[NCIS] ~ Skyfall ~Thread I *voll*

      [NCIS] ~ Skyfall ~Thread I *voll*



      Gnadenlos wirft das Schicksal Gibbs und sein Team aus der Bahn.
      (In dieser Geschichte geht es um eine Krebserkrankung und deren Verlauf bis zum Tod. Es gibt kein Happy End!)


      Januar „Agent am Boden – Agent am Boden!“




      Bishops Stimme hallte in seinem Kopf nach, während er wie erschlagen auf der kleinen Mauer vor einer alten Lagerhalle saß und versuchte, die Übelkeit in den Griff zu kriegen. Die Kugel eines Scharfschützen hatte ihn voll getroffen und nur seiner Schutzweste war es zu verdanken, dass Gibbs nun nicht blutend am Boden lag. Und dennoch hatte er Mühe, jetzt wieder auf die Beine zu kommen.

      Sein Bauch schmerzte, er hatte sich heftig übergeben müssen und nun spielte sein Kreislauf ihm Streiche. Er wankte wie betrunken – selbst im Sitzen. Er hörte eilige, sich nähernde Schritte und erkannte Bishop, die vor ihm in die Hocke ging. Diese lästigen Frischlinge! Er hatte seinen Leuten gesagt, dass sie ihre Arbeit machen sollten – er brauchte niemanden, der ihm besorgte Blicke zu warf. Es war ja nichts passiert!

      „Mach deine Arbeit, Bishop! Los!“, knurrte er zornig und funkelte sie grimmig an.
      Ellie hielt ihm eine kleine Flasche Wasser entgegen, doch er ignorierte die Geste, sodass die Blonde das Getränk schließlich neben ihm auf die Mauer stellte.

      „Der Schütze war ein gewisser Malcolm Dunn. Ehemaliger Marine-Scharfschütze, jetzt Söldner. Zuletzt war er mehrere Male in Syrien – hier scheinen wir direkt ins Wespennest gestochen zu haben – ein großzügiges Waffendepot. Abby wird feststellen, ob es sich dabei um die fehlenden Navy-Bestände handelt.“

      Gibbs nickte. „Davon können wir wohl ausgehen – keine schönen Aussichten für unseren Lieutenant.“

      „Geht’s wieder?“, forschend suchte Ellie seinen Blick.

      „Verschwinde und mach dich an die Arbeit, Bishop!“, grollte der Grauhaarige nur unwirsch.




      „Bleib liegen!", herrschte der sonst so besonnene Rechtsmediziner Gibbs an und drückte ihn unsanft zurück auf den kalten Edelstahltisch. Gibbs stöhnte leise auf, als die Hände des Mediziners über seinen Bauch tasteten. Ein hässliches Hämatom zierte seinen Oberbauch und noch immer fühlte er sich reichlich unwohl. Er hatte einen Schluck von dem kalten Wasser getrunken, das Ellie ihm gebracht hatte, und es in hohem Bogen wieder von sich gegeben – zusammen mit einem Schwall Blut. Furcht war in ihm hochgekrochen wie ein lästiger Parasit und es war dem Grauschopf schwergefallen, diese wieder aus seinen Empfindungen zu vertreiben. Für gewöhnlich war er ein Meister darin, alle beängstigenden Gedanken zu ignorieren. Doch dieses Mal war es nicht so einfach.

      „Tut es weh?", knurrte Ducky mit zorniger Miene.

      Gibbs antwortete nicht, sondern fixierte stur einen Teil der Decke und schluckte schwer.

      „Endlich habe ich dich hier auf meinem Tisch!“, knurrte Ducky, der nur selten so erzürnt war. „Das Hämatom ist eine Sache, aber du hast wenigstens 10 Kilo Gewicht verloren! Kreislaufprobleme, Gewichtsverlust, Leistungsknick, Schmerzen - wie oft erbrichst du nach den Mahlzeiten? Und woran war noch gleich deine Mutter gestorben?"

      „Darmkrebs", murmelte der Chefermittler und schloss mit gequältem Gesichtsausdruck die Augen. Er wollte dieses Gespräch nicht führen. Nicht mit Ducky - und auch mit keinem anderen. Das Ende vom Lied wäre, dass er es aussprechen musste, und damit würde es nur wahr werden.

      „Richtig! Sowas sagtest du bereits während unseres letzten Gesprächs! Vor Wochen, als ich dir die Telefonnummer des Gastroenterologen gab, den du noch immer nicht konsultiert hast.“ Weiter vor sich hin schimpfend, ging Dr. Mallard hinüber zu seinem Schreibtisch und blätterte in seinem Adressbüchlein. Dann wandte er sich noch einmal dem Ermittler zu. „Ich weiß, dass der Gedanke daran beängstigend ist. Aber es kann auch andere Gründe haben, warum du so abgebaut hast. Und selbst wenn – die Medizin ist heute doch schon viel weiter und…“

      Mühsam setzte Gibbs sich auf, sodass er seine Kleidung richten konnte, und musterte seinen alten Freund. Ducky hatte sich selbst unterbrochen. Er saß am Schreibtisch und hatte nach dem Telefon gegriffen.

      „Und wenn ich dich an den Haaren hinzerren muss! Ich werde nicht länger dabei zusehen, wie du dich zu Grunde richtest!"

      Gibbs ließ sich vom Tisch gleiten und musste für einen Moment gegen das Schwindelgefühl ankämpfen. Er könnte es einfach sagen, dann würde Ducky Ruhe geben. Mit drei Menschen hatte er sein schreckliches Wissen bereits geteilt – und dennoch fühlte es sich unecht an. Als wäre es nicht wahr. Dazu kam noch die Sorge um den Anderen selbst. Der alte Rechtsmediziner hatte arg mit seinen Herzproblemen zu kämpfen und sollte sich nun eher um sich selbst kümmern. Dies war auch der einzige Grund dafür, dass Gibbs ihn noch nicht ins Vertrauen gezogen hatte. Doch jetzt würde er reden müssen, das war dem Grauschopf klar. Nicht nur, weil er Ducky nicht verletzten wollte, sondern vor allem auch, weil er ihn als Freund an seiner Seite brauchte.

      Langsam ging er zu dem Älteren hinüber und nahm diesem das Telefon aus der Hand. Er erkannte am Beben von dessen Händen, wie erzürnt der Mediziner war. Vermutlich wusste Ducky schon wieder mehr als er zuzugeben bereit war.

      „Nicht nötig, Ducky. Der Termin zur Darmspiegelung ist längst erledigt." Müde ließ der Grauschopf sich auf einen Stuhl sinken und verbarg sein Gesicht in den Händen. „Deine Vermutung wurde bestätigt, Doktor. Darmkrebs - 3. Stadium, nicht operabel."

      Mit dem üblichen, zischenden Geräusch öffnete sich die Tür zur Autopsie. Gibbs schaute blinzelnd auf und sah sich Direktor Vance gegenüber.

      „Gibbs. Ich habe gerade erfahren, was passiert ist. Geht es Ihnen gut?“ Der Dunkelhäutige musterte seinen Chefermittler forschend.

      Der Grauhaarige nickte und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. „Es geht schon, Leon.“

      „Ihr Date steht? Oder müssen wir improvisieren?“

      Gibbs schüttelte den Kopf, während Ducky mit fragender Miene von einem zum anderen schaute und der Schock über die Offenbarung seines Freundes noch in seinem Blick lag.

      „Mein Smoking dürfte schon auf dem Weg hierher sein“, murmelte Gibbs leise und bemühte sich, mit möglichst neutralem Gesichtsausdruck, auf die Beine zu kommen.

      Leon Vance seufzte schwer und lehnte sich gegen einen von Duckys Seziertischen. „Haben Sie Dr. Mallard endlich eingeweiht?“

      „Nur Sekunden bevor Sie reinkamen“, meinte Gibbs leise und mied den Blickkontakt zu dem alten Rechtsmediziner – der bittere Beigeschmack des schlechten Gewissens nagte an dem Ermittler. Direktor Vance hingegen schaute mit hochgezogenen Augenbrauen von einem zum anderen.

      „Dann... dann kann ich offen sprechen, ja?!“

      „Tun Sie das nicht immer, Leon?“

      Der Direktor musterte seinen Agent mit finsterer Miene. „Sie sind angeschlagen, Jethro. Und sowohl Madam Secretary als auch der Verteidigungsminister fordern ihre besten Agents, wenn sie heute Abend ihre Kinder in die Oper gehen lassen. Es war der Wunsch beider Familien, ihren Kindern einen ganz normalen Abend zu bereiten – mit dem nötigen Schutz. Den Sie zugesichert haben, Gibbs! Sehen Sie sich dazu in der Lage?“

      „Es ist ein Besuch in der Oper, Leon. Kein Rockkonzert, bei dem ich dafür sorgen muss, dass diese verliebten Sprösslinge nicht in der Menge verschwinden.“

      Die Mundwinkel des Direktors zuckten leicht. „Also gut, aber ruhen Sie sich vorher noch ein wenig aus. Sie sehen gerade nicht sonderlich… gesund aus.“

      „Teil meiner Tarnung, Director“, entgegnete Gibbs mit einem Schmunzeln.

      „Hat er was Ernstzunehmendes abgekriegt, Dr. Mallard?“, wandte Vance sich nun an den Mediziner, der bleich auf seinem Stuhl saß und fassungslos den Kopf schüttelte.

      „Ernstzunehmender als nichtoperable Darmtumoren? Nein, ich denke nicht. Allerdings frage ich mich, wieso einer Ihrer Agents mit einer solchen Diagnose überhaupt als einsatzfähig eingestuft wird!“, polterte Ducky ungehalten und funkelte nun beide Männer grimmig an. „Was hat dieser verbohrte Holzkopf Ihnen erzählt? Das ist verantwortungslos – von Euch allen beiden!“

      Vance senkte betreten den Blick. „Agent Gibbs hat sich lediglich eine zweiwöchige Gnadenfrist erbeten, die ich ihm gerne gewährt habe, Doctor. Ab der nächsten Woche wird… wird unser Major Case Response Team von einem anderen Agent geleitet.“

      Dr. Mallard runzelte die Stirn, während sein Blick ungläubig von einem zum anderen flog. „Und du sagst nichts? Du sagst kein Wort? Ein anderer Agent? Wer soll das sein und wie… Was ist mit deinen Leuten, Jethro? Mit deiner Familie?“ Ducky war aufgesprungen und bebte vor Zorn. „Du bist ein verflucht egoistischer Schweinehund, Jethro Gibbs! Du gibst ihnen nicht einmal die Chance, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Du…“

      „Duck…“ Gibbs legte seinem Freund eine Hand auf den Arm. „Ich wollte keinen von Euch unnötig beunruhigen. Ich habe die Untersuchung von einem weiteren Arzt durchführen lassen. Ich war mir sicher, dass bei der ersten Untersuchung was schief gelaufen war.“

      „Was?“ Duckys Blick wurde noch eine Spur ungläubiger. „Unnötig beunruhigen? Wenn Dir ein erfahrener Arzt sagt, dass…“

      Gibbs Blick wurde zornig. „Ja! Ja, Ducky, das habe ich jetzt auch kapiert. Ok. Irgendein kleines Drecksvieh zerfrisst mir die Eingeweide und bringt mich um. Es wird aber nicht besser, wenn ihr es wisst! Ich habe doch alles gemacht, oder? Ich habe meinen Vorgesetzten informiert, meinen Platz freigegeben und werde ab Montag an einem der verdammten Besucherschreibtische sitzen und dabei zusehen, wie mein Team ohne mich arbeitet. Was denn noch, Doktor?“

      Wutschnaubend wandte der Grauhaarige sich ab und verschwand im Aufzug. Als er diesen auf der Ebene der Großraumbüros verlassen wollte, fand er sich der Agentin Hollis Mann gegenüber.





      „Huch! Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“ Die Blonde zog erstaunt die Augenbrauen hoch und hielt Gibbs einen Kleidersack entgegen. Sein Blick glitt über ihre zauberhafte Erscheinung. Hollis trug ein schwarzes Abendkleid unter ihrem Mantel. Ihre Haare umschmeichelten in weichen Wellen ihr schönes Gesicht. Es fiel ihm schwer, sie nicht in seine Arme zu ziehen und ihr zu sagen, wie wundervoll sie war. Seitdem sie vor einigen Wochen ihre Ankündigung wahrgemacht hatte und in seinem Keller aufgetaucht war, verzehrte er sich nach ihr.

      Es war der Tag gewesen, an dem ihm ein zweiter Arzt gesagt hatte, dass er Darmkrebs hatte. Verzweifelt hatte er sich in seinen Keller gesetzt und ernsthaft in Betracht gezogen, sich einfach zu erschießen. Die immer wieder aufwallende Panik hatte ihn beinahe um den Verstand gebracht und plötzlich hatte Hollis vor ihm gestanden. Irritiert von seiner schlechten Verfassung und dennoch stur genug, sich nicht einfach abweisen zu lassen, war sie die Erste gewesen, die von der Hiobsbotschaft erfahren hatte.

      Und sie hatte ihm die Hand gegeben und dafür gesorgt, dass er bei diesen ersten Schritten über die Trümmer seines Lebens nicht die Balance verlor. Sie ließ ihn wütend sein, ohne Reue. Informierte sich und ihn darüber, wie er seine Ernährung gestalten konnte, um nicht andauernd mit Verdauungsproblemen kämpfen zu müssen. Sie trieb Ärzte auf, stellte die richtigen Fragen und war einfach da, wenn er jemanden brauchte.

      Und auch wenn er es nie sagen würde - er konnte nicht verhindern, dass er sie Tag für Tag mehr liebte. Doch was nützte es, ihr das zu sagen? Sie war verheiratet und er nur eine Beschäftigung gegen die Langeweile. Hollis‘ Ehemann behandelte derzeit kranke Menschen irgendwo in Schwarzafrika und würde erst im Herbst dieses Jahres wieder zurück nach D.C. kommen. Sie hatte also viel freie Zeit.

      Er stolperte zurück in den Aufzug und stützte sich schwer auf den Handlauf. „Ich habe es Ducky gesagt. Es ist ihm nichts Besseres in den Sinn gekommen, als mir Vorhaltungen zu machen. Ich hab mir diese Scheiße doch nicht ausgesucht, verdammt!“
      Mit einem Seufzen folgte sie dem Grauhaarigen und betätigte den Notstop. „Es wird ein Schock für ihn gewesen sein und sicher wird er sich zusätzlich noch ausgeschlossen fühlen.“

      „Ach, entschuldige, dass ich nicht auf jede Empfindung eingehe und alle anderen in Watte packe!“, polterte er los und hieb mit der Faust gegen die Wand des Aufzuges.

      Sie musterte ihn mit forschendem Blick. Zumeist hielt seine Wut nicht lange an und gerade heute Abend würde dieser Zorn ihm nur im Weg stehen. Sie trat auf ihn zu und griff nach seiner Hand. Beruhigend strich sie mit ihrem Daumen über seine Handfläche. „Komm schon. Wir haben ein Date. Das wird sicher ein schöner Abend.“

      Er lachte hämisch auf. „Da hat man schon nur noch wenige Monate zu leben und muss dann die kostbare Zeit in der Oper verbringen. Scheiße!“

      Sie schmunzelte verhalten. „Es wird dir gefallen und dich in deiner Meinung über das weibliche Geschlecht bestärken.“

      „So?“, hakte er nach, während er spürte, wie die Wut langsam aus ihm heraussickerte.

      „Ja, Turandot ist eine blutrünstige Prinzessin, die alle Prinzen enthaupten lässt, die es nicht schaffen, ihre Rätsel zu lösen.“

      Gibbs schüttelte den Kopf. „Und warum genau gehen Romeo und Julia in dieses Stück? Gibt es denn keinen guten Film im Kino? Kein Konzert von irgendeiner Punkband?“

      „Sie haben die Karten vom Mr. Secretary persönlich bekommen. Tja, wenn alte Männer noch mal Vater werden… Aber ich habe auch gehört, dass Sarah Porters Tochter selbst Sopranistin ist und vor hat, Musik zu studieren. Komische Kinder…“

      Die beiden Ermittler lachten verhalten. Doch sie wurden schnell wieder ernst. Hollis strich Gibbs über den Arm. „Lass dich nicht unterkriegen, Jethro. Ok?“
      Er presste die Kiefer aufeinander und nickte stumm.




      Mit einem tiefen Seufzen ließ Direktor Vance sich in seinen Schreibtischstuhl sinken. Sekunden lang starrte er nur nachdenklich die Fotografien seiner Familie an. Dann griff er zögernd zum Hörer seines Telefons. Jethro Gibbs' Diagnose hatte ihn schier umgehauen. Hatte der Grauhaarige in seinem Leben nicht ausreichend schicksalhafte Prüfungen zu bewältigen gehabt? Musste es nun auch noch so dicke kommen?

      Es war Mitleid, das ihn dazu getrieben hatte, den knurrigen Chefermittler noch für eine Weile ganz normal seinen gewohnten Tätigkeiten als Teamleiter nachgehen zu lassen. Doch beim Anblick des geschwächten Mannes vor wenigen Augenblicken war ihm bewusst geworden, dass er fahrlässig gehandelt hatte. Gibbs mochte sich durch Ermittlungen quälen und Verhöre führen, während seine Agents ihm den Rücken frei hielten. Doch der Vorfall bei dem heutigen Schusswechsel hatte dem Direktor vor Augen geführt, dass sein bester, erfahrenster Agent nichts mehr in der ersten Reihe verloren hatte. So sehr es den Grauschopf auch plagen würde.

      Vance würde es nicht verantworten können, Gibbs den Schutzauftrag für die Kinder zweier Minister ausführen zu lassen. Doch er wollte dem Mann auch nicht einfach einen Knüppel zwischen die Beine werfen. Er beobachtete Tag für Tag den inneren Kampf, den Jethro Gibbs auszufechten hatte, und auch die Erinnerungen an das Gespräch mit ihm waren noch nicht verblasst.

      Zwar hatte sich der Ermittler gelassen und einsichtig gegeben, als Leon mit ihm über mögliche Nachfolger hatte sprechen müssen, doch würde er den Ausdruck in Gibbs' Augen nicht vergessen. Etwas war in dem Mann zerbrochen, als ihm deutlich geworden war, dass er nun seinen Platz würde räumen müssen. Da half es auch nichts, dass sie den wohl bestmöglichen Ermittler für die Leitung des Major Case Response Teams ausgewählt hatten. Er hatte Dwayne C. Pride aus New Orleans abgezogen und ihn vorübergehend hierher versetzt.

      Der eigentlichen Ordnung folgend, hätte der Chefposten nun direkt an Agent DiNozzo fallen müssen, und das zu Recht. Doch Leon Vance wusste, wie nahe sich das Team stand und zweifelte daran, dass Anthony DiNozzo in der Lage wäre, anstehende Ermittlungen zu leiten, während sein Freund und Mentor mit dem Tod rang. Auch bei Agent Pride war er sich über dessen Belastbarkeit nicht sicher. Pride und Gibbs hegten brüderliche Gefühle füreinander. Doch Pride war ein alter Hase und gemeinsam würde das Team dieser Belastung standhalten.

      Zudem war es Leon Vance ein Anliegen, die schweren Monate für Gibbs so komfortabel wie irgend möglich zu gestalten und es lag nun mal in seiner Macht, Pride den Weg nach D.C. zu eröffnen. Der Grauhaarige würde bei seinem letzten Kampf jede Unterstützung brauchen.

      Mit einem Seufzen wählte Leon DiNozzos Kurzwahl und bestellte den Senior Field Agent zu sich. Es dauerte nur Minuten, bis dieser in seinem Büro erschien.

      „Haben Sie einen Smoking, Agent DiNozzo?“

      Der Brünette zog die Augenbrauen hoch. „Geht es Gibbs noch immer nicht besser? Soll ich seinen Job übernehmen?“

      Vance trat an die breite Fensterfront, die Hände hinter dem Rücken. „Er sagt, dass es ihm gut geht und ich… ich bezweifle das. Ich möchte, dass Sie sich heute Abend Puccini’s Turandot ansehen – nur für den Fall, dass Sie vor Ort gebraucht werden. Und ich erwarte von Ihnen Diskretion.“

      Tony runzelte die Stirn. „Habe ich Sie richtig verstanden? Ich soll unter Gibbs Radar tauchen?“

      „Ganz genau!“
      Er schüttelte lachend den Kopf. „Das halte ich für keine gute Idee, Director.“

      „Ich auch nicht! Ich habe derzeit nur einfach keine Bessere“, murmelte Leon und ließ sich auf seinem Platz am Schreibtisch nieder.

      DiNozzo verschränkte die Hände vor der Brust. „Dieses Theater veranstalten Sie doch nicht, weil Gibbs einen blauen Fleck hat?!“ Die Stimme des Brünetten klang zornig. „Ich will wissen, was los ist, Director! Seit zwei Wochen ist…. ist irgendwas im Busch! Sie und Gibbs sind eingeweiht – doch uns lassen Sie im Dunkeln tappen.“

      Vance schüttelte bedauernd den Kopf. „Es steht mir nicht zu, Ihnen darüber Informationen zukommen zu lassen, Tony. Es tut mir leid.“

      „Zudem ist Dwayne Pride in der Stadt – das alles stinkt doch zum Himmel!“, fluchte der Brünette ungehalten. „Ist Gibbs krank?“

      „Sie haben einen Job zu erledigen, Agent DiNozzo! Und ich verlasse mich darauf, dass Sie dabei aufmerksam und konzentriert vorgehen und sich nicht ablenken lassen. Ist Ihnen das möglich?“

      Tony schnaubte unwirsch und wandte sich ab. „Natürlich, Director!“, spie er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und verließ das Büro.




      Mit einem Glas Rotwein in der Hand saß Dwayne Pride zwischen seinen wenigen Umzugskisten und schaute sich in dem kargen Wohnraum um. Er seufzte schwer und schüttelte den Kopf. In den vergangenen zehn Tagen war seine ganze Welt aus den Fugen geraten und jetzt saß er hier in der Washingtoner Eiseskälte, um auf den Tod zu warten. So jedenfalls kam es ihm vor. Nein, er hatte nicht gezögert, seine Aufgaben in New Orleans fürs Erste aufzugeben und seinem Freund zur Seite zu stehen.

      Doch es war ein Schock gewesen, als sie ihm ohne Vorwarnung diese Hiobsbotschaft entgegen geschleudert hatten. Er war regelrecht erschrocken, als er die magere Gestalt seines besten Freundes, seines Bruders, gesehen hatte. Pride hatte es gewusst, in dem Moment, als er bei einem Zwischenstop in Chicago darüber informiert worden war, dass der Direktor des NCIS die Frechheit besessen hatte, seinen privat gebuchten Flug von Seattle nach New Orleans umzubuchen. Direkt nach D.C..

      Sein Zorn darüber war verraucht, als ihm bewusst geworden war, dass Leon Vance nur dann zu einer solch drastischen Maßnahme greifen würde, wenn eine Katastrophe unmittelbar bevorstand.

      Es war beinahe Mitternacht, als er den Navy Yard erreicht hatte. Dwayne hatte erwartet, dass Gibbs ihn am Flughafen abholen würde, doch in der kalten Winternacht hatte nur ein verfrorener Probie gestanden, der ihn zum NCIS-Hauptquartier gefahren hatte. Die Reisetasche geschultert, war Pride durch das menschenleere Großraumbüro geeilt und die Stufen hinaufgelaufen. Ohne eine Aufforderung zum Eintreten abzuwarten, war er in das Direktorenbüro gelaufen.

      „Verraten Sie mir, warum ich hier in dieser verfluchten Eishölle sitze und nicht in meiner Lieblingsbar am Piano?“, hatte er gepoltert und seinen Blick durch den Raum schweifen lassen.

      Director Vance hatte mit der Fernbedienung in der Hand vor einem Monitor gestanden, um einen Boxkampf zu verfolgen. Gibbs hingegen hatte, gestützt auf eine Stuhllehne, dagestanden. Sie waren erschrocken herumgefahren, ganz so, als wäre sein Erscheinen unerwartet.

      „King!“ Gibbs Stimme klang dünn und so erleichtert, dass Dwayne ihn irritiert gemustert hatte. Sein Freund war in keiner guten Verfassung, das war mehr als offensichtlich. Sie umarmten einander und beinahe glaubte Pride, ein leichtes Zittern in den Gliedern des anderen zu spüren.

      Dwayne legte dem Grauhaarigen eine Hand auf die Schulter und sah ihn eindringlich an. „Es ist was passiert, oder? Mein Team? Meine Tochter?“

      „Nichts dergleichen, Agent Pride! Ihrer Familie und Ihrem Team geht es gut.“ Leon Vance nickte zu der kleinen Sofaecke und wartete, bis alle saßen.

      Die Unruhe kroch in Pride hoch und er suchte Gibbs' Blick, den dieser stur gesenkt hielt.

      Leon räusperte sich, reichte Pride eine kleine Flasche Wasser und dazu ein großzügiges Glas mit Hochprozentigem.

      „Jetzt bin ich ernsthaft verängstigt, Leon!“, murmelte Dwayne und nahm einen Schluck des teuren Whiskys.

      Der Dunkelhäutige nickte nur und gerade diese Geste schürte Prides Sorge nur noch. „Mein Major Case Response Team braucht einen Teamleiter – so schnell wie möglich, Agent Pride. Ich will Sie auf diesem Posten!“

      Prides Blick flog zu Gibbs, dessen Miene sich beinahe qualvoll verzogen hatte. Alle möglichen Befürchtungen flogen durch die Hirnwindungen des Mannes, doch er schaffte es lediglich, ein erstauntes „Warum?“ auszuformulieren.

      „Weil… Weil ich den Job nicht länger machen kann.“ Gibbs' Stimme war rau und die Gestalt des sonst so stattlichen Ermittlers zusammengesunken. Prides Eingeweide verknoteten sich beinahe schmerzhaft.

      „Warum?“, fragte er noch einmal und konnte nicht verhindern, dass seine Stimme zitterte.

      Nun hob Jethro den Blick und Pride sah das schiere Entsetzen darin. „Sie haben mir gesagt, dass ich Darmkrebs habe, King.“ Ein verzweifeltes Auflachen entwand sich der Kehle des Chefermittlers, bevor er mit ungläubiger Miene den Blick senkte.

      Sie hatten die halbe Nacht in Vance' Büro gesessen und geredet. Für Pride hatte es keinen Zweifel gegeben, er hatte sich noch am selben Morgen auf die Suche nach einer Unterkunft gemacht und war auf ein kleines Haus gestoßen, das ganz in der Nähe der East Laurel Street lag und zur Miete angeboten wurde.

      Und nun war er hier und würde in drei Tagen den Platz seines Freundes einnehmen.







      Das Großraumbüro lag im Halbdunkel, als Tony aus dem Aufzug kam. Erstaunt entdeckte er, dass trotz der späten Stunde McGee an seinem Platz saß. „Hey, was machst du hier?“

      Tim zuckte zusammen und sprang auf die Füße. „Oh verdammt, Tony, ich dachte schon…“

      DiNozzo runzelte misstrauisch die Stirn. „Was dachtest du?“

      „Nichts!“, entgegnete der andere.

      „Was machst du hier?“

      „Gar nichts!“

      „Das glaube ich dir nicht“, schloss DiNozzo knapp.
      Tony lehnte sich an seinen Schreibtisch und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich will wissen, was hier los ist, und warum Vance mich heute in die verdammte Oper geschickt hat!“

      Tim nickte nachdenklich. „Ja, ich auch – aber…“

      „Hast du irgendwas in Gibbs' Personalakte entdeckt?“, fragte Tony, der genau wusste, warum sein Kollege hier war.

      Tim schüttelte den Kopf. „Nein, gar nichts.“

      „Was verheimlicht er uns?“

      „Vielleicht ist er krank?“, überlegte Tim laut, ohne zu wissen, dass er damit den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.

      „Das habe ich mich auch schon gefragt, aber das ist Unsinn, McGee! Gibbs wird niemals krank – das ist ein Naturgesetz!“ Tony machte eine wegwerfende Handbewegung. „Sicher geht es gar nicht um Gibbs, sondern… Um Ducky! Er hat immer wieder Ärger mit seinem Herzen. Ich habe gehört, wie er sich erst kürzlich mit dem Boss über eine Bypass-Operation unterhalten hat.“

      McGee suchte stumm Tonys Blick. „Ich bin in der Datenbank des Walter-Reed…“

      „Ducky geht doch nicht ins Walter-Reed, um sich behandeln zu lassen, McGoogle!“

      Er schüttelte den Kopf. „Nein, Ducky nicht, aber Gibbs…“

      Tony runzelte die Stirn. „Hat er sich dort wegen seines blauen Flecks behandeln lassen?“, versuchte der Agent zu scherzen, doch die böse Vorahnung saß ihm im Nacken.
      „Ich sehe bislang nur, dass es in den vergangenen Wochen immer wieder neue Einträge gegeben hat.“ McGee suchte den Blick seines Kollegen.

      Der Blick des Brünetten wurde skeptisch. „Wir reden hier von Gibbs, McGee. Gibbs wird nicht krank!“, beharrte er weiter. Doch sein Kollege hatte das unruhige Funkeln im Blick des Brünetten längst entdeckt.

      „Er sieht aber seit einer Weile ganz und gar nicht gesund aus, Tony“, widersprach Tim mit leiser Stimme. „Und heute ist er, nachdem er die Kugel abgekriegt hat, einfach so zusammengeklappt.“

      Unwillkürlich trat erneut das Bild in seine Gedanken. Gibbs am Boden zusammengekrümmt, das Gesicht schmerzverzerrt. Es war Tony gewesen, der nur einen Wimpernschlag später den Sniper hatte ausmachen und ausschalten können. Sie waren zu ihrem Boss gelaufen, hatten ihn auf die Beine gezerrt, nur um festzustellen, dass seinem Kreislauf das scheinbar zu schnell gegangen war. Für gewöhnlich ließ ihr Boss sich nicht so leicht umhauen. Andererseits war es eine großkalibrige Waffe aus relativ geringer Entfernung gewesen…

      Tonys ungeduldiges „Also, was ist jetzt?“ riss Tim aus seinen Überlegungen.

      „Ich weiß nicht…“, meinte er leise, geplagt von schlechtem Gewissen und der Furcht vor der Wahrheit.

      Doch schließlich gewann ihre Neugierde die Oberhand und Tim öffnete die Krankenakte.

      Tony keuchte auf, als er den Inhalt der Akte überflog. „Das kann nicht sein! Das ist nicht Gibbs' Akte!“

      „Was macht ihr hier?“, riss eine vertraute Stimme sie nur Sekunden später aus der bestürzten Stille.





      Erstaunlicherweise war dieser Abend sogar relativ nett gewesen. Lindsay Porter und Jared Mason waren angenehme Jugendliche. Auch wenn der Junge im Leben nicht freiwillig in eine Oper gegangen wäre, so waren sie doch im Nachhinein alle beeindruckt gewesen von dieser Inszenierung.

      Zumal sich die dunkle Loge vor allem dazu geeignet hatte, in aller Ausführlichkeit beneidenswerte Küsse zu tauschen. Gibbs hatte Hollis mehrfach seufzen hören, bei dem Geknutsche von Romeo und Julia. Und vermutlich hätten sowohl die Porters als auch die Familie Mason darauf bestanden, dass die beiden Personenschützer die Jugendlichen auch davor schützten, doch das fiel Gibbs im Traum nicht ein. Sollten Lindsay und Jared doch ihren Spaß haben.

      Allerdings glaubte Gibbs, Tony DiNozzo gesehen zu haben. Und das hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Tony ging nicht in die Oper - und wenn doch, dann würde das mit einer Frau zusammenhängen, und in dem Fall wüsste es sogar die Putzfrau. Er schob den Gedanken daran von sich. So einen Verrat wollte er sich gar nicht erst ausmalen.

      Sie hatten die beiden verliebten Teenager wohlbehalten bei ihren Familien abgeliefert und mittlerweile Gibbs' Haus erreicht. „Ich würde dich gerne auf einen Drink einladen, Hollis.“

      „In deinem Keller?“, sie grinste breit und sah ihn herausfordernd an.

      „Wo immer du willst.“

      „Flirtest du mit mir?“, hakte sie lachend nach.

      Gibbs schüttelte den Kopf. „Nein, noch nicht. Aber sobald ich meine abendliche Schmerztablette eingeworfen habe.“

      Die Blonde rollte mit den Augen. „Ich hab schon bemerkt, dass dich was piesackt.“

      Gibbs zuckte mit den Schultern. Während er in Richtung Küche ging, ließ Hollis sich auf der Armlehne seines Sofas nieder.

      „Ich habe mir heute eine Kugel eingefangen.“

      „Guter Witz!“, erwiderte Hollis mit sarkasmus triefender Stimme.

      Schweigend kam der Grauhaarige mit zwei Gläsern und einer Flasche Cola zurück. Er reichte Hollis eines der Gläser und zog dann sein Hemd aus der Hose. Er schob es hoch und deutete dann auf den blauen Fleck an seinem Bauch. Die Blonde verschluckte sich hustend.

      „Du lieber Himmel, was ist das?“

      Langsam ließ der Ermittler sich auf seinem Sofa nieder, griff nach einer Gabel und rührte, unter Hollis kritischem Blick, die Kohlensäure aus seinem Getränk. „Ich bin einem Sniper vor den Lauf gekommen. Und aus irgendeinem dummen Zufall habe ich nicht daran gedacht, dass ich diese verfluchte Schutzweste nicht mehr tragen wollte.“ Er lachte humorlos auf. „Nicht mal ein schnelles Ende ist mir vergönnt. Das hätte es heute sein können, Hollis.“

      Sie erbleichte und starrte ihn ungläubig an. „Du hattest vor, ohne Schutzweste in einen Einsatz zu gehen?“

      Er zog die Augenbrauen hoch. „Ja! Das scheint mir das kleinere Übel.“

      Sie griff nach seiner Hand. „Jethro…“

      Er entriss sie ihr. „Was?“, brauste er ungehalten auf. „Ich finde den Gedanken daran, in meiner eigenen Scheiße zu krepieren, nicht sonderlich appetitlich oder erstrebenswert!“
      Gibbs war aufgesprungen, um Distanz zwischen sich und Hollis zu bringen. „Weißt du, dass man seine eigene Scheiße auskotzt, bei einem Darmverschluss? Oder der Kontrollverlust diverser Körperöffnungen zum Ende hin. Halb verrückt vor Schmerzen. Die ständige Übelkeit und die Kotzerei nach beinahe jeder Mahlzeit.“

      Er raufte sich die Haare und sie erkannte das nackte Grauen in seinem Gesicht. „Ja, Gott verdammt, ja. Ich hoffe, dass mich vorher eine Kugel erwischt, Hollis. Ich will so nicht enden.“

      Der Grauhaarige wankte, lehnte sich gegen die Wand und schloss die Augen. „Ich kann nicht mal richtig wütend werden, ohne dass mir gleich schwindelig wird, Hol‘. Das ist doch scheiße.“

      Sie trat auf ihn zu und zog ihn wortlos in ihre Arme. Er hatte recht, in allen Punkten. „Ich bin froh, dass du hier bist. Ich brauche dich noch eine Weile als Freund an meiner Seite, Jethro.“

      Er verzog gequält das Gesicht und machte sich von ihr los. Es brach ihm beinahe das Herz, dass er sich nicht erlauben durfte, sich erneut in sie zu verlieben. Und so machte er den wiederholten, halbherzigen, nicht ernstgemeinten Versuch, sie loszuwerden.

      „Wir können keine Freunde sein! Ich bin nicht einfach nur ein Freund für dich. Du bist verheiratet und..."

      „Und du hast Krebs! Denkst du, das wäre besser?!" Sie hatten dieses Gespräch schon tausende Male geführt – stets mit diesem scherzhaften Unterton, der die Wahrheit verstecken sollte.

      Er lachte heiser auf und schüttelte den Kopf: „Ein Ehemann ist doch nicht gleichzusetzen mit einem Darmtumor!"

      Sie ließ sich mit einem Seufzen neben ihn auf das Sofa sinken und legte den Kopf in den Nacken: „Es wird einen Grund dafür geben, dass du vergessen hast, auf die Schutzweste zu verzichten. Heute war nicht dein letzter Tag - und darüber bin ich verdammt froh!"

      Er konnte nicht anders - sanft nahm er ihre schmale Hand in seine. Ihre lebendige Wärme tat so gut. „Es macht mir Angst, nicht zu wissen, wie es sein wird, wenn der Tag kommt, Hollis. Kannst du - nur für den Fall, dass ich nicht... Dass ich - Bitte sorge dafür, dass ich meine Sig immer erreichen kann, wenn es zu schlimm wird. Bitte..."




      Die nächtliche Stille hing bleischwer über dem Großraumbüro des NCIS.

      „Wieso hat er denn keinem was gesagt?“, weinte Abby leise und verbarg das Gesicht an Tonys Schulter.

      Das Schicksal hatte das gesamte Team um Agent Gibbs in dieser Nacht an den gemeinsamen Arbeitsplatz kommen lassen. Tony, McGee und Ellie saßen zusammen mit Abby und Jimmy Palmer auf dem Fußboden des Büros. Jedem stand der Schock über das gerade herausgefundene Wissen ins Gesicht geschrieben. Gibbs, der Fels in der Brandung, der unkaputtbare Superagent - er hatte Krebs.

      Nachdenklich nagte Ellie an ihrer Unterlippe, sprachlos vor Entsetzen, und starrte auf den Bildschirm ihres Notebooks. Sie suchte nach Informationen im Internet. Nach einem erlösenden Schlupfloch. Nach irgendeiner Hoffnung.

      „Was hätte er denn sagen sollen? Er muss das sicher selbst erst einmal…“ Jimmy zuckte hilflos mit den Schultern, nahm seine Brille ab und wischte sich über die Augen.
      „Es muss entsetzlich sein zu wissen, dass man einen qualvollen, schmerzhaften Tod sterben wird und daran nichts ändern kann“, murmelte Ellie, ohne von den Informationen auf dem Bildschirm aufzusehen. Das Team starrte sie mit einer Mischung aus Entsetzen und Empörung an, was die Blonde nicht zu bemerken schien, stattdessen referierte sie nur: „Allerdings überleben mehr als 50% der Erkrankten die der Diagnose nachfolgenden 5 Jahre, und bei vielen kann das Fortschreiten durch die passende Therapie stark verlangsamt werden, bei anderen sogar…“

      Tony reagierte schnell, doch nicht schnell genug. Mit einem satten Klatschen landete Abbys flache Hand auf Ellies Wange. Im nächsten Moment waren McGee und DiNozzo auf die Beine gekommen, zogen die wütende Forensikerin in ihre Arme und verhinderten so, dass sie sich auf Bishop stürzte. Ganz entgegen ihrer sonstigen Art keifte Abby wütende Beschimpfungen, während ihr die Tränen haltlos über die Wangen liefen.

      „Er stirbt… Oh Gott, Tony…. Er stirbt“, weinte sie verzweifelt und klammerte sich an ihren Freund und Kollegen.

      „Das können wir nicht wissen, Abby. Es gibt Möglichkeiten und du kennst doch Leroy Jethro Gibbs. Er hat sich nie vor einem Kampf gescheut oder einfach aufgegeben. Er würde uns nicht einfach allein lassen, Kleines. Niemals.“ Wie ein Kind wiegte DiNozzo die aufgelöste Abby in seinen Armen – so lange, bis ihr Schluchzen verebbte.
      Ellie hatte das Notebook beiseite gelegt, die Beine an ihren Körper gezogen und den Kopf auf ihre Knie gebettet. Ungeschickt strich Jimmy Palmer der Blonden über den bebenden Rücken.
      Erneut senkte sich ohrenbetäubende Stille über das Büro.



      Februar „Und wann wirst du endlich anfangen, gegen den verdammten Krebs zu kämpfen, Boss?“

      Es war noch dunkel draußen, während Gibbs darum kämpfte, seinen müden Körper in den "Arbeitsmodus" zu zwingen. Er baute tatsächlich stetig ab - selbst wenn er es gewollt hätte, er hätte seine Krankheit nicht mehr leugnen können. Er warf einen letzten Blick in den Spiegel, legte den Rasierapparat zurück in den Badezimmerschrank und verließ das Bad.

      Als er die Treppe hinabstieg, meldete sich sein Instinkt. Jemand war in seinem Haus. Er runzelte die Stirn und ging ins Wohnzimmer. Der Blick in Richtung Küche zeigte ihm, wer da am frühen Morgen in seinem Haus herumschlich.

      „Ist was passiert, DiNozzo?“, fragte Gibbs anstelle eines Grußes.

      Der Brünette wandte sich um und zog die Augenbrauen hoch. „Muss gleich was passiert sein, wenn ich zu dir komme?“

      Der Grauschopf musterte den Jüngeren missmutig. „Bis vor einer Weile nicht. Seit einiger Zeit sind deine Besuche seltener geworden- und das nicht erst, seitdem..."

      „Es war nicht richtig, dass wir uns Zugang zu deinen medizinischen Unterlagen verschafft haben. Ich bin hergekommen, um dich um Verzeihung zu bitten.“

      Gibbs hatte sein Sakko über die Stuhllehne gehängt und war in die Küche gekommen, wo sein Frühstück schon auf ihn wartete. Bananen-Quark mit Honig und Cornflakes mit einer großzügigen Gabe hochenergetischer Maltodextrose.

      Seit einer Weile war das sein Start in den Tag. Eine Tasse Schwarztee mit Zucker und Sahne rundete die Mahlzeit ab.

      Hollis nannte es sein Mastfutter. Aber tatsächlich schmeckte es gut und obendrein schien sein Körper nichts dagegen zu haben.

      „Mmh, Geniesserfrühstück a`la Gibbs. Kein Wunder, dass dein Arbeitstag neuerdings nicht vor acht Uhr beginnt.“

      Jethro hielt inne und musterte den Senior Field Agent. Natürlich lag sein ungewohnt später Arbeitsbeginn nicht an einer plötzlich entflammten Leidenschaft für ausgedehntes Frühstück. Viel mehr war es so, dass er die Stunde zusätzlichen Schlaf brauchte, um den Tag bewältigen zu können. „Was ist los mit dir, Tony? Ich erkenne dich kaum wieder!“

      Der Jüngere schnaubte. „Und wo ist der Gibbs, der nicht einfach das Handtuch wirft, wenn es mal holprig wird? Was ist los mit DIR? Wann kämpfst du endlich? Lass das operieren, nimm Medikamente! Aber sitz doch nicht einfach da und lass es geschehen!“

      Gibbs Blick wurde hart. „Es ist allein meine Entscheidung, DiNozzo! Ich denke nicht, dass ich die vor dir rechtfertigen muss.“

      „Nein! Keiner von Euch muss irgendetwas rechtfertigen. Ihr verlangt immer nur, dass wir anderen eure Entscheidungen hinnehmen. Ziva hat beschlossen zu gehen, also tut sie es – völlig egal, was das aus uns anderen macht. Mein Vater hat sich schon immer einen Dreck um andere geschert. Und jetzt auch noch du? Du bist wie sie! Du kannst andere zurechtweisen, wenn sie diejenigen verraten, die ihnen nahestehen. Aber du bist selbst nicht besser!“

      Stumm hatte Gibbs den Wutanfall des Jüngeren über sich ergehen lassen, doch beim Knall der ins Schloss geworfenen Haustür zuckte er zusammen. Er wünschte sich, dass er über Tonys Frechheit wütend werden könnte, doch es war lediglich die Sorge um den jungen Mann, die in ihm wuchs.

      „Verdammt, DiNozzo, ich würde dich nie allein lassen, wenn ich eine Wahl hätte.“





      Vertieft in die Berichte zu dem aktuellen Fall, saß Jethro Gibbs an seinem Schreibtisch.
      Nachdenklich und besorgt ließ Direktor Vance seinen Blick über den Arbeitsbereich seines Major Case Response Teams schweifen. Die angespannte Stimmung war beinahe greifbar. Erst vor einer, vielleicht zwei Stunden waren die Ermittler Gibbs und Pride heftigst aneinander geraten. Beide Agenten ermittelten in ihrem eigenen Stil und leiteten ihr Team von Grund auf verschieden. Allein dieser Punkt hatte in den vergangenen Tagen immer wieder zu lautstarken Auseinandersetzungen geführt. Es schien nicht zu funktionieren, den grauhaarigen Ermittler unterstützend in seinem Team arbeiten zu lassen. Es war Agent Gibbs scheinbar unmöglich, die Anweisungen seines Kollegen und Freundes anzunehmen und das Team seine Arbeit machen zu lassen, während er selbst sich mit der nötigen Informationsbeschaffung zu aktuellen Fällen zufrieden geben musste. Gibbs war schon immer stur bis zur Unerträglichkeit gewesen, doch in der Zusammenarbeit mit Agent Pride war es stets harmonisch zugegangen, sodass Vance in der Hinsicht keinerlei Probleme erwartet hatte.

      Doch wenn es nur Agent Gibbs gewesen wäre, der ihm schlaflose Nächte bereitete – damit wäre Leon zurecht gekommen. Erschwerend kam jedoch hinzu, dass auch Agent DiNozzo die beleidigte Leberwurst spielte. Er hatte den Direktor gebeten, ihn in ein anderes Team zu versetzen. Mit der Begründung, dass das Vertrauensverhältnis zu den Vorgesetzten und Kollegen seines Teams nachhaltig gestört sei.

      Leon hatte die Geduld verloren und war laut geworden. Ganz entgegen seiner sonstigen Art hatte er dem Agent an den Kopf geworfen, dass wohl nicht nur das Verhältnis des Teams nachhaltig gestört sei, sondern auch das Verhalten seiner Mitarbeiter. Er war wutschnaubend ins Großraumbüro gestürmt und hatte damit gedroht, das gesamte MCR-Team ins Archiv zu versetzen, sollte sich nicht schnellst möglich wieder eine verlässliche Arbeits- und Teammoral einstellen.

      Schon längst bereute Leon es, Jethro Gibbs nicht sofort vom Dienst befreit zu haben, doch er hatte sich auch auf anderer Ebene informiert und nur deshalb zögerte er noch mit einer sofortigen Beurlaubung. Dr. Pit Dawson, der zuständige Psychologe des NCIS, hatte Vance über die verschiedenen Phasen, die von Todkranken durchlaufen werden, aufgeklärt und ihn für das Verhalten des Agents ein wenig sensibilisiert. Dawson hatte dazu geraten, die Konflikte des Teams für eine Weile zu tolerieren – sofern die Arbeit nicht darunter litt. Und an der Produktivität des Teams gab es schlicht nichts auszusetzen, im Gegenteil. Allerdings riet Dawson auch zu einer psychologischen Begleitung durch diese Ausnahmesituation, und Vance konnte sich nur allzu lebhaft vorstellen, wie eine mögliche Reaktion seiner Leute auf diese Anweisung aussehen würde. Vermutlich würden sie kollektiv kündigen. Wobei das möglicherweise das kleinere Übel wäre.




      Schwungvoll bugsierte der Zehnjährige seine Schultasche in die Ecke und streifte sich die Schuhe von den Füßen. „Mom? Ich bin zuhause! Ist Dad im Laden? Was gibt es zum Mittagessen? Ich bin am Verhungern!"

      Der Junge lief durch das Haus, doch nichts rührte sich. „Mom?"

      Er spähte in jedes Zimmer, doch von seiner Mutter fehlte jede Spur. Auch fehlte der Duft nach Essen. Und das, wo ihm so der Magen knurrte. Mit einem Seufzen holte er eine Flasche Milch aus dem Kühlschrank, schaute noch einmal über seine Schulter - nicht dass sie plötzlich doch hinter ihm stand, und trank dann einige große Schlucke - verbotenerweise direkt aus der Flasche.

      Unschlüssig schaute er sich in der Küche um und beschloss, seine Eltern mit Pancakes zu überraschen. Zwar gab es diese Leckereien für gewöhnlich nur an Sonntagen, und zwar ausschließlich zum Frühstück, doch das war Leroy schon immer viel zu selten gewesen. Zielsicher fand er das Rezept für diese Köstlichkeiten im Kochbuch seiner Mom und verrührte geschickt die Zutaten.

      Gerade, als er die übrigen Eier vorsichtig zurück in den Kühlschrank balancierte, öffnete sich die Haustür.

      „Hey Mom! Schau mal - du musst dich nicht ums Essen kümmern! Ich mache uns einen riesen Berg Pancakes! Ich finde, dass es die viel zu sel..." In seinem Eifer war der Junge gegen die geöffnete Kühlschranktür gestoßen. Die Eier glitten aus seinen Händen und zerbrachen am Boden.

      „Ups...", zerknirscht blickte er hinüber zu seiner Mom, die noch immer an der Eingangstür stand und ihn irritiert musterte. „Das wollte ich nicht."

      Ihr Gesicht war eigenartig verzerrt. „Wir essen doch immer am... am..." Sie schwieg erschrocken und sah aus, als hätte sie etwas Wichtiges vergessen. „Wir essen heute keine Pancakes - die sind... Es gibt sie an einem anderen Tag!"

      Leroy nickte bekümmert. „Aber ich dachte, wir könnten eine Ausnahme machen. Ich habe heute einen Einser in Geschichte gekriegt und du hast gesagt, dass es für eine gute Note mein Lieblingsessen gibt. Und das sind Pancakes."

      Ann Gibbs schwieg, ihr Blick wirkte auf den Jungen fremd. Er wusste, dass sie sehr krank war, aber bislang war der einzige Beweis dafür, dass etwas anders war als sonst, die Tatsache, dass seine Mom häufiger mitten am Tag im Bett lag. Und das auch nicht immer. Sein Dad hatte ihm erklärt, dass seine Mom häufig schreckliche Bauchschmerzen hatte - um ein Vielfaches schlimmer als das Bauchweh, das man nach Kirschen und frischer Milch bekam.

      „Tut dir wieder der Bauch weh?", fragte er mit leiser Stimme. Doch Ann stand nur da und starrte ihn finster an.

      Leroy schluckte schwer. „Ich kann Dad holen. Soll ich?"

      Ihr Blick glitt an ihm vorbei und ihre Augen weiteten sich. Der Junge wirbelte herum und entdeckte das Qualmen der Bratpfanne auf dem Herd. Rasch eilte er hinüber und zog die schwere Pfanne von der heißen Platte. Dabei berührte sein Handrücken den Pfannenrand. Der Schmerz ließ ihn aufschreien!

      Es war nicht das erste Mal, dass er sich verbrannt hatte, und so erwartete er die Hilfe seiner Mom, als diese sich hastig näherte. Er dachte, dass sie seine Hand unter kaltes Wasser halten und ihn trösten würde. Stattdessen spürte er voller Entsetzen ihre flache Hand, die klatschend auf seiner Wange landete.

      Wie erstarrt und unfähig zu irgendeiner Reaktion riss er die Augen auf.

      Vor Wut schreiend, machte Ann sich daran, die zerbrochenen Eier aufzuwischen. Sie entsorgte den Pancake-Teig im Mülleimer und schrie so fürchterliche Worte, dass Leroy sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte.

      Erst als sie innehielt, sich eine Hand auf den Bauch presste und mit einem schmerzerfüllten Laut auf die Knie sank, kam wieder Leben in den Jungen. Er eilte zu ihr und legte ihr zögernd eine Hand auf die Schulter. „Es tut mir leid, Mom, das wollte ich nicht. Ich dachte nur..."

      „Lass mich in Ruhe!", zischte sie aus zusammengebissenen Zähnen und stieß ihren kleinen Jungen von sich.

      Darauf nicht gefasst, verlor Leroy das Gleichgewicht und fiel. Hart schlug er mit dem Rücken gegen die Türzarge und japste nach Luft. Er konnte nicht verhindern, dass ihm die Tränen in die Augen schossen. Hastig wischte er sie mit dem Handrücken fort, doch es half nichts.

      Ann erstarrte und schlug sich eine Hand vor den Mund. „Oh mein Gott. Was habe ich... Leroy! Warum habe ich das getan? Schatz, ich...“ Sie Strecke die Hand nach ihrem Sohn aus, doch er wich zurück.

      Sein Rücken schmerzte fürchterlich, und noch immer blieb ihm vor Entsetzen schier die Luft weg. Ungeschickt kam er auf die Füße und stolperte in Richtung Tür.

      „Keine Angst, Mom. Ich hole Dad", sagte er mit dünner, erstickter Stimme und verschwand eilig aus dem Haus. Er rannte die Straße hinunter, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her.




      Das Schriftstück in den Händen des grauhaarigen Ermittlers zitterte. Die Erinnerung hatte ihn hinterrücks überfallen. Er hatte es vergessen. Die Schutzmechanismen eines Kindes hatten ihn vor dieser Erinnerung bewahrt. Bis heute.

      Jethro hatte dem Unfrieden auf dem Navy Yard für ein paar Stunden entkommen wollen und war nach Hause gefahren. Dort hatte er sich eine Kiste mit Dokumenten seiner Eltern genommen, um diese durch zusehen. Nach Jacks Tod hatte er alles nur im Keller und auf dem Dachboden verstaut, doch nun war es an der Zeit, die Dinge zu ordnen.

      Wenn er den Kampf gegen den Krebs verlieren würde, dann bräuchte kein Mensch mehr die Unterlagen der Familie Gibbs.

      Die Militärorden seines Vaters hatte er zur Seite gelegt, ebenso wie die Fotos seiner Mutter. Doch Rechnungen, Verträge und medizinische Unterlagen würde er vernichten. Einen ganzen Schwung alter Steuerdokumente hatte er bereits in das Kaminfeuer geworfen.

      Nun war er bei Anns Unterlagen angekommen und hatte mehrere ärztliche Berichte gefunden, in denen es um ihre Krebserkrankung ging. Interessiert hatte er diese Informationen verschlungen.

      Doch an einem Satz war er hängen geblieben: Infiltration von Metastasen im Gehirn. Wesensveränderungen, Aggressionen, Wortfindungsstörungen.










      Er hielt die Untätigkeit nicht mehr aus. Er legte das Schriftstück zu den anderen auf den Wohnzimmertisch und ging hinunter in seinen Keller. Gerade jetzt wurde ihm wieder nur allzu bewusst, dass dieser Ort der einzige zu sein schien, an dem er atmen konnte.

      Doch nicht einmal hier ruhten seine Gedanken. Alles drehte sich nur noch um seine Krankheit, seinen Tod. Er wünschte, er könnte seinen Gedanken irgendwie entkommen, doch er konnte sich nicht einmal mit einem Glas Bourbon betäuben. Wobei – was hatte er zu verlieren? Verlor er dadurch einen Tag? Er lachte humorlos auf. Das würde wohl kaum etwas ausmachen und er würde seinen Leuten nicht länger zur Last fallen. Dwayne konnte zurückgehen in sein geliebtes New Orleans, Tony wäre endlich der Boss, Tim bräuchte nicht ständig Angst davor haben, zufällig mit ihm allein zu sein, und Abby konnte endlich aufhören, von positiver Energie zu faseln. Die Einzige, die einigermaßen zu ertragen war, war Ellie Bishop. Das Mädchen machte einfach nur ihren Job und hielt sich ansonsten zurück. Sogar Ducky machte ihm Vorwürfe, verlangte dieses oder jenes, nervte ihn mit irgendwelchen neuen Erkenntnissen der Krebsforschung, und täglich fragten sie ihn wieder, wann er sich operieren ließe. Wann er endlich mit der Chemo beginnen würde. Heute hatte Ducky ihm wortlos die Infobroschüre der Palliativ-Care in die Hand gedrückt. Gibbs hätte dem Älteren das Ding am liebsten um die Ohren gehauen.

      Jethro war manchmal so wütend auf sie alle, dass es ihm schwerfiel, nicht andauernd mit ihnen zu streiten oder sie grundlos anzuschreien. Ob das wohl ein erstes Zeichen dafür war, dass es ihm ergehen würde wie seiner Mutter? Würde er zur tickenden Zeitbombe werden, die sich immer wieder ohne Vorwarnung entlud?

      Mit einem trotzigen Gesichtsausdruck griff der Grauhaarige zu der Flasche Bourbon, die wie eh und je auf dem Regalboden stand. Beherzt schraubte er sie auf und goss sich etwas davon in eines der herumstehenden Gläser. Die bernsteinfarbene Flüssigkeit rann scharf durch seine Kehle und er seufzte schwer. Nach einem weiteren Schluck machte der Grauhaarige sich an die Arbeit und griff nach einem Schleifblock. Ein Großteil der Chickadee war verschraubt und wartete darauf, abgeschliffen zu werden. Mit gleichmäßigen Bewegungen schliff er den Rumpf des Bootes ab und verlor sich erneut in seinen Gedanken. Er konnte sich nicht befreien aus dem Strudel von Ängsten, Wut und Unsicherheit. Bislang war Hollis die Einzige, mit der er hin und wieder darüber sprach.

      Doch auch sie wollte er im Augenblick nicht sehen. Der goldene Ring an ihrem Finger schien ihn zu verhöhnen. Er hasste diesen verfluchten Quacksalber dafür, dass er an Hollis´ Seite alt werden würde. Und dann wiederum amüsierte es den Grauschopf, dass die schöne Blonde, kaum dass ihr Gatte außer Landes war, in seinem Keller auftauchte und seither viel Zeit und Energie an ihn verschwendet hatte. Doch nichtsdestotrotz war Hollis eine verheiratete Frau und da half es auch nicht, dass er sich nach ihr verzehrte, seitdem er sie so unverhofft wiedergesehen hatte.

      Wie viel leichter müsste all das zu ertragen sein, wenn man nicht allein dastünde? Die Hoffnungslosigkeit schlich sich an ihn heran, was augenblicklich seinen Zorn neu entfachte. Er leerte sein Glas in einem Zug und warf es dann mit einem wütenden Aufschrei an die Wand.

      „Wann wirst du endlich gegen diesen verdammten Krebs kämpfen, Gibbs?“ Es kam ihm vor, als stünde DiNozzo neben ihm. Immer die gleiche Forderung an ihn. Der Junge wollte einfach nicht begreifen, dass es Dinge gab, die sich nicht ändern ließen. Kämpfe, die nicht gekämpft werden mussten. Außerdem war er es leid, sich durchboxen zu müssen. Er war so erschöpft.

      Gibbs‘ Hand zitterte, als er sich erneut daran machte, das Holz zu bearbeiten.

      Die Stille in seinem Haus war erdrückend. Auf der Werkbank stand ein CD-Spieler. Hollis hatte ihn hier aufgestellt. Er drückte die Wiedergabe-Taste. Als die ersten Takte der Melodie erklangen, rollte der Silberfuchs mit den Augen. Puccinis Turandot – Hollis hatte diese Musik besorgt und dann scheinbar hier vergessen.

      Für einen Augenblick starrte der Grauhaarige das kleine Gerät finster an, wollte das Radio anstellen, erkannte aber ohne Brille nicht, was neben den Knöpfen und Reglern geschrieben stand.


      Mürrisch griff er zu der Bourbonflasche und trank direkt daraus. Prompt traf ihn eine weitere Erinnerung aus frühster Kindheit. Jack, der Ann in den Armen hielt und Leroy anwies, wieder zurück in sein Bett zu gehen. Das Aussehen seiner Mutter irritierte den Jungen. Sie schien kaum die Augen öffnen zu können und immer wieder schnappte sie nach Luft, und krümmte sich, während Jacks Arme sie hielten. „Nur ein Gute-Nacht-Kuss" hatte der Kleine gefordert und war hinüber zum Sofa gelaufen, auf dem die Eltern saßen.

      „Jetzt aber los!" hörte er Jacks Stimme noch einmal in seinen Gedanken. Der kleine Leroy war folgsam losgelaufen, doch noch bevor er den Raum verlassen hatte, war Anns Aufschrei ihm durch Mark und Bein gegangen. Ein überraschter Blick zurück hatte ihm gezeigt, wie seine Mutter sich auf den hellen Wohnzimmerteppich erbrochen hatte. „Dad!", hallte seine entsetzte Kinderstimme in seinem Kopf nach, dicht gefolgt von einem strengen „Leroy! Ich sagte, du sollst ins Bett gehen!".

      Der Grauschopf hielt die Flasche fest umklammert. Gleiches hatte sich vor wenigen Wochen hier abgespielt. Auch ihn hatten die Schmerzen in die Knie gezwungen und nach einer höllischen Nacht hatte er sich ein Taxi gerufen, das ihn ins Militärkrankenhaus gefahren hatte.

      Beinahe 18 Stunden lang hatten sie ihn völlig auf den Kopf gestellt, nur um ihm am Ende in nüchternem Tonfall mitzuteilen, dass er Krebs im Endstadium hatte.

      Er war Hals über Kopf aus der Klinik geflohen. Er hatte Medikamente verweigert, die stationäre Aufnahme ohnehin, und hatte sich durch eine weitere kurze Nacht gequält. Dann hatte er Duckys Gastroenterologen angerufen und den Namen seines Freundes als Eintrittskarte genutzt. Nur eine Stunde später wurde erneut sein Innerstes nach Außen gekehrt - mit demselben unfassbaren Ergebnis.

      Wie betäubt hatte er es zugelassen, dass der Mediziner ihn mit Medikamenten versorgte - gegen die Schmerzen, für den Kreislauf und noch etwas anderes. Und nachdem ihn die Schmerzen erneut überrollten, hatte er begonnen, den Anweisungen des Arztes zu folgen. Und es ging ihm besser. Die Schmerzen überfielen ihn nun nicht mehr hinterrücks und wenn doch, so konnte er nun Abhilfe schaffen.

      Doch die Erschöpfung hielt sich hartnäckig, obwohl er keinerlei Schlafstörungen hatte. Ganz im Gegenteil, am Abend fiel er regelmäßig in die Waagerechte und schlief wie ein Stein.

      Der Grauhaarige trat an die Werkbank und wechselte das Schleifpapier aus. Zwar hatte der Alkohol seine rasenden Gedanken ein klein wenig entschleunigen können, doch sein Körper rächte sich dennoch für diesen Fauxpas. Immer wieder musste der Grauschopf bei der Bearbeitung seines Bootes innehalten, wenn seine Eingeweide sich schmerzhaft verkrampften. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn und seine Muskeln protestierten gegen die immer gleiche Bewegung. Doch Gibbs arbeitete stumpf weiter und gestattete sich keine Schwäche.

      Als er das Öffnen der Haustür hörte, hielt der Grauhaarige kurz inne und lauschte.

      Es war Pride, der sich in die sprichwörtliche Höhle des Löwen getraut hatte. Der Ermittler ließ den Blick durch das Wohnzimmer schweifen und musterte das Durcheinander aus Aktenordnern und Schriftstücken. Anscheinend räumte Gibbs auf. Oder hatte aufgeräumt, bevor ihm nach einer anderen Tätigkeit gewesen war. Dwayne hörte das gewohnte, schleifende Geräusch aus dem Keller und wandte sich dem Lichtschein zu, der durch die geöffnete Kellertür zu ihm herauf drang.

      Er hatte keine Ahnung, wie er seinem Freund durch diese Krise würde helfen können. Doch er wollte nicht zulassen, dass Gibbs sich in seiner Verbitterung immer mehr isolierte. Es war schwierig, mit ihm auszukommen, schwieriger als ohnehin schon, aber dennoch war der Mann sein bester Freund und er würde ihn nicht allein lassen.

      „Hey Marine…“, murmelte Dwayne leise, als er die Stufen hinunter stieg. „Was hörst du denn da? Oper?“

      Gibbs reagierte nicht und fuhr mit seiner Arbeit fort, ohne auch nur aufzuschauen. Es kostete Pride alle Kraft, dem Grauschopf nicht einfach mal die Meinung zu geigen.

      „Sagen Sie Ihrem Kollegen, dass sein Benehmen nicht tragbar ist. Aber bleiben Sie sachlich. Er sollte sich ernstgenommen fühlen.“

      Pride hätte dem verfluchten PsychoDoc am liebsten mal die Meinung gesagt. Genau das hatte er vor Tagen schon bei Wikipedia nachgelesen und mehr als einmal versucht, mit diesem verdammten Sturkopf zu reden. Doch Gibbs stellte sich blind und taub. Die homöopathische Dosis an Objektivität, die eine Zusammenarbeit mit Gibbs überhaupt nur möglich gemacht hatte, war anscheinend aus dem Grauhaarigen hinausgeflossen. Jede Anweisung, die Pride gab, ging in Gibbs´ Augen gegen den ehemaligen Teamchef oder zumindest untergrub anscheinend alles, was Pride verlangte, Gibbs´ Autorität.

      Nein, Pride wusste es besser. Auch wenn Jethro dieser Tage unerträglich - und sogar Ducky mit seinem Latein am Ende war, so war das doch eher ein Zeichen dafür, wie schlecht es dem Grauschopf ging. Die derzeitige Belastung war einfach zuviel. Hilflos dabei zusehen zu müssen, wie sein Leben ihm durch die Hände rann und sein Platz auf dieser Welt direkt vor seinen Augen an andere abgetreten wurde, das war für den Ermittler schier unerträglich. Dwayne konnte es nachvollziehen und erschauderte jedes Mal, wenn er versuchte sich in seinen Freund hineinzuversetzen.

      Immer wieder führte Dwayne sich diese Erkenntnis vor Augen, doch während er bis zur Halskrause in Ermittlungen steckte, konnte er darauf kaum Rücksicht nehmen. Und Gibbs schien schlicht nicht mithalten zu können. Er brauchte Pausen, verpasste häufig ganze halbe Tage, und das Team hatte einfach kaum Zeit dazu, den Grauhaarigen immer wieder auf den neusten Stand zu bringen.

      Pride hoffte darauf, dass der Fall bald zu den Akten gelegt werden konnte. Und dass sie bis zu ihrer nächsten Ermittlung einen Weg würden finden können, Gibbs zu integrieren.

      Dwayne trat an die Werkbank und nahm einen Schleifblock zur Hand. Als er sich dem Boot näherte, spürte er Gibbs' Blick auf sich.

      „Mach nichts kaputt!“, knurrte der Grauhaarige mit mürrischer Miene. Pride grinste verschmitzt.

      „Ich versuch´s.“ Eine Weile schliffen sie gemeinsam das Holz. Pride war nicht entgangen, dass der Bourbon entkorkt und ein Glas zerbrochen war. Er war sich sicher, dass starker Alkohol nicht unbedingt der passende Begleiter war für jemanden, der um jede normale Verdauungsaktivität bangen musste, doch er würde sich hüten, das zu kommentieren.

      Allerdings blieb ihm nicht verborgen, dass sein Freund immer wieder innehielt. Auch wenn er sich kaum etwas anmerken ließ – für den Ermittler aus New Orleans war es offensichtlich, dass der andere Schmerzen hatte.

      „Ich bin eigentlich hergekommen, um dir den Kopf zu waschen und dir zu sagen, dass es einfach scheiße ist, wie du dich benimmst…“, sagte Dwayne nach einer Weile leise und ohne die gleichmäßige Bewegung des Schleifens zu unterbrechen. „Aber eigentlich ist das auch vollkommen egal. Wenn einer das Recht hat wütend zu sein, dann du.“ Pride spürte, wie es ihm schier die Kehle zuschnürte, während er den Gedanken, der ihn so hinterrücks überfallen hatte, laut aussprach. „Ich will jetzt nicht mit dir streiten, dann würde ich mir diesen Moment hier rauben. Die Erinnerung daran, wie wir beide bei scheußlicher Musik in deinem Keller an dem Boot rumpfuschen.“ Er wischte sich mit dem Handrücken über die Nase. Es war völlig egal, dass Jethro Gibbs anstrengend war oder sich aufführte wie ein Arschloch. Er war sein bester Freund, sein Bruder, und vielleicht würden sie nie wieder Zeit zusammen in diesem muffigen Keller verbringen. Mit zitternden Händen fuhr er weiter mit dem Schmirgelpapier über das Boot – solange, bis er das Gefühl hatte, nicht sofort in Tränen ausbrechen zu müssen.

      Ein Geräusch ließ ihn aufschauen. Gibbs saß gekrümmt auf einem Hocker und hielt sich den Bauch. „Ich hab es noch einmal austesten wollen, King. Zwei Gläser Bourbon – Pech gehabt, anscheinend behalten die verfluchten Weißkittel Recht.“ Der Grauhaarige griff nach einem Eimer, der unter der Werkbank stand und übergab sich.

      Pride ließ den Schleifblock fallen und umrundete eilig das Boot. Er legte seinem Freund eine Hand auf die Schulter und nahm ihm den Eimer mit dem unappetitlichen Inhalt aus der Hand. Pride spürte, wie Gibbs zitterte, während er noch immer mit den Krämpfen rang und mittlerweile schweißgebadet war.









      März „Nenn mir nur einen guten Grund, warum ich dieses Spiel hier mitspielen sollte!“

      Der heutige Tag würde hoffentlich nicht lange in Gibbs' Gedächtnis bleiben. Abby war sauer auf ihn und hatte ihm gründlich die Meinung gegeigt, weil er in der vergangenen Woche laufend Streit mit allen möglichen Menschen vom Zaun gebrochen hatte – zumeist reichlich grundlos. Doch er konnte nicht anders. Seine miese Laune diente lediglich als Ventil für sein neustes körperliches Defizit. Er konnte mit diesen verfluchten Krämpfen umgehen, auch damit, jeden Bissen, jeden Schluck genau abwägen zu müssen, und selbst diese Kraftlosigkeit ließ sich irgendwie erdulden.
      Doch nun hatte er seit einigen Tagen echte Probleme beim Pinkeln – und hier hörte der Spaß auf. Dummerweise – wie sollte es auch anders sein – hatte der Mediziner, der ihm noch vor Kurzem eine 24-Stunden-Erreichbarkeit zugesichert hatte, in dieser Woche Urlaub. Die Schmerzen in seinem Unterleib nahmen stetig zu, sein Körper signalisierte ihm seit Tagen durchgehend, dass er dringend ans Urinal treten sollte, doch wenn er das tat, blieb es bei einem dünnen Rinnsal, das es nicht einmal im Ansatz schaffte, das Bedürfnis verklingen zu lassen.

      Er hatte seit einigen Nächten kaum mehr in den Schlaf gefunden, doch die Schmerzen, die seit Stunden in seinem Unterleib wüteten, trieben den Grauschopf an seine Grenzen. Zum wiederholten Male in der vergangenen Stunde stemmte er sich von seinem Platz am Schreibtisch hoch und schlich wie ein alter Mann in gebückter Haltung in Richtung der Toiletten.
      Er war mehr als dankbar dafür, dass sein Team im Außeneinsatz war und ihn nicht ständig mit Argusaugen überwachen konnte.
      Der Toilettenraum war leer und so gönnte der Ermittler sich ein gequältes Stöhnen, während er an eines der Urinale trat. Ein beinahe verzweifelter Laut verließ seine Kehle, während er die erneute Niederlage erkennen musste. Das Aufschwingen der Tür wahrnehmend, straffte Gibbs automatisch seine Schultern, während er spürte, wie ihm der Schweiß über das Gesicht lief. Aus dem Augenwinkel erkannte der Grauhaarige, dass Director Vance an die Waschbecken trat und vorgab, sich die Hände zu waschen. Jethro richtete seine Kleidung und trat nun seinerseits an den Waschtisch.

      „Sie sehen schrecklich aus. Brauchen Sie einen Arzt, Gibbs?“

      Vance' forschendem Blick war nicht entgangen, dass der Chefermittler sich seit Tagen unwohl fühlte. Vermutlich hätte es auch jeder andere sofort erkannt, wären sie nicht alle mit Arbeit überhäuft gewesen. Oder vielleicht hatten sie es längst bemerkt, doch niemand wollte Gibbs noch auf dessen Zustand ansprechen. Erneute Wutausbrüche wollte vermutlich niemand mehr provozieren.

      „Nein, Leon. Es geht schon“, murmelte Gibbs heiser und war sich der Offensichtlichkeit seiner Lüge durchaus bewusst.

      „Fahren Sie nach Hause. Das hat doch so keinen Sinn!“ Es war dem Mann anzusehen, dass es ihn mitnahm, seinen langjährigen Mitarbeiter in so schlechter Verfassung zu sehen.

      Gibbs versuchte ein schmales Lächeln. Er wusste, dass seine Kollegen und Vorgesetzten alles taten, um ihm die Situation so leicht wie möglich zu machen. Und er war insbesondere Leon mehr als dankbar, dass dieser nicht darauf bestand, Gibbs von den Ermittlungen auszuschließen. Solange er wenigstens noch einen kleinen Beitrag leisten konnte, war seine Zeit noch nicht vorbei.

      Gibbs fürchtete den Tag, an dem er nicht mehr die Kraft finden würde, sein Haus zu verlassen.

      Er folgte Vance' Anweisung wortlos und verschwand in der Tiefgarage. Die Fahrt in Richtung Alexandria war anstrengend. Sein Mund war trocken – er hatte Durst, doch er konnte sich nicht dazu durchringen, noch einen weiteren Tropfen Flüssigkeit in seinen Organismus zu bringen. Seine Blase schien jetzt schon kurz vorm Bersten zu sein - und die Schmerzen nahmen sekündlich zu.

      Wie durch dichten Nebel legte der Grauhaarige den Heimweg zurück und schleppte sich dann kraftlos bis in sein Haus. Mit einem erstickten, verzweifelten Laut ließ er sich auf sein Sofa sinken und fiel trotz der quälenden Schmerzen sofort in einen dämmrigen Zustand zwischen Schlaf und beginnender Ohnmacht. Gibbs war sich bewusst darüber, dass er Hilfe brauchte, doch er war zu keiner Regung imstande. Er konnte nur daliegen und versuchen, in dieser glühenden Flut nicht unterzugehen.

      Er wusste nicht, wie lange er in dem nebulösen Zustand gefangen gewesen war. Doch als eine Stimme laut seinen Namen rief und seine Schulter rüttelte, schreckte er auf. Er fühlte sich matt und es kostete ihn eine immense Anstrengung, zu realisieren, wen er vor sich hatte. Doch dann klärte sich sein Blick und er erkannte das besorgte Gesicht von Hollis.

      „Hörst du mich, Jethro? Hey, schau mich an. Was ist los mit dir?“

      Er schluckte trocken und spürte beinahe im selben Moment kühles Glas an seinen Lippen und eine Hand in seinem Nacken. Gierig trank er in großen Schlucken.

      „Ja, ja! Er ist wach und trinkt. Trotzdem, Ducky, kommen Sie her, bitte!“, ertönte die Stimme der Blonden dicht an Gibbs Ohr, während die Stimme des NCIS-Rechtsmediziners verzerrt und weit weg klang.

      „Rufen Sie einen Krankenwagen, Colonel. Lieber einmal zu häufig…“

      „Nein!“, krächzte der Grauschopf, obwohl ihm noch immer hundeelend war. Doch seine Angst vor der Endgültigkeit einer direkten Krebstherapie war einfach zu groß. Er war nicht bereit, sich in den Reigen von medizinischen Behandlungen einzufügen.

      „Jethro, das ist doch Irrsinn.“ Hollis' Blick spiegelte seine eigene Verzweiflung wider und er erkannte, wie sehr es sie schockierte, ihn so zu sehen.

      „Ich kann nicht pinkeln, Hol‘. Nicht schlimm. Ducky kann da sicher was machen mit diesen…“

      „Hallo?“ meldete sich Dr. Mallard erneut zu Wort. Nun entdeckte Gibbs Hollis' Handy, das auf seinem Couchtisch lag. Anscheinend hatte sie die Lautsprecherfunktion aktiviert.

      „Du willst, dass Ducky dir einen Katheter legt. Hier? Und dann? Was soll dann passieren, Jethro?“

      Er schloss gequält die Augen. Er hatte nicht die Kraft zu diskutieren. Er wollte auf keinen Fall in ein Krankenhaus. Die Angst, dieses nie wieder verlassen zu können, war schier übermächtig. „Zwingt mich nicht dazu, Hollis. Bitte…“ Seine Stimme brach und er kämpfte hart um einen letzten Funken Selbstbeherrschung.

      Alleine dieser kurze Wortwechsel hatte an seinen Energiereserven gezehrt. Erneut verfiel er in einen ohnmachtsähnlichen Zustand und erreichte erst wieder die Oberfläche seines Bewusstseins, als Duckys ruhige Stimme zu vernehmen war. Wieder brauchte es eine Weile, bis Gibbs sich orientiert hatte. Er spürte die Hände seines alten Freundes am Bund seiner Hose und zuckte unwillkürlich zusammen.

      „Ich weiß nicht, warum ich deinem völlig verrückten Wunsch nachkomme, Jethro! Du hast Fieber, wenn es auch nicht beunruhigend hoch ist. Und die Schmerzen der Ischurie lassen dich beinahe ohnmächtig werden. Nenn mir nur einen guten Grund, warum ich dieses Spiel hier mitspielen sollte!“

      Gibbs versuchte, sich den Gedanken an einen möglichen Krankenhausaufenthalt möglichst objektiv vorzustellen, doch am Ende sah er sich selbst nur wieder in fremdbestimmter Lage, in dieser scheußlichen Umgebung, an Schläuche gefesselt und umgeben von Monitoren. „Das wäre so, als würde ich aufgeben, Duck.“ Er griff nach der Hand seines Freundes und suchte dessen Blick. „Ich will noch nicht… Ich bin noch nicht soweit.“

      Gibbs sah, wie Dr. Mallard schwer schluckte und für eine Weile nur stumm auf der Kante des Couchtisches saß. Sein innerer Kampf spiegelte sich in seinem Blick wider. Schließlich seufzte der Ältere und griff in die Untiefen seines Arztkoffers. „Also gut…“

      Eine Weile werkelte Ducky stumm vor sich hin, dann wandte er sich erneut seinem Patienten zu. „Seit wann geht das so?“

      „Gestern kam wenigstens noch - wenig, aber heute… Ahhh.“ Er schrie unwillkürlich auf, als Duckys Hand sich auf seinen Unterleib legte und den empfindlichen Bereich abtastete. Er krümmte sich keuchend zusammen.

      „Oh Jethro…“, murmelte Ducky leise und strich dem Grauschopf über den Arm. Dann begann er sorgfältig den kleinen Eingriff vorzubereiten. „Wie sieht es mit deiner heutigen Schmerzmitteleinnahme aus?“

      „Morphin und Novalgin“, murmelte Gibbs undeutlich und sichtbar leidend.

      Dr. Mallard nickte nur stumm und bemühte sich, rasch und so steril wie möglich zu arbeiten. „Kannst du eine Weile auf dem Rücken liegen?“, fragte er leise.

      Jethro nickte und war erleichtert, Hollis Hände zu spüren, die ihn stützten. Sie kauerte in unkomfortabler Haltung am Kopfende des Sofas und hielt ihn in einer leichten Umarmung.




      Es schmerzte die taffe Agentin, seinen verkrampften Körper und das Zittern seiner dünnen Glieder zu spüren. Sie küsste ihn sanft auf die Stirn, während sie sich bemühte, nicht weiter auf Duckys Maßnahmen an Jethros Körpermitte zu achten.

      Schließlich spürte die Blonde, wie die Anspannung aus Gibbs Körper wich und hörte das leise Seufzen des Mediziners. Behutsam hüllte Ducky seinen Patienten in warme Decken und betrachtete dann den durchsichtigen Beutel, der sich stetig füllte.
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      Hollis bettete Jethros Kopf auf einem Kissen und verließ eilig den Raum. Ihr war bewusst, dass der Zeitpunkt sich unaufhaltsam näherte, an dem er Hilfe brauchen würde, an dem sie alle Grenzen würden überschreiten müssen. Doch sie hatte nicht erwartet, dass es sie so sehr belasten würde. Vielleicht war dieses heutige Erlebnis auch eher die Holzhammer-Methode und nicht der schleichende Prozess, mit dem sie gerechnet hatte. Und vielleicht hatte sie sich auch immer viel zu sehr auf seine unbeugsame Selbstbeherrschung verlassen. Jethros Zusammenbruch hatte ihr nur allzu klar gemacht, dass der Weg, den er ging, unausweichlich mit dem Tod enden würde.

      Sie verließ das Haus und lief unruhig auf der Terrasse auf und ab. Obwohl sich an sonnigen Tagen der Frühling immer mehr bemerkbar machte, war dieser Abend doch noch winterlich kalt. Sie schlang fröstelnd die Arme um ihren Körper und konnte ein leises Schluchzen nicht verhindern. Stumm weinte sie Tränen der Hilflosigkeit. Doch diese Schwäche gönnte Hollis sich nur für wenige Minuten. Dann trat ihre Kämpfernatur aus dem Schatten und half ihr dabei, die Fassung wiederzufinden. Doch das brennende, dumpf bohrende Gefühl, knapp unter ihrem Brustbein hielt sich hartnäckig. Es war noch viel schlimmer, Jethro augenscheinlich krank zu erleben, als sie es sich zuvor ausgemalt hatte.

      Als sie sich umwandte, sah sie sich Dwayne Pride gegenüber, der in der zur Küche führenden Hintertür lehnte und sie mit verschlossener Miene musterte.

      Die Agentin lächelte verhalten. „Hey King. Fall gelöst?“

      Er schüttelte den Kopf und schmunzelte unwillkürlich. Hollis spürte, dass es weder ihr noch ihm gelang, das permanente Entsetzen über Gibbs Schicksal, irgendwie zu verbannen. Sie sah wie der Mann vor ihr stumm zu leiden schien und fragte sich, ob man den Kummer auch ihr so deutlich ansehen konnte.

      „Nein. Im Verhörraum sitzt mein Verdächtiger und schmort im eigenen Saft. Er ist allerdings noch nicht gar – also wollte ich kurz nach Gibbs sehen. Vance hatte gemeint, dass er heute nicht fit war.“ Der Ermittler fuhr sich mit einer Hand durch das kurze Haar. „Ich fange Verbrecher aller Art und löse deren Rätsel, aber erkenne nicht, wenn mein Bruder kurz davor ist, zusammenzubrechen.“

      Sie seufzte und setzte zu einer Erwiderung an, als das Läuten des Telefons sie unterbrach. Pride und Hollis betraten die Küche und die Blonde nahm den Anruf ohne zu Zögern an. Ein Blick ins angrenzende Wohnzimmer zeigte ihr, dass Gibbs noch immer reglos auf dem Sofa lag und Ducky an seiner Seite war.

      „Ja, hallo?“, meldete sie sich.

      „Dr. Ashton Monrose. Ich hätte gern mit Agent Gibbs gesprochen.“

      Hollis runzelte die Stirn. „Hallo Doc. Hollis Mann. Tut mir leid, das ist im Moment leider nicht möglich. Es geht ihm nicht gut?“

      „Das hatte ich beinahe befürchtet. Ich war in den vergangenen Tagen auf einem Ärztekongress und habe diverse Nachrichten meiner Sprechstundenhilfe auf dem Anrufbeantworter. Anscheinend hat Jethro mehrfach versucht, mich zu erreichen und um dringenden Rückruf gebeten. Was fehlt ihm denn?“

      Hollis winkte Ducky zu sich. „Er konnte nicht… Jethro hat Probleme beim Pinkeln. Am besten, Sie sprechen mit Dr. Mallard“, schloss sie knapp und reichte Ducky das Telefon.



      Gibbs war zu Tode erschöpft, doch der erlösende Schlaf ließ auf sich warten. Zwar hatte der höllische Druck nachgelassen und die Schmerzen waren erträglicher, dennoch fühlte er sich elend.
      Liebend gern hätte er sein Lager auf dem Sofa verlassen, schon allein um den prüfenden Blicken von Ducky, Hollis und Pride zu entgehen. Eine ausgiebige Dusche wäre das Beste, doch er fühlte sich so schlapp, dass er befürchtete, nicht einmal bis zu Treppe gelangen zu können. Zudem hing noch immer ein Plastikschlauch aus seinem Penis und das ließe sich vermutlich so schnell nicht ändern – sofern er Ärger vermeiden wollte.

      Eine vierte Stimme mischte sich unter den bunten Reigen seiner Besucher und er hob blinzelnd die Lider. „Monrose – Sie wittern auch, wenn irgendwo was los ist, oder?“, keuchte Gibbs angestrengt und stöhnte resigniert auf.

      „Sie haben ausreichend laut Alarmgeschlagen, Superagent Gibbs. Was soll denn der Mist? Sie können doch mit sowas nicht rumlaufen und darauf hoffen, dass es von alleine wieder weggeht! Es gibt Vertretungsärzte für den Fall, dass ich nicht zur Verfügung stehe – Sie haben diverse Nummern von mir bekommen und Irene hat mir versichert, Sie auch noch einmal darauf hingewiesen zu haben.“

      Jethro presste die Lippen fest aufeinander. Er wollte sich nicht ständig erklären müssen!

      Doch anscheinend hatte der junge Mediziner es längst begriffen. „Es passiert nichts, was Sie nicht wollen, Jethro. Wir haben wirklich alles schriftlich festgehalten. Und daran halte nicht nur ich mich, sondern auch mögliche Vertretungsärzte.“ Monrose legte dem Grauschopf eine Hand auf die Schulter. „Sowas wie das hier muss wirklich niemand durchstehen – auch Sie nicht. Aber um eine Untersuchung kommen Sie nicht drumrum!“

      Gibbs stöhnte gequält auf, was Ashton Monrose leise lachen ließ.

      „Wir können auch darauf verzichten. Ich entferne den Katheter, fahre in meine Praxis und bereite alles für Sie vor. Und Sie werden kommen, Gibbs! Spätestens dann, wenn Ihre Blase wieder voll ist!“

      Der Grauhaarige schloss die Augen und seufzte schwer. „Und wann? Wann soll ich zur Untersuchung kommen?“

      Dr. Monrose strich sich nachdenklich über das Kinn. „Wie kommen Sie sonst klar? Alles beim Alten oder gibt es Verschlechterungen – von dem Harnverhalt mal abgesehen?“

      Gibbs zuckte mit den Schultern und stieß einen unartikulierten Laut aus.

      „Also schlechter, ja? Darf ich kurz?“ Der Brünette deutete auf die Decke und schob sie kurzerhand zur Seite. Sofort fröstelte Gibbs spürbar. „Es geht schnell – versuchen Sie entspannt zu bleiben.“

      Die Hände des Mediziners waren warm und fühlten sich weniger unangenehm an, als Gibbs befürchtet hatte. Und dennoch wurde dieses Abtasten seines Bauches immer unangenehmer.

      „Haben Sie Schmerzen im rechten Oberbauch?“, hakte Monrose leise nach. „Knapp unterhalb der Rippen?“

      Gibbs schüttelte stumm den Kopf.

      „Das ist gut. Und sonst? Arbeiten Sie noch? Was macht Ihr Boot?“, bohrte der Jüngere weiter.

      Gibbs schnaubte humorlos. „Ich arbeite seit Wochen schon nicht mehr. Das wissen Sie doch. Ich gehe allerdings jeden Morgen ins Büro und bin noch im Besitz meiner Sicherheitsfreigabe. Meine Arbeit jedoch macht King.“ Er machte eine Kopfbewegung in Richtung seiner Freunde. Seine Stimme troff nur so vor Bitterkeit, aber ihm fehlte die Energie für positive Regungen.

      „Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen und bitte Sie, ihn nicht gleich abzulehnen. Denken Sie kurz darüber nach. Verbringen Sie zwei-drei Tage auf der Palliativstation.“

      Gibbs Augen weiteten sich erschrocken. „Warum? Ist…“ Irritiert suchte der Grauschopf Duckys Blick. Hatten die Drei sich bislang rausgehalten, so kamen sie nun näher.

      „Keine Sorge! Jethro – ich hatte Ihnen doch erklärt, dass die Palliativstation kein Hospiz ist. Niemand stirbt dort. Wir können Sie aber dort am leichtesten auf ihre Medikamente einstellen – ich hatte Ihnen doch gesagt, dass wir die Gaben hin und wieder anpassen müssen. Die letzten Tage haben Sie reichlich Kraft gekostet, dort können Sie Energie tanken. Wir haben ein Schwimmbad - und Physiotherapeuten, die sich mal ihre Verspannungen ansehen können. Wir können zur Nacht die Schmerzmittel so hoch dosieren, dass Sie einfach entspannt durchschlafen können. Und nebenher haben wir viel Zeit und Raum für anstehende Untersuchungen.“

      Gibbs Finger schlossen sich um Hollis Hand. Er wollte nicht einer von diesen Patienten auf der Abnippel-Station sein.








      Das warme Wasser umschmeichelte seine Glieder und trug den Grauhaarigen. Es war noch sehr früh am Morgen, sodass er das Schwimmbad für sich allein hatte. Er zog es vor, keinen Kontakt zu irgendwelchen Todeskandidaten zu haben. Es hatte ihn entsetzt zu sehen, dass viele der Patienten auf dieser Palliativstation noch deutlich jünger waren als er.

      Gibbs wandte sich um, sodass er auf dem Rücken auf der Wasseroberfläche lag, und schloss die Augen. In seinen Gedanken ertönte Prides Stimme, der ihn überdeutlich ins Gebet nahm. Er war erschöpft gewesen und ängstlich. Genau genommen hatte er an dem Abend vor zwei Tagen echte Todesangst ausgestanden. Es war einfach zu schnell gegangen. Noch Tage zuvor waren die andauernde Müdigkeit und die gelegentlichen Schwindelanfälle sein größtes Problem gewesen – lästig, aber nicht so zermürbend. Und dann plötzlich hatte sein bislang tödlichster Gegner ihn schachmatt gesetzt.

      Cassius Pride hatte nicht zulassen wollen, dass er sich aufgab. Während Gibbs die Panik schier überrollt hatte, war sein Freund ruhig geblieben und hatte für Ordnung gesorgt. Er hatte den Doc, Ducky und Hollis fortgeschickt und erst einmal einen starken Kaffee gekocht.

      Gibbs schmunzelte noch immer bei dem Gedanken daran. Schonkaffee – magenfreundlich. Und dank der extra Medikamentengabe von Monrose hatte er ihn sogar bei sich behalten.

      Die Schmerzen waren schnell abgeebbt, nachdem sein Problem vorerst umgangen war und er konnte sich während einer Weile ruhigen, tiefen Schlafes erholen.

      Als er wieder aufgewacht war, hatte King mit einer gepackten Reisetasche vor ihm gestanden und verkündet, dass er den Grauschopf nun in die palliative Einrichtung begleiten würde. Und nicht länger benebelt von Erschöpfung, Schmerzen und Furcht, hatte Gibbs schließlich eingesehen, dass seine Lebensqualität nur erhalten werden konnte, wenn er sich von Monrose behandeln ließ.

      Ein großzügiger Medikamentencocktail hatte Gibbs eine ruhige erste Nacht in der Einrichtung beschert und noch bevor sein Körper die Substanzen gänzlich abgebaut hatte, war Monrose schon bei ihm gewesen und hatte ihn zu dem verhassten Untersuchungsmarathon abgeholt. Gibbs war sich darüber im Klaren gewesen, dass sein Arzt ihm reichlich Valium oder Ähnliches verpasst hatte. Doch obwohl er es noch vor Monaten nie geglaubt hätte, diese künstliche Gelassenheit tat ihm gut. Tatsächlich hatte er erst zu diesem Zeitpunkt wirklich begriffen, welche Last auf seinen Schultern lag, seitdem er die vernichtende Diagnose bekommen hatte.

      Der Doc hatte Gibbs körpereigenes Wasserwerk gründlich untersucht und keinen physischen Grund für den Harnverhalt finden können.

      Höhepunkt des Untersuchungsmarathons war ein MRT gewesen. Zusammen mit den Ergebnissen der Blutuntersuchung würde Monrose somit feststellen können, wie es um seinen Patienten stand.

      Sich rasch nähernde Schritte verrieten Jethro, dass er nicht länger allein war. Aus dem Augenwinkel erkannte er seinen Arzt, der sich auf einer Bank niederließ und die Augen nicht von der Akte in seinen Händen nahm. „Sie sind früh unterwegs, Jethro. Genießen Sie Ihren Aufenthalt bei uns allmählich?“

      Der Grauhaarige lachte leise. „Nein, und das wird sich auch nicht ändern, Doc. Aber man muss halt immer das Beste draus machen.“

      „Gute Einstellung, Superagent! Und trotzdem glaube ich, dass es gut für Sie war, hier ein wenig zur Ruhe zu kommen.“ Der Mediziner legte die Akte beiseite. „Ihr Körper, und vor allem Ihre Psyche, haben mit dem Harnverhalt die Reißleine gezogen. Es gibt wirklich keinerlei physischen – pathologischen Grund dafür, dass in ihrem hauseigenen Wasserwerk irgendwo der Wurm drin ist.“ Mit einem schweren Seufzen lehnte Monrose den Kopf gegen die gekachelte Wand und schloss für einen Moment die Augen.

      „Lange Nacht gehabt, Doc?“, wollte Gibbs wissen, dessen forschendem Blick nicht entgangen war, dass der Jüngere völlig übernächtigt wirkte. Die Tatsache, dass er ihm gerade bestätigt worden war, dass er selbst reichlich am Ende war, überging er geflissentlich.

      „Oh ja.“, murmelte der Brünette leise.

      Gibbs schwamm an den Beckenrand und stützte sich entspannt auf die Unterarme. Zum wiederholten Male ging ihm auf, dass er sich heute tatsächlich so gut fühlte, wie seit Wochen schon nicht mehr. „Sie haben echt einen Scheißjob, Ashton. Aber Sie machen den verdammt gut.“

      Irgendwann in den letzten Wochen hatte Gibbs sich vorgenommen, häufiger mal die Dinge auszusprechen, die ihm durch den Kopf gingen. Heute damit anzufangen, schien ihm richtig.

      Der Mediziner öffnete seine Augen und grinste. „Scheißjob? Ist Ihrer denn besser?“

      Gibbs nickte zögernd. „Ja, doch - ich denke schon. Ich hänge nicht so tief mit drin wie Sie. Ich ziehe mir Gummistiefel an, um durch die Scheiße zu waten – sie nehmen ihre Badehose und springen kopfüber hinein.“

      Monrose lachte laut auf. „Wo hatten Sie bisher Ihren Humor versteckt, Agent Gibbs?“ Er verließ seinen Platz auf der Bank und griff nach Gibbs' Bademantel, der an einer Wandhalterung hing. „Kommen Sie raus aus dem Wasser.“

      Gibbs musterte das Gesicht des Mediziners. „Sie haben meine Untersuchungsergebnisse“, schloss der Grauschopf und spürte, wie sich seine Eingeweide unwillkürlich verkrampften.

      Ashton Monrose musterte seinen Patienten gründlich und legte ihm dann den weichen Bademantel um die schmalen Schultern.

      Unwillkürlich fing Gibbs an zu frösteln und zog die Schultern hoch, während er hinüber ging zu der schmalen Holzbank, auf der Monrose zuvor gesessen hatte.

      „Wie klappt's mit dem Essen?“, fragte der Arzt und Gibbs schnaubte leise.

      „Kommen Sie doch einfach auf den Punkt, Monrose!“

      „Nein, erst beantworten Sie mir meine Fragen!“, drängte der Mediziner energisch. Er hatte schon unzählige dieser Gespräche geführt und wußte, dass viele Fragen unbeantwortet blieben, wenn er seine Patienten erst mit den Tatsachen konfrontiert hatte. Und viele gingen dem Unausweichlichen nur zu gern für eine Weile aus dem Weg, sodass sie gern auf seine Vorfragen eingingen. Nicht so dieser Agent mit dem messerscharfen Verstand.

      „Also gut. Ich esse an einigen Tagen bis zu zehn Mahlzeiten. Allerdings immer nur winzige Mengen, weil es sonst sofort retour geht. Meine Nachbarin Marie hat mir eine Liste mit Dingen gegeben, die man auch Babys im ersten Lebensjahr geben kann und Hollis experimentiert mit diesen widerlichen hochenergetischen Zusätzen herum. Mein Steak esse ich nun Medium, weil es mir besser bekommt. Schwein klappt gar nicht und…“

      Monrose legte ihm eine Hand auf den Arm. „Sie machen das wirklich unglaublich gut, Jethro.“

      Gibbs schaute blinzelnd auf. „Wie?“

      Der Mediziner schaute zu Boden. „Ich habe einige Patienten mit ähnlichen Befunden wie den Ihren. Aufgrund der Unterversorgung müssen sie künstlich ernährt und mit zusätzlichen Elektrolyten versorgt werden. Sie sind ein verdammt zäher Kerl.“

      Jethro presste die Lippen fest aufeinander. „Spucken Sie es aus, Doc.“

      „Ihre Werte sind beschissen, Gibbs. Ihr Magen ist von Tumoren gerade zu umschlossen. Ihre Nieren machen mir echte Sorgen und dass es nicht schon längst zu einem Darmverschluss gekommen ist, grenzt an ein Wunder. Metastasen in der Leber – und Sie gehen noch immer zur Arbeit. Sie essen selbstständig und benötigen lediglich 60 % der Medikamente, die ich Ihnen zugestehen würde.“

      Gibbs schwieg und versuchte zu verstehen, worauf diese Tatsachen hinauslaufen würden. „Das war's dann, oder?“

      „Was auch immer Sie darunter verstehen, Jethro“, erwiderte der Mediziner mit leiser Stimme.

      Gibbs zuckte mit den Achseln. „Womit muss ich rechnen, Doc? Wird es ab jetzt täglich schlechter? Und wie lange… Gott verdammt. Wie lange geht das dann so?“

      „Ich bin kein Hellseher – aber das wissen Sie schon. Mit ihren Befunden ist vermutlich alles möglich. Eine Stunde, ein Tag, ein Monat… - vorgestern!“

      Gibbs stieß hart Luft aus. „Sie enden mit Ihrer Aufzählung bei einem Monat? Wow…“ Er stützte seine Ellenbogen auf die Knie und verbarg das Gesicht in den Händen.

      Ashton Monrose legte ihm eine Hand auf den Rücken. „Ich kann Ihnen keine Zusagen machen, Gibbs. Aber wenn es bei Ihnen zum Countdown kommt, dann werden Sie vermutlich um ein langes Abdanken herumkommen. Wollen Sie in meinem Büro die MRT-Aufnahmen sehen, damit ich es Ihnen deutlicher machen kann?“

      Gibbs schüttelte den Kopf, ohne aufzuschauen. Der Mediziner hatte ihn mit seiner Offenbarung gerade an seine emotionalen Grenzen katapultiert. Wenn in ihm doch alles so kaputt war, wieso fühlte er sich dann heute so gut? Schaffte eine Handvoll Tabletten es tatsächlich, ihm Gesundheit vorzugaukeln?

      „Geht’s, Jethro? Kommen Sie klar?“

      Er nickte nur und zwang sich, ruhig zu atmen. „Mir ist kalt. Ich würde jetzt gern in mein Zimmer gehen – duschen, anziehen…“

      Monrose stand auf und reichte dem Ermittler die Hand, um ihn auf die Beine zu ziehen.

      „Machen Sie weiter wie bisher, Jethro“, sagte der Mediziner, während sie gemeinsam in Richtung der Aufzüge gingen. „Geben Sie nicht auf, nur weil die Untersuchungsergebnisse gegen Sie sprechen. Tun Sie genau das, was Ihnen gut tut – und wenn es Ihre Arbeit ist, dann gehen Sie eben jeden Tag ins Büro. Wenn Sie irgendwann zu müde sind, um aufzustehen, dann bleiben Sie einfach den ganzen Tag im Bett. Fahren Sie mit ihrem Boot aufs Meer, wenn sie wollen - oder gehen Sie angeln. Grillen Sie sich ein Steak und essen Sie es blutig. Küssen Sie Hollis bis zur Besinnungslosigkeit und…“

      Gibbs prustete leise und suchte den Blick des Mediziners. „Sie wollen mich also doch umbringen, Monrose!“

      Der Arzt musterte den Ermittler irritiert. „Warum? Ihr Herz ist ziemlich stark – ein paar Küsse werden daran nichts ändern.“

      „Nein“, Gibbs schüttelte amüsiert den Kopf, „aber womöglich wird Hollis‘ Ehemann etwas dagegen haben, wenn ich seine Frau verführe.“


      Langsam stieg Gibbs die Treppe hinunter in seinen Keller. Während seine Fingerspitzen über das Holz seines Bootes strichen, schlich er durch den finsteren Raum und ließ den Blick schweifen. Endlich wieder zu Hause. Der vertraute Duft von Holz und Kaffee hing in der Luft und vertrieb allmählich die Ausdünstungen todkranker Menschen, die sich ihm während der vergangenen Tage in der Palliativeinrichtung aufgedrängt hatten. Ob er auch so roch? Es war ein schwerer Geruch nach Chemikalien und Krankheit. Genauer ließ es sich nicht definieren.

      Mit einem schweren Seufzen setzte er sich auf einen der Sägeböcke, die neben der Werkbank standen, und zog eine Schublade auf. Ganz hinten in dem Fach lag eine Fotografie. Es war eine abgegriffene Schwarz-Weiß-Aufnahme von Shannon. Das erste Foto, das er von dem Mädchen seiner Träume hatte auftreiben können. Er war so verliebt gewesen in die schöne Rothaarige, die ihn immer so freundlich grüßte. Während eines Straßenfestes hatte Jackson mit seiner Kamera, die sein ganzer Stolz gewesen war, einige Fotos geschossen und diese in seinem Laden aufgehängt. Völlig unbeabsichtigt war Shannon im Hintergrund einer Aufnahme zusehen gewesen. Jethro hatte das Bild an sich genommen und es von da an immer bei sich getragen.

      Mit bebenden Fingern strich der Grauhaarige über das alte Fotopapier. „Ich werde sterben, Shannon.“ Seine Stimme zitterte und er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. „Hilf mir, Rotschopf. Ich hab solche Angst.“


      Dr. Monrose eilte den Flur der Patientenunterkünfte hinunter und wich dabei einer Pflegekraft aus, die gedankenverloren in eine Patientenakte blickte. Er versuchte eine unbekümmerte Miene aufzusetzen, doch schon immer waren es diese Augenblicke, die sich in seinen Erinnerungen festsetzten. Die Momente, wenn er liebenden Angehörigen alle Hoffnungen rauben musste. Das Entsetzen und die Verzweiflung gruben sich ganz tief in sein Innerstes. Der junge Mann atmete tief durch und betrat das Zimmer. Sonne flutete den Raum und die gelben Wände verstärkten diesen Effekt um ein Vielfaches.

      „Mrs. Mann, Dr. Mallard! Und Sie sind?“, er reichte den drei Besuchern nacheinander die Hand. Sofort hüllte ihn die Verunsicherung und die böse Vorahnung der Anwesenden ein.

      „Anthony DiNozzo. Wo ist Gibbs?“ Die Stimme des jungen Mannes zitterte, auch wenn dieser versuchte, sich selbstsicher zu geben.

      Ashton musterte den Brünetten für einige Sekunden und erkannte den Schmerz und die Qual in den Augen des etwa gleichaltrigen Mannes. Jethro hatte ihm anvertraut, dass dieser Agent wie ein Sohn für ihn war, und dass die Männer seit Bekanntwerden der Diagnose immer wieder heftigst aneinander geraten waren. Nicht zuletzt, weil Gibbs beschlossen hatte, die minimalen Chancen auf Besserung durch eine Chemotherapie ungenutzt zu lassen.

      Ashton räusperte sich und schob das Mitleid von sich. Mitgefühl und helfende Hände, das war es, was die Angehörigen brauchten, keinen Mediziner, der ihnen mit Tränen in den Augen versicherte, dass er genau wusste, was sie empfanden.

      „Jethro geht es soweit recht gut und er hat sich heute Morgen auf den Weg nach Hause gemacht.“

      „In Ihren Worten schwingt ein unüberhörbares ‚Aber‘ mit“, erwiderte Hollis mit besorgter Miene.

      Bevor Ashton etwas entgegnen konnte, betrat atemlos und sichtlich abgehetzt ein weiterer Besucher das Zimmer. Agent Dwayne Pride schaute sich suchend im Zimmer um und blickte dann fragend in die Runde.

      „Setzen wir uns?“, lud Dr. Monrose ein und deutete auf die kleine Sitzecke in einer Nische des Raumes.

      Während sie sich alle setzten, klärte Ducky Pride auf: „Er ist anscheinend zu Hause.“

      „Und warum war es dann so wichtig, dass wir alle hier sind?“ Ungeduldig trommelte der Agent mit seinen Fingern auf dem Oberschenkel.

      „Jethro hat mich darum gebeten, mit Ihnen zu sprechen. Ich soll Ihnen sagen, dass es ihm leid tut. Er braucht etwas Zeit.“

      Bedrücktes Schweigen breitete sich aus und keiner entgegnete etwas. Nur Anthony DiNozzo schien es nicht auszuhalten, dazusitzen und auf die Offenbarung des Arztes zu warten. Unruhig tigerte der Ermittler durch das Zimmer.

      „Ich habe Jethro heute Morgen seine aktuellen Befunde erläutert.“ Monrose schüttelte bedauernd den Kopf. „Bereits die ersten Untersuchungen von vor einigen Wochen haben kaum Anlass zur Hoffnung gegeben, doch in der kurzen Zeit haben sich die Befunde dramatisch verschlechtert.“

      „Darf ich, Herr Kollege?“, bat Ducky und streckte die Hand nach der Mappe mit Gibbs' Unterlagen aus. Ashton nickte und folgte der Bitte.

      „Was genau heißt das?“, wollte Agent Pride mit rauer Stimme wissen, während sich die blonde Mrs. Mann von ihrem Platz erhoben hatte und zu Tony DiNozzo ging, der reglos am Fenster stand.

      „Es gibt keine Chance auf Heilung - und keine sinnvolle Möglichkeit, das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen.“

      Dwayne Pride verzog qualvoll das Gesicht.

      „Es… es gibt doch immer irgendwas! Ein Medikament, eine Therapie…“ DiNozzo hatte sich wieder der kleinen Runde zugewandt. Die ohnmächtige Wut stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Vermutlich hat ER Ihnen aufgetragen, uns das so zu sagen, weil er zu stur ist, sich behandeln zu lassen?! Gibbs hat schon immer alles, was seiner Gesundheit zugute gekommen wäre, rigoros abgelehnt. Und Sie geben dem nach? Schwört ein Arzt nicht den hippokratischen Eid, der ihn verpflichtet, Menschenleben zu retten? Und was machen Sie? Sie lassen es zu, dass der verdammte Krebs ihn umbringt?!“

      „Tony, nicht…“ Hollis griff nach seinem Arm, wollte ihm Trost spendend über den Rücken streichen, doch der Brünette machte sich los.

      „Ihr gebt ihn also einfach auf, ja?“, schnaubend wandte Tony sich der Tür zu. „Ich werde nicht dabei zusehen, wie er stirbt!“

      Krachend fiel die Zimmertür hinter DiNozzo ins Schloss.




      Dieser Beitrag wurde bereits 16 mal editiert, zuletzt von „anonyma“ ()

      Juhu, es ist online!!!! :)
      Liebe Nymi, ich freue mich so außerordentlich, dass du diese tolle Story geschrieben hast. Diese Geschichte hat schließlich alles, was ich für eine gute Geschichte brauche: einen guten Schreibstil, einen ordenlich leidenden Gibbs, zusammen mit Hollis Mann, und als i-Tüpfelchengibt es... äh... wird es noch ein Sahnehäubchen geben ;) (Ups, da hätte ich doch beinahe gespoilert...)

      Ja, es ist keine nette Situation, in die du unseren armen Silberfuchs hier gebracht hast. Aber du hast es großartig gemacht, mit einer Geschichte, die direkt unter die Haut geht. Ich freue mich sehr darauf.

      LG
      Vicky

      anonyma schrieb:

      Und wer da jetzt drüber diskutieren möchte, der kann rüberschleichen in meinem "Skyfall"-Thread und da erst lesen, dann kommentieren
      *rüberschleich*leise die Tür schließ, um die finstere Stimmung nicht zu zerreißen*vor Schreck zusammenbrech*EndeGelände*

      anonyma schrieb:

      Nagut, ich räume ein, dass ich mich überdurchschnittlich oft an der gibbs'schen Verdauung vergreife - und frag mich nicht warum, keine Ahnung.
      Das würde ich gern mal tiefenpsychologisch analysiert wissen...

      anonyma schrieb:

      Aber es gibt ja auch ganz viele Dinge die ich ihm nicht antue!
      Und davon hätte ich gern mal eine Liste, damit ich weiß, was für mich noch übrig ist.

      Oje, jetzt fliege ich bestimmt gleich raus, weil ich so pietätlos hier rumrandaliere... Au weia... Aber ich fürchte, wenn ich diese Geschichte nicht mit etwas Humor nehme, braucht es am Ende ein Doppelgrab... ;(

      Die trifft ganz, ganz tief. Allein schon die Tatsache, wie wütend der sympathische Pathologe ist, lässt dunkelste Ahnungen zum Ernst der Lage aufkommen. Ich glaube, so kalt haben sich die Stahltische in der Autopsie beim Lesen noch nie angefühlt. Also, wenn Du die Absicht hattest, mir als Leser einen dicken, dicken Kloß in den Hals zu zaubern, dann würde ich sagen: es ist Dir gelungen... ;(
      "All are lunatics, but he who can analyze his delusion is called a philosopher. (Ambrose Bierce)

      a.no-nym schrieb:

      anonyma schrieb:
      Nagut, ich räume ein, dass ich mich überdurchschnittlich oft an der gibbs'schen Verdauung vergreife - und frag mich nicht warum, keine Ahnung.
      Das würde ich gern mal tiefenpsychologisch analysiert wissen...



      Och... Lieber nicht. Ehrlich gesagt will ich gar nicht wissen was das bedeutet. Ein Anhänger der Freud'schen Ansichten würde mir vielleicht unterstellen meine Analephase nicht ausreichen durchlebt zu haben.... Oder die Orale. Vielleicht ist meine ganze kindliche Entwicklung irgendwie gestört. Man weiß es ja nicht - und was man nicht weiß, macht einen auch nicht verrückt. Oder?? 8| :cursing: :S

      a.no-nym schrieb:

      anonyma schrieb:
      Aber es gibt ja auch ganz viele Dinge die ich ihm nicht antue!
      Und davon hätte ich gern mal eine Liste, damit ich weiß, was für mich noch übrig ist.


      Im Gegensatz zu Vicky habe ich ihn noch nie ernsthaft durch die Hand einer anderen Person verletzen lassen. Einmal ein Messer am Arm und.... Ähm, gelogen... Ich habe Lost vergessen. Avon war auch nicht nett. Die PWP - Schneegestöber auch bitter (aber wieder im Bereich der Verdauungsorgane anzusiedeln). Ich... ähm.... ICh wollte gerade sagen, dass ich seinem Kopf noch nie was... Ehm... Aber nein... Lost.

      :/ Na, denn weiß ich jetzt auch nicht so recht.
      Aber es wäre doch mal eine nette Beschäftigung wenn Vicky und ich mal durch unsere FFs zögen und Bilanz ziehen, oder. Eine Liste voller Wrackteile... :whistling:
      Danke für das brave FB ihr Lieben!!
      Liebe nyma!

      Juhu, ein leidender Gibbs und Hollis gemeinsam in einer neuen Story von Dir. Ich freue mich tierisch. :thumbsup:

      Das ist genau die richtige Medizin für erkältete Leute wie mich, auch wenn die Androhung keines Happy Ends eine eher bittere Pille ist. Der Anfang las sich schon ausgesprochen interessant an und ich bis zu Gibbs Gespräch mit Ducky hatte ich auch noch die leise Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht so schlimm wird. Dann kam jedoch der Hammer mit der Krebsdiagnose =O und ich habe erst mal tief durch geatmet. Puh, ich habe die ganz dumme Befürchtung, dass Du Gibbs und uns Lesern nichts ersparen wirst. Zu meiner Erleichterung trifft Gibbs im letzten Satz dieses Kapitels aber wenigstens auf Hollis und ich hoffe, Du gibst ihr die Möglichkeit unserem armen, gebeutelten Gunny in der schweren Zeit mehr als nur freundschaftlich zur Seite zu stehen. :love:

      LG Kathrin
      Guten Morgen ihr Lieben!!
      Wie schön, dass ihr den Weg hierhergefunden habt und vielen Dank für Eure Kommentare.

      Oh, Kathrin, das Banner in deiner Signatur ist klasse!!! Und passt auch gut zu dieser Geschichte. :)
      Ich finde es so toll, dass Hollis mal wieder in der Serie zu sehen ist. Da mache ich mir gleich wieder
      Hoffnungen auf eine mibbs'sche Erwärmungsphase. ;)

      So, pünktlich zum Aufwachen der süßen Ferienkinder den neuen Teil fertig gebaut.

      Ich hoffe Euch hier wieder zu lesen!!

      Liebe Grüße
      nyma

      anonyma schrieb:

      Und sie hatte ihm die Hand gegeben und dafür gesorgt, dass er bei diesen ersten Schritten über die Trümmer seines Lebens nicht die Balance verlor.


      Manchmal ist weniger wirklich mehr. Dieser Satz ist für sich genommen schon eine ganze Geschichte. Da kann ich nur niederknien. Weitere Worte total überflüssig...
      "All are lunatics, but he who can analyze his delusion is called a philosopher. (Ambrose Bierce)

      Der schnelle 2. Teil war eine freudige Überraschung und genau die richtige Lektüre zum Start in den Morgen.

      So, so Hollis weiß also schon vom ersten Tag an Bescheid. Seitdem steht sie Gibbs hilfreich zur Seite und er liebt sie heimlich. Hach, da schlägt mein Mibbs- <3 doch gleich ganz hoch, denn ich glaube nicht so wie Gibbs, dass Hollis sich nur aus Langeweile um ihn sorgt. Zum Glück hast Du ihren Ehemann vorsichtshalber für eine ganze Weile ans andere Ende der Welt verfrachtet und gibst ihr und Gibbs damit Zeit für sich. Jetzt bitte ich nur inständig, dass Du den beiden wenigstens noch genug davon zur Verfügung stellst, damit Gibbs zugeben kann was er für sie empfindet. Doch bis dahin schickst Du die beiden ja erst mal in die Oper. Ihre Anwesenheit tut ihm gut und ich hoffe der Abend, auch wenn er rein dienstlicher Natur ist, lenkt die beiden ein bisschen von Gibbs‘ Sorgen ab.

      Puh, die Tatsache das Tony und das Team, allen voran Abby, noch nichts von Gibbs Diagnose wissen, liegt an dieser Stelle ziemlich schwer in
      der Luft und ich kann Tonys Verärgerung verstehen. Daher war es natürlich gut zu erfahren, dass Du Pride (sprich Vickys schon angekündigtes Sahnehäubchen :thumbup: ) in die Stadt geholt hast. Er wird das Unvermeidliche zwar sicherlich nicht abwenden können, aber dafür allen hoffentlich eine breite, tröstende Schulter zur Verfügung stellen.

      anonyma schrieb:


      Oh, Kathrin, das Banner in deiner Signatur ist klasse!!! Und passt auch gut zu dieser Geschichte. :)
      Ich finde es so toll, dass Hollis mal wieder in der Serie zu sehen ist. Da mache ich mir gleich wieder
      Hoffnungen auf eine mibbs'sche Erwärmungsphase. ;)


      Danke schön. Ja, du hast Recht mein Banner passt tatsächlich wie die Faust aufs Auge zu Deiner Story, wobei sich mein Grundgedanke bei dem Mann im Schatten eigentlich auf Hollis unbekannten Ehemann :huh: bezieht.

      Also dann, ich bin tierisch gespannt wie es weitergeht.

      LG Kathrin
      Klasse, das geht bei Dir ja wie Brezeln backen mit dem Posten.

      Nun, die Oper haben wir hinter uns und das Team weiß auch Bescheid. Puh, das war echt keine leichte Kost und Abbys Ausraster kann man durchaus nachvollziehen, wobei Ellie nun weiß Gott nichts dafür konnte. Die Ohrfeige hätte meiner Meinung nach eher McGee verdient, weil er sich in die Krankenhausakte von Gibbs gehackt hat, denn trotz aller Sorge, bin ich der Meinung dass sie seine Privatsphäre hätten respektieren sollen. Nun gut, jetzt wissen sie es also und ich lasse mich überraschen wie sie sich ihrem Boss gegenüber verhalten.

      Die Szene zwischen Gibbs und Hollis hat mir auch sehr gut gefallen, wobei ich mir wünschen würde das Hollis ein bisschen mehr aus sich herausgeht. Du streust zwar hier und da kleine Brotkrumen in deinen Sätzen, trotzdem kann ich sie momentan schwer, um nicht zu sagen gar nicht, einschätzen. Sie steht Gibbs zwar zur Seite und gibt ihm auch den Halt den er braucht, doch für mich als Leser ist sie irgendwie nur als Person anwesend, aber ihr Charakter momentan leider nicht richtig greifbar. Ich weiß nicht was sie denkt und fühlt, das fehlt mir ein bisschen. Vielleicht bin ich da auch ein bisschen zu übertrieben erwartungsvoll, denn immerhin geht es in Deiner Story um Gibbs und den hast im wahrsten Sinne des Wortes mit jedem Satz emotional super im Griff. Hm, was Hollis betrifft, gehe ich fest davon aus, dass sie sich bewusst nichts anmerken lässt, um für Gibbs stark zu sein. Zur Pausenüberbrückung zwischen Deinen Kapiteln kann ich mir ja meine eigenen Gedanken über sie machen, ihren inneren Kampf ausfechten und mir für sie einen kleinen, gefühlstechnischen Zusammenbruch bei Ducky in der Autopsie oder so ähnlich ausmalen, d.h. insofern Deinerseits da nicht womöglich was geplant ist *Wink-mit-dem–Zaunpfahl* ;)

      Na, ich lasse mich einfach überraschen, denn ich weiß Du machst das schon und ich vertraue Dir da voll und ganz! :thumbsup:

      Schönen Abend noch
      Kathrin

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Agent-Mibbs“ ()

      Guten Morgen liebe Kathrin!
      Guten Morgen ihr stummen Mitleser!

      Tatsächlich ist wohl so, dass es im Großen und Ganzen bezüglich der meisten Spekulationen bei den Brotkrumen bleiben wird.
      Es wird zwar immer Mal eine Szene geben, die den aktuellen "Ist"-Stand vom "emotionalen Drumherum" skizziert, aber ich habe
      Gibbs' letzte Monate tatsächlich eher skizziert und hier und da mal etwas hervorgehoben, sodass viele Dinge gar nicht explizit genannt werden.
      Sie kommen fast alle mal mehr oder weniger zu Wort, aber es ist wirklich sehr gibbs'lastig.

      Euch allen einen schönen, erfolgreichen Tag!!
      Liebe Grüße
      nyma
      Liebe nyma!

      Danke für Deine kurze Erklärung, d.h. also ich werde mich mit den Brotkrumen zufrieden geben und mir mein eigenes Bild um Deine geniale Story herum spinnen. :whistling:

      Gibbs Frühstück klingt für einen gestandenen Agenten wie ihn wirklich alles andere als toll, aber was bleibt ihm schon großartig übrig, wenn er
      überhaupt was im Magen behalten will. Das sich die ganze Situation dann natürlich in seinen Gemütszustand widerspiegelt, ist auch sehr
      gut nachvollziehbar. Tja, und da ist noch Pride der eigentlich eine unterstützende Hilfe sein soll und wohl eher ziemlich Fehl am Platze
      wirkt, wie auch Vance eingestehen muss. Oh, oh ich vermute die ganze Situation wird sich wohl noch mehr zuspitzen. Das ist sicherlich bei
      Weitem noch nicht die Spitze des Eisberges.

      Besonders gut hat mir Gibbs Erinnerung an seine Kindheit gefallen. Der kleine Jethro tat mir furchtbar Leid und ich konnte sehr gut nachvollziehen wie hilflos er sich als kleiner Junge in der beschriebenen Situation gefühlt haben muss.

      Das Sortieren seiner Unterlagen am Ende fand ich auch ziemlich beklemmend, denn die gefundenen Krebsberichte seiner Mutter sind nun weiß Gott keine sonderlich hilfreiche Lektüre um Kraft zum Kämpfen zu finden.

      Lieben Gruß
      Kathrin
      Jetzt hab ich mir die Zeit genommen und diese Kapitel gelesen. Ich hab jetzt erst angefangen, da du ja am Anfang geschrieben hast, es würde keine leichte Kost werden, bis jetzt geht's noch…… Aber du hast das sehr gut geschrieben, wie Gibbs zu seiner Diagnose kommt, dass noch nicht viele Leute Bescheid wussten. Schön, dass auch Hollis dabei ist und ihr Mann ganz weit weg. ;) Es hat mir auch gefallen, wie du Ducky und das Team nach einer Antwort suchen hast lassen, wieso es Gibbs so schlecht geht und er noch weniger gut drauf ist als sonst. Jeder geht mit dem Schock anders um, aber die Ohrfeige für Bishop war schon ein bissl hart, zumal sie ja gar nix dafür konnte. Wieso hat Gibbs es seinem Team verschwiegen? Nachdem er Ducky mit der Diagnose überfallen hatte, hätte er es den anderen auch gleich sagen können, dann hätten sie nicht mehr suchen und hacken müssen. Aber gut. Dass DiNozzo zornig ist, versteh ich ja, aber mit der Fragerei nach der OP geht er Gibbs gewaltig auf die Nerven. Das sollte ihm als erfahrenen Ermittler schon bewusst sein. ;) Die Rückblicke zu Jethros Kindheit hast du sehr gut beschrieben, die Parallelen zu seiner Mutter, die Gedanken und Fragen dazu. Schön auch die letzte Szene mit Pride im Keller, wie sie zusammen am Boot schleifen und Dwayne seinem Freund hilft. <3



      Dieses tolle Set ist von Saphira :thumbup:
      Boh Nymi,

      du machst mich fertig.. das Forum macht mich fertig.. warum bekomm ich denn keine Mitteilung wenn es hier bei dir weiter geht??? Muss ich da irgendwas zusaätzlich anklickern????? Ich hatte jetzt mega viel nachzulesen... aber wozu sind schon Pausen da...... ;)

      Ich muss ja sagen... so was zu lesen.. oder selbst zu schreiben ist zweierlei... Also Tony habe ich ja bereits mehrfach über den Jordan geschickt, auch als Krebspatient.. es aber bei dir so langsam und nachhaltig zu lesen.... da graut es mir schon... Das ist so gar nciht Gibbs.... er ist doch eigentlich ein Kämpfer.. oder? Alles vorbei und verloren??? Ellie sagt ja, 50 % überleben.. auch wenn sie sich von Abby daraufhin eine eingefangen hat... es ist ein Strohhalm und ich neige dazu mich an so etwas zu klammern... trotz deines Eingangsspruches...

      SO dann sag ich mal bis zu nächsten mal... in der Hoffnung diesmal eher darauf zu stoßen..

      LG Micha
      Ein bissel Werbung in eigener Sache..... 8o


      So, nun habe ich dann letztendlich auch hierher gefunden!

      Momentan habe ich auch noch einen riesigen Kloß im Hals und weiß gar nicht recht, was ich schreiben soll. Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht mal sicher, ob ich hier weiterlesen möchte.
      Das hat natürlich rein gar nichts mit Deinem schriftstellerischen Können zu tun, aber irgendwie kommen bei der Geschichte Erinnerungen hoch, mit denen ich mich nicht wirklich auseinander setzen will.

      Nimm´s mir bitte nicht übel, aber ich denke, ich verschiebe das Lesen dieser Geschichte auf später mal...


      ...Holland ist die geilste Stadt der Welt...
      Es war schon hart zu lesen, wie schlecht es Gibbs geht. Bis jetzt hab ich nur Geschichten gelesen, in denen er wieder gesund wurde, da ist das doch was anderes. Selbst Ducky hat sich beruhigt und hilft seinem kranken Freund. Schön, dass Hollis wieder rechtzeitig da war. Es muss hart für den Grauschopf sein, nicht mehr arbeiten zu können, hatte er sich doch immer nur reingekniet und sonst kein Privatleben. Das rächt sich jetzt. Die Wut ist zwar noch da, aber schon weniger geworden. Vance weiß noch nicht wie er damit umgehen soll – so kommt es mir zumindest vor. Abby hat ihm die Meinung gegeigt, DiNozzo ist beleidigt weil Gibbs ihnen nix gesagt hat - bricht seine NCIS-Familie auseinander? Ich hoffe nicht. :/



      Dieses tolle Set ist von Saphira :thumbup: