Nur ein Augenblick (NCIS), Thread 12, abgeschlossen

      Nur ein Augenblick (NCIS), Thread 12, abgeschlossen

      Vor dem Jahreswechsel also schnell noch ein Threadwechsel. :D Ihr seid ja inzwischen geübt darin, nehme ich an und ich muss nicht mehr fürchten, jemanden auf dem Weg hierher zu verlieren. Trotzdem werde ich natürlich überall "Wegweiser" aufstellen. Ihr findet sie gleich neben den großen Tafeln, auf denen DANKE steht. Danke für eure Treue, eure Kommentare und Hinweise und euer Durchhaltevermögen. ;) Und danke an Vicky, die so viel ihrer Zeit für mich opfert.

      Hier gehts zum ersten Thread: Nur ein Augenblick
      Und nun viel Spaß mit der Fortsetzung!

      Colonial Village, Dienstag 21.02 Uhr

      Während Gibbs es mehr oder weniger erfolgreich schafft, Susan aus seinen Gedanken zu verdrängen, drehen sich die der Journalistin seit Stunden immer wieder um ihn.
      Nach der überhasteten Flucht in ihr Zimmer hat sie sich mit einem Kissen im Arm auf das Bett gekauert und bemüht sich seitdem, die Ereignisse des vergangenen Abends rational zu durchdenken. Von Yasmins Zweifeln verunsichert, landet sie unweigerlich bei der Frage, wie Jethro das Vorgefallene beurteilt hätte. Hätte der Mann eine Verbindung zwischen dem Reitunfall und ihren Recherchen über die Grube gesehen?
      Mit ziemlicher Sicherheit lautet die Antwort darauf ja. Ein Gedanke, der nicht eben zu ihrer Beruhigung beiträgt.
      Sollte sie vielleicht doch mit den Beamten der Met Police sprechen? Aber was könnte sie ihnen schon sagen? Glaube niemals an Zufälle? Das ist wohl kaum sehr überzeugend. Zumal man im Wald sicher keinerlei Spuren finden würde, die ihren Verdacht bestätigen. Sie wüsste ja nicht mal, wo man danach suchen sollte.
      Nein, es ist wohl besser, sie hält der Polizei gegenüber vorerst weiterhin den Mund.
      Bleibt die Frage, wie sie selbst mit der Möglichkeit umgeht, dass die Schüsse ihr galten. Um herauszufinden, was Gibbs ihr dazu raten würde, muss sie nicht lange überlegen. Er würde sie nach Hause beordern. Sofort.
      Ihre Freundin ausgerechnet jetzt allein zu lassen, erscheint Susan allerdings ausgesprochen herzlos. Streit hin oder her, sollte diese ganze Geschichte für Yasmin so drastische Konsequenzen haben, wie die Frau befürchtet, wird sie jegliche Unterstützung brauchen, die sie bekommen kann. Und seien es nur ein paar Hände mehr, die auf dem Hof mit zupacken können. Was soll sie also tun? Abreisen und hoffen, das alles wird für Yasmin nicht damit enden, dass sie den Reiterhof aufgeben muss? Oder bleiben, um ihrer Freundin zur Seite zu stehen - und sich dadurch womöglich selbst in Gefahr bringen? Denn wenn sie mit ihrem Verdacht richtig liegt, wäre dann nicht damit zu rechnen, dass der Täter einen weiteren Anschlag auf sie verüben wird?
      Fröstelnd zieht Susan die dünne Bettdecke um sich. Wie soll sie in Zukunft überhaupt mit den Leuten aus dem Ort umgehen, wenn sie in jedem von ihnen einen potentiellen Mörder sieht, der es auf ihr Leben abgesehen hat? Sie kann sich doch nicht für den Rest ihres Aufenthaltes auf dem Hof in ihrem Zimmer verkriechen!
      Ein Klopfen an die Tür unterbricht den Gedankengang der Blondine und sie streift mit einem Seufzen die Decke ab und rutscht, etwas schwerfällig wegen ihrer Blessuren, an die Bettkante.
      „Komm rein!“, ruft sie, in der Annahme, ihre Freundin würde nach ihr sehen.
      Doch nicht die Besitzerin des Reiterhofes betritt kurz darauf den Raum. Der unerwartete Besucher ist Derek Meech.
      „Hey!“, begrüßt er die Frau mit einem Lächeln, das zu klein ist, um seine Augen zu erreichen, und schließt die Tür hinter sich. Seine Bewegungen wirken müde und lassen die Energie vermissen, die er sonst ausstrahlt. „Yasmin hat mich reingelassen. Ich weiß es ist spät, aber ich wollte wenigstens ...“
      „Nein!“, unterbricht Susan ihn gehetzt. Schon während er sprach, ist sie hastig aufgestanden. Jetzt streckt sie abwehrend die Hand aus. „Bleib da stehen, in Ordnung?!“
      Zögernd folgt der Veterinär ihrer Aufforderung.
      „Was ist denn los? Geht’s dir nicht gut?“, erkundigt er sich besorgt. „Du siehst aus, als hättest Du letzte Nacht keine Minute Ruhe gefunden.“
      „Es geht mir bestens. Komm einfach nur nicht her!“
      „Okay ...“
      Sie lässt die noch immer ausgestreckte Hand sinken, und während sie sich selbst zunehmend lächerlich fühlt, sieht sie, wie die Erkenntnis, was ihr Verhalten zu bedeuten hat, in Meech reift.
      „Hast Du Angst vor mir?“
      Ohne die geringste Idee, was sie ihm sagen könnte, starrt Susan den Mann nur wortlos an. Die Fassungslosigkeit über diese unverhoffte Entwicklung steht ihm ins Gesicht geschrieben.
      „Okay ... okay ...“ Tief durchatmend sucht er nach Worten. „Wahrscheinlich stehst Du noch unter Schock wegen dem, was gestern passiert ist. Für jemanden, der schon vor einem Opossum erschrickt, dürfte die Vorstellung, die Nacht im Wald verbringen zu müssen, vermutlich ziemlich beängstigend sein. Allerdings hatte ich gehofft, wir wären inzwischen darüber hinaus, dass Du denkst, ich würde nur deshalb Deine Nähe suchen, weil ich auf eine günstige Gelegenheit warte, um Dir etwas Schreckliches anzutun.“
      Sie hört seine Enttäuschung und beißt sich auf die Lippen. Was, wenn sie ihm gerade gewaltig Unrecht tut? Hat er nicht längst bewiesen, dass sie ihm vertrauen kann? Zwei Mal war er allein mit ihr in einer Situation, in der es ein Leichtes für ihn gewesen wäre ihr etwas zuleide zu tun, wenn er es gewollt hätte. Stattdessen hat er sie beide Male wohlbehalten nach Hause gebracht. Sollte das nicht als Beweis genügen? Oder sieht sie wieder einmal nur das, was sie sehen will?
      Offenbar zunehmend ratlos, versucht Meech ihr wechselndes Mienenspiel zu deuten.
      „Mir ist klar, dass wir uns noch nicht besonders lange kennen“, nimmt er schließlich einen neuen Anlauf. „Und vermutlich weißt Du wegen Deiner Recherchen für diesen Artikel damals wesentlich mehr über mich, als ich über Dich. Wenn es da irgendetwas gibt ... das Dich erschreckt hat oder Dir Sorgen macht, dann sag es mir! Lass mich Dir zeigen, dass Du keinen Grund hast, Dich vor mir zu fürchten! Bitte!“
      Als wolle er beweisen, dass er nichts vor ihr verbirgt, breitet er beide Hände aus.
      Sein sanftes Drängen lässt die Frau unsicher den Blick abwenden. Alles in ihr schreit danach, seinen Worten zu glauben. Wenn sie doch nur wüsste, ob sie ihrem Urteilsvermögen trauen kann!
      Wie wär's mit einem Testballon, Susan? Du musst dich ihm ja nicht gleich mit Haut und Haaren ausliefern.
      Zögernd blickt sie den noch immer mitten im Raum stehenden Mann wieder an. Das stumme Flehen in seinen Augen gibt schließlich den Ausschlag.
      „Diese Schüsse im Wald, die Arabella zum Scheuen gebracht haben ... ich glaube, die galten mir.“
      Dieses Mal begreift er schneller. Sie sieht, wie er heftig schluckt.
      „Das traust Du mir zu?! Auf Dich zu schießen? Warum zum Teufel sollte ich das tun?!“
      „Warum sollte jemand Henry die Treppe hinunterstoßen?!“
      Meech zuckt zurück, als hätte sie ihn mitten ins Gesicht geschlagen.
      „Das ist nicht Dein Ernst! Du denkst, ich hätte Henry ermordet? Und jetzt bin ich hier ... um was? Dich mit bloßen Händen zu erwürgen? Während Yasmin unten das Dinner vorbereitet?“
      „Himmel, ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll! Verstehst Du das denn nicht?!“
      Sie wollte nicht laut werden. Und weinen wollte sie erst recht nicht. Aber nun hat sie ihn doch angeschrien und gegen die Tränen der Hilflosigkeit, die sich in ihren Augen sammeln, kann sie auch nichts tun.
      „Susan ...“
      Ihr heftiges Kopfschütteln hält ihn auf, noch ehe er zwei Schritte gemacht hat. Es sieht aus, als müsse er sich gewaltsam zwingen, stehenzubleiben.
      „Na schön ... schön. Dann ... sag mir doch, weshalb ich gestern Abend nicht zu Ende gebracht habe, was ich Deiner Meinung nach ja offensichtlich im ersten Anlauf verpfuscht habe!“ Auch der Veterinär hat inzwischen seine Stimme erhoben. Mit einer fahrigen Handbewegung weist er in Richtung des Rock Creek Parks. „Warum habe ich Dich nicht einfach umgebracht und dann irgendwo verscharrt, als ich Dich da draußen gefunden habe? Ich kenne den Wald. Dort gibt es dutzende Stellen, an denen man Dich nicht so schnell entdeckt hätte. Wieso habe ich das nicht getan, hm?! Was meinst Du?“
      „Hör auf!“
      Als wäre ihm erst jetzt bewusst worden, was er gesagt hat, stößt Meech den Atem aus und fährt sich mit der Hand über das Gesicht.
      „Entschuldige! Das war ...“ Er lacht freudlos auf. „Ich werde nicht gerade jeden Tag des Mordes beschuldigt. Da reagiert man schon mal ... unpassend. Wahrscheinlich sollte ich gehen. Es ist nur so, dass ... Du bist mir wichtig und ich will nicht, dass das hier so zwischen uns stehen bleibt. Und ...“, sein Blick fängt den ihren ein, „ich will auch nicht, dass Du Angst haben musst. Schon gar nicht vor mir“, setzt er leise hinzu. „Kann ich ... wirklich nichts dagegen tun?“
      Die dunklen Augen des Mannes mustern sie voll Mitgefühl, und als er dieses Mal zögernd einen Schritt nähertritt, weist Susan ihn nicht zurück. Mehr denn je sehnt sie sich nach jemandem, der sie einfach nur hält und ihr das Gefühl gibt, das alles nicht allein durchstehen zu müssen.
      Ohne sie aus den Augen zu lassen, kommt Derek zu ihr herüber und zieht sie schließlich behutsam an sich.
      „So ist es viel besser“, murmelt er und streicht ihr sanft übers Haar. „Und jetzt entspann Dich und erzähl mir, wie Du darauf kommst, jemand hätte auf Dich geschossen!“
      Derart fürsorglich umsorgt, erscheint der Frau ihre vorherige Reaktion zunehmend absurd. Trotzdem wählt sie ihre Worte mit Bedacht.
      „Ich bin ziemlich sicher, dass Henrys Tod nicht die Folge eines Unfalls war.“
      „Das hast Du ja deutlich gesagt.“ Der Mann hebt den Kopf und sucht ihren Blick. „Du glaubst doch nicht tatsächlich, ich hätte ihn die Treppe hinuntergestoßen?“
      Einen Moment zögert Susan, dann beschließt sie es sattzuhaben, an ihrem Urteilsvermögen zu zweifeln.
      „Nein“, entgegnet sie sicher und sieht zu Derek auf, „im Grunde habe ich das nie geglaubt. Auch nicht, dass Du auf mich geschossen hast. Aber ... seit dieser Geschichte gestern Abend ... Ich habe förmlich Angst vor meinem eigenen Schatten. Tut mir leid.“
      Beruhigend streichelt er ihren Rücken.
      „Schon gut. Aber was hat Henry denn damit zu tun?“
      „Ich glaube, er hat etwas über die Grube herausgefunden und wurde deshalb ermordet. Und ich war schließlich in den letzten Tagen dauernd mit ihm zusammen. Der Täter könnte denken, Henry hat sein Wissen mit mir geteilt. Yasmin hatte zwar tausend Argumente, die dagegen sprechen, aber ich komme einfach nicht davon los. Findest Du auch, dass es verrückt klingt?“
      „Nicht verrückter als die anderen Storys, die in Colonial Village umgehen. Hast Du denn irgendjemanden im Wald gesehen?“
      „Darauf habe ich in diesem Moment gar nicht geachtet. Ich war nur froh, noch halbwegs in einem Stück zu sein. Der Gedanke mit den Schüssen kam mir erst letzte Nacht.“
      „Deshalb siehst Du also so unausgeschlafen aus. Ich dachte schon, Du hättest Schmerzen.“
      „Nichts, was nicht auszuhalten wäre.“
      „Gut.“
      Liebevoll streicht der Mann ihr eine verirrte Strähne ihres blonden Haares aus dem Gesicht. Die Zärtlichkeit, die in dieser Geste liegt, veranlasst Susan sich aus der Umarmung zu lösen und ans Fenster zu treten. Mit dem Rücken gegen die Fensterbank gelehnt, sieht sie Meech fragend an.
      „Du hast mir noch gar nicht gesagt, was Du von meinen Gedanken hältst.“
      Er hat sich zu ihr umgedreht und zuckt leicht die Schultern.
      „Du bist jedenfalls nicht die Einzige, die glaubt, dass Henrys Tod kein Unfall war. Die Polizei geht inzwischen auch davon aus.“
      „Woher weißt Du das?“
      Meech schmunzelt ob der Skepsis in ihrer Stimme.
      „Nicht aus der allgemeinen Gerüchteküche, falls Du das annimmst. Ein Detective der Met Police war bei mir, um noch ein paar Fragen nach Henry zu stellen und hat es dabei erwähnt.“ Unvermittelt wird er wieder ernst. „Hast Du mit der Polizei über Deinen Verdacht gesprochen?“
      „Noch nicht. - Du denkst also, ich könnte Recht haben?“
      „In der Grube wurde ein Armband gefunden, wusstest Du das?“
      „Ja. Colbert hat es mir gezeigt, aber ich hatte es noch nie gesehen“, gibt sie zurück, überrascht durch den plötzlichen Themenwechsel.
      „Molloy haben sie es auch gezeigt. Er sagt, es gehörte Tracy. Sie hat es immer getragen. Auch am Tag ihres Verschwindens, da ist Molloy ganz sicher.“
      Die Frau benötigt einen Augenblick, um diese neuen Informationen zu verdauen.
      „Du meinst ...“
      „Ich meine, Du solltest mit der Polizei sprechen. Und zwar bald.“

      Colonial Village, Dienstag zur gleichen Zeit

      Nicht nur auf dem Reiterhof, auch im „Irish Man“ sind Henry Kilmers Tod und die polizeilichen Ermittlungen dazu Gesprächsthema. Wie immer wenn etwas die Gemüter der Leute besonders bewegt, ist der Pub gut besucht und Molloy muss seine Angestellte mehr als einmal drängen, die Gäste nicht so lange auf das bestellte Essen warten zu lassen.
      „Weiß Rebecca eigentlich, dass sie es nur Deiner Gutmütigkeit zu verdanken hat, dass sie noch nicht gefeuert wurde?“, erkundigt sich Don Brody bei dem Wirt, nachdem er endlich die bestellten Sandwiches vor sich und einen Platz an der Theke erobert hat.
      „Gutmütigkeit? Quatsch“, brummt der Mann mit dem grauen Pferdeschwanz, während er ein frisches Bier für den anderen zapft. „Als Unternehmer kann man sich so was wie Gutmütigkeit nicht leisten. Wenn ich jemanden finden würde, der für ihren Hungerlohn arbeitet, hätte ich sie schon längst vor die Tür gesetzt.“
      „Aber sicher doch, alter Knabe!“
      Mit einem Grinsen beißt Brody von seinem Sandwich ab. Hingebungsvoll kaut er auf dem Bissen herum und will schon ein zweites Mal abbeißen, als er plötzlich innehält und seine Hand sinken lässt.
      „Hast Du gehört, dass sie in der Grube ein Armband gefunden haben? Irgendwer hat erzählt, es soll Tracy gehören.“
      „Es ist tatsächlich ihres“, bestätigt Molloy. „Ich habe es selbst gesehen. Die Cops wollten wissen, ob ich es kenne“, erklärt er auf den fragenden Blick des Rothaarigen hin.
      „Dann ... wird sie es wohl irgendwann mal verloren haben“, meint Don zögernd, doch der Inhaber des Pubs schüttelt den Kopf.
      „Nein, hat sie nicht. Jedenfalls nicht bis zum Vormittag des Tages, an dem sie verschwand.“
      „Woher weißt Du das so genau?“
      „Ich hab ihr geholfen, einen neuen Anhänger daran festzumachen. Einen Schmetterling ...“
      Der Mann verstummt und richtet seine Aufmerksamkeit auf zwei hinzutretende Gäste. Erst als er sie bedient hat, spricht Brody ihn wieder an.
      „Kannst Du Dir einen harmlosen Grund dafür vorstellen, wie das Ding in die Grube gelangt ist?“
      Stumm sieht Molloy auf und als sich ihre Blicke treffen, bedarf es keiner Antwort mehr.
      „Scheiße.“ Mit einer unsicheren Bewegung schiebt der Touristikunternehmer den Teller mit der kaum angerührten Mahlzeit von sich. „Mir ist schlecht.“
      „Kotz mir nicht den Laden voll!“, knurrt der andere scheinbar ungerührt und versenkt einen Schwung schmutziger Gläser im Spülbecken.
      „Wie kannst Du so gelassen bleiben?!“
      „Ich hatte schon ein paar Stunden Zeit, mich daran zu gewöhnen. Als sie mir heute Mittag gesagt haben, wo das Armband gefunden wurde, dachte ich auch, ich würde aus den Latschen kippen.“
      Erneut beanspruchen Gäste die Aufmerksamkeit des Wirtes, doch nachdem er sie bedient hat, gießt er einen doppelten Whiskey für Brody ein.
      „Hier trink! Danach geht's Dir wieder besser.“
      Kommentarlos stürzt der andere den Drink hinunter. Als er das Glas zurück auf die Theke stellt und in der Hosentasche nach Kleingeld kramt, schüttelt Molloy den Kopf.
      „Lass stecken! War ja quasi 'ne medizinische Notversorgung. Für sowas nehme ich kein Geld.“
      Er reckt den Hals und verschafft sich einen kurzen Überblick über den Gastraum, dann wendet er sich an seine Angestellte, die am Türrahmen zu der winzigen Küche lehnt und sich die Nägel poliert.
      „Mach mal hier weiter, Becky! Ich bin gleich wieder da.“
      Ohne ihren Protest zu beachten, verlässt der Mann seinen Platz hinter der Theke und weist mit dem Kopf zur Tür.
      „Komm!“, fordert er Brody auf. „Wir gehen ein paar Minuten an die frische Luft.“
      Der sonst immer zu einem flotten Spruch aufgelegte Rothaarige folgt ihm ungewöhnlich still. Auch nachdem sie sich draußen auf eine niedrige Steinmauer gesetzt haben, schweigt er zunächst. Als er endlich seine Sprache wiederfindet, klingt seine Stimme seltsam belegt.
      „Die beiden Frauen auf dem Reiterhof haben gleich geahnt, dass mit dieser Grube etwas nicht stimmt.“
      „Ja, die sind klug. Besonders Susan. Derek hat sich schließlich nicht grundlos in sie verguckt.“
      „Wie geht’s ihm überhaupt?“
      Molloy macht eine abwägende Kopfbewegung.
      „Die Cops haben ihm gesagt, dass Henry vermutlich ermordet wurde. Einige haben das ja schon vermutet, aber es hat ihn trotzdem ziemlich schockiert. Und dann das mit Tracys Armband ... Er hat ganz schön zu kämpfen.“
      „Was ist mit dem Kinderfest? Wird er es absagen?“
      Der Wirt schüttelt den Kopf.
      „Nein. Im Gegenteil. Er will es unbedingt durchziehen. Du weißt ja, das eingenommene Geld soll einen neuen Footballplatz für die Schulmannschaft finanzieren, die Henry trainiert hat.“ Er verzieht das Gesicht zu einer missmutigen Grimasse. „Mir wird wohl nichts anderes übrigbleiben, als den Laden Samstag erst abends aufzumachen und Henry an der Go-Cart-Bahn zu vertreten.“
      Überrascht sieht Don den neben ihm Sitzenden an.
      „Du willst den „Irish Man“ geschlossen lassen? Das gab's ja noch nie!“
      „Derek braucht jetzt alle Unterstützung, die er kriegen kann“, gibt Molloy brummig zurück und mustert den anderen im Halbdunkel des nur schwach beleuchteten Parkplatzes. „Du wirst doch nicht etwa aus falsch verstandener Pietät abspringen, oder?“
      „Unsinn! Wir werden mit der ganzen Familie da sein. Gwen hat sich von Deb extra ein Kostüm schneidern lassen, damit sie als Märchentante nicht so gewöhnlich aussieht. - Als würde sie das jemals tun!“ Sekundenlang erhellt ein verliebtes Lächeln die Miene des Touristikunternehmers, ehe sie schlagartig wieder bekümmert wird. „Sie wollte heute Abend bei Randall und Deb vorbeischauen und sehen, wie es den beiden geht. Irgendwer hat sicher in der Tankstelle erzählt, dass man das Armband ihrer Tochter in einem Erdloch gefunden hat, falls sie es nicht von der Polizei direkt erfahren haben.“
      „Seit wann legen denn die beiden wieder Wert auf Gesellschaft?“
      „Es ist wohl vor allem Deb, die sich langsam zurück ins Leben kämpft. Randall ...“ Der Mann schüttelt den Kopf. „Hast Du übrigens gehört, dass die Polizei sich im Ort auch nach dem Toten aus dem Lake Needwood erkundigt?“
      Der Besitzer des „Irish Man“ nickt.
      „Anscheinend war er einer der Gärtner, die das Maguiregrundstück in Schuss gebracht haben“, erzählt er. „Komisch, dass Graham das nie erwähnt hat. Er ist doch damals ständig dort gewesen. “
      „Wer kennt schon die Namen der Leute, die bei einem arbeiten? Und ein Foto des Mannes ist in der hiesigen Presse doch nie erschienen, oder? Zumindest kann ich mich an keines erinnern.“ Brody wirft dem etwas Älteren einen zögernden Blick zu. „Meinst Du ... seine und Henrys Ermordung hängen irgendwie zusammen?“
      „Wird wohl so sein. Andernfalls würden die Cops doch nicht nach ihm fragen.“
      Der Touristikunternehmer legt den Kopf in den Nacken und blickt in den wolkenbedeckten Nachthimmel.
      „Zwei Morde ... Und wenn das mit Tracy wirklich stimmt ... In Colonial Village lebt ein Monster, Edan.“
      Er schaut den Wirt an, als hoffe er, der würde ihm widersprechen. Stattdessen erhält er ein Nicken zur Antwort.
      „Und es sieht aus, wie Du und ich.“

      Colonial Village, Dienstag 22.53 Uhr

      Eine der wenigen Personen, deren Gedanken sich an diesem Abend nicht um Henry Kilmers Tod und die diesbezüglichen Ermittlungen der Polizei drehen, ist Cheryl Maguire.
      Sie hat es ihrem Kindermädchen überlassen, sich um das Dinner für die Zwillinge zu kümmern, und sich mit der neuesten Angebotsmappe für ihre Boutiquen in das elegante Wohnzimmer zurückgezogen. Mit missmutig gerunzelter Stirn blättert sie die Seiten um, ohne wirklich bei der Sache zu sein, bis sie die Mappe schließlich zuschlägt und verärgert auf den makellos polierten Glastisch wirft.
      Dass man überhaupt auf die Idee kommt, ihr derartige Lumpen anzubieten! Als würde sie eine Filiale von Walmart leiten und nicht ein paar erstklassige Boutiquen in bester Washingtoner Innenstadtlage!
      Unverschämtheit!
      Die 37-Jährige greift nach ihrem Rotweinglas und wirft dabei einen Blick auf die Uhr. Schon beinahe elf und Graham ist noch immer nicht zu Hause!
      Überstunden macht ihr Mann häufig, doch in letzter Zeit hält er sich fast täglich bis spät in der Nacht im Büro auf. Wäre Cheryl Maguire sicher, dass dies seiner Karriere zugutekäme, hätte sie nicht das Geringste dagegen. Auf dem Weg nach oben ist es nun mal unvermeidlich, Opfer zu bringen. Gewisse Dinge jedoch lassen sie fürchten, Graham könnte gerade im Begriff sein alles zu verspielen, wofür sie beide jahrelang hart gearbeitet haben. Und das wird sie auf keinen Fall zulassen!
      Nachdem sich die Klage um die Kinderfarm schwieriger gestaltete als vorauszusehen war, hatte die Frau nach einer anderen Gelegenheit gesucht, gegen Meechs Projekt vorgehen zu können. Dabei war ihr jener mysteriöse Investor in den Sinn gekommen, der sich für das Grundstück am gegenüberliegenden Ufer der Farm interessiert. Wer bereit ist, ein paar Millionen aus dem Ärmel zu schütteln, um ein Stück Land für einen Freizeitpark zu erschließen, dürfte sicher keinen besonderen Wert darauf legen, stinkende Kühe und blökende Ziegen in der Nachbarschaft zu haben. Also hat sie alle Hebel in Bewegung gesetzt, um diesen geheimnisvollen Geldgeber endlich kennenzulernen. Natürlich konnte sie ihr Interesse nicht allzu offenkundig bezeugen, das hätte nur neugierige Fragen nach sich gezogen. Stattdessen hat die Frau in diversen Lunchverabredungen mit Grahams Kolleginnen vom Stadtrat selbst vorgebliche Informationen über den Finanzier des Freizeitparks fallen lassen, hoffend dadurch mehr zu erfahren.
      Doch sämtliche Bemühungen blieben erfolglos. Egal mit wem sie sprach, mehr als vage Andeutungen bekam sie nicht zu hören. Inzwischen lagen zwar offenbar ein konkretes finanzielles Angebot und ein grober Plan des zu errichtenden Vergnügungsparks vor, aber verbindliche Absprachen gab es anscheinend noch immer nicht. Zudem schien sich jeglicher Kontakt zwischen Stadtrat und Investor auf E-Mails und Telefonate zu beschränken.
      All das weckte in Cheryl nach und nach das Gefühl, es hier mit einem riesengroßen Schwindel zu tun zu haben. Und so wie ihr Mann sich gebärdet, sobald sie versucht die Sprache auf darauf zu bringen, steckt er mittendrin.
      Die Frage ist nur: mitten worin? Und ist es schon zu spät, um sich daraus zurückzuziehen, ohne persönlichen oder beruflichen Schaden zu nehmen? Wenn sie daran denkt, wie gereizt und gestresst er neuerdings ständig wirkt, lässt das jedenfalls nichts Gutes ahnen.
      Früher hätte er ihr erzählt, was ihn belastet. Das hat er immer getan. Selbst, als er nach Victors Schlaganfall beinahe zusammenbrach unter der Last, plötzlich das Familienoberhaupt sein zu müssen. Sie hat sich daran gewöhnt, dass er nicht stark ist, kein Kämpfer. Der Kämpfer ist sie. Muss es auch sein. Sonst wären sie nicht dort, wo sie jetzt stehen, weder sie noch er.
      Falls er eine Dummheit gemacht hat, wird sie das wieder hinbiegen. Und gleich heute Abend wird sie damit beginnen.

      Es ist fast Mitternacht, als Graham Maguire endlich nach Hause kommt. Kaum hört Cheryl das leise Klappen der Tür, steht sie auf und tauscht das gedimmte Licht, in dem sie gesessen und in Modezeitschriften geblättert hat, gegen hellere Beleuchtung. Sie will sein Gesicht sehen, wenn sie ihn zur Rede stellt. Er soll sich nicht in Schatten flüchten können.
      Die Überraschung darüber, dass seine Frau noch nicht zu Bett gegangen ist, ist dem Politiker anzusehen.
      „Du bist noch wach?“
      Er küsst sie auf die Wange und bleibt unschlüssig im Raum stehen. Cheryl sieht zu ihm auf, betrachtet seine scharf geschnittenen, erschöpften Züge.
      „Du siehst schrecklich aus“, erklärt sie schonungslos, während sie aufsteht. „Ich mach Dir einen Drink.“
      „Eigentlich möchte ich nur schlafen gehen.“
      „Es wird Dir gut tun, vorher ein wenig abzuschalten. Außerdem will ich noch etwas mit Dir besprechen.“
      Sie geht zu der kleinen Bar hinüber, um ihm einen Manhattan zu mixen, und hört hinter sich sein missfälliges Schnaufen.
      „Muss das unbedingt jetzt sein? Ich bin wirklich todmüde.“
      „Ja, es muss jetzt sein.“
      Die Worte der 37-Jährigen dulden keinen Widerspruch und ebenso energisch drückt sie ihrem Mann kurz darauf das Cocktailglas in die Hand. Unwillig nimmt er es entgegen und lässt sich in einen der ausladenden Sessel sinken.
      „Also, was gibt es so Dringendes?!“
      Cheryl Maguire ist kein Freund langer Umwege, wenn man auch direkt ans Ziel kommen kann.
      „Steckst Du ihn Schwierigkeiten?“, will sie ohne Umschweife wissen.
      Graham starrt sie mit gerunzelter Stirn an.
      „Was denn für Schwierigkeiten?“
      „Das Gelände des alten Autokinos - es gibt gar keinen Investor dafür, nicht wahr? Dieses vermeintliche Vergnügungsparkprojekt ist ein Fake. Habe ich Recht?“
      Er öffnet den Mund - und schließt ihn wieder, ohne etwas zu sagen.
      „So ein Blödsinn!“, presst er schließlich hervor.
      „Ach ja?! Dann erklär mir doch mal, warum von keinem von Euch etwas Konkretes darüber zu erfahren ist?! Und wenn Du schon dabei bist, sag mir auch gleich, wie es sein kann, dass Ihr sämtliche Verhandlungen mit dem angeblichen Geldgeber nur per E-Mail führt?!“
      „Woher ...“ Der Politiker bricht ab. „Die Firma sitzt im Ausland“, erklärt er einen Moment später unwirsch. „Offenbar gibt es im Augenblick Probleme mit einem im Bau befindlichen Themenpark in Shanghai. Deshalb verzögern sich die geplanten Vertragsverhandlungen mit uns. Ich wüsste allerdings nicht, was Dich das angeht.“
      Seine Frau hat ihn keine Sekunde aus den Augen gelassen.
      „Interessant“, meint sie jetzt. „Besonders, da Du diese Information augenscheinlich exklusiv besitzt. Und das, obwohl Du mit dem Deal doch angeblich gar nichts zu tun hast. Deine Mitarbeiter wissen jedenfalls nichts über die vorgeblichen Probleme in Shanghai.“
      „Dass sie es Dir nicht auf die Nase binden, bedeutet ja wohl nicht, dass sie nichts davon wissen!“
      „Oh bitte, Graham! Du darfst mir schon zutrauen zu durchschauen, ob mir jemand eine Information nicht geben will oder ob er sie nicht hat. Du zum Beispiel willst mir nicht sagen, was es mit dieser Geschichte auf sich hat.“
      Der Mann lacht erstickt auf.
      „Das ist doch lächerlich!“
      Er trinkt einen Schluck von seinem Cocktail und behält das halbleere Glas in der Hand. Die Finger seiner anderen Hand sind so fest zur Faust geballt, dass die Knöchel weiß hervortreten.
      „Ja“, stimmt seine Frau zu, „das ist in der Tat lächerlich. Denn ich stehe auf Deiner Seite. Und ich werde nicht zuschauen, wie Du wegen irgendeiner Dämlichkeit Deine Karriere ruinierst!“
      Als Graham wortlos mit den Augen ausweicht, tritt die 37-Jährige erzürnt auf ihn zu.
      „Verdammt noch mal, hör jetzt endlich auf mit diesen Spielchen! Dafür hast Du weder das Format noch die Nerven! Wenn ich dahintergekommen bin, dass an der Sache was faul ist, werden andere das über kurz oder lang auch. Hier glaubt sowieso kaum noch einer daran, dass das Geschäft zustande kommt. Also lass uns Schadensbegrenzung betreiben, solange das noch möglich ist!“
      Ein paar Atemzüge lang ist es still im Raum.
      „Du hast Recht, es gibt keinen Investor“, meint der Politiker dann, ohne aufzusehen.
      Cheryl Maguire schnaubt verächtlich.
      „Ihr habt den Deal also in den Sand gesetzt und jetzt wisst Ihr nicht, wie Ihr das zugeben sollt, ohne Euch lächerlich zu machen. Großartig!“
      Wieder bleibt der Mann einen Augenblick stumm.
      „Es gab auch nie einen Deal“, entgegnet er schließlich.
      Entgeistert starrt seine Frau ihn an.
      „Ihr habt Euch das alles nur ausgedacht? Wozu sollte das gut sein?“
      Graham Maguire hält den Blick unverwandt auf das Glas in seiner Hand gerichtet.
      „Wir ... Ich ...“
      Er bricht ab und Cheryl versucht in seinem Gesicht zu lesen, was er nicht aussprechen kann. Ihre Miene verzieht sich ungläubig, als sie glaubt, die Antwort gefunden zu haben.
      „Das war Deine Idee? Du hast das allein ausgeheckt? Würdest Du mir bitte erklären, was zum Teufel Du damit bezweckt hast?! Jedem Idioten hätte doch klar sein müssen, dass diese Geschichte über kurz oder lang auffliegen ... - Oh!“ Überrascht hält die Frau inne und mustert den vor ihr Sitzenden mit neuem Respekt. „Genau das ist Dein Plan, nicht wahr?! Sie soll auffliegen. Du willst allen zeigen, wie unfähig Miriam ist, damit Du Dir dann ihr Ressort unter den Nagel reißen kannst! Bauen hat Dich doch schon immer interessiert. Und der Ratspräsident weiß genau, dass Du über weitaus mehr Kompetenz verfügst, als diese unsägliche Miriam Naples, die man ohnehin längst abgeschossen hätte, wäre ihr Vater nicht ein Pokerfreund des Bürgermeisters. Das ist genial, Graham! Etwas so Ausgefuchstes hätte ich Dir gar nicht zugetraut! Jetzt müssen wir nur noch die richtige Strategie entwickeln, wann und wie wir die Bombe platzen lassen, damit sie maximale Wirkung erzielt. Danach musst Du natürlich sofort einen Alternativplan für die Erschließung des Grundstücks vorlegen. Es könnte ein bisschen tricky werden, das hinzubekommen, ohne dass Dich jemand verdächtigt hinter dem Ganzen zu stecken, aber da wird mir schon etwas einfallen. - Gott, das ist so brillant!“
      Als hätte er keines ihrer Worte gehört, beugt der Politiker sich unvermittelt vor, stellt sein Glas auf dem niedrigen Tisch ab und steht auf.
      „Ich gehe ins Bett“, erklärt er mit matter Stimme und wendet sich ab.
      „Aber Du kannst doch jetzt nicht einfach verschwinden! Wir müssen sofort ...“
      Der Satz bleibt unvollendet, denn Graham Maguire verhält nicht einmal den Schritt, um sich anzuhören, was seine Frau noch zu sagen hat. Perplex sieht die 37-Jährige ihm nach. Was zum Teufel ...?
      Den Blick auf die offene Tür gerichtet, runzelt sie nachdenklich die Stirn. Seit wann verzichtet ihr Mann darauf, seine Siege gebührend auszukosten?! Er mag zwar nicht besonders ehrgeizig sein, doch üblicherweise kann er seine Befriedigung über jeden Schritt, der ihn ein Stück weiter die Karriereleiter hinaufführt, nicht verbergen. Heute jedoch ... Statt euphorisch wirkt er - ja was eigentlich? Niedergeschlagen? Resigniert?
      Cheryls Stirnrunzeln verstärkt sich und unvermittelt fragt sie sich, ob ihr während ihres Gesprächs etwas entgangen ist. Hat er ihr vielleicht nicht die ganze Wahrheit gesagt? Gibt es noch eine Geschichte hinter der Geschichte?
      Entschlossen dreht sie sich um und geht zur Bar hinüber. Für das, was sie in den nächsten Stunden durchdenken muss, braucht sie eindeutig etwas Stärkeres als Wein.

      Colonial Village, Mittwoch 8.00 Uhr

      Niemand in Colonial Village hat sich jemals die Mühe gemacht zu ergründen, wo der allgegenwärtig im Ort verbreitete Klatsch seinen Ursprung hat. Man ist es einfach gewohnt, dass stets und ständig irgendwelche Gerüchte die Runde machen. Wer klug ist, weiß deren Wahrheitsgehalt richtig zu beurteilen. Doch es gibt immer wieder Leute, die selbst die absurdesten Mutmaßungen für bare Münze nehmen. Ja, die sie ihrerseits noch mit angeblich unzweifelhaften Details ausschmücken und die Wahrheit so weiter und weiter verzerren.
      Douglas Crown ist zwar erst zusammen mit Yasmin und ihren Pferden nach Colonial Village gekommen, aber diese hier besonders ausgeprägte Eigenart ist ihm inzwischen vertraut. Deshalb überrascht es ihn auch nicht, als seine Freundin Ayesha ihn heute Morgen als erstes mit der Frage überfällt: „Euer Logiergast hat sich bei einem Reitunfall die Rippen gebrochen, habe ich gehört?“
      Sich während der Ferien tagsüber zu treffen, ohne die Zwillinge der Maguires im Schlepptau zu haben, stellt für die beiden Verliebten eine fast unlösbare Herausforderung dar. Die einzige dafür in Frage kommende Zeitspanne ist die, in der die Politikerfamilie gemeinsam das Frühstück einnimmt. Üblichererweise macht Ayesha währenddessen die Betten der Kinder und beseitigt das Chaos, das Jacob und Kayla im Bad hinterlassen haben. Das nimmt jedoch nur ein paar Minuten in Anspruch. Folglich kam der jungen Frau die Idee, den Rest der verbleibenden Zeit auf angenehmere Art zu nutzen. Um keinen Verdacht zu erregen, bot sie ihrer Arbeitgeberin an, die Einkäufe der Familie zu erledigen und wie erwartet nahm Cheryl Maguire diese Offerte nur zu gerne an.
      Und so treffen sich die jungen Leute in den Wochen, in denen Douglas Spätschicht hat, morgens auf dem Weg zum Supermarkt, plaudern ein wenig und planen ihre nächste Verabredung.
      „Nun sag schon, wie schlimm ist es?“, drängt die 20-Jährige ihren Freund jetzt, ihn ungeduldig von der Seite ansehend. „Ich hab gehört, sie muss einen dicken Verband tragen und kann sich fast nicht bewegen.“
      „Da hast Du bloß die Hälfte gehört“, entgegnet der Mann, der es nicht unterlassen kann, sie ein bisschen aufzuziehen. „Sie hat sich nicht nur die Rippen gebrochen, sondern auch die Wirbelsäule angeknackst. Vermutlich wird sie nie wieder laufen können.“
      Ayeshas Augen weiten sich erschrocken.
      „Was?! Das ist ja schrecklich!“
      „Ja, nicht wahr?“
      Er nickt ernsthaft, doch so ganz gelingt ihm der dazu passende betroffene Gesichtsausdruck nicht und die Frau benötigt nur einen Moment, ehe sie begreift.
      „Das stimmt gar nicht, oder? Du hast mich reingelegt, Du verdammter Schuft!“
      Gespielt empört stößt sie ihm den Ellenbogen in die Rippen, so dass er lachend ausweicht.
      „Hey! Keine körperliche Gewalt, ja?! Sowas mag ich überhaupt nicht!“ „Das hast Du verdient!“
      „Warum? Ich hab doch nichts anderes gemacht, als die, die das von den gebrochenen Rippen erfunden haben.“
      „Dann stimmt es also wirklich nicht?“
      Die beiden haben unterdessen den Supermarkt erreicht und Douglas nimmt einen Einkaufswagen und schiebt ihn Richtung Eingang.
      „Nein, es stimmt nicht“, erwidert er. „Susan hat sich nur das Handgelenk verstaucht und ein paar blaue Flecke geholt. Sonst ist ihr nichts passiert.“
      „Und dass sie die halbe Nacht im Wald verbringen musste, weil sie nicht wieder nach Hause gefunden hat, stimmt auch nicht?“
      Der Mann lacht.
      „Wurde sie vielleicht auch von einem Rudel hungriger Wölfe belagert?“
      „Mach Dich nur über mich lustig! Woher soll ich denn wissen, was wahr ist und was nicht!“
      Verletzt wendet die Frau sich dem Kühlregal zu und nimmt ein paar Flaschen Milch heraus, um sie in den Einkaufswagen zu stellen.
      „Entschuldige! Es war einfach zu verlockend. Also nein, sie war nicht die halbe Nacht im Wald. Mrs. Howards und Doc Meech haben sie ziemlich schnell gefunden.“
      Einige Sekunden lang stellt sich die junge Pakistani noch beleidigt. Douglas schweigend den Rücken zudrehend scheint sie sich ewig nicht entscheiden zu können, welchen Joghurt sie kaufen soll. Dann jedoch gibt sie das Spiel auf und fragt, während sie nach dem Lieblingsjoghurt der Kinder greift: „Und was ist mit dieser Geschichte, dass die Polizei auf dem Reiterhof alles durchsucht und jeden vom Personal verhört?“
      „Unsinn! Sie haben das Stück Wald rund um die Grube abgesperrt und sind stundenlang in dem Loch herumgekrochen, das ist alles“, erklärt der Mann. „Anscheinend hat ihnen irgendjemand eingeredet, sie könnten dort was Spektakuläres finden.“
      „Haben sie doch auch! Das Armband von dieser Tracy, die seit zwei Jahren vermisst wird.“
      Der 23-Jährige zuckt die Schultern.
      „Und wenn schon! Das kann doch sonstwie da hingekommen sein.“
      „Du glaubst also nicht, dass es was mit Henry Kilmers Tod zu tun hat?“
      Überrascht sieht Douglas seine Freundin an.
      „Das Armband meinst Du?“
      Sie ist schon ein paar Schritte vorausgegangen und dreht sich jetzt ungeduldig zu ihm um.
      „Natürlich das Armband“, stellt sie klar, als er zu ihr aufgeschlossen hat. „Vielleicht hat Henry es zufällig im Haus des Mörders der Frau gesehen und wurde deshalb ebenfalls ermordet.“
      „Und wie ist es dann in die Grube gekommen?“
      Die junge Frau rollt genervt über die Begriffsstutzigkeit ihres Freundes die Augen.
      „Der Mörder hat es dort verloren. Hast Du nicht selbst gesagt, dass dauern irgendwelche Schaulustigen das Loch sehen wollten?!“
      Seufzend folgt der Mann ihr zum Regal mit den Frühstückscerealien.
      „Hoffentlich hast Du Recht. Dann begreifen die Leute vielleicht endlich, dass diese Geschichte nicht das Geringste mit dem Reiterhof zu tun hat. Gestern haben schon wieder zwei Familien ihre Kinder abgemeldet.“
      Ayesha hält mit einer Packung Cornflakes in der Hand inne und sieht den Älteren bedrückt an.
      „Ist es wirklich so schlimm?“
      „Schlimm genug. Manche Pferde stehen inzwischen mehr auf der Koppel, als dass sie geritten werden. Mrs. Howards beschäftigt deswegen einen der Reitlehrer bloß noch halbtags. Vorübergehend hat sie zwar betont, aber er hat schon angekündigt, sich nach einem neuen Job umsehen zu wollen, wenn das länger so bleibt. Und eine von unseren Pferdepflegerinnen ist zurück nach Falls Church gegangen, weil sie sich hier nicht mehr sicher gefühlt hat.“
      „Du denkst doch nicht auch daran wegzugehen, oder?“
      „Quatsch!“, wehrt Douglas mit einem Kopfschütteln energisch ab. „Ich lass doch Mrs. Howards nicht im Stich!“
      Erst dann bemerkt er den angstvollen Blick der Frau und versteht den tieferen Sinn ihrer Frage. Ein liebevolles Lächeln erhellt sein Gesicht.
      „So schnell wirst Du mich nicht los“, verspricht er und gibt ihr einen Kuss. „Sehen wir uns nachher noch?“
      Die 20-Jährige stellt die Cornflakespackung in den Einkaufswagen und strebt dem Gemüsestand zu.
      „Du weißt doch, dass ich die Maguires vorher fragen muss, wenn ich einen freien Abend haben will.“
      „Samstagabend hast Du Dich auch einfach rausgeschlichen.“
      „Ja und beim Heimkommen wäre ich fast Mister Maguire in die Arme gelaufen, der spät noch weggegangen ist. Nochmal mache ich so was nicht!“
      Der junge Pferdepfleger grinst.
      „Und ich dachte, die Angst entdeckt zu werden hätte Dir einen Extra-Kick gegeben, so wild wie Du warst.“
      Das Erröten der Frau ist trotz ihrer milchkaffeebraunen Haut nicht zu übersehen. Ungehalten boxt sie dem neben ihr Gehenden gegen den Oberarm.
      „Douglas Crown! Wenn Du nicht gleich damit aufhörst, werden wir uns in Zukunft nur noch zum Einkaufen treffen.“
      Ungläubig lacht der Mann seine Freundin an.
      „Du glaubst wirklich, das hältst Du durch, Baby?“
      „Lass es lieber nicht darauf ankommen!“

      Selbst wer der Gerüchteküche von Colonial Village für gewöhnlich aus dem Weg geht, entkommt ihr dieser Tage nicht. Das muss auch Graham Maguire feststellen, als er an der kleinen Tankstelle des Ortes hält, um seinen schwarzen SUV aufzutanken. Kaum dass er ausgestiegen ist, wird der Politiker von Don Brody angesprochen, der die zweite Zapfsäule in Beschlag genommen hat.
      „Morgen Graham! Hast Du schon gehört, dass die Polizei Henrys Tod jetzt mit dem Mord am Lake Needwood in Verbindung bringt? Anscheinend glauben sie, Henry könnte etwas über die Ermordung dieses Brooks' gewusst haben und musste deshalb sterben.“
      „Brooks?“, wiederholt der andere unkonzentriert, während er nach seiner Kreditkarte kramt.
      „Der Tote vom Lake Needwood“, erklärt der Ältere geduldig, Maguire über seinen Wagen hinweg ansehend. „Du müsstest ihn eigentlich kennen. Oder stimmt es nicht, dass er einer der Gärtner war, die Victors Grundstück nach seinem Schlaganfall in Schuss gebracht haben?“
      Der Politiker sieht mit unmutig gefurchter Stirn auf.
      „Warum glaubt eigentlich alle Welt, ich müsste mich an jeden Handlanger erinnern, den ich irgendwann mal beschäftigt habe?!“, fährt er Brody an.
      „Ist ja gut alter Knabe!“, beschwichtigt der ihn und hängt den Zapfhahn zurück in die Halterung. „Kein Grund sich aufzuregen. Hast wohl eine harte Woche?“
      „Ja“, presst Graham ohne weitere Erklärung hervor und widmet sich nun ebenfalls dem Tanken.
      Doch so schnell lässt der Rothaarige nicht locker.
      „Ärger zu Hause?“
      „Ich wüsste nicht, was Dich das angeht.“
      „Manchmal hilft es, wenn man jemandem das Herz ausschüttet.“
      Maguire sieht den Touristikunternehmer an, als hätte der ihm ein unanständiges Angebot gemacht. Don zuckt die Schultern und steigt in seinen Wagen.
      „Dann eben nicht.“
      Er will soeben den Motor anlassen, da spricht der andere ihn noch einmal an.
      „Weißt Du, ob das stimmt, was man sich vom Reiterhof erzählt?“, erkundigt er sich irgendwie widerstrebend. „Dass diese Journalistin einen Reitunfall hatte?“
      Überrascht schaut Brody zu ihm hinüber.
      „Ja, das stimmt wohl tatsächlich. Eines der Pferde ist offenbar mit ihr durchgegangen und hat sie abgeworfen.“
      „Ist sie verletzt?“
      „Kommt drauf an, wen Du danach fragst. Ich hab schon alles von einem Leben im Rollstuhl bis kaum der Rede wert zu hören bekommen. Warum interessiert Dich das überhaupt? Bisher hast Du die Frauen dort doch weitestgehend ignoriert.“
      „Es interessiert mich eben.“
      Die Brauen des Rothaarigen schnellen fast bis zum Haaransatz nach oben.
      „Du hast doch nicht etwa ein Auge auf die Kleine geworfen, alter Knabe?“
      „Blödsinn! Ich bin verheiratet!“
      Unwirsch wendet sich der Politiker ab, scheint ganz auf den Tankvorgang konzentriert. Einen Moment sieht Don ihn noch nachdenklich an, ehe er schließlich den Wagen startet.
      „Aber sicher doch.“

      Die kurze Szene hat einen interessierten Zuschauer, der sie aus dem Verkaufsraum des Tankstellenshops beobachtet. Auch ohne verstehen zu können, was gesprochen wurde, ist erkennbar, wie ungehalten Maguire auf das freundliche Gesprächsangebot des Touristikunternehmers reagiert hat.
      „Graham ist unausstehlich dieser Tage“, stellt Edan Molloy fest, als der Politiker einsteigt und wegfährt. Mit dem Kaffeebecher in der Hand lehnt er am Ladentisch und sieht dem anderen nach.
      „Was passiert ist, setzt uns allen zu“, meint Deborah Lynch. „Jeder geht anders damit um.“
      Langsam dreht der Besitzer des Pubs sich zu ihr um.
      „Du weißt das von Tracys Armband?“
      Die Frau nickt.
      „Die Polizei war gestern bei mir. Sie wollten, dass ich es identifiziere.“
      „Es muss nicht bedeuten, dass ihr wirklich etwas zugestoßen ist, Deb.“
      Ein kaum sichtbares Lächeln huscht über das Gesicht der 52-Jährigen.
      „Du musst nicht versuchen, es mir leichter zu machen, Edan. Ich weiß schon lange, dass ich sie nie wiedersehen werde. Aber Du ... Wie kommst Du denn damit zurecht?“
      Molloy weicht dem Blick der Frau hinter dem Ladentisch überrumpelt aus.
      „Ich? Was ... Ich weiß nicht, was Du meinst.“
      Nachsichtig schüttelt Deborah Lynch den Kopf.
      „Glaubst Du wirklich, ich wusste das von Euch nicht?“
      Der Blick des Mannes ist so perplex, dass Deb ihm erneut zulächelt.
      „Du bist so ein kluger Kerl, Edan, und hast tatsächlich gedacht, eine Mutter würde nicht bemerken, wenn ihre Tochter ernsthaft verliebt ist?“
      Der sonst kaum in Verlegenheit zu bringende Wirt sieht die Frau zögernd an.
      „Und es hat Dir nichts ausgemacht? Immerhin hätte ich beinahe Tracys Vater sein können.“
      „Aber das warst Du nicht. Und Du hast ihr gut getan. Du hast ihr wirklich gut getan. Was könnte daran falsch sein?“
      Molloys Miene verfinstert sich.
      „Hat sich etwa ganz Colonial Village das Maul über uns zerrissen?“
      „Der Ort, an dem sich Colonial Village im Allgemeinen das Maul über irgendetwas zerreißt, ist Dein Pub, soviel ich weiß. Also wäre Dir das wohl kaum entgangen“, entgegnet Deb schmunzelnd, um den Mann gleich darauf zu beruhigen: „Niemand hat sich das Maul über Euch zerrissen. Weil niemand außer mir etwas von Euch wusste. Es sei denn, Du hast es jemandem erzählt. Du beherrschst die Rolle des alten Brummbären ziemlich perfekt und Tracy ... Zum ersten Mal in ihrem Leben war es ihr wichtig, ihr Liebesleben für sich zu behalten. Sie hat es wirklich ernst gemeint mit Dir, Edan.“
      „Ja.“ Der Mann räuspert sich. „Ich weiß. Und wenn es stimmt, dass sie ... Ich breche dem Kerl, der ihr das angetan hat, jeden einzelnen Knochen im Leib, das verspreche ich Dir. Und wenn ich dafür selbst hinter Gittern lande.“
      Die dumpfe Entschlossenheit in den Augen des 54-Jährigen, die verrät, dass er es genauso meint, lässt Deb behutsam protestieren.
      „Meinst Du tatsächlich, das hätte Tracy gewollt? Dass der Mann, den sie liebt, ihretwegen ins Gefängnis kommt?“
      „Was sie wollte, war am Leben sein!“, entgegnet Molloy heftig. „Sie war ...“
      Unvermittelt bricht er ab und leert mit wenigen Schlucken seinen Kaffeebecher.
      „Erzählst Du es mir, wenn die Polizei etwas herausgefunden hat?“, bittet er die Frau, während er den Becher schließlich in den Abfallbehälter wirft.
      „Ich dachte immer, Du wärst derjenige in Colonial Village, der vor allen anderen weiß, was hier vorgeht.“
      Auffordernd dreht er sich zu ihr um.
      „Erzählst Du es mir?!“
      „Natürlich erzähle ich es Dir. Und Du versprichst mir dafür, nichts Dummes anzustellen. Ich möchte nicht auch noch einen guten Freund verlieren. - Edan!“, ermahnt sie ihn, als er nicht gleich antwortet.
      „Also gut, ich verspreche es“, knurrt der Mann unwillig. „Aber es wird mir verdammt schwerfallen.“
      Ihr verständnisvolles Lächeln lässt ihn den Blick abwenden.
      „Wie verkraftet denn Randall diese neue Entwicklung?“
      Ein Schatten der Trauer legt sich über das Gesicht von Deborah Lynch.
      „Es zerreißt ihn beinahe. Du weißt ja, wie lange er nach Tracy gesucht hat, nachdem sie verschwunden war. Er wollte nie akzeptieren, dass ihr etwas Schreckliches zugestoßen sein muss.“
      „Wenn ich irgendetwas für ihn tun kann ...“
      „Ich kann ja selbst kaum etwas für ihn tun“, seufzt die Frau. „Er schottet sich völlig ab. Wenn er nicht am College unterrichtet, schließt er sich in seinem Arbeitszimmer ein und macht sonst was. Schon nach diesem unseligen Afghanistaneinsatz hatte er sich verändert, doch seit Tracys Verschwinden erkenne ich ihn kaum noch wieder.“
      „Gut, dass wenigstens Du Dich nicht mehr verkriechst.“
      „Das habe ich Gwen zu verdanken, weißt Du das eigentlich? Hätte sie mich nicht überredet hier anzufangen, säße ich noch immer jeden Tag zu Hause und würde Fotos meiner Tochter anstarren. Aber ich verstehe auch Randall. Das Getuschel wegen Tracy hat nie aufgehört und irgendwann erträgt man es einfach nicht mehr. Es tut auch so weh genug zu wissen, dass Tracy ... Dass sie ...“, die Frau hinter dem Ladentisch bricht ab und schluckt schwer. „Dass sie tot ist“, setzt sie schließlich tonlos hinzu.
      „Ja.“ Molloy schaut aus dem Fenster, ohne zu sehen, was draußen vor sich geht. „Es tut weh.“

      Washington DC, Mittwoch 08.47 Uhr

      Probleme verlieren, aus der Entfernung betrachtet, häufig einen Großteil ihres Schreckens. Die Binsenweisheit, erst einmal eine Nacht darüber zu schlafen, ehe man sie angeht, erweist sich tatsächlich überraschend oft als hilfreich. Dass dies allerdings auch für einen Mordversuch gilt, bezweifelt Susan. Die Dringlichkeit, mit der Meech ihr empfahl, mit ihrem Verdacht zur Polizei zu gehen, hat jedenfalls nicht gerade dazu beigetragen, ihre Furcht zu lindern. Trotzdem hat sie sich von ihm überreden lassen an den Teich zurückzukehren, wo sie schließlich bis zum Einbruch der Dunkelheit gesessen und über das gesprochen haben, was an diesem Abend wohl die meisten in Colonial Village beschäftigte: den Mord an Henry Kilmer, den Fund des Armbandes und die mysteriöse Grube.
      Ebenso wie die Frau sah auch Derek es als ziemlich wahrscheinlich an, dass diese drei Dinge zusammenhängen. Im Gegensatz zu ihr jedoch beharrte er darauf, ein Ortsfremder müsse für die Ermordung seines Freundes verantwortlich sein. Ein Impuls, den Susan nur zu gut versteht. Die Verweigerung, einer nahestehenden Person ein Verbrechen zuzutrauen, kennt sie schließlich von sich selbst. Und so machte sie gar nicht erst den Versuch seine Argumentation zu widerlegen. Zumal die anscheinend gelassene Fassade des Mannes mit fortgeschrittener Stunde mehr und mehr bröckelte und eine tiefsitzende Erschütterung zum Vorschein kam.
      Als er sich später verabschiedete und sie ihn tröstend in den Arm nahm, ließ er es dankbar geschehen.
      Noch vor acht Uhr heute Morgen rief er sie an und wollte wissen, wie es ihr ging. Ihre von unüberhörbarem Gähnen unterbrochene, unwillige Antwort ließ ihn leise lachen. Und sie fühlte sich plötzlich seltsam beschützt und geborgen.
      Dieses Gefühl trug sie durch den Vormittag, und auch wenn es ihre Furcht nicht völlig überlagern konnte, war es stark genug, um ihr die Kraft zu geben, nach Washington zur Met Police zu fahren.
      Hier allerdings, in dem unpersönlich wirkenden Raum, in den man sie geführt hat, verflüchtigt sich jegliche Geborgenheit und einmal mehr überfallen die Frau Zweifel, ob es wirklich klug war, hierher zu kommen. Dann jedoch betritt Colbert das Zimmer, setzt sich ihr mit einem freundlichen Gruß gegenüber und erkundigt sich nach ihrem Anliegen - und die Chance im letzten Moment zu kneifen ist dahin.
      Sich mit einem tiefen Atemzug zur Ruhe zwingend, berichtet die Blondine von ihrem Reitunfall und dem, was sie dahinter vermutet. Der Ermittler hört ihr zu, ohne seine Gedanken sichtbar werden zu lassen.
      „Sind Sie eine gute Reiterin, Miss Harper?“, fragt er, als sie schließlich verstummt.
      „So leidlich würde ich sagen. Gut genug jedenfalls, dass mich Yasmin allein mit ihren Pferden ins Gelände lässt.“
      „Wer außer Ihnen hatte Kenntnis davon, wann Sie an diesem Abend den Hof verlassen haben und welchen Weg Sie nehmen wollten?“
      „Sie glauben also auch, dass mein Reitunfall gar keiner war“, stellt Susan bedrückt fest.
      „Wir sollten es zumindest nicht ausschließen.“
      Ein weiteres Mal in ihrer Ahnung bestätigt, zieht die Frau unbehaglich die Schultern hoch.
      „Also, wer wusste von Ihrem Ausritt?“, wiederholt der Ermittler.
      Nachdenklich kräuselt Susan die Stirn.
      „Ich nehme immer denselben Rundweg. Vermutlich weiß inzwischen halb Colonial Village darüber Bescheid. Und ansonsten ... Yasmin hat mich in Reitkleidung gesehen und Douglas, einen der Pferdepfleger, habe ich im Stall getroffen. Doktor Meech wusste ebenfalls, dass ich an diesem Abend noch ausreiten wollte. Und Mister Maguire auch. Die beiden haben mich besucht und ich habe es erwähnt. Sonst ... wüsste ich jetzt niemanden.“
      Sorgfältig notiert der Mann ihre Angaben.
      „Wann haben Sie den Hof verlassen?“, erkundigt er sich dann.
      „Ich hab nicht darauf geachtet, aber es dürfte etwa gegen neunzehn Uhr gewesen sein.“
      „Würden Sie die Stelle im Wald wiederfinden, an der das Pferd scheute?“
      „Ach Du lieber Himmel!“ Nach einem Moment des Schweigens schüttelt Susan zögernd den Kopf. „Nein, ich glaube nicht. Ich kann Ihnen den Weg zeigen, den ich genommen habe, aber die genaue Stelle?“ Erneut schüttelt sie den Kopf. „Da war nichts Besonderes, so weit ich mich erinnere. Einfach nur der Reitweg, der sich zwischen den Bäumen entlangschlängelt.“
      „Wie lange waren Sie unterwegs, als der Unfall passierte?“
      „Zwanzig Minuten? Vielleicht etwas länger. - Ich weiß, das klingt alles ein bisschen hysterisch“, fügt sie fast entschuldigend hinzu. „Deshalb habe ich gestern auch nichts gesagt ...“
      Der Ermittler mustert sie interessiert.
      „Aber jetzt sind Sie doch hier.“
      „Ein ... Freund hat mir dazu geraten.“
      „Darf ich fragen wer?“
      Die Frau weiß selbst nicht, weshalb sie zögert, ehe sie den Namen des Tierarztes nennt.
      „Sie und Doktor Meech sind also befreundet?“, hakt Colbert nach. „Das haben Sie noch gar nicht erwähnt. Kennen Sie sich schon lange?“
      „Seit ich im Frühjahr eine Reportage über tiergestützte Therapien geschrieben habe. Dabei sind wir uns das erste Mal begegnet. Wiedergetroffen haben wir uns erst während meines jetzigen Aufenthalts in Colonial Village.“ Stirnrunzelnd mustert Susan ihr Gegenüber. „Aber das dürfte doch wohl kaum eine Rolle für Ihre Ermittlungen spielen.“
      „Machen Sie seinetwegen ausgerechnet dort Urlaub?“, setzt der Mann nach, ohne ihre Bemerkung zu kommentieren.
      „Ich mache dort Urlaub, weil Yasmin mich eingeladen hat.“
      „Könnte Doktor Meech sie dazu veranlasst haben?“
      „Was?! Nein! So ein Unsinn! Warum sollte er das tun?“
      Wieder bleibt die Frage der Journalistin unbeantwortet.
      „Ich gehe doch recht in der Annahme, dass es der Doktor war, der den neuerlichen Kontakt zu Ihnen suchte - und nicht umgekehrt?“, will Colbert stattdessen wissen.
      Ihr Schweigen ist ihm Antwort genug.
      „Wie Sie sagten, war er es auch, der Sie nach dem Unfall im Wald gefunden hat“, setzt er sofort nach. „Woher wusste er überhaupt, was Ihnen zugestoßen ist?“
      Er bemerkt die Verärgerung in ihren Augen, noch bevor sie ihn anfährt: „Für wie naiv halten Sie mich eigentlich? Natürlich habe ich daran gedacht, er könnte für meinen Unfall verantwortlich sein. Himmel, ich hab das von fast jedem geglaubt!“
      „Aber inzwischen tun Sie das nicht mehr.“
      „Derek hätte mich wohl kaum gedrängt zur Polizei zu gehen, wenn er auf mich geschossen hätte! Abgesehen davon war er es, der meine Theorie von der Fehlzündung eines Autos anzweifelte und erwähnte, dass die Parkranger hin und wieder verletzte Tiere erschießen müssen. Ich halte ihn nicht für so dumm, das zur Sprache zu bringen, wenn er selbst meinen Unfall herbeigeführt hätte.“
      „Nein“, pflichtet Todd Colbert ihr bei, „dumm ist Doktor Meech ganz sicher nicht. - Ich denke übrigens nicht, dass dieser Unfall ein Mordversuch war, sonst wären Sie wahrscheinlich nicht mehr am Leben. Vermutlich hat es vielmehr jemand darauf angelegt, Sie einzuschüchtern. - Gibt es vielleicht etwas, das Sie mir noch nicht erzählt haben, Miss Harper? Etwas, das einen solchen Einschüchterungsversuch rechtfertigen würde? Haben Sie möglicherweise jemanden unter Druck gesetzt?“
      „Sie meinen, ob ich eine Erpresserin bin?“, entgegnet die Frau unverblümt und versucht gar nicht erst, ihre Empörung über diese Unterstellung zu verbergen. „Nein, das bin ich nicht!“
      „Interessant, dass Sie es so betrachten. Ich dachte eher an Ihre und Mister Kilmers Recherchen über die Grube auf dem Reiterhof. Eventuell sind Sie beide einem gefährlichen Geheimnis auf die Spur gekommen, ohne es zu bemerken“, vermutet der Ermittler, sie aufmerksam musternd.
      „Oh!“ Verlegen weicht Susan seinen forschenden Augen aus. „Tut mir leid! Ich bin im Moment ein bisschen ... angespannt.“
      Sie atmet tief durch und überdenkt einmal mehr das Resultat ihrer bisherigen Nachforschungen. Doch so sehr sie sich wünscht etwas anderes sagen zu können, das Ergebnis ist und bleibt ernüchternd.
      „Genau genommen haben wir gar nichts herausgefunden“, teilt sie Colbert mit. „Kein Mensch scheint diese Grube jemals bemerkt zu haben. Jedenfalls hat es niemand zugegeben.“
      „Ich möchte trotzdem, dass Sie mir so detailliert wie möglich aufschreiben, mit wem Sie und Mister Kilmer darüber gesprochen haben und was dabei gesagt wurde. Lassen Sie sich Zeit und versuchen Sie sich an alle Details zu erinnern! Ich sorge dafür, dass man Ihnen Schreibzeug bringt.“
      „Wir hatten also Recht. Die Grube ist nicht so harmlos, wie es scheint.“
      „Möglicherweise. Aber noch ist nichts erwiesen, und ich möchte Sie bitten, keine diesbezüglichen Gerüchte in Umlauf zu bringen.“
      Die Blondine lacht amüsiert auf.
      „Gerüchte ersetzen in Colonial Village praktisch die Tageszeitung. Dazu braucht es mein Zutun nicht. Und über den Zweck der Grube gab’s schon gleich, nachdem wir sie entdeckt hatten, die wildesten Spekulationen.“ Das Lachen der Frau erstirbt so schnell, wie es aufbrandete. Plötzlich mustert sie den Ermittler mit ernsthafter Aufmerksamkeit. „Sie denken doch nicht auch, dass Yasmin irgendwie in diese Verbrechen verwickelt ist?“
      „Auch?“
      „Gerüchte.“
      Dieses Mal klingt es bitter.
      Entspannt lehnt Todd Colbert sich zurück und beschließt die Gelegenheit zu nutzen, um mehr über die Besitzerin des Reiterhofes zu erfahren. Bisher war das Interesse der Beamten in erster Linie auf Henry Kilmer und dessen direktes Umfeld gerichtet. Vielleicht ist es an der Zeit, den Radius der Ermittlungen etwas auszuweiten.
      „Mrs. Howards lebt seit Oktober letzten Jahres in Colonial Village, nicht wahr?“
      Susan nickt.
      „Weshalb der Ortswechsel?“, erkundigt er sich. „Mit einem Haufen Pferden umzuziehen, stellt doch einigen Aufwand dar. Ganz zu schweigen davon, dass sie nicht sicher sein konnte, ob sie mit ihrem Geschäftsmodell woanders Erfolg haben würde.“
      Bereitwillig erzählt die Journalistin von der Ermordung des Sohnes ihrer Freundin und dem darauf folgenden Zusammenbruch des vorher florierenden Reiterhofes.
      „Yasmin hatte gar keine andere Wahl als etwas völlig Neues anzufangen oder einen zweiten Versuch mit dem Reiterhof zu wagen.“
      „Warum gerade in Colonial Village?“
      „Jedenfalls nicht, weil Sie dort jemanden kannte“, kommt Susan der nächsten Frage des Polizisten zuvor.
      Der muss ein Schmunzeln unterdrücken.
      „Sondern?“
      „Wegen des unschlagbar günstigen Grundstückspreises. Die Maguires wollten das Anwesen damals unbedingt so schnell wie möglich verkaufen.“
      Die Frau verstummt und schweigt einen Moment, und Colbert beobachtet interessiert, wie sie stumm abwägt, ob sie fortfahren soll. Gerade als er sich entschlossen hat, sie zum Weitersprechen zu provozieren, setzt sie ihren Bericht fort und erzählt von Victor Maguires Schlaganfall und dem Umzug des Ehepaars nach Hillcrest.
      „Das Grundstück war in jener Zeit wohl vollkommen verwildert und Graham Maguire hat dort nur so viel machen lassen, dass er es für seine Schwägerin zu einem halbwegs annehmbaren Preis losschlagen konnte“, beendet die Journalistin ihre Ausführungen schließlich.
      „Sie wissen ausnehmend gut Bescheid“, bescheinigt Colbert ihr in völlig neutralem Tonfall.
      „Wenn ich nicht neugierig wäre, hätte ich den falschen Beruf ergriffen.“
      „Da haben Sie vermutlich Recht“, stimmt der Mann ihr freundlich zu. „Halten Sie sich in nächster Zeit trotzdem zurück! Am besten, Sie verlassen Colonial Village, bis wir unsere Ermittlungen abgeschlossen haben. Und ich möchte keine Details unserer Ermittlungen in der Presse wiederfinden!“
      „Natürlich nicht!“
      Es klingt entrüstet, doch da ist auch ein leises Zögern in ihrer Stimme, von dem Colbert ahnt, dass es nichts mit seinem letzten Hinweis zu tun hat.
      Eindringlich fixiert er die Frau.
      „Falls wir nicht völlig danebenliegen, Miss Harper, lebt jemand in Colonial Village, der bereits einen, vielleicht sogar mehrere Morde begangen hat. Und ich bin überzeugt davon, er wird wieder töten, wenn er es für nötig hält. Ich möchte ungern demnächst vor Ihrer Leiche stehen! Also seien Sie vorsichtig!“

      Washington DC, Mittwoch 10.05 Uhr

      „Was für eine abenteuerliche Geschichte!“ Detective Joe Hicks ist soeben von Befragungen in Colonial Village zurückgekehrt. Jetzt lehnt er lässig an seinem Schreibtisch und kommentiert den Bericht über den Besuch der Journalistin mit einem Kopfschütteln. „Die Kleine scheint ja ein bisschen Aufmerksamkeit mächtig nötig zu haben.“
      Sein Vorgesetzter klopft nachdenklich mit einem Kugelschreiber auf die vor ihm liegenden Notizen der Vernehmung.
      „Den Sturz vom Pferd hat sie jedenfalls nicht erfunden. Ich habe mich in der Klinik in Silver Spring erkundigt. Die haben dort Erfahrung mit Opfern von Reitunfällen und sagen, ihre Verletzungen würden zu einem solchen Unfall passen.“
      Hicks zuckt die Schultern.
      „Na schön, dann ist sie also tatsächlich vom Pferd gefallen. Und damit es nicht so peinlich ist, hat sie sich diese Geschichte von den Schüssen ausgedacht.“
      „Wenn wir ihr glauben wollen, war es nicht sie, sondern Meech, der die Idee mit den Schüssen hatte. Allerdings dachte der an einen Rangereinsatz.“
      „WENN wir ihr glauben wollen.“
      Die Afroamerikanerin sieht ihren Teamkollegen missbilligend an.
      „Deine Vorurteile gegen Journalisten sind manchmal wirklich schwer zu ertragen, Joe. Irgendwann wirst Du Dir damit noch mal selbst ein Bein stellen.“
      „Das hat doch nichts damit zu tun, dass sie von der Presse ist!“, protestiert der blonde Hüne.
      „Natürlich hat es das! Für Dich genügt es doch schon ...“
      „Und wenn Meech ihr das mit den Schüssen gezielt eingeredet hat?“, wirft der vierte Mann des Teams ein, ehe die Diskussion der beiden ausarten kann.
      Colbert nickt dem Lateinamerikaner zu.
      „Daran habe ich auch schon gedacht“, entgegnet er und beobachtet, wie der andere eine Handvoll Gummibärchen aus einer XXL-Tüte fischt und genüsslich zu verspeisen beginnt. „Fragt sich nur, ob er mehr damit bezweckt als sich als heldenhafter Beschützer aufzuspielen.“
      „Sie von weiteren Nachforschungen im Ort abzuhalten zum Beispiel?“, folgert die Frau. „Hör auf die Leute auszufragen oder beim nächsten Mal kommst du nicht so glimpflich davon? So was in der Art?“
      „Zum Beispiel, ja.“
      „Ich könnte mich ja mal bei den Parkrangern umhören, ob sie Montagabend etwas gehört haben oder ob einer von ihnen aus irgendeinem Grund selbst zur Waffe gegriffen hat“, schlägt die Polizistin vor.
      „Mach das!“, stimmt ihr Chef zu. „Da wir ohne halbwegs genaue Ortsangabe nicht nach möglichen Geschossen suchen können, sollten wir vorläufig für alles offen sein. Bei der momentanen Beweislage werden wir zwar keinen Personenschutz für Susan Harper durchgesetzt bekommen, ich möchte sie aber nicht gerne völlig ungeschützt lassen. Wir werden sie also rund um die Uhr überwachen. Joe, das organisierst Du! Noch sitzt sie im Vernehmungsraum und listet für uns auf, was sie und Kilmer in den letzten Tagen alles gemacht und mit wem sie gesprochen haben. Es sollte kein Problem sein sie festzuhalten, bis ihre Beschattung steht.
      Und seht Euch die Alibis der Leute an, die wussten, dass sie an diesem Abend ausreiten und welchen Weg sie nehmen würde! Ihrer Aussage nach waren das Yasmin Howards, Derek Meech, Graham Maguire und einer der Pferdepfleger, Douglas Crown. Findet raus, wo jeder von ihnen zwischen neunzehn und zwanzig Uhr war!“
      „Wenn wir die drei Fälle als zusammengehörig betrachten, können wir die Leute vom Reiterhof meiner Meinung nach ausschließen“, wirft Joe Hicks ein. „Sie sind vor noch nicht mal zwölf Monaten in den Ort gezogen. Da war Tracy Lynch bereits über ein Jahr verschwunden und der Marine, der aus dem Lake Needwood gefischt wurde, schon ein paar Monate tot. In den NCIS-Akten über den Fall Lynch werden sie jedenfalls nirgends erwähnt. Und ich habe auch keinen Hinweis darauf gefunden, dass sie vor ihrem Umzug mit irgendjemandem aus Colonial Village in Kontakt standen.“
      Kurz erläutert er die Gründe für den Umzug der Frau und schließt mit den Worten: „Selbst wenn wir Kilmers Ermordung als eigenständige Tat ansehen wollen, wüsste ich nicht, wie wir einen der Leute vom Hof damit in Verbindung bringen sollten. Kilmer und sie waren allenfalls flüchtige Bekannte.“
      „Ich finde, wir sollten sie trotzdem nicht außer Acht lassen“, widerspricht Nancy Freeman. „Zumindest für den vermeintlichen Reitunfall könnten sie durchaus verantwortlich sein. Besonders Mrs. Howards dürfte ein Interesse daran haben, nicht schon wieder in eine polizeiliche Ermittlung gezogen zu werden. Sie hat schließlich gerade erlebt, wie die Leute auf so etwas reagieren. Vielleicht wollte sie ihre Freundin davon abhalten, noch mehr Staub aufzuwirbeln.“
      „Immerhin möglich“, stimmt Colbert zu.
      Der Lateinamerikaner ist dem Wortwechsel mit nachdenklich gerunzelter Stirn gefolgt. Seine Finger, die zwei rote Gummibärchen halten, verharren reglos vor seinem Mund.
      „Wenn es die Schüsse tatsächlich gab und sie dieser Journalistin galten, wieso ist sie dann noch am Leben?“, fragt er und sieht in die Runde. „Warum hat der Täter sie dort im Wald nicht erledigt?“
      „Vielleicht hielt er sie für tot“, vermutet die Afroamerikanerin.
      „Das würde gegen Meech als Täter sprechen“, stellt Sanchez fest. Die Süßigkeiten verschwinden in seinem Mund.
      „Es sei denn“, setzt die Frau den Gedankengang fort, „er versucht besonders schlau zu sein.“
      „Schießt Euch nicht zu sehr auf den Tierarzt ein!“, bremst Colbert seine Leute, ehe die Ermittlerin fortfahren kann. „Immerhin war er es, der darauf gedrungen hat, dass Susan Harper uns die Geschichte von den Schüssen erzählt. Sonst hätten wir vielleicht nie davon erfahren.“ Als der Mann sieht, wie die anderen zum Protest ansetzen, hebt er abwehrend die Hand. „Ich weiß, was Ihr sagen wollt. Aber Spekulationen bringen uns nicht weiter. Natürlich nehmen wir auch Meech unter die Lupe. Vor allem interessiert mich sein Engagement für die Kinderfarm. Er hat ein paar großzügige Sponsoren dafür an Land gezogen. Ich möchte wissen, wie er sie dazu gebracht hat, ihm so selbstlos unter die Arme zu greifen und ob Henry Kilmer einer davon war.“
      Sanchez legt die Haribotüte aus der Hand und langt nach einem Blatt Papier.
      „Laut Kilmers Kreditkartendaten nicht“, informiert er seinen Chef und steht auf, um dem Älteren die Aufstellung auszuhändigen. „Keinerlei Geldanweisungen für Meech oder die Kinderfarm und auch sonst keine rätselhaften Ein- oder Auszahlungen. Falls er nicht noch ein anderes Bankkonto unterhalten hat, von dem wir bisher nichts wissen, war Kilmer geradezu ein Muster an Tugend, was sein Finanzgebaren angeht. Nicht mal sein Konto hat er gelegentlich überzogen.“
      „Das passt zu dem, was wir sonst über ihn wissen“, stellt Joe Hicks fest, während der Teamleiter die ihm gereichte Liste kurz überfliegt. „Ein vollkommen durchschnittlicher Typ mit einem Spleen für die Geschichte der Iren in Amerika.“
      „Habt Ihr inzwischen herausgefunden, ob da mehr zwischen ihm und Susan Harper war, als sie zugeben möchte?“, erkundigt Colbert sich, von den Unterlagen aufsehend.
      „Sieht nicht so aus“, meint Hicks. „Wenigstens halten alle, die ich danach gefragt habe, das für ausgeschlossen, genauso wie eine Liaison zwischen ihm und Tracy Lynch. Anscheinend hat Kilmer nach dem Tod seiner Frau keinerlei amouröse Beziehungen mehr gepflegt“, setzt der 34-jährige Ermittler fort. „Allerdings scheint er eine harmlose Schwärmerei für Karen Maguire gehegt zu haben, deren Mann seit einem Schlaganfall vollständig gelähmt ist. Über verliebtes Anhimmeln ist das aber wohl nicht hinausgegangen. Insofern sehe ich da nirgends auch nur den Ansatz für ein Mordmotiv.“
      „Was ist mit dieser Geschichte von dem Schüler, der seinetwegen die Schule gewechselt hat?“
      Der Blondschopf winkt ab.
      „Klarer Fall von einer Mutter, die nicht sehen will, dass ihr verzogener Sohn dringend ein paar Grenzen aufgezeigt bekommen muss. Die Direktorin der Schule hat ausdrücklich betont, dass Kilmer sonst kein Lehrer war, der seine Schüler mit Strafen diszipliniert hat. In diesem speziellen Fall hielt sie die Sanktionen allerdings für gerechtfertigt. Und ehe Du fragst - Vater und Mutter des Jungen haben für den Tatzeitpunkt ein Alibi. Sie haben an diesem Wochenende ihren zehnten Hochzeitstag gefeiert und sind dazu nach New York geflogen. Ich habe in dem Hotel angerufen, in dem sie abgestiegen sind und der Nachtportier hat bestätigt, dass sie ihr Zimmer nach der Rückkehr von einem abendlichen Bummel erst wieder zum Frühstück am Sonntagmorgen verlassen haben.“
      „War ohnehin unwahrscheinlich, dass wir da fündig werden“, stellt der Lateinamerikaner den Mund voller Gummibärchen etwas nuschelnd fest.
      „Was willst Du denn damit sagen?“, fragt Hicks leicht angesäuert. „Dass ich mir den Weg da raus hätte sparen können?!“
      Alvaro Sanchez wirft ihm einen spöttischen Blick zu.
      „Ruhig Brauner! Ich fand nur rachsüchtige Eltern, die Kilmer nachts aus dem Bett klopfen, um ihn dann in seinem Haus die Treppe hinunterzustürzen, ziemlich schwer vorstellbar.“
      „Ich finde auch so manches schwer vorstellbar“, gibt der fast zehn Jahre Jüngere wenig freundlich zurück. „Zum Beispiel, wie man sich einen ganzen Tag damit aufhalten kann, die Daten von Kilmers Laptop wiederherzustellen. Warst Du wenigstens erfolgreich?“
      Der andere steckt ungerührt zwei weitere Gummibärchen in den Mund.
      „Wie man’s nimmt.“

      Washington DC., Mittwoch 10.18 Uhr

      Detective Sergeant Alvaro Sanchez ist es gewohnt, wegen seiner oft zeitaufwändigen Recherchen am Rechner von dem ein oder anderen schief angesehen zu werden. Besonders Hicks scheint anzunehmen, er halte sich nur so lange damit auf, um der manchmal stupiden Laufarbeit zu entgehen, die der Außendienst mit sich bringt. Als würde es nur eines Fingerschnipsens bedürfen, um alle benötigten Informationen aus dem Netz oder, wie in diesem Fall, von einem fremden Computer zu ziehen! Zugegeben, das Gerät des ermordeten Lehrers stellte keine sonderlich große Herausforderung für ihn dar. Es war nicht einmal mit einem Passwort gesichert. Aber das muss er ja niemandem auf die Nase binden. Viel lieber spannt er seine Teamkollegen etwas auf die Folter.
      Die Afroamerikanerin allerdings scheint das nicht sehr zu schätzen.
      „Dann hast Du also was gefunden?“, versucht sie das Frage-und-Antwort-Spiel etwas abzukürzen.
      „Ja und nein.“ Als Sanchez sieht, wie sein Vorgesetzter ob dieser minimalistischen Auskunft unmutig die Brauen zusammenzieht, beeilt er sich, seine Bemerkung zu konkretisieren. „Also erst mal: Ich konnte alle Daten wiederherstellen. Wie ich Nancy schon sagte, hatte der, der sich an dem Rechner zu schaffen gemacht hat, offenbar nicht sonderlich viel Ahnung von dem, was er tat, beziehungsweise zu tun glaubte. Anscheinend hielt er es für ausreichend, eines der üblichen 0-8-15- Programme zum Löschen der Daten zu benutzen und anschließend die Festplatte zu formatieren. Ein Kardinalsfehler, wie jeder weiß, der sich auch nur halbwegs mit Computern auskennt.“
      „Bitte verschone uns mit den technischen Details!“, unterbricht der Teamchef den Mann, ehe der zu einer längeren Erklärung ausholen kann. „Sag uns einfach, ob sich auf der Festplatte irgendwas befindet, das uns erklärt, weshalb jemand so großen Wert darauf gelegt hat, die Daten zu löschen!“
      Dieses Mal widersteht der Computerspezialist der Versuchung, sich bewusst nebulös zu äußern.
      „In Kilmers E-Mails jedenfalls nicht“, erklärt er und greift ein weiteres Mal in die Tüte mit den Süßigkeiten. „Die sind allesamt unauffällig. Sie bestätigten übrigens Meechs Aussage, dass sein Freund auf der Suche nach alten Landmaschinen und Geräten war. Das passt auch zu Kilmers Telefonliste. Er stand mit diversen Privatleuten deswegen in Verbindung, aber es sieht nicht so aus, als hätte er einen von denen jemals persönlich getroffen.“
      „Sonst war nichts Interessantes auf dem Rechner?“, will der Teamleiter wissen.
      „Auf den ersten Blick nicht. Ein Teil der darauf befindlichen Daten sind Unterrichtsmaterialien, aber das Meiste betrifft Kilmers Hobby. Familienstammbäume, chronologische Auflistungen der Sheriffs von Colonial Village seit der Gründung der Siedlung, Auszüge aus dem Kirchenregister - lauter solches Zeug. Er hat Unmengen von Informationen zusammengetragen. Wenn wir die alle sichten wollen, brauchen wir Wochen.
      Von den Websites, die er besucht hat, beschäftigen sich ebenfalls mehr als neunzig Prozent mit irischer Geschichte und der Besiedlung Amerikas durch Iren. Der Rest sind durchweg seriöse Onlineshops. Falls der Mann eine verborgene Seite hatte, hat er sie jedenfalls nicht im Internet ausgelebt.“
      „Aber?“, hakt Colbert nach, dem die bedeutungsvolle Pause seines Ermittlers nicht entgangen ist.
      „Weniger aber, eher und“, erwidert der. „Außer, um im Internet zu surfen, hat Kilmer seinen Rechner als Speicher für Fotos genutzt. Es gibt Dutzende Ordner damit.“
      Interessiert beugt sich Nancy Freeman vor.
      „Nur altes Material oder auch Fotos aus den letzten Wochen oder Tagen?“
      „Die letzten stammen von Donnerstag vor seinem Tod. Und ratet mal, was er da fotografiert hat?“
      Auffordernd sieht Sanchez die anderen an, doch sein Chef stiehlt ihm die Show. „Die Grube auf dem Reiterhof“, erklärt er trocken.
      „Spielverderber!“, bescheinigt der Ermittler ihm und wirft einen bedauernden Blick in seine nun leere Gummibärchentüte. „Woher wusstest Du das?“
      „Susan Harper hat es mir erzählt.“
      „Kein Fotoapparat im Haus, keine Speichermedien und vom Computer, der vorwiegend Fotos enthält, alle Daten gelöscht“, resümiert die Frau im Team. „Hält es unter diesen Umständen jemand für zu gewagt, anzunehmen, dass es dem Täter um die Beseitigung eben dieser Fotos ging?“
      Ihre drei Kollegen schütteln den Kopf.
      „Ich hab schon mal die Bilder durchgesehen, die Kilmer in den letzten vier Wochen gemacht hat“, berichtet Sanchez. „Es sind ausschließlich Aufnahmen aus Colonial Village. Er hat alles Mögliche fotografiert: manchmal komplette Häuser, manchmal nur Teile davon, manchmal Landschaft mit Häusern im Hintergrund, ein paar Mal sogar Felder. Selbst mit viel Phantasie sehe ich in keinem davon ein Mordmotiv. Nicht mal die Fotos der Grube geben da sonderlich viel her. Mehr als die alte Matratze ist darauf sicher auch dann nicht zu entdecken, wenn man sie digital bearbeiten würde.“
      „Aber das wusste der Täter vielleicht nicht“, meint Colbert. Er schweigt einen Moment. „Konzentrieren wir uns vorerst auf Kilmers Interesse für diese mysteriöse Grube!“, entscheidet er schließlich. „Das scheint mir im Augenblick am vielversprechendsten zu sein. Möglicherweise zieht das Ganze sogar weitere Kreise, als wir bisher angenommen haben. Dieser NCIS-Agent, der gestern hier war, hat mir die Fallakte von einem toten Marine zukommen lassen, der seit über einem Jahr vermisst wurde und jetzt im Lake Needwood aufgetaucht ist. Anscheinend gibt es da eine Verbindung nach Colonial Village. Es ist alles noch etwas vage, aber ich denke, es könnte hilfreich sein, unsere Ermittlungen mit denen des NCIS zu koordinieren. Außerdem haben sie angeboten, die Obduktion von Kilmers Leiche von ihrem Pathologen erledigen zu lassen“, berichtet der 49-Jährige. „Der Leichnam wurde bereits abgeholt.“
      „So schnell?“, entfährt es Hicks überrascht. „Haben die da nichts anderes zu tun?“
      „Seien wir froh darüber!“, meint Colbert schulterzuckend. „Dann bekommen wir wenigstens endlich Gewissheit, ob Kilmers Tod wirklich Folge eines Verbrechens war. Obwohl ich daran inzwischen ohnehin keinen Zweifel mehr habe.“
      „Wegen des Armbandes, das in der Grube gefunden wurde?“, erkundigt sich Nancy Freeman.
      „Nicht nur deswegen. Die Jungs haben auch lange, blonde Haare entdeckt. Und jetzt seht Euch Tracy Lynchs Foto an!“
      Der Ermittler schlägt die vor ihm liegende Akte des alten Falles auf und hält das Bild der jungen Frau hoch, so dass es alle sehen können.
      „Langes, blondes Haar“, konstatiert Sanchez. „Was steht sonst noch in der Akte?“, will er dann wissen.
      Kurz legt der Teamchef die wichtigsten Fakten zum Verschwinden der Frau dar, erwähnt auch die Familienfehde zwischen den Lynchs und den Maguires.
      „Für meine Begriffe hat man diesen Aspekt damals ziemlich stiefmütterlich behandelt“, setzt er hinzu. „Die Maguires wurden zwar befragt, doch weder Victor Maguire noch dessen Gattin oder sein jüngerer Bruder Graham konnten ein lückenloses Alibi für den Tag nachweisen, an dem die Frau verschwand. Da aber nie eine Leiche aufgetaucht ist, hat es wohl niemand für nötig befunden, da weiter nachzuhaken, zumal Victor Maguire kurz darauf einen Schlaganfall erlitt.“
      „Und dieser andere Tote vom Lake Needwood, dessen Akte Du Dir beschafft hast? Wie passt der da rein?“, fragt Hicks.
      „Keine Ahnung, ob er überhaupt reinpasst. Im Moment ist das nur eine fixe Idee der NCIS-Leute. Ich hoffe, sie melden sich heute noch mal, damit wir das in Ruhe durchdiskutieren können. Eines ist allerdings interessant: Im forensischen Bericht werden grob behauene Feldsteine erwähnt, mit denen der Leichnam vor dem Versenken im See beschwert wurde. Und auf dem Reiterhof finden sich seltsame, fensterlose Gebäude aus eben solchen Steinen. Zwei der Häuser sind fast vollständig erhalten, aber es scheint noch mehr davon gegeben zu haben, denn in dem noch nicht gerodeten Waldstück liegen überall diese Steine herum.“
      „Grob bearbeitete Feldsteine findest Du dort draußen doch bestimmt an jeder Ecke“, wirft Nancy Freeman zweifelnd ein. „Wie willst Du herausfinden, ob die, mit der die Leiche im See versenkt wurde, ausgerechnet von dort stammen?“
      „Anscheinend hat das Labor Spuren ganz speziellen Mörtels daran gefunden“, erklärt der Chefermittler schulterzuckend. „Ich hab die Forensiker gebeten, sich die Steine vom Reiterhof diesbezüglich mal genauer anzusehen. Vielleicht haben wir Glück und landen einen Treffer.
      Nehmt Ihr unterdessen den Tierarzt unter die Lupe! Und versucht herauszufinden, ob es diese Schüsse im Wald wirklich gegeben hat und falls ja, wer sie abgegeben haben könnte! Ich werde inzwischen den Beteiligten im Fall Tracy Lynch einen Besuch abstatten. Mal sehen, was für Theorien sie über das verlorene Armband haben. Aber vorher will ich mit den NCIS-Leuten sprechen. Womöglich haben sie ja indessen etwas Greifbareres entdeckt, das unsere Fälle miteinander in Verbindung bringt.“

      Washington DC, Mittwoch 10.42 Uhr

      Habe ich mich je danach gesehnt, wegen meiner überschäumenden Phantasie ausgelacht zu werden? Heute wäre ich dankbar dafür gewesen. Dass Colbert das nicht nur nicht getan, sondern mich zu allem Überfluss auch noch aufgefordert hat, vorsichtig zu sein, macht es nicht leichter. Ich fühle mich, als befände ich mich ständig im Visier eines Scharfschützen.
      Kurz habe ich daran gedacht, Derek anzurufen, um ihm von meinem Besuch bei der Met Police zu erzählen. Es war gestern Abend schließlich unverkennbar, dass er sich Sorgen um mich macht. Doch was hätte ich ihm Beruhigendes sagen können? Dass der Detective mir geraten hat, Colonial Village vorübergehend zu verlassen? Das dürfte ihn wohl kaum erleichtern. Und bisher weiß ich ja nicht einmal, ob ich diesem Rat folgen werde. Obwohl ich bei dem Gedanken, in den Ort zurückzukehren, durchaus ein mulmiges Gefühl habe.
      Da kommt es mir gerade recht, dass ich ohnehin noch Einiges in Washington erledigen will. Die Suche nach einem Interessenten für die Einwandererstory steht ebenso auf meinem Programm, wie weiterführende Recherchen dafür. Außerdem möchte ich nach Wochen der Abwesenheit endlich mal wieder im St.Joes vorbeischauen. Viel zu lange habe ich mich schon nicht mehr in der Suppenküche sehen lassen!
      Mein erster Weg jedoch führt mich in die East Laurel Street, um meinen Laptop zu holen. Es wird höchste Zeit, dass ich die bereits entstandenen Skizzen für den Artikel ausarbeite und das geht nun mal am Computer leichter als mit Stift und Papier.

      Je länger ich unterwegs bin, desto deutlicher macht sich Unruhe in mir breit. Unruhe, die eindeutig nichts mit den Ereignissen in Colonial Village und dem möglichen Anschlag auf mich zu tun hat. Ich bin nervös, weil ich nach Hause komme. Oder besser: in jenes Haus, das für eine wunderbare, aber viel zu kurze Zeit mein zu Hause war.
      Nachdem ich den Wagen in der Auffahrt zum Stehen gebracht habe, bleibe ich hinterm Steuer sitzen und sehe mit einer Mischung aus Sehnsucht und Trauer auf das einstöckige Gebäude. Seit ich bei Yasmin wohne, war ich nicht mehr hier und in diesem Moment habe ich das deutliche Empfinden, auch nicht mehr hierher zu gehören. Mit seinem kompromisslosen Schweigen hat mich Jethro nicht nur aus seinem Leben verbannt, sondern auch aus diesem Haus geworfen. Meine Zeit mit dem Mann ist endgültig abgelaufen. Ich wollte es bisher nur nicht wahrhaben.
      Mühsam schlucke ich den Kloß hinunter, der meine Kehle engmacht. Keine Tränen mehr! Geheult habe ich wahrlich genug. Wenn ich neu anfange, dann nicht, indem ich tränenblind durch die Gegend stolpere!
      Ich putze mir energisch die Nase und steige aus, mich innerlich gegen die ungebetenen Erinnerungen wappnend, die mit jedem Schritt auf mich einstürzen. Bräuchte ich nicht meinen Laptop für die Arbeit, hätte ich vermutlich schon jetzt die Flucht ergriffen.
      So jedoch zwinge ich meine zitternden Finger, den Schlüssel ins Schloss zu stecken - und halte, plötzlich atemlos, inne, als die Tür unverschlossen aufschwingt. Die unvernünftige Hoffnung, die in Sekundenschnelle in mir hochschießt, beantwortet meine innere Stimme mit einem spöttischen Lachen.
      Glaubst du tatsächlich, er ist zurückgekommen? Zu dir zurückgekommen? Himmel, Susan! Bist du immer noch nicht kuriert?!
      Ich beiße mir auf die Lippen, bis ich Blut schmecke, und bemühe mich wieder zu Atem zu kommen. Ganz von selbst stellt sich die logische Erklärung für die unverschlossene Haustür ein: Die Andersons, die ich vor meiner Abreise nach Colonial Village gebeten habe sich um den Garten zu kümmern, die Post hereinzuholen und ab und an einen Blick auf das Haus zu werfen, haben vergessen zuzuschließen. Was denn sonst?!
      Zögernd trete ich in die kleine Diele. Als Yasmin mich damals bei ihrem Besuch in Tränen aufgelöst vorgefunden und gedrängt hat, sie nach Colonial Village zu begleiten, hat keine von uns einen Gedanken an den Computer verschwendet. Und so liegt er vermutlich noch immer dort, wo ich ihn vor Wochen zurückgelassen habe: auf dem Wohnzimmertisch.
      Und in der Tat finde ich ihn kurz darauf genau dort. Die ihn bedeckende Staubschicht verdeutlicht mir ebenso wie der muffige Geruch in der Luft einmal mehr, wie lange ich nicht hier war. Ich bin kurz davor die Terrassentür zum Lüften zu öffnen, doch dann bücke ich mich nur nach dem Ladekabel für den Laptop, das nachlässig zusammengerollt neben der Steckdosenleiste liegt, und verstaue es in meiner Tasche. Einen Moment lang sehe ich zu der hektisch blinkenden Anzeige des Anrufbeantworters hinüber, ehe ich beschließe, dass es mich nichts mehr angeht, wer versucht hat Jethro zu erreichen. Er hat immerhin ziemlich deutlich gemacht, dass er mich in seinem Leben nicht mehr haben will.
      Trotzdem fällt es mir schwer, in die Hosentasche zu fassen und den schmalen Verlobungsring herauszunehmen, um ihn auf den Tisch zu legen. Ich zwinge jegliche Erinnerung in mir zum Schweigen, greife nach meiner Tasche und ...
      „Susan?!“
      Der Schreck lässt mich so heftig zusammenfahren, dass ich beinahe den Laptop fallengelassen hätte. Mit wild klopfendem Herzen wirble ich herum und blicke den Mann, der mir so unverhofft gegenübersteht, perplex an.
      „Jethro? ... Aber ... Wieso ...?“
      Er trägt das Hemd lässig über der Hose, hat sich einen Bart und längere Haare wachsen lassen und seine Augen sind rot gerändert, als fände er noch immer nicht genug Schlaf. Viel mehr als sein Aussehen allerdings verstört mich die Waffe in seiner Hand. Sie ist nicht direkt auf mich gerichtet, doch ich habe das erschreckende Gefühl, dass sie es soeben noch war. Unfähig mich zu rühren oder etwas zu sagen starre ich ihn an und das, was sich eben entgegen aller Vernunft zu einem Hoffnungsschimmer entwickeln wollte, erstickt in plötzlich aufflammender, dunkler Angst. Ich habe ihn hier im Haus noch nie mit einer Waffe herumlaufen sehen und die unübersehbare Beunruhigung in seinem Gesicht macht es nicht besser. Als er den Revolver irgendwo an seiner Hüfte verschwinden lässt, sich dabei von seinem Platz an der Tür löst und auf mich zukommt, weiche ich unwillkürlich zurück, bis ich gegen die Tischkante stoße. Im nächsten Moment schließt sich Gibbs‘ Hand um meinen Oberarm.
      „Du musst hier verschwinden. Sofort!“
      Er bugsiert mich unnachgiebig in Richtung Tür und die Dringlichkeit in seiner Stimme lässt mich frösteln. Hatte ich eben noch Angst um mich, habe ich sie jetzt um ihn.
      Können Kopfverletzungen mit nachfolgendem Gedächtnisverlust Verfolgungswahn auslösen?
      „Schon gut. Es ist alles in Ordnung. Du bist zu Hause. Dir wird nichts passieren“, versuche ich ihn zu beruhigen, doch das Einzige, was ich von ihm zur Antwort erhalte, ist ein unwirsches Schnauben. Als Therapeutin bin ich anscheinend ebenso untauglich, wie als Ermittlerin.
      „Willst Du mir nicht erstmal erzählen, was los ist?“, probiere ich es noch einmal.
      Und dieses Mal bekomme ich eine Antwort. Allerdings nicht von Jethro.
      „Er ist nicht verrückt“, ertönt die Stimme seiner israelischen Kollegin hinter uns.
      „Ziva!“, knurrt der Mann warnend, während er mich loslässt und sich zu der Frau umdreht. „Wir haben keine Zeit für Diskussionen!“
      Mein Blick wandert ungläubig zwischen den beiden hin und her, was die Israelin dazu veranlasst, ungeduldig das Gesicht zu verziehen.
      „Nein, wir haben keine Affäre.“
      „Aber was ...?“
      Erneut fühle ich mich unsanft beim Arm genommen.
      „Ich werde es Dir erklären. Später.“ Vor der verschlossenen Haustür hält der Mann inne. „Warte hier!“
      Offenbar überzeugt davon, dass ich seiner Aufforderung folgen werde, verschwindet er nach draußen.
      Einen Moment lang starre ich verwirrt auf die geschlossene Tür, dann drehe ich mich zu der Israelin um. Doch ehe ich etwas fragen oder sagen kann, ist Jethro zurück und schiebt mich wortlos hinaus. Er öffnet mir die Wagentür und wartet, bis ich eingestiegen bin.
      „Komm nicht wieder her, bis ich es Dir sage!“, verlangt er nachdrücklich. „Falls Du etwas von Deinen Sachen brauchst, ruf mich an! Dann finden wir einen Weg.“
      „Aber was ist denn bloß los? Ich ...“
      „Fahr jetzt! Ich ruf Dich an! Und vergiss, dass Du uns hier getroffen hast!“
      Ich sehe den Mann noch einen Augenblick fragend an, bevor ich den Motor anlasse. Was sollte ich auch sonst tun?!

      Washington DC., Mittwoch zur gleichen Zeit

      „Ihr habt was?!“
      Einigermaßen fassungslos hört der Chefermittler der Met Police zu, wie Hicks ihm am Telefon berichtet, dass das Überwachungsteam die Journalistin bereits kurz nach Beginn der Beschattung verloren hat. Einen Moment lang fürchtet er, die Blondine völlig falsch eingeschätzt zu haben.
      „Was ist passiert? Hat sie es geschafft Euch abzuhängen?“
      Einen Moment lauscht er stumm, bringt nur ein unzufriedenes Knurren hervor, als er von dem Unfall hört, in den das Team fast verwickelt worden wäre und der sie den Sichtkontakt zu der Frau gekostet hat. Sie haben danach noch eine Weile versucht, sie wiederzufinden, es dann jedoch aufgegeben und versuchen nun, ihr Handy zu orten.
      „Schickt außerdem einen Wagen nach Colonial Village!“, fordert Colbert den Ermittler auf. „Falls Ihr sie anders nicht erwischt. Ich habe so das Gefühl, sie wird dorthin zurückzukehren.“
      Mit Befriedigung vernimmt der Mann, dass dies bereits veranlasst wurde. Wie immer haben seine Leute schnell und effizient gearbeitet. Nun können sie nur abwarten, ob eine der ergriffenen Maßnahmen zum Erfolg führt.
      „Gib mir Bescheid, wenn Ihr sie wiederhabt!“, bittet er seinen Kollegen, ehe er die Verbindung trennt und das Handy in die Tasche zurücksteckt.
      Einen Augenblick sieht Colbert stirnrunzelnd vor sich auf den Schreibtisch. Natürlich kann man dem Überwachungsteam keinen Vorwurf machen. Zwischenfälle wie dieser sind nie ganz auszuschließen. Ärgerlich ist es trotzdem. Obwohl er die Journalistin momentan nicht in unmittelbarer Lebensgefahr sieht, wird er ein deutlich besseres Gefühl haben, wenn sie wieder unter Beobachtung steht. Auch wenn die Möglichkeit, dass ihr Sturz vom Pferd kein Unfall war, die Frau sichtbar beunruhigt hat, ist Colbert ganz und gar nicht sicher, ob sie der Versuchung widerstehen kann, weiterhin neugierige Fragen über die Grube zu stellen. Geschweige denn, ob sie seinem Rat folgen und Colonial Village vorübergehend verlassen wird.
      Mit einem unzufriedenen Seufzen wendet sich der Mann wieder den Papieren zu, die er zu seinem Besuch am Navy Yard mitnehmen will. Es wundert ihn, dass dieser Agent DiNozzo sich noch immer nicht bei ihm gemeldet hat. Anscheinend genießt der Fall bei ihm keine besonders hohe Priorität. Colberts Meinung nach ist es allerdings höchste Zeit, ihre Ermittlungsergebnisse abzugleichen. Die Erfahrung hat ihn gelehrt, dass Aktenstudium niemals einen persönlichen Gedankenaustausch ersetzen kann. Unklarheiten, offene Fragen und persönliche Eindrücke tauchen nun einmal in Fallakten nicht auf. Gerade Diskussionen darüber aber lösen oftmals Denkblockaden und können festgefahrene Ermittlungen, wie die in den Fällen Tracy Lynch und Rodney Brooks, in eine überraschende Richtung lenken.
      Und der Detective der Met Police hat keine Lust darauf zu warten, bis man beim NCIS endlich ausgeschlafen hat.

      Manchmal bedarf es theatralischer Gesten, um sich die Wichtigkeit einer Situation zu vergegenwärtigen. Anthony DiNozzo ist sich durchaus bewusst, dass ihre konspirative Zusammenkunft in der Pathologie etwas ungemein Kindisches hatte. Ein außenstehender Beobachter hätte bei dem Anblick von fünf erwachsenen Menschen, die wie Zehnjährige mit heiligem Ernst eine Verschwörung aushecken, vermutlich ungläubig den Kopf geschüttelt.
      Doch von einem harmlosen Kinderstreich ist das hier weit entfernt. Spätestens seit Tony weiß, dass der Mossad bei der Geschichte mit Ziva die Finger im Spiel hat, steht für ihn fest, dass es um deutlich mehr geht, als nur um den drohenden Verlust ihrer Jobs. Es geht um Zivas Leben. Und vor ein paar Stunden noch hätte er alles dafür gegeben, Gibbs bei diesem Kampf an seiner Seite zu wissen. Nun jedoch ...
      Der Italiener wirft einen vorsichtigen Blick auf den Grauhaarigen, der gemeinsam mit der Israelin die Fotos auf dem auf der Werkbank stehenden Laptop betrachtet und sich von der Frau die spärlichen Informationen geben lässt, über die sie verfügt. Es ist ein befremdlicher Anblick und das liegt nicht daran, dass sich diese Szene im Keller des gibbsschen Hauses abspielt. Es liegt an dem sehr ungewohnten Aussehen des Älteren. Gibbs in legerem Freizeitlook, mit Bart und längerem Haar - das passt einfach nicht. So wenig wie das offene Lachen, das der Mann bei seiner Begrüßung zeigte. Wahrscheinlich sollte Tony zufrieden sein, seinen früheren Chef so entspannt zu sehen. Stattdessen befremdet und erschreckt es ihn. Ebenso wie die Gedächtnislücken, die der andere immer wieder offenbart. Kann er ihnen unter diesen Bedingungen überhaupt helfen?
      Eines jedenfalls scheint sich nicht geändert zu haben: Noch immer muss sich der Mann nicht umsehen, um zu wissen, was hinter ihm vorgeht.
      „Hast Du mich genug angestarrt, DiNozzo?!“, fragt er den Italiener ironisch, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen.
      „Entschuldige Boss. Ähm ... Gibbs ... Ich meine ...“
      Der andere dreht sich halb zu ihm um und mustert ihn mit spöttisch gehobenen Brauen. Noch etwas, das sich nicht geändert hat.
      „Wie ist der Plan?“, erkundigt sich Tony eilig.
      „Der Plan ist, Namir Eschel aufzuspüren, ehe er das Land verlässt.“
      „Ohne die offiziellen Wege zu gehen, dürfte das nicht so leicht werden“, wendet der Ermittler ein. „Und die können wir nicht gehen, weil FBI und Mossad uns auf die Finger sehen.“
      „Dann nehmen wir einen inoffiziellen Weg.“
      „Sollte es wirklich Namir sein, weiß ich vielleicht, wo er stecken könnte“, meldet sich die Israelin zu Wort. „Es gibt da ein sicheres Haus in Fairfax.“
      Doch Gibbs schüttelt den Kopf.
      „Dorthin würde er nicht gehen. In diesem Versteck würde ihn der Mossad zuerst suchen.“
      „Von diesem Versteck weiß der Mossad aber nichts. Ich hab’s damals für Ari ausgesucht.“
      Der Grauhaarige mustert die Frau.
      „Woher weiß Eschel davon?“
      „Als Ari vor drei Jahren den NCIS attackiert hat, gehörte Eschel auch zu seiner Verstärkung.“
      „Dann los! Worauf warten wir noch?! Sehen wir uns dort mal um!“, fordert Tony die anderen beiden auf und wendet sich der Treppe ins Erdgeschoss zu. Doch ehe er auch nur den Fuß auf die erste Stufe gesetzt hat, hält die Stimme seines früheren Chefs ihn auf.
      „Du wirst Dich nirgends umsehen, DiNozzo!“
      Aufgebracht fährt der Italiener sich herum.
      „Wie bitte?! Du erwartest doch wohl nicht, dass ich die Hände in den Schoß lege, während dieser Kerl versucht, sich aus dem Staub zu machen?!“
      „Habe ich das gesagt? Was ich erwarte, ist, dass Du eine Möglichkeit findest, wie wir Eschel aus seinem Bau locken, falls wir das Haus in Fairfax leer vorfinden.“
      Sichtbar ratlos stößt der NCIS-Agent den Atem aus und erntet dafür von Gibbs einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter.
      „Lass Dir was einfallen, DiNozzo! Du bist doch jetzt Seniorermittler.“

      Letztlich ist es jedoch McGee, der die aussichtsreichste Idee hat.
      Nach seiner Rückkehr an den Navy Yard hat Tony ihn und Abby zu Rate gezogen. Die drei haben sich in der forensischen Abteilung um den Computer geschart, als der IT-Spezialist plötzlich fragt: „Was hältst Du davon, wenn wir lügen? Wir suchen statt eines abtrünnigen Mossadspions, der einen Mord begangen hat, einen Mann, der seine Frau misshandelt hat.“
      Schon während der Ermittler spricht, gibt er den passenden Text in den Fahndungsaufruf ein. Mit zusammengekniffenen Augen verfolgt Tony wie sich die Buchstaben auf dem Bildschirm zu Worten zusammenfügen.
      „Das ist hinterhältig“, stellt er anerkennend fest. „Und verschlagen.“
      „Und außerdem“, wirft Abby ein, die, ihr Nilpferd fest im Arm, neben Tim unruhig von einem Fuß auf den anderen tritt, „macht es mich unheimlich an.“
      Das etwas selbstgefällige Grinsen, mit dem McGee die Frau ansieht, bleibt von DiNozzo nicht unbemerkt.
      „Schön, dass endlich was von mir auf ihn abfärbt“, bemerkt er launig und drückt eine Taste des in seiner Hand befindlichen Aufnahmegeräts. „Also los!“, klingt seine Aufforderung aus dem kleinen Lautsprecher. Doch als der Ermittler sich abwendet, um das forensische Labor zu verlassen, erstarrt er. In der offenen Tür steht die Direktorin, an ihrer Seite Detective Lieutenant Colbert von der Met Police, der die Szene interessiert betrachtet.
      „McGee!“, raunt der Italiener, so dass der Jüngere sich fragend zu ihm umdreht.
      „Was ist denn, Tony? Du siehst doch dass ...“
      Als er mitten im Satz abbricht, nimmt auch Abby ihren Blick vom Bildschirm und sieht auf. Eine Sekunde später ist der Fahndungsaufruf verschwunden und das Bild eines lachenden Gibbs prangt auf dem Display.
      „Kann ich Ihnen helfen, Director?“, erkundigt sich die Forensikerin mit unschuldiger Dienstbeflissenheit bei ihrer Vorgesetzten, während die beiden Agenten sich beklommen fragen, wie lange die Frau und ihr Begleiter wohl schon an der Tür gestanden und wie viel sie gehört haben mögen.
      Doch anscheinend machen sie sich umsonst Sorgen, wie die folgenden Worte der Direktorin nahelegen.
      „Danke Abby. Eigentlich möchte ich zu Agent DiNozzo.“ Ohne näherzutreten, wendet sie sich dem Genannten zu. Ihre unergründliche Miene hätte einem gewissen, nicht mehr tätigen Chefermittler alle Ehre gemacht. „Hier ist Besuch für Sie, Tony. Detective Colbert würde Ihre Fälle gern etwas detaillierter durchsprechen als bisher geschehen. Da das sicher auch in Ihrem Interesse liegt, habe ich ihn gleich mitgebracht.“
      Der Beamte der Met Police nickt grüßend in die Runde.
      „Freut mich, Sie alle kennenzulernen. Ich dachte, in persönlichem Gespräch könnten wir das ein oder andere leichter klären.“
      „Zum Beispiel“, wirft Jen in durchaus freundlichem Tonfall ein, „ob es neue Erkenntnisse im Fall Brooks gibt, die Sie sich ausgerechnet hier versammeln lassen.“
      Fragend blickt sie auf den Teamchef.
      „Nicht direkt ...“
      Sekundenlang herrscht ungemütliches Schweigen im Raum, ehe Abby dem Mann beispringt.
      „Was Tony sagen will, Ma’am ist, dass die Erkenntnisse nicht mehr nagelneu sind. Also neu sind sie schon, im Sinne davon, dass Sie sie wahrscheinlich noch nicht kennen, weil Sie die Berichte über den Mörtel möglicherweise noch nicht gelesen haben. Es sei denn natürlich, Sie wären ein absoluter Frühaufsteher und hätten heute Vormittag noch nichts Besseres zu tun gehabt, als sich durch die Tagesberichte von gestern zu wühlen. - Womit ich natürlich nicht meine, dass Sie nichts zu tun haben! Im Gegenteil! Vermutlich wissen Sie vor lauter Arbeit gar nicht, was Sie zuerst machen sollen und hatten deshalb noch gar keine Zeit ...“
      Jenny hat den immer hastiger vorgebrachten Worten mit einem zunehmend amüsierten Schmunzeln zugehört.
      „Stop!“, unterbricht sie die Forensikerin jetzt sanft und setzt, als diese mitten im Satz verstummt, freimütig fort: „Sie haben Recht, ich habe die Berichte tatsächlich noch nicht gelesen. Dazu werde ich wohl erst später kommen. Aber ich bin froh, dass es offenbar vorangeht. Also setzen Sie Detective Colbert ins Bild und dann gleichen Sie Ihre Ermittlungsergebnisse mit ihm ab! Und vergessen Sie nicht, mich über das Ergebnis zu informieren!“

      Ohne eine Antwort zu erwarten, wendet die Frau sich zum Gehen und im forensischen Labor hört man drei Menschen leise aufatmen.
      ----------------------------------------
      Thread 13



      Arts by Saphira <3
      "... dass wir nicht wissen können, wohin unsere Abweichungen von den Wegen uns führen .." Christa Wolf

      Dieser Beitrag wurde bereits 13 mal editiert, zuletzt von „stillcrazy“ ()

      ...na mir fällt es immer leichter mich mit dem Dereck über Jethros Schweigen hinweg zu trösten. ;)
      Der Gibbs-Komet war so schööööön, aber soooo kurz und schwupp verglüht und weg?
      Ob es Susan wie mir geht, die weiß ja nichtmal, das Jethro ab und an an sie denkt?
      Hm, wir werden sehen. Ich bin ein Happy End fan - nur mal so, dass das jeder weiß ja!

      <3 a
      Susan landet immer wieder bei Gibbs – zumindest in Gedanken. :D Derek hat sie ja auf den Gedanken gebracht, dass das keine Fehlzündung eines Autos war…. logische Schlussfolgerung für sie: das waren Schüsse und vermutlich galten sie ihr! Derek hat sie ja gefunden… dass sie ihn verdächtigt ist nur logisch für mich…muss ja nicht heißen, dass er es getan hat. Ich glaub ihm nicht ganz, dass er sich nur um Susan sorgt. Also Derek, wenn das Detective Colbert gehört hätte, tststs Wird Susan zur Polizei gehen?



      Dieses tolle Set ist von Raya :thumbup:
      Hallo,

      na da hat Susan aber echt schiß jetzt. Und das liegt wohl großen Teils an ihren Selbstzweifeln. Also Gibbs hört auch immer auf sein Bauchgefühl, wenn wir schon fragen, was er so machen würde. *lach*
      Tja und Meech? Da sagt mir mein Bauchgefühl weder gutes noch schlechtes. Ich werde wohl bis zum Schluß der Geschichte warten müssen, um zu wissen ob er gut oder böse ist.

      Gruß, Ute
      Live Long and prosper
      Ute
      :thumbup:
      Hey.

      du schreibst :
      Ich weiß, dass ihr gerne noch ein wenig bei Gibbs geblieben wärd, aber nachdem er zu Beginn der Story so viel Screentime hatte, wird er zum Ende hin nur noch eine Nebenrolle spielen


      Jethro und nur eine Nebenrolle , das kann nicht sein ... :(

      Arme Susan, sie ist komplett durcheinander und ihre Gedanken wandern immer wieder zu Jethro.
      Eigentlich müsste er jetzt anstelle des Tierarztes sie mal dringend in die Arme nehmen. Aber wenigstens steht sie nicht alleine da. Auch wenn ich immer noch nicht weiss, ob ihm zu trauen ist . Schliesslich hatten wir ja schon Charaktere in den früheren Storys, wo man es auch nicht vermutete, dass sie gar nicht so lieb sind.

      Andra schrieb:

      Ich bin ein Happy End fan


      Irgendwie befürchte ich, dass stillcrazy da nicht ganz deiner Meinung ist. Ich erinnere mich schwach, dass sie das mal in einem Kommentar erwähnt hat.
      Ich hoffe ja auch noch , dass Jethro und Susan wieder zusammenkommen, aber ich befürchte wir müssen uns noch gedulden.
      Vor allem, wenn man liest, dass Jethro nur eine Nebenrolle spielen wird .

      Grisu112 schrieb:

      Hey.

      du schreibst :
      Ich weiß, dass ihr gerne noch ein wenig bei Gibbs geblieben wärd, aber nachdem er zu Beginn der Story so viel Screentime hatte, wird er zum Ende hin nur noch eine Nebenrolle spielen


      Jethro und nur eine Nebenrolle , das kann nicht sein ... :(




      Das kann ich mir auch nicht vorstellen....Jethro nur eine Nebenrolle :/



      Dieses tolle Set ist von Raya :thumbup:
      Hey!

      Ach wie schön, dass al die Gibbs-Fans hier mir nicht das Fell über die Ohren gezogen haben für die letzte Szene! Vielen Dank! :D

      Andra schrieb:

      Ich bin ein Happy End fan -

      Es ist ja schon von Grisu erwähnt worden, dass das auf mich eher nicht zutrifft. Dramaqueen trifft es wohl eher ;). Aber die Frage ist doch, welche Art Happy End man erwartet. Manchmal ist es ja schon schön, wenn alle unsere Lieblingsfiguren überleben ...

      @laborfledermaus
      Ich bin froh, dass ihr Susan die Folgerung mit den Schüssen abnehmt. Ganz sicher war ich nicht, ob ich das glaubwürdig verkaufen kann.

      ziva-ute schrieb:

      Tja und Meech? Da sagt mir mein Bauchgefühl weder gutes noch schlechtes. Ich werde wohl bis zum Schluß der Geschichte warten müssen, um zu wissen ob er gut oder böse ist.


      Ich bin kein sonderlicher Freund von Figuren, die entweder-oder sind. Insofern: lasst euch überraschen!

      Grisu112 schrieb:

      Jethro und nur eine Nebenrolle , das kann nicht sein ...


      Ich schätze, das würde er wohl auch so sehen. :D

      Nach einem langen Tag voller Ermittlungs-und Denkarbeit haben wir uns einen gemütlichen Tagesausklang im Pub verdient, findet ihr nicht auch? Na dann, auf in den "Irish Man"! :D

      Schöne Grüße,
      stillcrazy

      Arts by Saphira <3
      "... dass wir nicht wissen können, wohin unsere Abweichungen von den Wegen uns führen .." Christa Wolf
      Sehr schönes Gespräch zwischen Molloy und Brody, der komplett geschockt ist.
      Hmm, ist es Zufall, dass Molloy noch genau weiss, was sie an dem Tag an Tracy's Armband befestigt haben ?
      „Ich hab ihr geholfen, einen neuen Anhänger daran festzumachen. Einen Schmetterling ...“

      Gibbs glaubt nicht an Zufälle und ich würde mal mutmassen, dass Tracy den Schmetterling für ihr Armband vielleicht von Molloy bekommen hat.

      Wow :
      „Du willst den „Irish Man“ geschlossen lassen? Das gab's ja noch nie!“

      und dann dies für das Kinderfest von dem Tierarzt.

      stillcrazy schrieb:

      Dramaqueen trifft es wohl eher ;

      oh je , somit bewahrheitet sich wahrscheinlich, dass es für einen Teil der Leser kein "Happy End" gibt, wie sie es sich wünschen. :(
      Dann können wir nur hoffen, dass es eine nächste Story gibt, bei denen die zwei sich dann doch wieder näherkommen. ...
      Wieder mal ein tolles Kapitel! Die Dialoge sind jedes Mal hervorragend geschrieben, du hast so eine große Liebe zum Detail – ich bin so begeistert! Molloy hat ihr einen Schmetterling an dem Armband befestigt? Hat er was damit zu tun? *grübel* Es war auch schön zu lesen, wie Molloy und Brody über Henrys Tod und das Verschwinden von Tracy reden. „In Colonial Village lebt ein Monster, Edan.“ „Und es sieht aus, wie Du und ich.“ Endlich wurde mal laut ausgesprochen, was sicher alle schon denken.



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      Hey!

      Ich freue mich immer sehr, dass ihr auch der abseits aller Ermittlungen stattfindenden Handlung mit so viel Interesse und Begeisterung folgt. Vielen Dank für eure Rückmeldungen dazu!

      @Ute
      Die Erkenntnis, dass möglicherweise ein Nachbar oder Bekannter ein Mörder ist, stelle ich mir sehr erschreckend vor. Auch für einen gestandenen Mann wie Don Brody.

      Grisu112 schrieb:

      Gibbs glaubt nicht an Zufälle und ich würde mal mutmassen, dass Tracy den Schmetterling für ihr Armband vielleicht von Molloy bekommen hat. :

      Wird auf der Liste der Vermutungen und Verdächtigungen vermerkt. *kritzel kritzel*

      @laborfledermaus
      Dankeschön für das Lob! Dieser Dialog hat sich fast von selbst geschrieben. Ich musste nur gut zuhören und mitschreiben. :D

      Überraschenderweise gibt es in Colonial Village an diesem Abend noch andere Gesprächsthemen - und auch diese möchte ich euch nicht vorenthalten. Lasst euch also überraschen, worüber man sich im Haus der Maguires Gedanken macht!

      Schöne Grüße,
      stillcrazy

      Arts by Saphira <3
      "... dass wir nicht wissen können, wohin unsere Abweichungen von den Wegen uns führen .." Christa Wolf
      Karriere und Geld… das ist alles was sie im Sinn zu haben scheint. Vielleicht ist Graham selber der geheime Investor? Mag er deshalb nicht Rede und Antwort stehen? Möglicherweise ist sie mit ihren Gedanken schon gefährlich nahe gekommen…. Was mir bei diesem Gespräch gefallen hat war, dass sie gleich auf den Punkt gekommen ist. Sie drückt ihm einen Cocktail in die Hand und sprudelt auch selber gleich los… was für ein Bild :D



      Dieses tolle Set ist von Raya :thumbup:
      Oh Mann, diese Cheryl Maguire . Immer nur auf ihre Vorteile bedacht.
      Aber in was ist ihr Mann Graham verwickelt. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es nicht nur um einen vorgeschobenen Investor geht.
      Was hat er zu verheimlichen. Weiss er etwas über die Grube und den verschwunden Ex-Navy ? Oder hat er gar damit etwas zu tun. ...
      Hey!

      Vielen Dank für euer fb! :)

      @Ute
      Ich denke, Cheryl Maguire kann sehr gut abeschätzen, dass für eine politische Karriere mehr nötig ist, als sie drauf hat und überlässt diese deshalb ihrem Mann.

      laborfledermaus schrieb:

      Vielleicht ist Graham selber der geheime Investor?

      Interessanter Gedanke, den wir nicht aus den Augen verlieren sollten. :thumbsup:

      Grisu112 schrieb:

      Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es nicht nur um einen vorgeschobenen Investor geht.

      Womit du goldrichtig liegst. Ich habe diesen Handlungsstrang ja nicht umsonst eingebaut.

      Nachdem ich euch im aktuellen Kapitel noch ein kleines Häppchen von Diesem und Jenem aus Colonial Village präsentiert habe, geht es nun in die Weihnachtspause. Wir haben in den nächsten Tagen sicher alle genug anderes zu tun, als in Krimis zu schmökern. Die Fortsetzung gibt es also in den ersten Januartagen.

      Ich wünsche euch ein schönes Weihnachtsfest, einen flotten Weihnachtsmann ;) und einen katerfreien Start ins nächste Jahr!
      Schöne Grüße,
      stillcrazy

      Arts by Saphira <3
      "... dass wir nicht wissen können, wohin unsere Abweichungen von den Wegen uns führen .." Christa Wolf
      Das Einkaufen mit Douglas und seiner Freundin hat mir gefallen. Ebenso die anderen beiden Geschichten. Hoffentlich muss Yasemin den Reiterhof nicht schließen. Klatsch und Tratsch kann informativ sein, aber auch einem sehr wehtun. Du überrascht immer wieder: Edan Molloy und Tracy waren ein Paar? Naja, wieso nicht.. nur hätte ich damit nicht gerechnet :D
      Ich hoffe du hattest ein schönes Weihnachtsfest. Ich wünsch dir noch einen guten Rutsch ins Neue Jahr und dass du weiterhin so kreativ bleibst!



      Dieses tolle Set ist von Raya :thumbup:
      Drei sehr interessante Dialoge , die du hier hast.

      Das Gespräch zwischen Deborah und Molloy war sehr aufschlußreich.
      Also ist sehr wahrscheinlich der Schmetterling wirklich von Molloy
      „Ich hab ihr geholfen, einen neuen Anhänger daran festzumachen. Einen Schmetterling ...“


      (Ich hoffe ihr hattet alle schöne Weihnachten und wünsche allen ein guten Rutsch ins neue Jahr)
      Mir ist da noch was aufgefallen im Gespräch von Douglas mit seiner Freundin :

      stillcrazy schrieb:

      „Samstagabend hast Du Dich auch einfach rausgeschlichen.“
      „Ja und beim Heimkommen wäre ich fast Mister Maguire in die Arme gelaufen, der spät noch weggegangen ist. Nochmal mache ich so was nicht!“


      War Samstag Abend nicht der Zeitpunkt, an dem Henry Kilmer ermordert wurde ?
      Also wo ist Maguire so spät noch hin.