dass es bei der Auseinandersetzung, die es bis jetzt gab nicht bleiben wird... :)
      bin gespannt, wann bzw ob Shannon auftaucht.

      Wie nicht anders zu erwarten hat Chuck erst mal seine "Gehilfen" auf Jethro gehetzt , aber zum Glück gibt es noch Leute , die zu Jethro halten und ihn da erst mal rausholen. Und dann die drei Freunde beim Tanzen, während Jethro über Joan und Shannon nachdenkt und letztendlich Chuck, der zu stänkern anfängt . War ja nicht anders zu erwarten. Sehen wir mal , wie es weitergeht
      Wie lange wird sich Gibbs noch beherrschen können? Bull und Joan sind tanzend in der Menge verschwunden…hoffentlich tauchen sie wieder auf und können Jethro beruhigen bevor die OP Wunde wieder aufplatzt…. bin gespannt ob Shannon auftaucht….



      Dieses tolle Set ist von Saphira :thumbup:
      Autsch! Mir hat beim Lesen alles weh getan. :D Der arme Gibbs. Hoffentlich kommt der sture Kerl bald zu einem richtigen Arzt, der ihn wieder zusammenflickt. Hmmm… so eine Schlägerei spricht sich doch rum, wie wird Shannon reagieren, wenn sie davon erfährt?



      Dieses tolle Set ist von Saphira :thumbup:
      Hallo Ihr Lieben!
      Es tut mir sehr leid, dass ihr nun solange habt warten müssen - dafür gibt es heuten einen größeren Happen und Samstag wie gewohnt gleich den Nächsten hinterher!!

      Schauen wir mal ob unser DevilDog nun endlich HIlfe bekommt!

      Liebe Grüße
      nyma
      Der Doc gefällt mir , aber warum glaubt jeder, dass Gibbs die Prügelei wollte bzw. angefangen hat. Sein einziges Vergehen war dort zu erscheinen und das auch nur wegen Shannon .
      Wie soll denn Gibbs nun Shannon treffen , wenn er Bettruhe halten soll . Hmm, müssen Matts oder Bull da noch aktiv werden und das Mädel an Gibbs Bett holen ?
      Guten Morgen!
      Ach, dies ist nun schon das vorletzte Kapitel. Ich finde es immer ein bißchen traurig, wenn die Geschichten zu ende geschrieben und gepostet sind.
      Aber das Gute ist ja, dass man sie immer weiterspinnen kann. Und hier bleiben noch ein paar lose Fäden - und damit Stoff und es erneut zu tun. ;)

      Liebe Grüße, ein schönes Wochenende und viel Spaß beim Lesen

      nyma

      Neu

      Liebe Anonyma!
      Danke für eine tolle Geschichte! Schade, dass sie schon vorbei ist. Eine Chaotentruppe die durch dick und dünn geht. Super und detailreich erzählt, vor allem der Arzt war witzig geschrieben. :D Gibbs hat wohl keine Verletzung ausgelassen…. Schade, dass wir wissen wie es mit Joan ausgeht, aber schön, dass er endlich mit seiner Shannon zusammen kommt.



      Dieses tolle Set ist von Saphira :thumbup:

      Neu

      Ein Sprung in der Zeit und Gibbs kommt zu einer Beerdigung zurück und das wo er nie wieder zurückkehren wollte.
      Aber daran sieht man, wie viel ihm doch einige Personen in Stillwater bedeutet haben.
      Schade , dass die Geschichte nun zuende ist . Sie ist wieder sehr schön geschrieben gewesen. Ich weiss , warum ich deine Geschichten so gern lese.

      @anonyma : ist zwischen Gibbs OP und der Beerdigung ein Jahr vergangen oder hast du hier einen kleinen Fehler ?

      Am Anfang hatten wir :
      US-MarineCorps Stützpunkt Quantico, Sommer 1977

      und der Epilog findet statt :
      18. September 1978

      Ich hätte eher gedacht , dass dies im gleichen Jahr ist.