Mit Freunden oder alleine sterben? Thread 4 abgeschlossen bis Kap. 39

      Mit Freunden oder alleine sterben? Thread 4 abgeschlossen bis Kap. 39

      Mit Freunden oder alleine sterben?

      Autorin: ziva-ute

      Fortsetzung zu Thread 1, 2 und 3

      Kapitel 28

      Die SecNav

      1:15 Stunden vor Stunde 0

      Die SecNav Sarah Porter stand vor dem Schreibtisch des NCIS Direktors und hörte dem Telefonat zu.

      Vance hatte Dr. Mallard kontaktiert und der erstattete ihm pflichtbewusst Bericht. „....überlegen die Pioniere, wie sie am besten vorgehen
      können. Wie bisher ist es wegen der Gefahren nicht möglich. Der Schuttberg fängt nun an zu rutschen, da die Basis zu unkontrolliert abgebaut wird.“

      „Verstehe. Haben Sie schon wieder etwas von Mister DiNozzo sen. gehört?“, fragte Leon mit besorgt gerunzelter Stirn. Die Neuigkeiten hörten sich nicht gut an.

      „Leider gab es einen Stau am Autobahndreieck Harbor Tunnel in der Nähe von Orangeville,“ führte der Gerichtsmediziner aus. „Dadurch
      verzögert sich die Anreise von Mister Palmer nebst Frau und Mister DiNozzo. Aber vielleicht ist das ganz gut so. Hier können sie nur warten und angesichts des Chaos sich die schlimmsten Szenarien ausdenken.“

      Kurz sahen sich Porter und Vance wissend an. „Ja. Da mögen Sie recht haben, Doktor. Ich weiß, ich habe das schon ein paar Mal gefragt,
      aber … wie stehen jetzt die Chancen für die Beiden?“

      Kurz war es still, bevor ein Seufzer zu hören war. „Anthonys Zustand verschlimmert sich und Timothy ist schon über seine Belastungsgrenze
      hinaus. Wenn nicht medizinische Hilfe in der nächsten Stunde zu unseren Freunden kommt, fürchte ich ein Wiedersehen in der Autopsie.“

      „Kennt Gibbs Ihre Einschätzung?“ Bei dieser Frage fuhr sich der Direktor mit der rechten Hand über seinen kahlen Schädel.

      Wie würde der Chefermittler den Verlust verkraften? Eine zusätzliche Sorge, die er mit Ducky diskutiert hatte. Das Ergebnis war beunruhigend und Leon hoffe, das es nicht soweit kam, Gibbs zu seiner eigenen Sicherheit in eine psychiatrische Anstalt einweisen zu
      lassen.

      Auf jeden Fall würde es dann kein Team Gibbs mehr geben. Der NCIS war dabei, seine besten Leute zu verlieren.

      Aus dem Telefon drang die müde Stimme des Arztes. „Gut aufgefasst hat er es nicht. Jethro sieht aus, als wolle er mit bloßen Händen die
      Jungs aus dieser Grube befreien. Falls die Soldaten aufhören sollten, wird ihn niemand daran hindern können, es zu tun.“

      „Verstehe. … Wenn sich etwas ändert, rufen Sie mich bitte an, Doktor.“

      „Ja. Sicher, Leon,“ und schon war die Verbindung unterbrochen.

      „In einer Stunde schaffen es die Retter nicht, zu den Agents durchzukommen,“ stellte die SecNav leise und nüchtern fest. Was es bedeutete, ließ sie unausgesprochen. Beide wussten auch so, das der Sensenmann bei der Arbeit war und bald zwei gute Männer holen würde.

      Vance nickte betrübt. „Ich weiß. Und ich schätze, jeder weiß es. Aber aufgeben können wir dennoch nicht.“

      „Nein. Das gebietet schon die Menschlichkeit,“ stimmte die Frau zu. „Trotzdem werde ich alles vorbereiten lassen, damit ein
      entsprechendes Statement an die Presse geht, wenn es so weit ist. Lieber wäre mir ein Happy End.“

      „Wem nicht?“ Der Mann begann eine Wanderung durch sein Büro. Jetzt ruhig an seinem Schreibtisch zu sitzen, während seine besten Agents
      qualvolle Tode starben, konnte er nicht.

      Porter beobachtete ihn dabei, blieb aber selbst an einem Fleck stehen. Dankbar war sie dafür, das sie die Männer nur flüchtig kannte. Es
      war zwar schlimm, was passierte, aber sie wollte sich den Schmerz nicht einmal vorstellen, hätte sie eine engere Beziehung mit den
      Agents gehabt.

      „DiNozzo war mir am Anfang ein Dorn im Auge,“ resümierte der Schwarze plötzlich. „Ich hielt ihn wegen seines Benehmens für einen
      schlechten Ermittler. Fragte mich, wie er es geschafft hatte, hier genommen zu werden und vor allen Dingen zu bleiben. Mittlerweile habe
      ich die Ergebnisse seiner Arbeit gesehen und seine Akte gründlich studiert. Schließlich musste ich für mich selbst herausfinden, warum mein Urteilsvermögen bei ihm versagt hat.“

      Als der Andere nicht weitersprach, forderte Sarah nach kurzer Zeit mit einem „Und?“ dazu auf, die Geschichte zu Ende zu erzählen.

      Lächelnd blickte Vance auf: „Er ist ein verdammt guter Schauspieler, der seine Fähigkeiten sorgfältig versteckt. Und diese Fähigkeiten sind
      eines NCIS Agents mehr als würdig. Durchaus ein Mann, der in der Lage ist, ein Team zu führen.“

      „Ein guter Soldat mit einem starken Sinn für Gerechtigkeit,“ fügte Porter hinzu. Auch sie hatte die Akte durchgelesen. „Manchmal nicht
      skrupellos genug. Aber im Aufspüren von der Wahrheit sehr gut. Wann wollten Sie ihm ein Team anbieten?“

      „In den nächsten Tagen,“ erwiderte der Direktor seufzend. „Wenn dieser Fall erledigt wäre. Es wäre ein Team in Florida gewesen. Der
      Teamleiter wurde verletzt und will nun in den Innendienst versetzt werden. Will sich mehr um seine Frau und Kinder kümmern.“

      Verstehend nickte die SecNav und wartete. Der wandernde Mann war noch nicht zu Ende.

      Bei der nächsten Wende begann er erneut. „McGee hat sich auch sehr gut entwickelt. Am Anfang nur ein Computerspezialist, wenn auch
      außergewöhnlich gut. Jetzt hat er durch Gibbs auch sein Handwerkszeug für die aktive Verbrechensbekämpfung gelernt. In ein paar Jahren, wenn er weiter solche Fortschritte gemacht hätte, wäre er auch für ein eigenes Team bereit gewesen. … Ich verliere sie nur äußerst ungern.“

      „Was wird Gibbs machen, wenn Beide sterben?“ Sarah Porter lag schon die ganze Zeit diese Frage auf der Zunge. Die Andeutungen von Vance und Dr. Mallard waren ihr nicht entgangen.

      Der Direktor blieb vor seiner Vorgesetzten stehen. „Wahrscheinlich Selbstmord!“

      Die Frau schlug die Hand vor den Mund und ihrer Augen weiteten sich vor entsetzen. „Meinen Sie das ernst?“ Die Worte erschreckten sie
      zutiefst. Damit hatte sie nicht gerechnet. Und so abgebrüht war sie nun auch noch nicht, das die Ereignisse spurlos an ihr vorbei gingen.

      Nickend setzte Leon seine Wanderung fort. „Gibbs hat keine leiblichen Verwandten mehr. Frau und Tochter wurden vor langer Zeit getötet.
      Seine drei Ehen scheiterten. Eine seiner Ex-Frauen wurde vor seinen Augen umgebracht. Vor nicht allzu langer Zeit starb sein Vater. Das
      Team ist seine Familie. Gerade DiNozzo hat es ihm besonders angetan. Das Verhältnis ist fast schon wie bei Vater und Sohn. Fällt er weg
      und dazu das weitere Familienmitglied McGee, wird es für Gibbs laut Dr. Mallards Einschätzung zu viel an Verlust.“

      „Verdammt,“ kam leise dieser Kraftausdruck aus Sarahs Mund.

      Eine menschliche Tragödie ganz großen Ausmaßes bahnte sich hier an. Das war überhaupt nicht gut.

      Die Medien schossen sich bereits ein. Für die Presse würde es ein gefundenes Fressen sein. Wie Heuschrecken würden die Aasgeier über
      das Leben der Männer und den NCIS herfallen.

      Ihre politischen Gegner würden sich mit Freuden an dem Rummel beteiligen. Besserwisserische Vorwürfe machen. Das Übliche eben. Wie sie den Zirkus manchmal hasste.

      Diese Behörde und ihr Amt vor Schaden zu bewahren würde eine Herkules Aufgabe sein. Auch wenn sie alle keine Schuld traf. Aber da vertraute sie ganz den Journalisten. Die würden bestimmt einiges finden.

      „Ich fahre hin,“ durchdrangen Vance Worte ihre pessimistischen Gedanken.

      Entschlossen ging Leon zu seinem Schreibtisch, um die Autoschlüssel zu nehmen.

      Skeptisch verfolgte Porter sein Handeln. „Was ist mit den Verbrechern, die dafür Verantwortlich sind?“

      „Ein anders Team hat die Ermittlungen übernommen,“ antwortete Vance ruhig und griff nach seinem Mantel. „Wegen der guten Vorarbeit von Gibbs Team sind sie zuversichtlich, bald Erfolge vorweisen zu können.“

      „Klingt gut,“ meinte Sarah und trat ihrem Untergebenen in den Weg. „Trotzdem könnte es für Sie gefährlich sein, sich an die Unfallstelle zu begeben. Es könnten...“

      „Wenn wir allen Könnten und allen Wenns so große Beachtung schenken würden, dann könnten wir uns auch gleich die Kugel geben,“
      herrschte der Mann ungehalten seine Vorgesetzte an. Aber bevor er noch etwas unbedachtes sagen konnte, atmete er zwei Mal tief durch.
      „Entschuldigung.“ Schließlich konnte Frau vor ihm nichts für die Wut, die er in sich spürte. Wut auf diese miesen Schweine, die ihm seine besten Agents und auch in gewisser weise Freunde nahmen.

      „Schon gut,“ lächelte die Frau wissend und richtete ihrem Gegenüber die Krawatte. „Wann haben Sie das letzte Mal geschlafen, Leon? Aber ich sehe schon, ich kann Sie nicht aufhalten. Nehmen Sie bitte Ihre Bodyguards mit. Ich bestehe darauf. Sie sind immer noch der Direktor
      des NCIS. Der Tag ist schon schwarz genug. Und versuchen Sie, ein Nickerchen zu machen. Erhitze Gemüter beruhigt man nicht mit
      schlechtem Benehmens wegen Schlafmangels.“


      Kapitel 29

      Samantha Fox

      53:12 Stunden vor Stunde 0

      Es war gerade 20:00 Uhr geworden, als McGee den Wagen vor einem Stadthaus im Stadtteil Farragut anhielt. Es handelte sich um ein
      ruhiges Viertel mit einer Klientel aus dem Mittelstand. Die Straße wurde von altmodisch wirkenden Laternen und jungen Bäumen gesäumt.

      Währende der Fahrt hatte der Nerd seinem neuen Kollegen Agent Dorneget über den Fall informiert.

      Eigentlich sollte er ja Agent Brenda Boromir mitnehmen, aber Direktor Vance hatte andere Pläne. Boromir sollte den SecNav zu einer
      Frauenveranstaltung begleiten.

      Aber Dornie, wie er von DiNozzo getauft worden war, schien der bessere Gesprächspartner zu sein. Tim hatte ihm auch von Tonys Frage in
      Bezug auf ihre Freundschaft erzählt. Obwohl er es nie zugegeben hätte, war er unsicher, ob er seinen Partner gegenüber richtig handelte.

      „Also ich finde, Du solltest mit Tony deutlich über Deine Gefühle sprechen,“ meinte der jüngere Agent gerade. Er hatte seit ihrer letzten Zusammenarbeit Selbstvertrauen hinzugewonnen. Und seit er McGee gestanden hatte, das er schwul war, konnte Need viel freier mit ihm sprechen. Eine Freundschaft fing an sich zu entwickeln. So hatte Dorneget seinen vorübergehenden Kollegen vor dem Losfahren auch
      gefragt, ob der schwarze Anzug mit der weißen Krawatte in Ordnung war.

      „Damit er mich verarscht?“ Skeptisch schaute McGee zu seinem Beifahrer rüber.

      Aber der schüttelte kurz den Kopf. „Weist Du, ich habe die Erfahrung gemacht, das wir Männer zu wenig von uns unserem Partner preisgeben. Das sorgt in einer Partnerschaft für Spannungen.“

      „Wir sind kein Paar, Need,“ ging Timothy verbal dazwischen.

      „Das sag ich ja auch nicht,“ erklärte sich Dorneget ruhig. „Aber ihr müsst euch aufeinander verlassen können. Es kommt also einer Ehe
      recht nahe. Tony schätze ich nicht so ein, das er wirklich trotz seines Geplappers viel von sich preis gibt. Er ist sehr verschlossen. Wenn ihn Deine Worte also nicht kalt lassen, sondern er darüber nachdenkt, bedeutet das, das Du ihm etwas mehr bedeutest. Deshalb solltest Du mit ihm sprechen. Ihm klar machen, was Du meinst. Und Dich von seinen Äußerungen nicht ablenken lassen. Sie dienen ihm doch nur als Schutzwall.“

      Über die Worte nachdenkend stieg McGee aus und ging auf die Treppe zum Haus zu. Dorneget machte es ihm gleich und so standen sie Sekunden später vor der stylischen Eingangstür. „Du meinst, er kann nicht anders als mich zu mobben? Um sich besser zu fühlen?“

      Abwägend wackelte Need langsam mit seinem Kopf. „Nicht, um sich besser zu fühlen. Tony hat wohl eher das Gefühl, Dich so zu schützen.“

      Erstaunt zog der MIT-Mann die Augenbraue hoch. „Mich schützen? Wo vor?“ Er bezweifelte jetzt stark, das Need seinen Kollegen richtig
      einschätze. Als Schutz konnte man DiNozzos Streiche doch nun wirklich nicht nehmen.

      Eifrig nickte Dorneget. „Mit einem bewundernden Ton in der Stimme sagte er mal zu mir, das er Dich für Deine Häckerfähigkeiten bewundert. Allerdings dürfe ich Dir das nie sagen. Ich musste es ihm versprechen.“

      Doch sehr erstaunt fragte der ältere Agent eher misstraurisch nach. „Wirklich?“

      „Ja,“ erwiderte Dornie und drückte den Klingelknopf.

      „Du hast Dein Versprechen gerade gebrochen,“ wies Tim sein Gegenüber zurecht.

      Aber der schüttelte den Kopf und zeigte seine gekreuzten Finger, was McGee zum Grinsen brachte. Es gefiel ihm, das der junge Mann DiNozzo reingelegt hatte.

      In diesem Moment wurde die Tür von einer ca. 40 jährigen brünetten Frau geöffnet. „Was kann ich für Sie tun?“ fragte sie freundlich lächelnd.

      „NCIS, Madame.“ Damit zeigten die Agents ihre Ausweise. „Ich bin Speziell Agent McGee. Das ist Speziell Agent Dorneget. Wir haben
      Fragen zu Ihrem Auto. Der dunkelblaue SUV steht nicht vor Ihrer Tür?“

      Völlig erstaunt stottert die von den Ausweisen eingeschüchterte Fox: „Mein.. mein Sohn hat... hat ihn mit.. mit zum Boxen genommen.“

      Hellhörig geworden fragt McGee sofort nach. „Wo boxt ihr Sohn?“

      „Eine Boxhalle in Downtown,“ kommt es von der nervösen Samantha zögernd zurück. „Vier Fäuste oder so ähnlich. Wieso? Hat er was
      angestellt?“

      „Hat er den sonst Ärger, Madame?“, harkt Tim nach.

      Man kann sehen, wie es im Kopf der Mutter arbeitet. Sie zögert. Knetet ihre Hände. Schaut die Fremden nicht an. Ringt um eine Entscheidung.

      Sanft stellt Dorneget fest. „Mam, wir bearbeiten einen Mordfall.“

      Der Kopf ruckt hoch und große braune Augen starren entsetzt zurück. „Mein Junge hat nichts mit Mord zu tun. Er hat geklaut, aber seine
      Strafe dafür bekommen. Er ist ein guter Junge.“

      „Sicher, Madame,“ stimmt Tim lakonisch zu. „Trotzdem muss ich Fragen wo Ihr Sohn am Dienstag zwischen 6 und 10 Uhr Morgens war.“

      „Auf dem Weg von Sydney nach Portland,“ erleichtert lächelt sie dabei. „Er fährt Truck für die Spedition, für die ich arbeite.“

      „Wie heiß Ihr Sohn?“ Mit einem Stift bewaffnet ist Dorneget bereit, in sein Notizbuch nützliche Informationen aufzunehmen.

      „Tomas Fox.“

      „Und Sie?“, fragte Tim weiter. Als die Frau nur irritiert ist, setzt er hinzu. „Wo waren Sie zu dieser Uhrzeit?“

      „Oh ja,“ begreifend gibt sie Auskunft. „Mit meiner Tochter zur Dialyse. Wir müssen um 5 Uhr Morgens dort sein und die Prozedur dauert dann 5 Stunden. Das muss Simone 2x die Woche machen. Da sie erst 14 ist, bin ich immer dabei. Die ganze Zeit.“

      „Verstehe,“ sagt Need hoch konzentriert und schreibt sorgfältig mit. „Kennen Sie einen Petty Officer Robert Harway?“

      Tim zieht zur Unterstützung das Foto des Toten aus der Jackentasche.

      Kurz betrachtet Miss Fox das Bild mit gerunzelter Stirn und schüttelt dann den Kopf. „Nein. Weder der Mann noch der Name sagen mir etwas. Ist das der Tote? Also mein Sohn kennt ihn bestimmt auch nicht. Er ist vom Militär abgelehnt worden, wissen Sie. Deshalb kann er da
      keinen kennen.“

      Kommentarlos wird diese übereifrige Aussage von den Agents hingenommen.

      „Wo war Ihr Auto am Dienstag Morgen?“ Schließlich hat man ja den Wagen am Tatort gesehen, denkt sich Dorneget.

      Jetzt lacht Misses Fox erleichtert, hat sie doch für alles eine Erklärung. „Der stand auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus. Schließlich muss ich meine Tochter ja fahren.“

      Sie ließen sich noch die Adresse des Krankenhauses und den behandelnden Arzt nennen und machten sich dann auf den Weg zu der Boxhalle.
      Schließlich hatte Harway dort auch geboxt. Warum sollten sich also die Zwei dort nicht begegnet sein?

      Das musste auf jeden Fall überprüft werden.


      Kapitel 30

      Zu Sergeant Akim Horndahl

      53:12 Stunden vor Stunde 0

      Die ganze Zeit während der Fahrt hatte Tony über Freundschaft geplappert. Was das bedeutet, über echte Männerfreundschaften, wie
      viele Freunde er doch hatte, das er glücklich war bei so vielen Freunden. Und das er gut auf falsche Freunde verzichten konnte.

      Auch wenn Gibbs seinen SFA nicht so gut gekannt hätte, wäre diese Aufzählung mehr als Aufschlussreich gewesen. „McGee hat also Deine
      Freundschaft abgelehnt?“, meinte der Teamleiter deshalb als er vor dem Haus des Sergeanten den Motor abstellte.

      „Ja,“ knurrte DiNozzo verletzt und ertappt. „Ich verstehe nur nicht wieso.“

      Die Augenbraue hochziehend warf der Ermittler ein. „Mobbing?“

      Böse schaute der Jüngere zurück. „Ich mobbe doch niemanden.“

      Leise lachte Gibbs. „Superkleber, Namensverunstaltungen, Ideen klauen. Soll ich noch mehr aufzählen?“

      „Das ist doch kein Mobbing,“ verteidigte sich Tony entrüstet. „Das sind Streiche. Harmlose Neckereien.“

      „Kommt darauf an, auf welcher Seite man steht,“ gab der Ältere zu bedenken und stieg aus. Schließlich waren sie wegen der Arbeit hier.

      „Was hat das denn jetzt zu bedeuten?“, fragte der Zurückgebliebene niemanden bestimmten verärgert und folgte dann seinem Vorgesetzten. Manchmal waren die kryptischen Äußerungen von Gibbs blöd. Vor allen Dingen, wenn man gezwungen war, da intensiv drüber
      nachzudenken. Und das würde er nun wohl tun müssen.

      Auf ihr Klingeln öffnete eine junge Frau die Tür einen Spalt und musterte die Männer auf ihrer Veranda vorsichtig. „Ja?“

      Ihre Ausweise hochhaltend stellten sich die Agents vor. „Ist Ihr Mann zu Hause Misses Horndahl?“

      „Nun...“, zögerte die Schwarzhaarige, um von dem Sergeant hinter sich zu hören, „Wer ist denn da, Schatz?“

      „Ich denke, das beantwortet Ihre Frage,“ lächelte sie höflich und öffnete die Tür ganz. Dabei rief sie nach hinten. „Es sind Leute vom NCIS.“

      Im Flur erschien der 32 Jahre alte Soldat mit olivgrünem Hemd und einer Tarnhose bekleidet. Neugierig blickte er den Agents entgegen. „Kommen Sie doch rein. Was kann ich für Sie tun?“

      Auch hier stellten sich die Agents vor und ließen sich ins Wohnzimmer führen, das gleich rechts abging und schön hell eingerichtet war.

      „Wir untersuchen einen Mordfall,“ fing DiNozzo mit der Befragung an. „Dabei haben Zeugen einen dunkelblauen SUV gesehen...“

      „...und nun müssen Sie alle Halter solcher Wagen überprüfen,“ ergänzte der dunkelhäutige Mann amüsiert. „Zu wann benötige ich denn ein
      Alibi?“

      „Akim. Da ist ein Mord geschehen,“ wies ihn seine 24 jährige Frau Clara ernst zurecht.

      „Natürlich, Liebling,“ leicht betreten entschuldigte sich der Marine mit einem flüchtigen Kuss.

      Gibbs nannte die Zeit für das Alibi.

      Der Sergeant nickte. „Zu dem Zeitpunkt war ich über den Wolken und habe Marines das Fallschirmspringen beigebracht. Clara hatte während dessen mein Auto. Sie hat ihre Mutter besucht, die sich das Bein gebrochen hat und nun fast ganztägig auf Hilfe angewiesen ist.
      Deshalb bringt sie mich zum Stützpunkt und fährt dann weiter. Tut mir Leid, aber wir geben keine guten Mörder ab.“

      „Wer ist denn ermordet worden?“ fragte Misses Horndahl etwas zaghaft. Noch nie hatte sie es mit einem Mord oder den Ermittlungen dazu zu tun gehabt. Es machte sie nervös.

      Tony holte ein Foto des Toten heraus. „Petty Officer Donald Harway. Ist er Ihnen bekannt?“

      Clara schüttelte den Kopf. Sie war ganz weiß im Gesicht geworden. Der Anblick des Toten auf dem Metalltisch erschreckte sich doch sehr.

      Mister Horndahl hingegen starrte das Bild mit gerunzelter Stirn an.

      „Er kommt Ihnen bekannt vor?“ Der Teamleiter hatte aus der Haltung des Mannes seine Schlüsse gezogen.

      „Auf jeden Fall,“ erwiderte der Angesprochene. „Aber mir fällt nicht ein woher.“

      DiNozzo versuchte zu helfen ohne zu viel zu verraten. „Er war Mechaniker.“

      Immer noch schüttelte der Marine den Kopf.

      „Stützpunkt Quantico.“

      Kopfschütteln.

      „Tochter des Colonels.“

      Die Augenbrauen schossen in die Höhe. „Das ist der Kerl, der Cherryl unter den Rock fassen wollte. Die Kleine hatte furchtbare Angst und
      ich hab sie mit ins Auto genommen. Dem Soldaten hab ich klar gemacht, das er das Mädchen in Ruhe lassen sollte. Er faselte was von
      Verlobung. Aber Cherryl war verstört und hatte eindeutig Angst. Allerdings wollte sie nicht, das ich ihrem Dad oder sonst jemanden davon erzähle. Sonst hätte er Arrest bekommen.“

      „Wann war das?“ Gibbs fand es sehr interessant, das Harway fest davon überzeugt war, mit Cherryl bereits verlobt zu sein. Und diese es
      offensichtlich gar nicht wusste. Was sollte er davon halten?

      „Oh, das ist schon eine Weile her,“ überlegte Horndahl. „So vor 3 Wochen, denke ich mal. Es war auf dem Militärgelände. Unten bei dem
      Schießstand. Abends gegen 10. Danach erklang der Zapfenstreich.“

      „Haben Sie es gemeldet?“, fragte Tony nach.

      „Nein,“ war die schon erwartete Antwort. „Ich musste Cherryl versprechen es nicht zu tun. Und bei dem Ärger, den sie zur Zeit mit ihrem Dad hat, hielt ich meinen Mund.“

      „Was für Ärger?“

      „Na ja,“ nun grinste der Marine. „Teenager sind schwierig und da der Colonel seine Tochter an der kurzen Leine gehalten hatte, nutzte sie
      jede Gelegenheit zum Rebellieren. Dabei hat sie einige Dummheiten fabriziert. Vor dem Knast konnte der Colonel sie bewahren. Aber einige Sozialstunden musste sie schon ableisten.“

      „Mit 18 ist man doch kein Teenager mehr,“ warf DiNozzo mit gerunzelter Stirn ein.

      Aber das Grinsen des Marines wurde nur breiter. „Bei ihr schon. Schätze, das daran die kurze Leine schuld ist. Die Kleine muss nun alles
      nachholen.“

      „Aber eine Mörderin ist sie bestimmt nicht,“ überlegte Clara, die es sich auf der Lehne des Sessels bequem gemacht hatte und eine Hand auf der Schulter ihres Mannes legte. „Dafür ist sie viel zu zierlich und schüchtern.“

      Ihr Mann lachte. „Schüchtern war ein mal, Schatz. Und es gibt viele Möglichkeiten zu töten. Wie ist der PO gestorben?“

      „Kugel in die Brust,“ war Gibbs kurze Antwort.

      „Siehst Du?“ triumphierte die Frau. „Cherryl durfte nie eine Schusswaffe in die Hand nehmen.“

      Wieder ein Kopfschütteln. „Clara, Du bist zu gutgläubig. Dafür liebe ich Dich. Ich weiß, das Cherryl von PO Mendoza Schießunterricht
      bekommen hat. Sie ist eine sehr gute Schützin. Davon konnte ich mich überzeugen. Aber ihr Vater wird es nicht wissen.“

      Tony schaut zu seinem Vorgesetzten rüber. Das waren doch interessante Neuigkeiten. „Wolltest Du mich deshalb vor ihr schützen, Boß?“

      Lachend schlug sich der Sergeant auf den Schenkel, während seine Frau die Augen aufriss.

      Gibbs Kommentar dazu war, das er aufstand und sich verabschiedete. Sie hatten hier genug erfahren.


      Kapitel 31

      Wo bin ich reingeraten?

      53:12 Stunden vor Stunde 0


      Tomas Fox war nervös. Er hatte Cloud von dem Schnüffler erzählt und nun war der PO tot. Für ihn stand fest, das Clouds Freunde da was mit zu tun hatten. Aber was war nun mit ihm? Er war schließlich ein Mitwisser.

      Als Cloud ihn heute anrief und ein Treffen noch heute Abend anberaumte, bekam er Angst. Würden sie ihn jetzt aus dem Weg schaffen?

      Dabei wollte er doch nur weiterhin Truck fahren und diesen kleinen Nebenjob ausführen. Ein paar Kisten von A nach B. Eigentlich dasselbe wie seine normale Arbeit bei der Spedition. Eben Fracht bewegen von A nach B. Es war lukrativ und er stellte keine Fragen.

      Hätte er doch nur seine Klappe gehalten. Mit Mord wollte er nichts zu tun haben.

      Aber der Tote hatte ihm gedroht. So musste er doch Cloud auf die Fragen hinweisen. Nicht gerechnet hatte er mit den Konsequenzen. Mit wem hatte er sich da nur eingelassen?

      Cloud war ein guter Freund. Sie hatten sich im Gefängnis kennengelernt. Tomas hätte es ohne Clouds Hilfe viel schwerer gehabt. Da war es für ihn nur natürlich gewesen, den Job anzunehmen. Aber jetzt verfluchte er es. Seine Mutter hatte ihm einen gute Arbeitsstelle besorgt.
      Sicher, er verdiente nicht sehr viel, aber es war sicheres Geld. Kein illegales. Nur ihm hatte es mal wieder nicht gereicht. Fuck!

      Und einfach abhauen ging nicht. Seine Mutter und seine Schwester brauchten ihn. Zudem waren diese Typen sicher gut organisiert. Im
      laufe der Zeit hatte Tomas schon mitbekommen, das er es nicht mit kleinen Ganoven zu tun hatte. Ihre Brutalität hatte er bereits gesehen, wenn sie Konkurrenten verprügelten. Und jetzt Mord.

      Nein, keine Chance. Er musste weiterhin mitmachen und hoffen, das sie ihn leben ließen.

      Mit dem SUV war er auf einen Parkplatz in der Nähe der Bar gefahren und nicht zum Boxclub, wie er seiner Mutter gesagt hatte. Cloud wartete schon auf ihn und zog ihn gleich ins Tropicana hinein.

      „He Bro! Bleib geschmeidig. Keiner macht meinem Chabo was.“

      (Hey Freund! Beruhige Dich. Keiner tut Dir was.)

      „Kllaaro,“ stotterte Tomas und folgte dem gutaussehenden jungen Mann. Trotz seines dicken Sweaters fror er.

      „He Poweromi, schieb ne Lage rüber,“ rief Cloud der Bardame zu.

      (He schöne ältere Frau, gib mir 10 Schnäpse)

      „Ik bin ne Dien Poweromi, Du lüttje Kerlke,“ rief Miß Laroue genervt zurück und machte eine

      (Ich bin nicht Deine schöne ältere Frau, Du kleiner Kerl)

      abfällige Geste. „Betool Dien Deckel man erst. Dor för giff nix.“

      (Bezahle erst Deine Schulden. Davor gibt es nichts.)

      „Bruh?“ (Nicht Dein Ernst) , lachte Cloud nur und ließ sich seine Laune nicht verderben. Ihn als klein zu bezeichnen, war schon komisch, da
      er 1,95m groß war. Aber Cloud ging darüber weg. „Mein Hawara hier blecht.“

      (Mein Freund zahlt)

      Fragend betrachtete die füllige aufgedonnerte Frau den verschüchterten 1,70m großen Jungen. Der nickte nur, obwohl er die Worte nicht genau verstanden hatte. Trotzdem hatte er den Sinn begriffen. Und schluckte so nervös, das sein Adamsapfel am dünnen Hals hüpfte.

      „Dann her mit de Moneten,“ (Dann her mit dem Geld) herrschte die Bardame ihn an und Tomas bezahlte schnell die 80 Dollar. Den ersten Schnaps kippte er gleich runter. Den Rest bekam er auf einem Tablett mit.

      „Ist Sir Everett schon da?“ fragte während dessen Cloud amüsiert seinen Freund beobachtend.

      Laroue nickte Richtung Treppe. „Boben!“ (Oben)

      Zitternd folgte Tomas seinem Freund die Treppe rauf.

      Oben angekommen durchsuchte der Türsteher sie kurz und genehmigte sich dann einen der Schnäpse. Sozusagen als Wegezoll.

      Im Büro waren noch drei menschliche Schränke verteilt, denen Cloud das Tablett reichte.

      Sir Everett saß rauchend hinter seinem aus Eiche bestehenden Schreibtisch. Ein fetter Mann, der jedes Klischee eines schmierigen Hinterhofgangsters bediente. Seine kleinen Schweinsäuglein musterten den Neuankömmling intensiv und machten Tomas noch nervöser. „Setz Dich,“ befahl der Chef mit heller, fast schon lächerlich piepziger Stimme.

      Der völlig verängstigte Junge tat automatisch wie ihm geheißen und schwitzte den Schnaps gleich wieder aus.

      „Du hast mir einen großen Dienst erwiesen,“ meinte Everett in einem lauernden freundlichen Ton. Eine Fliege musste sich im Spinnennetz so fühlen wie Tomas jetzt in diesem Büro. „Daher hast Du Dir eine Belohnung verdient.“ Dabei griff Everett in die Schublade und holte
      einen Umschlag heraus. Den warf er Tomas zu, der völlig überrumpelt war. Eher verwirrt betrachtete er den Umschlag, noch nicht begreifend, das er nicht erschossen wurde.

      „Ich möchte,“ führte der Fettsack aus, „das Du den Mund hältst. Und das wirst Du. Schließlich weißt Du jetzt, das es ungesund ist, mich
      zu betrügen. Ich weiß dagegen, das Du ein guter Arbeiter bist. Ein loyaler Arbeiter. Deshalb wirst Du den Mund halten und so weiter
      machen wie bisher. Sollte Dir wieder etwas auffallen, was meine Geschäfte stört, teile es Cloud sofort mit. Wie Du siehst, lohnt es sich für Dich, aufmerksam zu sein. Verstanden?“

      Mit großen Augen starrte Tomas sein Gegenüber an. „Ja, Sir!“ Ein Kaninchen konnte nicht hypnotisierter eine Schlange anstarren, bevor
      sie biss.

      „Gut,“ lächelte Everett zufrieden. „Dann darfst Du jetzt gehen. An der 46zigsten Ecke 16te wartet Dein nächster Job auf Dich. Der Ablauf
      ist wie immer. Bring die Ware zu Cloud. Ich verlass mich auf Dich.“

      „Okay, Sir,“ wisperte Tomas und stand auf, um fast fluchtartig den Raum zu verlassen. Aber Cloud rief ihm noch amüsiert nach. „Bro. Um High Moon geht’s ab. Und wechsle die Klamotten wegen dem Achselterror.“

      (Freund. Um Mitternacht geht es los. Und wechsle die Kleider wegen Verschwitzens.)

      Die Schrankmänner lachten und Tomas verschwand mit roten Bäckchen.

      „Wird er dicht halten?“, fragte Sir Everett genüsslich an seiner Zigarre ziehend.

      „So viel Angst wie der hat?“, fragte Cloud in normaler Sprache zurück. „Vorerst ja. Wir können ihn für ein paar Jobs noch gebrauchen.“

      „Das heißt, Du hast noch keinen Ersatz,“ stellte der Chef fest.

      Bedauernd die Schultern ziehend bejahte der Blonde.

      „Dann besorgt jemanden,“ befahl der fette Mann streng und schickte auch Cloud mit einer Handbewegung aus seinem Büro. Ein Blick genügte und die Bodyguards verließen ebenfalls das schäbige Zimmer.

      Everett, der gar kein Sir war, er fand es nur Respekteinflösend, nahm das Telefon zur Hand und wählte. Nach dem dritten Tuten wurde das
      Gespräch angenommen. „Was ist los?“

      „Hier Everett. Tomas ist für die nächsten drei Aufträge sicher.“

      „Und dann?“

      „Müssen wir ihn entsorgen. Cloud sucht schon Ersatz.“

      „Gut. Klappt die Lieferung heute?“

      „Ja. Unser Soldat bringt 50 Maschinengewehre des neuesten Typs mit. 70 Riesen kostet es uns. Das ist geschenkt.“

      „Du hast endlich das Prinzip des Einkaufens begriffen. Gratuliere.“

      „Danke,“ grinste Everett erfreut. Er erkannte nicht, das es ironisch gemeint war.

      „Ruf mich an, wenn die Ware im Lager ist.“

      „Alles klar, Chef.“

      Damit war das Gespräch beendet. Es war immer gut, wenn man sich einschmeicheln konnte, fand er. Zufrieden mit sich und der Welt
      lehnte Everett sich in seinem Sessel zurück und genoss den Rest seiner Zigarre.


      Kapitel 32

      Bah, Spritzen!

      0:53 Stunden vor Stunde 0

      „Ecathynilinthal Schaum,“ sagte Tony leise vor sich hin. Ob das die Rettung war? Was war das überhaupt noch für ein Zeug? Sein Gehirn schien sich mit Leere zu füllen und seine Lebensgeister verabschiedeten sich einer nach dem anderen. Das merkte er selbst. Immer weniger behielt er oder nahm er war. Aber das beunruhigte ihn nicht. Diese Tatsache lies ihn sich fragen, ob es nicht langsam Zeit wurde für eine Panikattacke. Muße man diese in so einer Situation nicht einfach haben?

      „Ecolythelschaum heißt es,“ verbesserte McGee seinen Partner. Inzwischen hielt er Tonys Hand fest. So merkte er schnell, wenn dieser wieder in den Schlaf driftete und konnte reagieren. Auf diese Weise hatte er seinen Kollegen in der letzten Stunde besser wach halten können.

      „Wirklich?“, antwortete DiNozzo schwach. „Mein Wort gefiel mir besser.“

      „Ob sie das Rohr durchbekommen?“, fragte Tim angespannt und versuchte das Gewirr aus Schutt über ihnen mit den Blicken zu durchbrechen.

      Ein leises Stöhnen war zu hören. „Welches Rohr?“

      Kurz blickte der Nerd zu dem Körper neben ihm und wiederholte die Antwort geduldig wie schon die letzten vier Mal. „Sie versuchen, ein Rohr zu uns runter zu bekommen, um uns mit Wasser und Medikamenten zu versorgen. Da.. hörst Du es? Wieder dieses Klacken und Surren.“

      „Wasser wäre gut,“ meinte der Ältere nur. „Und Gummibärchen.“

      „Gummi..???“ Verblüfft suchte McGee den Blick seinen Kameraden. „Was willst Du mit Gummibärchen?“

      „Lutschen.“ Ein Husten folgte, der aber harmlos blieb. „Bist Du etwa der Bärchen zerkauer? … Schrecklich die armen Dinger zu zerkauen. ..
      Nicht nett.“

      Einen Moment wusste der Jüngere nicht, ob er lachen oder weinen sollte. DiNozzo schaffte es auch in dieser Situation, unmöglich zu sein.
      Manchmal hatte er das Gefühl, das nicht nur Abbys Gehirn wie ein Flipperautomat funktionierte. Tonys schien allerdings ein älteres Modell zu sein, bei der die Kugel zwischen den gleichen Hindernissen Ewigkeiten hin und her sprang.

      Bevor McGee antworten konnte, krachte es in ca. zwei Metern Entfernung und etwas durchbrach dort begleitet von einer Wolke Staub das Gewirr der Decke.

      „Sie sind durch,“ freute sich Tim und hustete.

      Nach einem kurzen Check von DiNozzo machte er sich daran, zu dem Rohr zu kriechen. Da in dem Moment Gibbs sich meldete, konnte er ihm von dem Rohr berichten.

      Es war ein flexibles Hartplastikrohr von 10 cm Durchmesser. An diesem Ende mit einer 20 Zentimeter langen Spitze versehen, die scharfe
      Klingen hatte. So hatte sich das Rohr auch durchschneiden und bohren können.

      „Okay, Tim. Mach die Spitze ab, aber vorsichtig,“ mahnte Gibbs im besten Kommandoton.

      Als McGee fertig war, teilte er es seinem Boß mit. Er hatte das Handy auf Laut gestellt und somit seine Hände frei.

      „Gut,“ kam es zurück. Eine kurze Pause und dann die nächste Anweisung. „Es kommt nun Wasser in einem kurzen Schlauch durch. Es hängt ein Gewicht dran. Sei also vorsichtig.“

      „Bieg das Rohr zur Seite, Bambino,“ befahlt Tony schwach.

      Verständnislos wiederholte der Angesprochene die Worte und dachte über den Sinn nach. „Ich soll das Rohr zur Seite biegen?“

      „Gute Idee,“ kam es aus dem Telefon. „So bremst Du die Fracht.“

      Nun verstehend nickte der Computerfreak und da kam auch schon die erste Ladung. Das Wasser war in eine schmale Plastiktüte verpackt und passte so durch das Rohr. Eine Flasche wäre stecken geblieben.

      „Hab das Wasser.“

      „Gut. Jetzt kommen Medikamente. Damit gehst Du sofort zu DiNozzo.“ Gibbs Stimme klang angespannt, obwohl er versuchte, es zu verbergen. Die Chancen seines SFA zu überleben sanken rapide, wenn McGee es nicht schaffte, ihm die Medies zu verabreichen. Es stand schon schlecht genug, aber ein kleiner Hoffnungsschimmer war noch da. Mit der Medizin sollte dieser Schimmer wieder größer werden.

      „Okay,“ verkündete Tim dem Telefon und legte es wieder zur Seite. „Bin jetzt bei Tony.“

      „Timothy,“ meldete sich jetzt die ruhige Stimme von Dr. Mallard. „In dem Beutel findest Du eine Spritze.“

      „Hier sind vier Spritzen mit unterschiedlichen Farben gekennzeichnet,“ berichtete der jüngere Eingeschlossene konzentriert. Es durfte ihm
      hier kein Fehler unterlaufen. Das wusste er genau und versuchte daher, alles störende auszublenden. Nur noch Ducky Stimme war wichtig.

      „Natürlich,“ beruhigte der Gerichtsmediziner. Er war selber müde und schüttelte nun seinen Kopf, damit ihm solch ein Fehler nicht noch einmal passierte. Höchste Konzentration war auch von ihm nötig. „Du musst zuerst die mit Grün gekennzeichnete Spritze nehmen.“

      „Okay. Habe sie.“

      „Diese Spritze ist für Tony. Sie enthält ein Medikament, das für die Funktionsweise seiner Organe sehr wichtig ist.“ Auf keinen Fall wollte Ducky den armen Jungen mit zu viel medizinischen Fachbegriffen verwirren und wählte daher diese Erklärung. „Du musst es ihm in seinen Bauch injizieren.“

      „Warte. Da muss ich zuerst sein Hemd...“

      „Nein, Timothy,“ unterbrach der Doktor. „Du kannst die Nadel direkt durch die Kleider in seinen Bauch stoßen. Zögere nicht. Tue es einfach.“

      „Okay,“ meinte Tim zögernd und leckte sich über die staubigen Lippen.

      Einen kurzen Moment später fragte DiNozzo schmunzelnd: „Zu feige?“

      Kurz knurrte der so Gehänselte und stieß dann die Spitze in den Bauch seines Kollegens. Während dieser ein Stöhnen nicht unterdrücken
      konnte, entleerte sich die Spritze.

      „Geschafft!“

      „Das hast Du sehr gut gemacht, Timothy. Nun nimm bitte die Spritze mit dem gelben Zeichen. Sie enthält ein kreislaufanregendes Stärkungsmittel. Spritze es bitte ihn Anthonys Oberarm.“

      „Okay,“ antwortete McGee und verkündete kurz darauf. „Fertig.“

      „Sehr gut, Timothy. Jetzt noch die Thrombose Spritze. Die Markierung ist Rot. Diese Spritze bitte wieder in den Oberschenkel drücken.“

      Kurz darauf berichtete der MIT-Absolvent mit Stolz in der Stimme. „Auch geschafft.“

      „Als Krankenschwester bist Du lausig,“ kommentiert der Patient aber mit jammervollem Ton. „Ducky, bitte keine weiteren Spritzen.“

      Ein kleines Lachen war zu hören. „Nein, mein lieber Anthony. Die letzte Spritze ist für Timothy. Es ist ebenfalls eine Thrombose Spritze. Bitte steche sie Dir ins Bein, mein Junge.“

      „Iiihh.“ Gequält betrachtete Tim die Blau markierte Spritze in seiner Hand. Die sollte er sich selbst ins Bein pieken?

      „Na los doch, McSpritze.“ Auch wenn er Tonys Gesicht nur undeutlich in dem diffusen Licht sah, wusste er, das der Kerl schadenfroh grinste.
      Mit bereits vor dem Kontakt schmerzverzerrtem Gesicht rammte der Nerd die Spritze in sein Bein und drückte die Flüssigkeit durch. Verwundert stellte er dabei fest, das es gar nicht so schlimm weh tat wie gedacht. „Fertig!“

      „Das hast Du sehr gut gemacht, mein lieber Junge,“ klang es erleichtert aus dem kleinen Apparat. „Bitte sorge nun dafür, das Anthony das
      Wasser trinkt. Wenn er damit fertig ist, kommt ein weiterer Schlauch Wasser für Dich durch das Rohr. Es ist sehr wichtig, Timothy, das
      Anthony alles Wasser austrinkt. Aber bitte langsam.“

      „Verstanden,“ nickte McGee und öffnete den kleinen Verschluss an dem Beutel.

      Tony trank dankbar die Flüssigkeit. Das Schlucken fiel ihm zwar schwer, aber das kühle H2O tat seinem Hals sehr gut. Sowieso hatte er das
      Gefühl, seine Lebensgeister wären auf dem Rückweg zu ihm. Die Medikamente taten ihre Arbeit. Trotzdem würde er sich nie wieder von
      McSchwester spritzen lassen. Jeder Einstich hatte weh getan. Das schrie geradezu nach Superkleber.


      Kapitel 33

      Das Ganze ist Größer als gedacht

      51:00 Stunden vor Stunde 0

      Gibbs verlangte eine Zusammenfassung, als sie sich im Büro wieder alle trafen. So stellten sich die Agents und Laborantin vor den Bildschirm
      und berichteten abwechselnd.

      Direktor Vance hatte sich dazugestellt. Eigentlich wollte er jetzt nach Hause, aber hier für nahm er sich die Zeit.

      „Petty Officer Donald Harway wurde in einer Gasse hinter dem Tropicana erschossen,“ fing Tony an. „Die Blutergüsse stammen von einer
      Strafprügel seiner Kameraden, da er sie angeschwärzt hat. Alle Drei haben ein Alibi für das Erschießen. Die tödliche Kugel ist eine 32ziger. Ein Colt, den wir in der Gasse gefunden haben, scheint nichts mit diesem Verbrechen zu tun zu haben. Hingegen die Daten eines USB Sticks vom Toten enthalten die Seriennummern des Maschinengewehres MR556A1.“

      „Eine schnelle Überprüfung ergab, das diese Gewehre im Afghanistaneinsatz waren und nun als defekt zurückgekommen sind,“ übernahm McGee an dieser Stelle. „Wo sie sich nun befinden, wird der General des Stützpunktes mir Morgen mitteilen. Er hat eine Überprüfung des
      Bestandes in Auftrag gegeben.“

      „Ich habe, wie Du es wolltest, Gibbsman, die Handydaten der letzten Woche von Cherryl überprüft,“ rief Abby nun und schnappte sich die
      Fernbedienung. „Wie Du siehst hat sie eine Nummer immer wieder angerufen und seehr lange mit der Person telefoniert. Man könnte
      auch geredet sagen. Oder gequasselt. Oder...“

      „Abs.“ Streng sah der Chefermittler seine Forensikerin an und ermahnte sie so, in ihrem Bericht gefälligst fortzufahren.

      „Ist ja schon gut,“ meinte diese aber nur verschmitzt lachend. „Der Mann ist PO Mendoza. Unser Toter, der mit ihr Verlobt sein will, hat
      sie zwar angerufen, aber sie hat nicht abgehoben. Oder besser gesagt, entgegengenommen, denn bei den heutigen Handys nimmt man nicht ab sondern...“

      „Der PO hat also nicht nur seine Ex gestalkt sondern sich auch eine Beziehung mit der Tochter des Colonels eingebildet.“ DiNozzos Gesicht zeigte deutlich, das es ihn amüsierte. „Der hatte Fantasie, das muss man ihm lassen. Auf jeden Fall war es soweit für ihn Realität, das er für bessere Noten seine Kameraden verraten hat. Aber wie passen die Daten der MGs dazu?“

      „Schmuggel,“ beantwortete Dorneget die Frage. Als alle ihn nun ansahen, verunsicherte es ihn wieder. „Nun..eh..ich war in der Abteilung für geschmuggelte Ware ..äh.. ca. einen Monat beschäftigt. Dort ist schon vor einiger Zeit aufgefallen, das MR556A1 im Umlauf sind, die
      eigentlich in Armee Depots sein sollten. Wenn hier also Listen mit diesem Typ auftauchen, ist doch klar, das hier illegal Handel betrieben wird.“

      „Und unser toter PO ist darauf gestoßen,“ folgte McGee der Überlegung. „Einen Vorgesetzten hat er nicht eingeweiht, da er so hoffte, beim
      Colonel gut da zu stehen.“

      „Nur hat er nicht damit gerechnet, das diese Bande über Leichen geht,“ mischte auch Tony wieder mit. „Wir sollten diesen Tomas Fox befragen. Durch seine Knasterfahrung hat er sicher Kontakte zu anderen Verbrechern, die ihn in das Geschäft mit reingezogen haben. Da er Trucks fährt, ist er ein idealer Schmuggler. Und das er nicht in der Boxhalle war, zeigt ja seine Ehrlichkeit.“

      „Ist die Fahndung raus?“, fragte Gibbs nach und gab seinem SFA nach den Worten „Schon lang..!“ eine Kopfnuss. „Du suchst ihn!“

      „Geht klar, Boß,“ kam es folgsam zurück, während DiNozzo seinen schmerzenden Hinterkopf rieb.

      Schadenfroh schmunzelnd gab Tim die nächsten Infos bekannt. „Ich habe die Zahlen auf dem Zettel, den der Tote bei sich trug, noch einmal
      analysiert. Sie bezeichnet Lagerpositionen von Gefahrengut im Materiallager in Quantico. Es sollte daher dringend überprüft werden, ob sich an diesen Lagerplätzen etwas Verdächtiges finden lässt.“

      „Dorneget,“ bestimmte Gibbs ruhig. „Besorgen Sie für Morgen früh einen Termin beim zuständigen Lagerverwalter. Wir fahren da hin.“

      Agent Dorneget nickte ernst, froh darüber, das Gibbs ihn auch offiziell in der Gruppe mitarbeiten ließ. Schließlich war dies das beste Team.
      Er war nicht bereit, diesen Einsatz zu versauen und so seiner Karriere zu schaden. Und Pluspunkte bekam jeder, der unter Gibbs bestand.

      „Jetzt komme ich aber wieder dran,“ rief Abby fröhlich und zappte auch schon durch die Bilder, bis sie das richtige gefunden hatte. Es zeigte einen Beweismittelträger für Mikroskope. Darauf war Dreck zu sehen. Zumindest für Laien. „Die Hautfetzen und das Blut, das Harway unter den Fingernägeln hatte, stammen von Spencer Rotgold.“

      „Unserem Coltmann?“, fragte DiNozzo doch überrascht, hatte er den Mann doch schon ab acta gelegt. „Dieses kleine Wiesel hätte ich nun gar nicht für einen Schläger gehalten. Ich sorg dafür, das er Morgen früh hergebracht wird, Boß.“

      „Was sagt uns das alles?“, fragte Gibbs mehr sich selbst die Fakten betrachtend.

      Als Senior Field Agent sah Tony es als seine Pflicht an, darauf zu antworten. „Das Ganze ist Größer als gedacht. Wir haben es mit Waffenschmuggel zu tun. Harway ist in seinem Wahn etwas zu finden, um für die Liebe seines Lebens bei dessen Vater gut da zu stehen, über diesen Waffenhandel gestolpert. Das hat den Brüdern nicht gefallen und sie haben ihn umgelegt. Finden wir die Mörder, finden wir auch die Waffenbande. Oder umgekehrt.“

      „Gut gemacht,“ nickte Vance niemanden bestimmten zu und wandte sich zum Gehen um. „Machen Sie alle Schluss für heute. Morgen wartet
      einiges auf Sie. Da müssen Sie ausgeruht sein.“

      Während der Direktor im Aufzug verschwand, hatte sich in Gibbs Team noch niemand gerührt.

      „Ich möchte alles über Cherryl und die Ex haben. Alles was sie die letzten Wochen getrieben haben. Ist das klar?“

      „Natürlich, Boß,“ erklang es mehrstimmig und jeder wollte wieder an seinen Platz gehen, um zu besorgen was der Big Boß wollte.

      „Aber es reicht, wenn Ihr morgen Früh anfangt,“ fügte Gibbs leicht schmunzelnd hinzu.

      Ein erleichterter Seufzer von Tony war sofort zu hören. „Gute Entscheidung.“

      „Was stöhnst Du den so?“, feixte Abby breit grinsend. „Wirst Du etwa alt? Oder brauchst Du Deinen Schönheitsschlaf?“

      Empört drehte Tony seinen Kopf in ihre Richtung. „Werd ja nicht frech, Fledermaus. Mir geht es glänzend.“

      „Du hast also ein Date,“ mutmaßte McGee und nahm seinen Rucksack hoch.

      „Hah.“ DiNozzo richtete sich wieder auf und warf sich lässig seine Tasche über die Schulter. „Das wäre überhaupt kein Problem, McNichtfreund. Mitnehmen werde ich Dich jedenfalls nicht.“

      Tim verdrehte die Augen. Wann würde diese Episode vorbei sein? Sollte er sich entschuldigen, damit wieder Ruhe war? Nein. Tony musste eben lernen, seinen Kollegen zu respektieren.

      Als sie schon fast am Aufzug waren, rief Gibbs noch hinterher. „Ihr kommt Morgen pünktlich und DiNozzo. Du auch! Sonst brauchst Du hier
      gar nicht erst zu erscheinen.“

      „Wieso hacken heute alle auf mir herum,“ meine der Getadelte schmollend, was die Forensikerin lachend einen Arm um ihren Kollegen legen ließ.


      Kapitel 34

      Nichts tun können

      00:00 Stunden vor Stunde 0

      „Es sieht besser aus als vor einer Stunde,“ lächelte Launtrie den grauhaarigen Spezial Agent an. „Ihre Männer haben durch den Schlauch Wasser und Nahrung bekommen. Die Medikamente wirken. DiNozzo ist laut Ihrer eigenen Aussage munterer geworden. Daher denke ich, das Sie sich ausruhen sollten. Wir haben ein paar Pritschen aufgestellt. Dort legen sich meine Leute zwischendurch hin. Es hat keinen Sinn, hier übermüdet die Arbeit zu machen.“

      Aber der Chefermittler schüttelte den Kopf. „Ich werde weiterhin alle 10 Minuten anrufen. Das überlasse ich niemanden sonst.“

      Resigniert die Arme hebend sagte der Chief daraufhin lediglich. „Wie Sie wollen. Sie sind ganz schön stur.“

      Nun lächelte Gibbs und nahm den Becher Kaffee entgegen, den eine Frau im Zelt verteilte.

      Als sein Telefon unverhofft klingelte, war er sofort alarmiert, als er auf dem Display sah, wer ihn anrief. „Was...?“

      „Wasser! Stellt das Wasser ab! Wir ertrinken!“ McGees Stimme war so laut, das auch der Feuerwehrchief die Worte mitbekam.

      Sofort reagierte dieser und schrie in sein WalkyTalky: „Wo kommt das Wasser her? Sofort abstellen! Sofort!“ Und schon stürmte er aus dem Zelt.

      Gibbs hatte vor Schreck den Becher fallen gelassen, bemerkte es aber überhaupt nicht. Sondern folgte dem Chief auf den Fuß und versuchte seinen Agent zu beruhigen: „Das Wasser wird abgestellt. Ruhe bewahren, Tim. Alles wird gut. Du musst...“

      „Hier kommt Wasser und es steigt schnell! Wir ertrinken!“ Panik war in McGees Stimme und der Grauhaarige konnte das Rauschen der Wassermassen durch das Telefon hören. Für die Worte seines Boßes hatte der Nerd kein Gehör. „Wir ertrinken! Stellt das Wasser ...“

      Plötzlich war das Gespräch unterbrochen, was den Senior Agent zum stehen brachte als wäre er gegen eine Wand gerannt. Entsetzt starrte Gibbs zuerst das Handy an und dann in Richtung des Schuttberges. Ertranken seine Agents gerade erbärmlich? Was sollte er jetzt tun? Was konnte er tun?

      Die Trümmer lagen friedlich vor ihm. Hell beschienen von den starken Flutlichtlampen, die die Nacht zum Tag machten. Schließlich war es
      kurz nach 3 Uhr Morgens.

      Nichts deutete auf die Katastrophe hin, die sich darunter abspielte. Zwei seiner besten Leute waren dort begraben und ertranken nun erbärmlich.

      „Jethro,“ rief eine heitere Stimme neben ihm. „Ich habe ordentlichen Kaffee besorgt, da ich ja weiß, das Du den Kaffee hier nicht einmal
      als....“

      Weiter sprach Dr. Donald Mallard nicht, denn sein langjähriger Freund hatte sich zu ihm umgedreht. Der verzweifelte Blick machte klar, das etwas ganz und gar nicht stimmte.

      „Was ist geschehen?“, fragte deshalb der Gerichtsmediziner des NCIS vorsichtig und legte dabei eine Hand beruhigend auf Gibbs Oberarm.

      „Sie sind da drin,“ erwiderte der Chefermittler heiser. Immer noch konnte er es nicht fassen, was gerade geschehen war. Als er dabei seine Hand hob, sah er sein Handy. Aus diesem Ding waren McGees angsterfüllte Schreie gekommen. Wieder konnte er alles in seinem Kopf hören. Die grausame Wahrheit traf ihn mit voller Wucht.

      Ducky nickte, da er annahm, das sein Freund erst jetzt die Tragweite des ganzen Geschehens realisierte. Zwei ihrer Familienmitglieder waren verschüttet. Aber es wurde bereits alles getan, um sie aus ihrem Gefängnis zu befreien. Der Arzt fand es nur normal, wenn Jethro durch den Schock nach der Explosion erst jetzt begriff, wie ernst die Lage trotz aller Hilfe war. Bisher hatte der etwas Jüngere es nicht zugelassen, aber die Müdigkeit sorgte auch bei ihm langsam für Risse im Panzer. Also beschloss der Mediziner seinen Freund sanft an das Positive zu erinnern. „Das weiß ich doch. Du hast es uns erzählt. Sie leben, Jethro. Du hast mit ihnen telefoniert. Die Feuerwehrmänner helfen ihnen.“

      Aber der grauhaarige Mann schüttelte resigniert den Kopf. Gerade diese Helfer töteten seine Männer gerade. „Die Löscharbeiten. Das Wasser läuft in die Grube. McGee und DiNozzo haben keine Chance, Ducky. Sie ertrinken. Und ich kann nichts tun. Nichts!“

      Entsetzt sah nun auch Dr. Mallard zu dem Schuttberg. Begriff, das ihre Freunde gerade starben. Und das, nachdem alles so gut ausgesehen hatte.

      Es dauert ein paar Minuten bis der Ältere sich aufrappelte. Bei all dem Schrecken gab es Überlebende. Die, die hier oben waren. Er musste dafür sorgen, das sein Freund sich der Trauer hingab. Sonst verlor er hier einen weiteren Freund. Aber was sollte er ihm anbieten?

      „Hier nimmt den Kaffee.“ Mit belegter, stumpfer Stimme drückte Mallard seinem langjährigen Freund den Becher in die Hand und griff nach dessen Arm. Seine Knie fühlten sich plötzlich sehr wackelig an. Die Situation war auch für ihn nicht leicht zu ertragen und sein alter Körper musste ihm gerade jetzt seine Grenzen aufzeigen.

      Der Chefermittler erwachte wie aus einem grauenhaften Traum, in dem er seine Agents ertrinken sah. Guckte irritiert den Becher und dann die Hand an seinem Arm an. Begriff zuerst nicht, was das zu bedeuten hatte. Aber dann stützte er den Coroner und führte ihn automatisch zu Abby, die gerade Palmer berichtete, welche Fortschritte sie doch machten.

      „Gibbs, Gibbs, Gibbs,“ rief sie ihnen vor Freude strahlend entgegen nach Beendigung des Gespräches. „Jimmy und Senior sind bald hier. Es
      wird nicht mehr lange dauern. Mister D. hat sich sehr über meinen Bericht gefreut. Das konnte ich hören, obwohl ich ja mit Jimmy telefoniert habe. Aber er hatte sein Telefon auf Laut gestellt und so konnte ich alles hören und Senior konnte auch mich hören. Ist das
      nicht...? ...Was... Was ist ...los?“ Ängstlich und nervös werdend sah sie in die Gesichter der Männer. Etwas schreckliches passierte gerade. Das konnte sie spüren. Nur was?

      „Setzt Dich hin,“ meinte der Seniorermittler dunkel und half dem Mediziner sich auf den Mauerrest zu setzen, der inzwischen ihre neue Heimat zu sein schien.

      „Ducky, geht es Dir nicht gut?“ Fürsorglich legte die Forensikerin eine Decke um den Gerichtsmediziner. „Ist etwas passiert?“

      Aber die Männer schwiegen und vermieden den Blickkontakt. Wie sollte man schonend ein solches Unglück mitteilen?

      Die Stille wurde für die Laborantin unerträglich. Ungeduldig werden fuhr die Goth ihren Silberfuchs hart und ängstlich zugleich an. „Nun sag schon!“

      Augen zu und durch, dachte sich Gibbs. „Wasser dringt in die Grube ein. Sie ertrinken.“

      Zuerst verstand die junge Frau die Worte nicht. Es dauert einige Sekunden und dann riss sie die Augen weit auf. „Nein. Das kann...das darf nicht sein. Es war doch alles gut. … Wie kann Gott so grausam sein? Das ist nicht fair...schluchzt... nicht fair....“

      Ducky nahm sie in den Arm und wiegte die jetzt haltlos weinende Freundin hin und her. Mehr konnte er nicht tun. Ihm selbst rollte auch die ein oder andere Träne herunter. Nein, fair war es nicht, was hier geschah.

      Einige Minuten vergingen, in denen sie nichts tun konnten als auf die Trümmer zu starren.

      Fast bemerkten sie gar nicht, das Chief Launtrie zu ihnen trat. Der Agent nahm ihn am Arm und ging einige Schritte von seinen Kollegen weg. In seinem Hals saß ein Kloß fest und alles Schlucken half nichts. Eigentlich wollte der Ermittler nicht hören, was der Feuerwehrmann zu sagen hatte. Würde es doch nur eine Bestätigung sein, das es keine Hoffnung mehr gab.

      „Wir haben bei den Löscharbeiten extra Schaum verwendet, obwohl es die Löscharbeiten wesentlich schwieriger machte,“ begann Greg Launtrie zu erklären.

      Als der Chief festgestellt hatte, was schief gelaufen war, hatte er sofort Gegenmaßnahmen angeordnet. Aber ihm war bewusst, was jetzt geschah. Er fühlte sich verpflichtet, Speziell Agent Gibbs darüber zu informieren.

      „Bei der Explosion wurde allerdings ein Feuerhydrant beschädigt. Es lief bereits etwas Wasser kontinuierlich heraus. Als meine Männer das Wasser sahen, wollten sie herausfinden, wo es herkam und haben den Schutt zur Seite geschoben. Dabei ist der Hydrant dann vollends geborsten. Wir versuchen das Wasser abzustellen. In ein paar Minuten läuft es nicht mehr.“

      Der Firechief sah deutlich, wie sehr die Worte den Grauhaarige schmerzten. Trotzdem musste er die nächsten Worte aussprechen. „Leider ist die Menge, die ausgeflossen ist, groß genug, um die Grube zu füllen. Mehr noch. Und ich kann den Fluss des bereits ausgelaufenen Wassers nicht abstellen. … Es tut mir leid. Aber die Chancen für Ihre Agents... sind sehr.... schlecht.“ Er brachte es nicht über sich, zu sagen ´nicht mehr vorhanden.´

      Gibbs nickte nur kurz, sprechen konnte er im Moment nicht. Müde wischte er sich durch sein Gesicht und ging zu Abs und Ducky zurück. Sie saßen immer noch auf dem Mauerrest und Abby weinte sich die Augen aus.

      Schweigend setze Gibbs sich zu ihnen.

      Für Ducky war daher klar, das es keine Hoffnung mehr gab.

      Sie würden hier bleiben.

      Ausharren bis die Leichen geborgen waren.

      Dann würden sie sie nach Hause bringen.

      Mehr konnten sie für ihre Kameraden, ihre Freunde, ihre Familie nicht mehr tun.


      Kapitel 35

      Mund zu Mund Beatmung

      00:01 Stunden nach Stunde 0

      Schnell stieg jetzt der Pegel in der Grube. Auch Schlamm und kleine Geschosse wurden mit Macht zu ihnen herein gespült.

      McGee wurde von einem erneuten Strahl der Wasserwoge gegen den Balken vor DiNozzo gedrückt und verlor das Handy, womit die Verbindung zu Gibbs abbrach.

      Es wurde immer mehr Wasser und der Druck immer stärker.

      Sie würden sterben.

      Sterben, sterben, sterben, hallte es in Tims Kopf und lähmte ihn förmlich. Mit Schreck geweiteten Augen starrte er das Wasser an, das weiter und weiter stieg.

      Was sollte er nur noch tun? Was konnte er tun? Außer sterben!

      Tony, viel ihm entsetzt ein und er drehte sich zu seinem Kollegen, der mit der gesunden Hand sein Gesicht schütze. So konnte er noch mühsam atmen. Sein Kollege war noch viel hilfloser dieser Situation gegenüber. Wie konnte er ihm helfen?

      „Tony,“ schrie der Speziell Agent durch das Rauschen und schob sich vor dessen Kopf. Schirmte ihn so vor dem Wasserstrahl ab.

      „Ein Bad tut zwar gut, ...aber langsam ist es auch genug,“ rief DiNozzo witzelnd zurück. Keine Panik war in seiner Stimme zu hören. Nicht einmal Angst oder Aufgeregtheit. Der Schwerverletzte klang eher etwas genervt.

      Staunend vergaß Tim seine Panik und Angst vor dem Tod. Begriff sein Kollege überhaupt was vor sich ging? „Wir werden sterben,“ informierte er seinen Vorgesetzten mit zittriger Stimme.

      „Aber nicht heute, Bambino. ….Dazu habe ich keine Lust,“ kam es prompt flapsig zurück. „Zieh den Stöpsel, ...McBademeister!“

      „Den Stöpsel ziehen?“, fragte McGee mit vor Unglauben überschlagender Stimme. War der Kerl irre? Das hier war keine Badewanne.

      Aber der SFA sah ihn nur ernst an, ja fast belehrend. „Dies ist eine Mechanikergrube. ...Da gibt es mehrere Abflüsse im Boden. ….Die müssen frei sein, ….sonst kann das Wasser nicht ablaufen. ...Also, McPanik, such den Gully... und reiß das Gitter raus.“

      Kurz schaute der MIT-Absolvent sich um, während er versuchte, einen Sinn in den Ausführungen des Älteren zu finden. Klar Nachzudenken viel im Moment enorm schwer. Überall nur Chaos und Wasser. Wo zum Henker sollte er einen Gully finden?

      DiNozzo schien die Ratlosigkeit seines Kollegen wahrzunehmen. „Rechne.“

      Als der Nerd immer noch ohne Idee ihn an sah, fügte er Augen verdrehend hinzu. „60 Meter lange Grube... gleich 12 Abläufe. ... Je 1 Meter vom Rand beginnend ….gleichmäßig verteilt. ...Rechne und schätze. ...Und Tim,“ kurze Pause. „Beeil Dich!“

      Das Gehirn des so Zurechtgewiesenden schien sich wieder einzuschalten und rechnete auf Grund von Tonys Angaben in Gedanken aus, wo sich die Abflüsse befinden mussten. Dabei entdeckte der MIT-Schüler, das direkt unter ihnen einer sein musste. Verzweifelt versuchte er jetzt, diesen Gully zu finden und frei zu legen.

      Das Wasser reichte seinem Partner bereits bis zur Hüfte hoch. In wenigen Minuten würde es seinen Kopf erreichen. Trotzdem schien DiNozzo der ruhende Pol zu sein.

      „Ich schaffe es nicht, Tony,“ verzweifelt schob Tim ein Holzstück unter den Kopf seines Kameraden. So stützte er ihn und schaffte wieder Zwei Zentimeter an Höhe.

      „Doch, Bambino,“ meinte der Very Speziell Agent schwach und sah direkt in dessen Augen.

      Die Taschenlampe hatte McGee zwischen das Gerümpel über ihnen gesteckt und sie funktionierte nun wie eine Deckenlampe.

      Dem Jüngeren stand die Todesangst im Gesicht. Wie schwarze Finger schien die Panik wieder von ihm Besitz ergreifen zu wollen.

      Das Wasser war dunkel und voller Dreck. Der Schein der Taschenlampe nützte überhaupt nichts, um den Grund der Grube zu sehen. Wie sollte er da irgendwas finden?

      „Nimm meine Hand,“ sagte sein Kollege ruhig und hielt seine eigene hoch.

      Der Agent tat automatisch wie ihm geheißen. Schnappte schon danach, als wäre es der berühmte Strohhalm.

      „Nun atme tief durch. ...Konzentriere Dich auf eine schöne Zukunft. ...Auf Kinder mit Deleila. ...Wie die wohl sein werden? Mmh?“

      „Tony,“ leicht ärgerlich und verlegen reagierte der Nerd auf die Anspielung. Aber Angst und Panik ließen nach, denn in seinem Kopf entstanden tatsächlich Bilder. Deleila, wie sie ihn voller Liebe und Zärtlichkeit anlächelte.

      „Was denn? ...Ich denke nur positiv,“ neckte der SFA unschuldig guckend. „Also wieder runter mit Dir. ...Du wirst den Abfluss rechtzeitig finden ….und freilegen. Ist das klar?“ Dabei lag in Tonys Blick so viel Vertrauen und Zuversicht, das es McGee ansteckte.

      „Okay,“ sagte der NCIS Speziell Agent mit sehr viel mehr Entschlossenheit.

      Er löste sich von dem Eingeklemmten und tauchte wieder ins schmutzigen Wasser. Systematisch ließ er seine Finger über den Boden tasten. An manchen scharfen Kanten schnitt er sich die Hand auf, aber das ignorierte er. Und dann, beim dritten Tauchgang, hob er ein Brett an und spürte, wie ein Zog entstand. Das Wasser fand einen Weg im Boden. Schon keine Luft mehr bekommend, rieß Tim dieses Stück Holz mit letzter Kraft vom Boden weg und stemmte sich nach oben.

      Als er kurz darauf wieder auftauchte, rang er nicht nur nach Sauerstoff, sondern kämpfte auch mit einer Ohnmacht. Jetzt durfte er nicht bewusstlos werden.

      Erst als seine Schnappatmung nachließ, nahm er war, dass das Wasser nur noch gute 15 cm Platz nach oben zu dem Trümmergewirr ließ. Siedend heiß kam ihm die Erkenntnis, sein Kollege musste unter Wasser sein. Wie lange schon?

      Rasch sah er sich um und bewegte sich möglichst schnell an die Stelle, wo Tony war. Von ihm war nur noch die Hand zu sehen, die Kraftlos im Wasser lag. War er zu spät?

      „Scheiße!“, schrie McGee, holte Luft und versuchte an DiNozzos Kopf zu kommen. So machte er Mund zu Mund Beatmung. Wobei vom Anderen zuerst keine Reaktion kam.

      Aber nach einer gefühlten Ewigkeit bemerkte der Nerd erleichtert, das sein Partner seine Hand drückte. Immer heftiger drückte. Schmerzhaft drückte. Trotzdem machte Tim mit der Beatmung weiter und weiter und weiter....

      Irgendwann merkte er, das er , um Luft zu holen, nicht mehr den Kopf so hoch heben musste. Es dauerte dann nicht mehr lange und der Kopf des Verletzten tauchte wieder auf.

      DiNozzo schnappte verständlicher Weise nach Luft und hustete auch heftig. Es dauerte, bis Tony sich wieder beruhigen konnte und aufhörte, McGees Finger zu brechen.

      Währenddessen wurde der Stand des Wasser kontinuierlich geringer. Überraschend schnell floss es ab.

      „Bambino?“, fragte DiNozzo leise. Er hörte sich unendlich schwach an.

      „Ja?“, krächzte McGee erschöpft und erschrak über seine heißere, brüchige Stimme. Die ganze Aktion hatte ihm viel Kraft gekostet. Die
      Kälte, die jetzt durch die nassen Kleider erheblich verstärkt wurde, kroch in die Glieder und lies ihn immer mehr zittern. Denken
      fiel schwer.

      Aber seinem Freund mußte es noch viel schlechter gehen. Wie lange war er ohne Sauerstoff gewesen?

      „Das Du homo bist und... mich so sehr liebst, ….hätte ich nicht gedacht,“ erklang es da neben ihm.

      Stirnrunzelnd versuchte Tim die Aussage einzuordnen, als Tony schon mit unschuldigem Gesichtsausdruck weiter sprach. „So viele Küsse...“

      Im ersten Moment war der MIT-Absolvent baff, dann ärgerlich und zum Schluss rührten sich seine Lachmuskeln. Diese Gefühle rauschten in Sekundenschnelle durch ihn hindurch. Dann lachte er befreit auf und DiNozzo grinste dazu. Zum Lachen reichte dessen Kraft nicht.

      Als Timothy sich beruhigt hatte, das Lachen hatte gut getan, fragte sein Partner: „Hast Du Dein ...Handy noch?“

      Kurz suchte der Agent seine Taschen ab und schaute sich dabei auch suchend um. „Nein!“

      „Dann nimm meines. ….Die dort draußen ….sollten Bescheid wissen.“ Und da hatte Tony recht, wie McGee bewundernd feststellen musste.

      „Wie machst Du das?“, fragte er deshalb auch.

      DiNozzo aber sah nur müde und fragend zurück: „Was?“

      „Keine Panik in so einer Situation zu bekommen,“ formulierte Tim seine Frage aus und suchte zu gleich in Tonys Taschen nach dessen Handy. „Schließlich wären wir gerade fast ertrunken, aber Dir scheint das nichts auszumachen. Und Du weist immer genau, was getan werden muss. Hast Du keine Angst?“

      Zuerst sagte der Gefragte nichts, schien nach der Antwort zu suchen.

      Zugleich fand der Nerd das Handy und überprüfte routiniert dessen Betriebsbereitschaft. Schließlich hatte es eine Weile im Wasser verbracht. Auch wenn es dafür geeignet war, denn Tony hatte extra dieses teure Handy haben müssen, konnte es doch zu beschädigt sein.

      „Ich konzentriere ...mich auf Dich,“ kam es da nachdenklich vom SFA leise zurück.

      Diese Antwort verwirrte McGee sehr. „Auf mich?“

      Aber Tony lächelte nur und erklärte dann mühsam: „Du bist mein ...gewählter, kleiner Bruder. ...Als großer Bruder muss.... ich ein Vorbild sein ….und auf Dich aufpassen. ….Da habe ich keine …..Zeit, Angst zu haben. ….Mein Leben ist nicht ….so wichtig wie Deines. ….Und damit Du überlebst, ….muss ich dafür sorgen, ….das Du tust, ….was notwendig ist. ….Und es klappt ….doch recht gut, ….oder?“

      Gerührt war Tim rot angelaufen. „Danke,“ flüsterte er mit belegter Stimme und drückte Tonys Hand. Nach kurzem zögern setzte er noch hinzu: „Du darfst meine Jungessellenparty organisieren, wenn es so weit ist, großer Bruder.“

      Ein glückliches Lächeln erschien in DiNozzos Gesicht, das auch die Augen erreichte.

      Dieses Strahlen lies auch Bambino lächeln.

      Dann wählte McGee die Nummer seines Bosses.


      Kapitel 36

      Der Anruf

      00:27 Stunden nach Stunde 0

      Als Gibbs Handy klingelte, wollte er zuerst das Gespräch nicht entgegen nehmen. In ihm herrschte eine erdrückende Leere. Sein Herz schlug in der Brust schmerzhaft. Seine Freunde, Kameraden, Kinder waren tot. Ertrunken.

      Wie sinnlos.

      An etwas anderes zu denken, viel schwer.

      Aber nach dem vierten Klingeln drehte er genervt doch seine Hand und sah auf das Display. Dort stand SFA DiNozzo.

      Das konnte nicht Senior sein. Der war nicht fest eingespeichert. SFA.

      Tony hatte sein Handy bei sich. In der Grube. Aber Tony war tot. Wieso rief dann dessen Handy an?

      Zwei weitere Klingeltöne brauchte der Silberhaarige, um zu begreifen, das sein Senior Agent Anthony DiNozzo ihn anrief.

      Oh mein Gott!

      Schnell nahm Gibbs das Gespräch an, aber lauschte nur. Zu unfassbar war die Erkenntnis. Etwas sagen war ihm im Moment nicht möglich.

      „Boß? Bist Du dran?“, hörte er die Stimme McGee´s unsicher fragen.

      Tränen lösten sich aus seinen Augen. „Tim,“ hauchte er und hatte damit die Aufmerksamkeit von Abby und Ducky, die direkt neben ihm saßen.

      „Uns geht es gut, Boß. Wir konnten den Abfluss freilegen. Das Wasser wird jetzt immer weniger und neues kommt nicht mehr nach,“ berichtete der Agent und klang dabei unglaublich erschöpft und... sehr lebendig.

      Vor Erleichterung musste der Marine eine Hand vor den Mund legen, sonst hätte sich der tränen erstickte Seufzer laut geäußert. Er gab einfach Wortlos das Handy an Dr. Mallard weiter.

      „Timothy? Wie geht es Dir?“, fragte der Mediziner sofort und hatte den Apparat zu gleich auf Laut gestellt.

      Abby hielt sich auch den Mund zu und starrte das Telefon wie den heiligen Gral mit riesigen Augen an.

      Keiner von ihnen begriff so ganz, was geschah. Hatten sie Halluzinationen oder passierte hier gerade ein Wunder?

      „Alles gut,“ beruhigte der Nerd. „Ich habe ein paar Schnittwunden mehr und bin nass wie ein Pudel. Aber sonst ist alles okay.“

      „Und Anthony?“ Besorgt erkundigte sich der Coroner weiter.

      „Er hat Wasser geschluckt und ist ebenfalls nass. Inzwischen zittert er sehr stark. Ihr müsst uns hier jetzt schnell rausholen, Ducky. Sehr schnell!“ Alle hörten deutlich, das der Freund sich große Sorgen um seinen Kollegen machte und das übertrug sich auf sie. Es war noch nicht
      vorbei.

      „Jethro ist schon auf dem Weg,“ erwiderte Mallard dazu. „Beschreibe mir bitte genau Eure Verletzungen...“


      Kapitel 37

      DiNozzo und der Coltman

      42:12 Stunden vor Stunde 0

      Es war Mittwoch um Punkt 7:00 Uhr.

      „Morgen,“ lies sich NCIS Spezial Agent Anthony DiNozzo mit mürrischer Stimme vernehmen.

      Mit hochgezogener Augenbraue beobachtetet Timothy McGee, wie sein Kollege seinen unschuldigen Rucksack mit Schwung in die Ecke pfefferte.

      Mit hellen abgenutzten Jeans und dunkelbraunen Rollkragenpullover sah der unrasierte Ermittler aus, als wäre er in letzter Minute aus dem Bett gefallen und hätte das erst beste zum Anziehen gegriffen. Der laut knurrende Magen bestätigte den Eindruck ungewollt.

      „Morgen. Wenigstens bist Du pünktlich,“ begrüßte der MIT-Absolvent amüsiert seinen Partner. „Nicht einmal Zeit, unterwegs was zu
      Essen zu kaufen?“

      DiNozzos böser Blick sprach Bände. „Wo ist der Boß, Bambino?“

      „Mit Dorneget auf dem Weg nach Quantico,“ informierte der Nerd ihn, während er schon wieder auf der Tastatur tippte.

      „Dann hätte ich ja noch ausschlafen können,“ maulte der SFA weiter herum und nahm aus seiner Schublade einen Schokoriegel heraus.

      McGee schüttelte nur den Kopf und konzentrierte sich weiter darauf, Daten über Cherryl McWire und Rachel McLachlein zu sammeln. Schließlich wollte Gibbs einen lückenlosen Bericht haben.

      Im Gegensatz zu Tony hatte Tim den Morgen für ein ausgiebiges Frühstück genutzt. Er trug heute eine beige Cordhose und ein blaues Hemd. Dazu seine Lederjacke.

      In Ermangelung der Gesprächsbereitschaft seines ekelhaft arbeitsamen Kollegen, machte sich auch Tony notgedrungen an seine Aufgaben.

      Bereits in der Früh hatte er von zu Hause aus schon Agents zu Spencer Rotgold geschickt, um ihn abzuholen. Diese Maßnahme hatte Tony
      ergriffen, als er entdeckte, das er bei seinem Wecker statt eine Stunde früher den Zeiger in die andere Richtung gestellt hatte. Blödes mechanisches Ding! Nie wieder würde dieses Miststück ihn veräppeln. Nur wegen diesem vermaledeiten Wecker war er zu späht und hatte nicht einmal Zeit für Dusche und Kaffee gehabt.

      In seinen E-Mail Nachrichten fand er die Info, das Tomas Fox gefasst worden war. Dies hob seine Laune so weit, das er erfreut den Hörer
      in die Hand nahm und die Verlegung von Fox vom Polizeirevier zum Navy Yard veranlasste.

      Währen dessen wurde Rotgold an ihm vorbei in den Verhörraum gebracht.

      „Na dann will ich mal unserem Coltman auf den Zahn fühlen,“ verkündete der Dienstältere und schon rauschte er mit einer Akte an Tims
      Schreibtisch vorbei. Der hatte seinem Kollegen gar nicht zu gehört, sondern knackte konzentriert einen Code.

      Spencer Rotgold rutschte nervös auf seinem Stuhl herum. Die blinkende Kamera an der Decke in diesem grauen Zimmer sorgte nicht gerade für Entspannung.

      Als er sein Haus verlassen wollte um zur Arbeit zu fahren, waren diese NCIS Agenten aufgetaucht und hatten ihn einfach mitgenommen. Nicht auszudenken, wenn diese Männer eine Stunde früher dagewesen wären. So hatte er Anzug und Mantel schon angehabt.

      „Was soll das?“, fragte er sogleich gereizt als der smarte Spezial Agent schwungvoll den Verhörraum betrat und versuchte, dem NCIS Mann
      gegenüber Stärke zu zeigen. „Sie haben mich in Handschellen vor meiner Familie und den Nachbarn abführen lassen. Wissen Sie eigentlich, was das bedeutet?“

      „Das Sie jetzt der lächerliche Gesprächsstoff der nächsten Wochen in Ihrer Siedlung sind,“ kam es ungerührt zurück. Tony setzte sich
      dem empörten Versicherungsvertreter gegenüber und legte eine Fotografie des Objektträgers auf den Tisch. Er verlor keine Zeit. „Wie kommt Haut und Blut von Ihnen unter die Fingernägel unseres Toten Petty Officers Ronald Harway?“

      Der bereits zum Protest geöffnete Mund von Spencer schloss sich und die Augen wurden sehr groß vor Schreck. „Ich...“

      „Ja?“, fragte der Senior Field Agent interessiert nach und verschränkte seine Hände auf dem Tisch.

      Wie ein Fisch auf dem Trockenen öffnete sich der Mund des Verdächtigen und schloss sich wieder, ohne das ein Ton zu hören war.

      Der Ermittler beobachtete fasziniert den Vorgang einige Male bevor er ihn unterbrach, in dem er den Finger hob und freundlich meinte. „Ich
      warte auf eine Erklärung, Mister Rotgold.“

      Sich den Knoten des Schlips lockerer machend, fing der Angesprochene an zu stottern: „Ich.. ich habe diesen … diesen … Mistkerl dabei erwischt, wie er … wie er...“

      „Wie er was?“, versuchte DiNozzo den Mann zum Weitersprechen zu motivieren, da der vor lauter widerstreitender Gefühle, die sich deutlich in den wechselnden Grimassen ausdrückten, verstummt war.

      Unruhig umher sehend und rote Backen bekommend gestand Rotgold dann sehr schnell sprechend. „Er hat meine Tochter belästigt. Hat sie begrapscht! Da habe ich ihn mit dem Colt in dieser Gasse bedroht. Aber er hat nur gelacht und mir die Waffe weggenommen. Einfach so. Das .. das hat mich so wütend gemacht, das ich nach ihm geschlagen habe. ..Wissen Sie, ich war in meiner Jugend in der Boxmannschaft meiner Schule. Daher weiß ich, wie man so einem rotzfrechen Lümmel eine verpasst.“ Der Stolz, das er es dem Anderen gezeigt hat, verflog wieder schnell aus den Augen und die Haltung wurde nun die eines verschüchternden Wichtes.

      Tony nickte ernst und nur mühsam einen Lacher verbergend. Dieser kleine Kerl und Boxer? „Sie wussten nicht, das der Petty Officer ein Boxer war.“

      Verlegen schüttelte der Ältere den Kopf. „Wir haben uns zwar geprügelt, aber ich war doch etwas in der Unterzahl. Zum Schluss hat er mir das Hemd zerrissen und mich aus der Gasse geschubst.“

      „Wo hat Harway Ihre Tochter kennengelernt?“ Wie viele Frauen hatte dieser PO eigentlich, ging es Tony durch den Kopf.

      Spencer kratzte sich an der Stirn. Bei dem plötzlichen Themenwechsel musste er erst nachdenken. „Äh..keine Ahnung. … Aber er hat sie
      begrapscht. Das hab ich gesehen.“

      „Wo?“

      „Na hier!“ Empört fuhr der Vater mit seinen Händen über seine Brust als hätte er da einen Busen.

      Kurz verdrehte Tony die Augen. „Ich meinte den Ort. Die Lokalität.“

      „Ach so.“ Verlegen räusperte sich Rotgold, bevor er wieder redselig wurde. „Also Amanda arbeitet auf dem Stützpunkt an der Kasse des Supermarktes. Ich habe sie dort vor ein paar Tagen abgeholt, da wir gemeinsam zu einem Baseballspiel gehen wollten. Ich hatte die Karten umsonst bekommen. Der Vorteil, wenn man Versicherungsvertreter ist...“

      Mit dem Bleistift herumfuchtelnd stellte der Agent dazwischen die nächste wichtige Frage. „Wer spielte gegen wen? Und haben Sie noch weitere Karten?“

      „Äh, nein. Keine Karten mehr und es spielten Boston Red Sox gegen Baltimore Orioles,“ antwortete der Verdächtige etwas verwirrt von dem Zwischenruf, um dann wieder auf wütend zu schalten. „Da hab ich ihn gesehen. Er hat meiner Tochter aufgelauert und sie begrapscht. Und das wohl nicht zum ersten Mal. Eine Bedrohung sag ich Ihnen, eine...“

      „Schon gut,“ unterbrach DiNozzo wieder sich selbst und den Verdächtigen beruhigend. Verdammt. Keine Karten, die er hätte abstauben können. Aber der Fall ist jetzt wichtiger. „Woher wussten Sie, wo Sie ihn finden konnten?“

      „Es war nicht schwer, herauszufinden, wer er war und wo er arbeitete,“ bereitwillig erzählte Rotgold ruhiger weiter. „So lauerte ich ihm auf und folgte ihm bis zu der Bar. Ich wartete draußen, während er ins Tropicana ging. Als ich mich entschloss, ihm zu folgen, kam er aus dem Nebeneingang in der Gasse.“

      Ein interessantes Detail, stellte Tony fest. „Der PO ist in die Bar Tropicana gegangen?“

      „Ja.“ Der Versicherungsvertreter nickte heftig.

      „Wie lange war er da drin?“, fragte der junge Ermittler weiter und machte im Notizbuch einen Vermerk.

      Kurz sah Spencer auf seine Uhr als könne er es dort ablesen. „Ungefähr 40 oder 45 Minuten.“

      „Und dann haben Sie ihn sofort verdroschen,“ brachte der Agent seinen Verdächtigen wieder auf das Thema zurück.

      Ein Kopfschütteln antwortete. „Ich hab ihm gesagt, das meine Amanda tabu ist. Er grinste nur unverschämt. Erst da habe ich meinen Colt
      gezogen.“

      Nickend bestätigte DiNozzo, das er den Hinweis verstanden hatte. „Hat er nach Ihrem Kampf etwas gesagt?“

      „Nun,“ geistig noch nicht ganz fertig mit seiner Boxniederlage überlegte der Versicherungsvertreter laut. „So, wo Sie fragen.. nun, er hat an mir vorbeigeschaut... und … also, als er sagte, ich solle verschwinden, klang das eher.. nun ja, … besorgt.“

      Hellhörig geworden schaute der Agent noch aufmerksamer den Mann vor sich an. Ducky hatte ja gesagt, das die letzten Verletzungen kurz vor dem tödlichen Schuss entstanden waren. „Als Sie die Gasse verließen, haben Sie da etwas gesehen? Irgend jemanden?“

      Nachdenklich fummelte der Ältere an seiner Uhr herum. „Da war ein Auto. Mmmh....So ein schwarzer SUV. Er hielt direkt vor der Gasse. Ich musste an ihm vorbei laufen, so knapp hat der gehalten.“

      „Konnten Sie in das Fahrzeug sehen?“, fragte DiNozzo mit möglichst neutraler Stimme. Aufregung hatte ihn erfasst, tat sich hier doch eine bedeutende Spur auf.

      Rotgold nickte ganz in Gedanken. Er schien das Bild direkt vor dem inneren Auge zu haben. „Zwei Männer mit militärischen Haarschnitt. Aber sie trugen anthrazitfarbene Anzüge. Keine Markenartikel. Eher billige Stangenware. Nur die Krawatte des Beifahrers war aus der Winterkollektion von Bryonni. Veilchenblau mit moosgrünen Streifen.“

      „120,00 $ das Stück,“ konnte Tony sich nicht zurückhalten zu erwähnen Sehnsuchtsvollem Blick.

      „Jetzt im Ausverkauf bei Lackersfield die Hälfte,“ bekam der Agent da zu hören.

      „Wirklich? Auch den Roten mit den Orangen Streifen?“ In den hatte Tony sich sofort verliebt. Der würde wunderbar zu seinem Rostbraunen Sakko passen, der seit 2 Jahren unbenutzt in seinem Schrank hing. Ihm fehlte einfach die richtige Krawatte dazu.

      „Ja,“ aus den Gedanken auftauchend meinte der Vertreter wissend. „Aber das Angebot gilt erst seit Gestern und ist auf 3 Tage begrenzt.“

      „Gut zu wissen,“ meinte der Ermittler und machte sich eine Notiz. Das Ding würde er sich noch in der Mittagspause besorgen. So langsam wurde der Kerl ihm sympathisch. Jetzt aber wieder zum Fall zurück. „Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen? Könnten Sie die Männer wieder erkennen?“

      „Also den Fahrer nicht,“ resümierte Rotgold langsam. „Aber den Beifahrer. Der hatte eine Narbe quer über sein linkes Auge und er war dunkelhäutig mit blauen Augen. Sehr seltsame Mischung, wissen Sie.“

      Der Agent nickte neutral lächelnd. „Würden Sie mit einem unserer Zeichner eine Phantomzeichnung hinkriegen?“

      „Sicher.“

      „Und könnten Sie Ihre Tochter Amanda herbestellen?“ Schon im aufstehen stellte der SFA diese Frage.

      Aber damit war Spencer Rotgold gar nicht einverstanden. „Wieso das denn?“

      Belehrend erklärte Anthony DiNozzo: „Ich brauche auch ihre Aussage zu den Vorfällen beim Supermarkt. Reine Routine!“



      Kapitel 38

      Was jetzt?

      00:35 Stunden nach Stunde 0

      Gibbs stürmte förmlich in die provisorische Zentrale der Feuerwehr. Er griff den Firechief an den Schultern und drehte ihn herum. „Sie leben!“, war alles, was er im Moment sagen konnte. Die Tränenspuren waren auf seinem Gesicht noch zu sehen, aber es interessierte den Chefermittler nicht.

      Zu überrascht, um taktvoll zu sein, fragte der Einsatzleiter direkt: „Wie das?“

      Mit einem stolzen Lächeln antwortete der Speziell Agent sich aufrichtend: „McGee hat den Abfluss in der Grube freigelegt. So konnte das Wasser abfließen. Inzwischen kommt kein Neues nach. Aber sie müssen da schnell raus. Durch ihre nasse Kleidung wird die Kälte dieser Nacht drei mal so schlimm.“

      Es war zwar Frühjahr, aber die Nächte waren noch kalt. In dieser Nacht 12 Grad hier draußen. In der Grube dürften es noch ein paar Grad weniger sein.

      Immer noch staunend nickte der Feuerwehrmann anerkennend dem Chefermittler zu. „Gute Männer!“

      Und dann bellte Launtrie sofort Befehle. Ihm als erfahrenen Einsatzleiter war klar, das die Verunglückten nur noch wenig Zeit hatten. Sie waren nass, die Kleidung durch den nassen Dreck verseucht und damit auch offene Wunden. Sicher waren sie müde. Schließlich ließ das Adrenalin nach und die bisherigen Anstrengungen waren groß. Supermanmäßiggroß.

      „Agent Gibbs,“ wandte er sich deshalb eindringlich wieder an den NCIS Mann. „Ihre Leute müssen unbedingt wach bleiben.“

      Der Marine begriff sofort. Schließlich hatte er schon einige Situationen erlebt, in denen Leute eingeschlafen und nie mehr erwacht waren. Allerdings war nie jemand von seinen eigenen Leuten in Gefahr gewesen. Immer nur Fremde.

      Ohne ein Wort zu verlieren ging er zurück zu seinen Kollegen auf der Mauer.

      -----------

      Die Forensikerin hatte inzwischen ihre Sprache wieder gefunden, das Handy übernommen und redete ohne Punkt und Komma vor sich hin.

      Als Ducky seinen Freund sah, kam er ihm entgegen.

      „Was hast Du erfahren?“, fragte der, denn er hatte das besorgte Gesicht seines alten Freundes gesehen.

      „Timothy geht es einigermaßen, aber er ist erschöpft,“ berichtete der Coroner so gleich. „Sorgen mache ich mir um Anthony. Er liegt eingeklemmt, hat vermutlich reichlich Schmerzen. Und er war mehrere Minuten vollständig von Wasser bedeckt. Timothy hat ihn durch Mund zu Mund Beatmung am Leben erhalten. Aber dennoch hat er Wasser in die Lungen bekommen. Wenn die Lungenflügel nicht in einer bestimmten Zeit behandelt wird, führt dieser Zustand zum Ertrinken. Die Lungen werden kollabieren.“

      „Ertrinken?“, erstaunt fragte Gibbs nach. „Er ist nicht mehr unter Wasser.“

      „Ja, das ist richtig. Aber das Wasser in den Lungenflügeln wird nicht abtransportiert und reagiert auf den Sauerstoff,“ erklärte der Mediziner geduldig. „Wird diesen Prozess nicht aufgehalten, füllt der durch die Reaktion entstehende Schaum die ganze Lunge und Anthony erstickt daran.“

      Unsicher fragte der Grauhaarige weiter: „McGee kann da nicht helfen?“

      „Anthony müsste sich auf den Bauch legen, damit das Wasser herauslaufen oder er es ausspucken kann. Diese Maßnahme ergäbe einen gewissen zeitlichen Aufschub.“ Resigniert hob Dr. Mallard kurz die Arme und ließ sie dann wieder sinken. „Aber Anthony ist so eingeklemmt, dass er sich nicht rühren geschweige den auf den Bauch drehen kann.“

      „Ducky,“ leise sprach Gibbs aus, was Beide wussten. „Sie werden noch etliche Stunden brauchen, um sie da raus zu holen.“

      ---------

      Lächelnd hörte Tim der Labormaus zu. Eigentlich redete Abby total wirres Zeug, wechselte sprunghaft das Thema, aber ihre Stimme tat so gut. Er drehte den Kopf, um seinen Wahlbruder zu sagen, was er davon hält, als er erschrocken feststellt, das DiNozzos Augen geschlossen waren.

      „He, Tony, nicht schlafen.“ Mit dem Handy in der Hand knuffte er seinen Kollegen in die Schulter. „Du musst wach bleiben.“

      Am anderen Ende der Leitung bekam die Forensikerin den Ausruf mit und sofort rief sie laut nach ihrem Tiger. Ein weiterer angsterfüllter Schrei und der SFA regte sich wieder.

      „Was soll das, McNerv,“ nuschelte er leise und machte ein Auge nur einen Spaltbreit auf.

      „Du darfst nicht schlafen,“ rief McGee erleichtert, aber auch vorwurfsvoll.

      Auch Abby gab ihren Senf dazu: „Genau, mein Tiger. Denk an das, was Ducky gesagt hat. Also Augen auf. Mach mir bloß nicht wieder solche Angst.“

      „Du hast Angst um ….mich, Fledermaus?“, fragte DiNozzo amüsiert zurück. Unter seinen Augen waren dunkle Ringe in den letzten Stunden entstanden und nach dieser Sache schienen sie Zentimeter weit in den Augenhöhlen eingesunken zu sein. Er baute zusehends ab.

      Was McGee mit Besorgnis wahrnahm. Lange würde sein großer Bruder nicht mehr durchhalten.

      „Klar,“ kam es ernst aus dem Apparat. „Ich liebe Dich doch, Tony. Weißt Du das denn nicht?“

      Kurze Stille, in der der so Gelobte jetzt ganz wach, seinen Kollegen einen triumphierenden Blick zu warf und breit grinste. Wehrendessen starrte Tim gespielt missmutig das Handy an.

      „Ich meine, äh, also, ich liebe Dich, Tony, außer frage. Aber ich liebe Dich als Freund. Ich meine, als lieben Freund, ich meine nicht, als so einen Freund, den man mit ins Bett nimmt. Obwohl das wäre sicher reizvoll. Du hast einen süßen Hintern und so. Aber meine Vorstellung von Männern, mit denen ich Sex habe, ist doch anders.“

      „Du schläfst lieber ...mit unserem Bambino,“ erklang DiNozzos scheinbar ernste Stimme. Dabei sah er seinen Kollegen durchdringend an. „Dabei hättest Du ….mit mir mehr Spaß im Bett.“

      „Oh, Du unterschätzt unseren Elfenkönig,“ erklang es ebenfalls gekünstelt ernst aus dem Fon. Abby kannte ihren Tiger lange genug, um den Spaß zu erkennen und natürlich stieg sie sofort darauf ein. Innerlich musste sie lachen, da sie sich McGees rote Wangen gut vorstellen konnte. „Er hat mich sehr glücklich gemacht. Aber leider will er ja unbedingt in einem Bett dazu liegen statt meines Sarges. So was altmodisches. Würdest Du denn in einem Sarg schlafen?“

      „Mmmh. Ich stehe auf dem ….Standpunkt, das man alles ...ausprobieren muss, ...um zu wissen, ...ob man es mag ...oder nicht.“

      „Das ist die richtige Einstellung.“ Fröhlich begann die Forensikerin ihren Freund über Liebespraktiken auszufragen. Dabei erzählte sie auch, was sie noch gerne machen würde und erfuhr erstaunt, das der Womanzier da schon so manche Erfahrung hatte.

      Ducky und Jethro hoben ab und zu eine Augenbraue und sahen sich überrascht, schockiert und amüsiert an. Je nach dem, welches Thema gerade besprochen wurde.

      Sie mischten sich nicht ein, denn so lange DiNozzo antwortete, war er wach. Nur das zählte jetzt wirklich.

      Ab und zu ließ der Mediziner von McGee bei Tony den Puls überprüfen. Die Ergebnisse und Beschreibungen des Zustandes von Beiden ließ den erfahrenden Senior Agent und den Doktor besorgte Blicke tauschen.

      Gibbs hatte dabei eine unruhige Wanderung begonnen. Es dauerte alles so verdammt lange, obwohl sie kräftige Unterstützung erhalten hatten.

      Trotzdem schien jeder Meter Ewigkeiten zu brauchen. Das Bangen um die Freunde, besonders um seinen SFA, zerrte gewaltig an den Nerven.


      Kapitel 39

      Lagerbestände

      41:52 Stunden vor Stunde 0

      Der Lagerverwalter Sergeant Tempelton Barakkus, ein Schwarzer mit einer Narbe über den blauen Augen, führt die NCIS Agents zum Lager Alpha Romeo 51. „Meine Männer sind dabei, eine Inventur durchzuführen. Dabei wird jede Kiste geöffnet und der Inhalt überprüft. Seien Sie versichert, das uns nichts entgehen wird. Aber die vorhandenen Lagerbestände stimmen. Hier wird nicht geklaut.“

      „Danke, Sergeant,“ nickt Gibbs ebenfalls im militärischen Tonfall des Gunnys, der er einst war. „Wir würden uns gerne diese Lagerplätze ansehen.“ Dabei reicht er dem Soldaten eine Kopie des Zettels mit den Koordinaten.

      Kurz schaut sich Barakkus das Blatt an. „Geht klar,“ gibt er ohne jedes Zögern von sich und marschiert durch eine Tür in einem geschlossenen Tor der riesigen Lagerhalle. Drinnen wendet der Soldat sich nach links und führt seine Begleiter durch ein Gewirr von Gängen voll mit Kisten. An den Regalen waren Zahlen geschrieben und auch die Holzkisten trugen Aufschriften, die zusammen ähnliche Zahlenreihen wie auf dem Zettel ergaben.

      Dorneget hatte schon nach dem achten Richtungswechsel die Orientierung verloren. Ihm wurde bewusst, das er alleine nie wieder aus dieser Halle raus finden würde. Dieses Wissen hinterließ bei ihm ein mulmiges Gefühl. Aber anmerken lassen wollte er es sich nicht.

      Der Chefermittler hingegen fuhr mit der Befragung fort, als hätte er die Unsicherheiten seines Agents nicht bemerkt. „Ihnen ist also nicht bekannt, das defekte MR556A1 Maschinengewehre aus Afghanistan aus dem Lager verschwunden sind?“

      „Nein, Sir!“

      „Wer hat Zugang?“

      „Meine Leute, Sir. Aber den Schlüssel zum Lager haben nur ich und Sergeant John Smith Jr.. Wir öffnen die Tür bei bedarf.“

      „Die Tür, durch die wir hier herein kamen, war offen. Ist das immer so?“

      „Nein, Sir. Für gewöhnlich ist sie abgeschlossen. Ich habe sie heute Morgen um 0600 geöffnet, damit wir die Inventur machen können. Zur Zeit befinden sich im Lager 20 Soldaten für diese Aufgabe.“

      „Wenn Sie die Tür öffnen, bleiben Sie dann hier und kontrollieren den Ein- und Ausgang?“

      Der Sergeant blieb vor einem Regal stehen und wandte sich Haltung annehmend den Agents zu. „Nein, Sir. Da Fremdpersonen nur mit meinen Untergebenen das Lager betreten, halte ich eine derartige Überwachung nicht für nötig. Und meinen Leuten vertraue ich mein Leben an, wenn es notwendig ist.“

      „Verstehe,“ nickt Gibbs dem Mann zu und sieht sich das Regal an. „Wo ist die Kiste mit der Bezeichnung vom Zettel?“

      „Hier.“ Der Offizier deutet auf eine Kiste am Boden.

      Es ist genug Platz in dem Regal vorhanden, das sie den Deckel mit dem mitgebrachten Stemmeisen aufhebeln können. Agent Dorneget und der Soldat heben die Holzplatte an.

      „Verdammt,“ ruft Barakkus aus.

      In der Kiste befindet sich kein Maschinengewehr. Nur Holzwolle.

      „Lassen Sie von Ihren Leuten die Kisten auf dieser Liste überprüfen,“ gibt der Marine AD den Befehl.

      Der Sergeant nickt mit betroffenem Gesicht.

      „Haben Sie eine Liste mit den Personen, die in den letzten 6 Monaten hier rein durften?“, fragt Dorneget nun. Schließlich muss er ja auch mal was zu den Ermittlungen beitragen.

      „Natürlich,“ gibt der Soldat an. „Jeder muss im Büro unterschreiben, wenn er hier rein will. Das ist dokumentiert. Ich kann Ihnen die Daten vom Computer auf einen Stick ziehen.“

      „Ich hätte auch gerne Kopien der unterschriebenen Papiere,“ wirft der Chefermittler noch ein. „Und jeder Ihrer Leute soll aufschreiben, was er die letzte Woche gemacht hat. Agent Dorneget bleibt bei Ihnen und wird die Aussagen und Papiere entgegen nehmen.“

      Damit drehte sich der Silberhaarige um und will die Halle verlassen, wurde aber von Dorneget aufgehalten.

      „Agent Gibbs. Wo wollen Sie... wo kann ich Sie finden, wenn ich fertig bin?“

      Mit einem amüsierten Funkeln in den Augen wegen des Versprechers gibt der Senior Agent tatsächlich eine Auskunft. „Beim Colonel.“

      Keine 10 Minuten später saß der Chefermittler im Büro von Colonel McWire.

      Leicht verärgert sieht dieser den Agent an, der einfach ein Telefonat unterbricht und sich hier so unverschämt herein drängelt.

      „Ich habe Ihren Agent doch schon alles gesagt. Und meine Tochter war auch schon bei Ihnen. Also was wollen Sie noch?“

      „Sie sind für die Ausrüstungsgegenstände, die aus Afghanistan zurückkommen, zuständig?“, fragt Gibbs unbeirrt seinen Gegenüber und beobachtet ihn genau.

      „Ja. Und?“

      „Ich durfte soeben feststellen, das Ihnen einige MR556A1 abhanden gekommen sind, Colonel.“

      Überrascht hebt McWire eine Augenbraue. Um Zeit zum Verdauen der Neuigkeit zu haben, stellt der Angesprochene eine Frage. „Ich dachte, Sie ermitteln im Mordfall des PO Harway?“

      „Korrekt,“ bestätigte der Silberfuchs ruhig sich des Manövers bewusst. „Er hatte einen Zettel bei sich, auf dem die Lagerpositionen der Kisten standen, die nun leer sind.“

      „Der Mistkerl hat mich beklaut?“ Jetzt wütend werdend schlägt der ranghohe Offizier mit der flachen Hand auf den Tisch. „Das ist jawohl die Höhe!“

      „Eher aufgedeckt,“ korrigiert der Ermittler, was ihm einen irritierten Blick einbringt. „Um Eindruck bei Ihnen zu schinden, wollte er im
      Alleingang den Diebstahl aufklären.“

      Dunkel knurrend schaut der Soldat finster den Grauhaarigen an. Erinnert ihn der Hinweis doch daran, was seine Tochter hinter seinem Rücken schon gemacht hat.

      Ungerührt fährt Gibbs fort. „Die Frage ist nun, ob Sie damit etwas zu tun haben?“

      „Ich?“, doch überrascht und zugleich empört lehnt sich McWire in seinem Stuhl zurück. „Sie unterstellen mir, Maschinengewehre zu klauen?“
      Seine Stimme zittert leicht vor unterdrückter Wut. „Ich bin ein Soldat durch und durch. Es bedeutet mir sehr viel, meinem Land zu dienen. Niemals würde ich Waffen entwenden und meine Ehre oder die meiner Vorfahren beschmutzen.“

      Der Senior Agent weiß über die militärische Familie McWire´s Bescheid. Dieser Mann dient in der fünften Generation und ihm wurde schon früh eingebläut, was Ehre ist.

      „Dann helfen Sie mir, die Soldaten zu finden, die ihr Gehalt lieber mit Waffenverkäufen aufbessern und dabei auch vor Mord nicht zurückschrecken.“

      „Sehr gern,“ knirscht McWire mit geballter Faust. Das einer seiner Untergebenen bei so einer Schweinerei mitmacht, schrie geradezu danach, ihn Dingfest zu machen. „Was brauchen Sie?“

      Beiden ist klar, hier in Quantico wird auch eine Untersuchung eingeleitet. Eine nicht ganz offizielle. Schließlich kann der Colonel die Beschuldigungen nicht auf sich sitzen lassen. Er muss die Situation wieder unter Kontrolle bringen und die Schuldigen am Besten vor den NCIS Cops finden.

      Der Chefermittler kennt solche Kanthölzer zur genüge und verschwendet deshalb kein Wort mit einer Warnung. Statt dessen bespricht er kurz, was er für die weiteren Ermittlungen braucht. Dabei lässt er ein paar Brotkrumen fallen, die den Offizier in die falsche Richtung werden laufen lassen. Aber wer weiß schon, was dabei herauskommt?
      Live Long and prosper
      Ute
      :thumbup:

      Dieser Beitrag wurde bereits 12 mal editiert, zuletzt von „ziva-ute“ () aus folgendem Grund: Kapitel 39 am 27.6.16