Ich bin die Neue

      Ich bin die Neue

      Titel: Ich bin die Neue (NCIS)
      Autor: AngelHeart
      Charaktere: Eleanor "Elli" Bishop
      Anmerkungen des Autors: sorry, ist etwas länger als 4 Seiten, lässt sich aber nicht so gut trennen, da ich es als Oneshot geschrieben habe.


      Kurzbeschreibung:

      Eleanor „Elli“ Bishop – die Neue im NCIS-Team.Noch wissen wir sehr wenig über die junge Frau, die eine sehr schwere Nachfolge im Team um Jethro Gibbs angetreten hat. Sie ist zwar keine Ziva David, aber ich bin sicher, das will sie auch gar nicht sein. Das macht sie in diesem kleinen Monolog auch deutlich.
      Das, und noch einige andere Dinge - über sich und ihre neuen Kollegen.
      Aber lest selbst…



      ICH BIN DIE NEUE


      Ein anstrengender, nervenaufreibender Tag beim NCIS liegt hinter mir, und eigentlich hätte ich, so wie alle anderen, um diese Zeit längst Feierabend. Doch anstatt nach Hause zu gehen und mir mit Jake zusammen einen schönen Abend zu machen, hocke ich hier in meiner Lieblingsposition auf diesem verdammten Schreibtisch, der eigentlich meiner sein sollte. Es scheint fast so, als wolle ich das klobige Möbelstück mit meiner direkten Anwesenheit beschwören und auf diese Art gewaltsam an mich gewöhnen.
      Ich sitze also im Schneidersitz inmitten meines - zugegeben auf den ersten Blick etwas chaotisch anmutenden, für mich selbst allerdings wohl organisierten - Krams, und starre auf die verlassenen Schreibtische meiner beiden Teamkollegen McGee und DiNozzo, die vor gut einer Stunde bestens gelaunt in den Feierabend verschwunden sind und jetzt sicherlich in der Bar zwei Straßen weiter euphorisch auf den erfolgreichen Abschluss unseres jüngsten Falles anstoßen. Nicht, dass sie mich nicht eingeladen hätten, mitzukommen, schließlich kam der entscheidende Hinweis zur Lösung dieses Falles von mir, aber ich wollte einfach noch ein wenig allein sein, wenigstens ein paar Minuten.
      Nun gut, ich hocke bereits erheblich länger hier und starre sinnloserweise Löcher in unschuldige Möbelstücke, während ich die Geschehnisse der letzten Tage und Wochen in meinem Kopf Revue passieren lasse. Nebenbei bemerkt, ich kann ziemlich lange so sitzen, länger als alle anderen, das habe ich als Kind schon gern getan. Zum Ärger meiner Mutter, die mich stets ermahnte, mich doch bitte ordentlich auf einen Stuhl zu setzen. Dieser Erziehungsversuch hat, wie so mancher andere, bei mir einfach nicht funktioniert.

      „Gute Arbeit, Bishop!“ hat Gibbs gesagt und mir im Vorbeigehen auf die Schulter geklopft, bevor auch er vorhin eilig das Büro verließ.
      Ein Lob vom Boss!
      Das streichelt meine aufgewühlte Seele, hebt mein Ego und macht mich ganz nebenbei unwahrscheinlich stolz. So ein Lob von NCIS Supervisory Special Agent Leroy Jethro Gibbs muss man sich erst einmal verdienen, denn damit geht er äußerst sparsam um. Die größte Anerkennung seinerseits wurde mir zuteil, als er mir nach einem erfolgreich gelösten Fall überraschend einen festen Platz in seinem Team anbot. Diese Herausforderung nahm ich an, ohne lange zu überlegen. Bis dahin hatte ich, nachdem man mich einmal überraschend als Spezialistin zu einem komplizierten Fall hinzugezogen hatte, als eine Art Verbindungsagentin zwischen dem NCIS und der NSA gearbeitet und dabei schnell gemerkt, dass mir die Arbeit in Gibbs` Team viel mehr lag als meine bisherige Tätigkeit. Mein Arbeitsbereich als Anti-Terror- Analystin bei der National Security Agency umfasste bislang die Identifizierung von potentiellen Terroristen oder hochrangigen Personen, die eventuell für Terrorzwecke missbraucht werden könnten. Hier beim Naval Criminal Investigative Service ist mein Aufgabengebiet plötzlich sehr viel weiträumiger und vielfältiger. Die Fälle, die wir zu bearbeiten haben, fordern sowohl ein breitgefächertes Wissen und Können als Agenten, als auch ein hohes Maß an körperlicher Fitness. Auch gefährliche und riskante Undercover-Ermittlungen sind möglich. Zudem ist das Privileg, in Gibbs` Team zu arbeiten, alles andere als einfach, denn die Arbeit ist an ziemlich hohe Erwartungen seinerseits gebunden. Sein Vertrauen und seine Anerkennung zu erringen, setzt bestmöglichen Einsatz, unbedingte Loyalität und stetige Bereitschaft voraus. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung.
      Gibbs selbst ist nicht nur ein bekennender Kaffee-Junkie, sondern gilt auch als wahrer Workaholic, er scheint immer im Dienst zu sein, geht stets mit gutem Beispiel voran und schont sich niemals. Ich muss zugeben, für einen Mann in seinem Alter ist er wirklich erstaunlich fit.
      Aber er ist auch sehr speziell. Kein Freund von Computertechnik und langen Reden, sehr autoritär und geradlinig, ein brillanter Ermittler, der sein Umfeld und seine Vorgesetzten mit seiner unsubtilen Art und seinem Sarkasmus nicht selten zur Verzweiflung bringt.
      Zugegeben, seine wortkarge Art verunsicherte mich zu Anfang schon ziemlich, aber mittlerweile weiß ich recht gut damit umzugehen. Ein strafender Blick von ihm kann mehr sagen als tausend Schimpfworte, und wenn solch ein stahlblauer „Blitz“ mich trifft, klappe ich meinen Mund augenblicklich zu und versuche sofort, mich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren.
      Ich habe Gibbs in der kurzen Zeit, seitdem ich hier bin, nie sentimental erlebt, aber er gibt seinen Mitarbeitern auch ohne lange Reden das Gefühl, im Ernstfall immer für sie das zu sein, für jeden einzelnen von uns. Er schafft es, einen mit wenigen, wohlbedachten Worten wieder aufzubauen.
      So wie bei Jimmy Palmer, Dr. Duckys Assistenten, für den kürzlich eine Welt zusammenbrach, als er erfuhr, dass die lange geplante Adoption für ihn und seine Frau im letzten Augenblick geplatzt war.
      Dabei hat Gibbs selbst eine sehr bewegte Vergangenheit, über die er jedoch nie spricht. Abby hatte Tränen den Augen, als sie mir verriet, dass seine Frau und seine Tochter vor vielen Jahren von einem Drogenhändler ermordet wurden, während er selbst bei einer Scharfschützeneinheit in Kuwait stationiert war.
      Dreimal war er seitdem wieder verheiratet, aber es hat nie wirklich funktioniert, und nun lebt er seit Jahren allein. Dabei hätte er sicherlich durchaus noch immer gute Chancen bei den Frauen, trotz seines etwas gewöhnungsbedürftigen Haarschnitts, denn er kann verdammt charmant lächeln. Leider tut er das nur sehr selten.

      Mein eigenes tiefes Seufzen holt mich zurück in die Gegenwart.
      Verdammt, Bishop, was stimmt nicht mit dir? Hockst hier mitten in der Nacht auf dem Schreibtisch deiner Vorgängerin und machst dir Gedanken über das nicht vorhandene Liebesleben deines neuen Chefs, anstatt endlich nach Hause zu verschwinden und dein eigenes zu pflegen! Geht’s noch?
      Ich atme tief durch und strecke meinen müden Rücken.
      Nun gut, ich bin die Neue im Team, die Bambina, der Frischling, der Probie, wie auch immer sie den zuletzt dazugekommenen Kollegen gern zu nennen pflegen. Außerdem bin ich sozusagen das Küken hier, denn alle sind mehr oder weniger älter als ich.
      Zu Anfang war ich etwas unsicher, ob man mich hier auch wirklich akzeptieren würde. Mittlerweile haben sich die anfänglichen Ängste und Selbstzweifel gelegt. Na ja, größtenteils zumindest. Manchmal brauche ich trotzdem zwischendurch ein paar Minuten für mich, einfach nur, um meine innere Reset-Taste zu drücken und mein Selbstbewusstsein damit wieder auf den neusten Stand zu bringen. So wie heute…
      Ich weiß, was ich kann, und ich weiß auch ganz genau, was ich nicht kann. Ich weiß meistens, was ich will, und vor allem weiß ich, was ich nicht will: irgendjemanden ersetzen.
      Ich bin keine Kate Todd, und ich bin auch ganz sicher keine Ziva David. Ich bin ich, Elli Bishop aus Oklahoma, ehemalige Analystin bei der National Security Agency, und nun Dank meiner „Maulwurf-Theorie“ Mitglied des NCIS-Teams.
      Die Arbeit im Team macht mir Spaß und fordert mich heraus, sie bringt mich voran und zeigt mir häufig auch meine persönlichen Grenzen auf.
      Aber ich bin von Haus aus sehr ehrgeizig, versuche immer mein Bestes zu geben und bin in jedem Falle teamfähig. Ich werde meinen Platz behaupten, egal, was andere von mir denken.
      Gibbs scheint das irgendwie erkannt zu haben. Deshalb hat er mir diese einmalige Chance gegeben. Die werde ich nutzen, auch wenn mir meine beiden männlichen Kollegen als Newcomer manchmal ganz schön zusetzen. Aber das ist wohl das „Pflichtprogramm“ eines jeden Neulings, und ich bin sicher, sie meinen es nicht böse. Die beiden erinnern mich vielmehr an ältere Brüder, die mich gern ein wenig necken, im Ernstfall aber für mich da sind und mich gern ein wenig beschützen wollen. Damit kann ich leben, immerhin bin ich mit drei dieser Exemplare aufgewachsen. Die Hauptsache ist, sie nehmen mich und meine Arbeit ernst. Und das tun sie, das spüre ich deutlich.

      Obwohl ich die Jüngste bin, so bin ich trotzdem die Einzige aus dem Team, die verheiratet ist. Meine Arbeit fordert große Opfer von meinem Partner, und ich hoffe, Jakes Verständnis hält diesem Tempo auch weiterhin stand. Bislang toleriert er meine Einsatzbereitschaft, meine stark eingeschränkte Freizeit und mein Engagement für den neuen Job. Er weiß, dass der NCIS meine heimliche erste Wahl war, als es darum ging, mich nach dem Studium für eine Stelle zu entscheiden. Leider wurde damals niemand eingestellt, und so landete ich beim NSA, wo auch Jake inzwischen arbeitet. Manchmal geht das Schicksal eben eigene Wege.
      Jake und ich sind schon ziemlich lange zusammen.
      Ich war gerade mal 18, als ich wegen meiner Beziehung mit ihm von zu Hause durchgebrannt bin. Wenn man verliebt ist, braucht man weder ewig klammernde Eltern, noch nervige Brüder, die jeden meiner Schritte wie Bodyguards mit Argusaugen überwachten. Wir waren jung und wollten unsere Freiheit.
      Mittlerweile haben sich die Wogen wieder geglättet, und meine Familie akzeptiert Jake als meinen Ehemann. Er und ich sind seit nunmehr fast einem Jahrzehnt der lebende Beweis dafür, dass eine Ehe trotz Full-Time-Job und Überstunden funktionieren kann. Toleranz, Verständnis und Vertrauen sind die Zauberworte dafür. Und obwohl wir uns manchmal kaum sehen, ist die knapp bemessene Freizeit, die wir dann gemeinsam verbringen, umso schöner. Dann gibt es nur uns beide und das ungeschriebene Gesetz, niemals über unsere Arbeit zu reden. So vermeiden wir Gewissenskonflikte und haben zugleich den Kopf für uns und unsere Beziehung frei. Ihm scheint das problemlos zu gelingen, mir dagegen nicht immer. Aber ich arbeite daran, wie an so vielen anderen Dingen.
      So zum Beispiel an meiner kaum vorhandenen Häuslichkeit und Ordnungsliebe. Ich bin chaotisch, manchmal ziemlich schusselig und auf meine ganz spezielle Art vielleicht auch ein wenig verrückt. Das bestätigt sich vor allem darin, dass ich alle meine Erinnerungen mit Essen verbinde. Auf diese ungewöhnliche Weise kann ich mir nahezu alles merken, was ich lese.Und wenn mich etwas zu sehr beschäftigt, nehme ich meinen Block, einen Stift und beginne zu malen. Ich habe schon immer gern gemalt, so wie andere sich ihre Probleme von der Seele reden oder schreiben, so zeichne ich auf, was ich irgendwann gesehen habe, oder was mich beschäftigt. Ich male nahezu alles, einfach aus der Situation heraus, Szenen, Bilder und am liebsten Gesichter. Habe ich einmal ein Gesicht gesehen, kann ich es jederzeit originalgetreu nachzeichnen, eine Fähigkeit, die mir sowohl in meinem ehemaligen Job bei der NSA, als auch beim NCIS schon des Öfteren zu Gute kam.
      Ich könnte jeden meiner Kollegen auf Anhieb porträtieren, die Ehemaligen, die Neuen, und sogar die, von denen ich bisher nur Fotos gesehen habe.

      So wie beispielsweise Ziva David…

      Nachdenklich streiche ich mit den Fingerspitzen über die Schreibtischplatte.
      Hier hat sie gesessen, an diesem Tisch, viele Jahre lang.
      Ziva war meine Vorgängerin hier beim NCIS. Sie stammt aus Israel, und dorthin ist sie nach acht Jahren wieder zurückgekehrt, zu ihren Wurzeln, um sich selbst zu finden, wie Abby mir zu erklären versuchte.
      Meine Karriere hier begann ähnlich, auch ich war eine Zeitlang das Verbindungsglied zwischen zwei US-Bundesbehörden.
      Aber auch wenn wir einen ähnlichen Start hatten, so kann man uns beide doch nicht vergleichen. Ich bin in Oklahoma aufgewachsen, in einem intakten Elternhaus, zusammen mit meinen drei älteren Brüdern, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, mich zu beschützen und mir alles beizubringen, was jüngere Schwestern nicht unbedingt wissen und können müssen. Zum Beispiel Baseball spielen, Selbstverteidigungskurse zu besuchen oder einen Autovergaser auseinandernehmen und wieder zusammenbauen. Und obwohl ich in meiner Jugend ein wirklich rebellischer Teenager war, haben mich meine Eltern immer geliebt.
      Ziva stammt aus einem Land, in dem die meisten Menschen in dem Wissen erzogen werden, dass Ehre und Pflichtbewusstsein letztlich mehr zählt als die eigene Familie. Und wer keinen Sohn hat, macht eben die Tochter zu dem Soldaten, der in seinem Sinne seinem Land dient. Ich habe im Rahmen meiner Ausbildung und meiner Arbeit bei der NSA viel über Israel und den Mossad-Geheimdienst gelernt und beneide Ziva keinesfalls um ihr Leben dort. Es war garantiert alles andere als leicht, vom eigenen Vater als Verbindungsoffizier in die Staaten geschickt und zwischen zwei völlig unterschiedlichen Welten hin- und hergerissen zu werden. Eine Zeitlang schien sie es tatsächlich geschafft zu haben, sich für eine dieser Welten zu entscheiden, doch irgendwann sind die Gefühle wohl übergekocht.
      Auf gewisse Weise kann ich sie verstehen, obwohl ich ihr nie persönlich begegnet bin. Unsere Arbeit ist nicht leicht, man muss seine Gefühle stets unter Kontrolle haben, um einen klaren Kopf zu behalten und man muss immer in Bereitschaft sein, Tag und Nacht. Man muss sich im Team blind aufeinander verlassen können, einander vertrauen. Und man sollte sich möglichst nicht in einen Kollegen verlieben…
      Vielleicht waren ihre lang verdrängten Gefühle für Tony einer der Gründe, warum sie gehen musste. Zumindest Abby ist fest überzeugt davon, dass aus den beiden ein Paar geworden wäre. Sie meinte erst neulich, das Knistern zwischen Tony und Ziva wäre mit den Jahren immer lauter und intensiver geworden und zum Schluss nicht mehr zu überhören gewesen.
      Ziva ist wunderschön. Vermutlich empfindet sie sich selbst gar nicht so, aber ich habe so viele Fotos von ihr gesehen und kann verstehen, dass Tony sich in sie verliebt hat. Schlank und anmutig, hüftlanges, schwarzglänzendes Haar und dunkle, ausdrucksvolle Augen. So dunkel, dass es wahrscheinlich bisher nur sehr wenigen Menschen gelungen ist, auf den Grund ihrer Seele zu blicken. Ob Tony einer dieser Auserwählten war?
      Wenn man so viele Jahre eng zusammenarbeitet, sich kennt und vertraut, dann soll angeblich eine ganz besondere, einzigartige und tiefe Verbindung untereinander entstehen. Ich hoffe, dass ich lange genug in diesem Team arbeiten werde, um herauszufinden, ob das wirklich so ist.
      Ziva David... schon allein ihr Name klingt so melodisch. Man muss ihn nicht, wie wir Amerikaner das gern tun, abkürzen oder verändern, um ihn zu mögen.
      Ich dagegen finde meinen eigenen Namen eher unspektakulär und altmodisch. Eleanor… In dieser Hinsicht geht es mir genau wie Abby. Alle, die sie kennen, wissen, dass sie den Namen Abigail hasst. Sie ist Abby, oder Abbs, wie Gibbs sie liebevoll nennt. Mal ehrlich, was geht einem durch den Kopf, wenn man von Eleanor und Abigail spricht? Man sieht zwei alte Ladys in Rüschenblüschen und Spitzenkragen stricknadelklappernd auf einer Bank im Park eines Pflegeheimes…
      Grinsend streiche ich mir über die Stirn. Dann schon lieber Elli, oder von mir aus auch Bishop. Wir reden uns hier untereinander meistens mit dem Nachnamen an, was weder abwertend noch bösartig klingen soll. Es ist einfach… dienstlich.
      Ich kann nicht sagen, ob Ziva und ich Freundinnen geworden wären, eine Freundschaft beruht immer auf Gegenseitigkeit, und wir beide haben uns nie persönlich kennengelernt. Doch je länger ich über sie nachdenke, umso mehr Gemeinsamkeiten fallen mir ein, auch wenn wir auf den ersten Blick doch recht verschieden zu sein scheinen.
      Mechanisch greife ich nach meinem dicken Zopf, der mir über den Rücken fällt, und beginne ihn langsam zu lösen. Aufatmend fahre ich mit meinen Fingern durch die langen, weichen Locken und spüre voller Genuss, wie die Spannung auf meiner Kopfhaut verschwindet und einem angenehmen Kribbeln weicht. Ich trage mein Haar gern offen, vor allem in meiner Freizeit, und irgendwann in meiner rebellischen Jugend habe ich als Zeichen der Unabhängigkeit meine eher unscheinbar dunkel bis mittelblonde Mähne mit etwas Chemie aufgehellt und es im Laufe der Jahre dabei belassen. Jake gefällt es, und auch ich finde, dass mir diese optische Veränderung gut steht, auch wenn ich ansonsten absolut nicht in das Klischee „blond und blauäugig“ passe, denn wer mit mir zu tun hat, merkt relativ schnell, dass ich alles andere als ein blauäugiges Blondchen bin. Außerdem sind meine Augen gar nicht blau, sondern samtbraun, und wenn ich wütend bin, werden sie richtig dunkel. Dann bildet sich zwischen meinen Augenbrauen eine gut sichtbare, steile Zornesfalte, die sich bereits so tief eingegraben hat, dass ich mich wohl oder übel bis an mein Lebensende mit ihr abfinden muss. Na gut, was will man machen, andere haben Grübchen, Lach- oder Kummerfalten, ich trage eben meine Wutfalte als Markenzeichen auf der Stirn.

      Ich bin noch nicht lange hier, aber es ist schon erstaunlich, wieviel ich trotzdem in so kurzer Zeit über meine Kollegen erfahren habe.
      Dazu kann ich nur sagen, dass eine gute Beobachtungsgabe und ein CAF-POW-Kränzchen mit Abby Sciuto in punkto Teamwissen sehr informativ sein kann!

      Abby ist die Perle des NCIS - Labors. Ihr Wissen auf den Gebieten der Forensik, der Computertechnik, der Bildbearbeitung und Ballistik ist mindestens genauso groß wie ihr gütiges Herz. Wen die bekennende Gothic-Anhängerin einmal darin eingeschlossen hat, für den geht sie durchs Feuer.Zu Gibbs scheint sie eine ganz besondere Beziehung zu haben, sie sieht in ihm wohl eine Vaterfigur und weckt mit ihrer impulsiven und zugleich hochsensiblen Art seinen Beschützerinstinkt.
      Mir gegenüber war Abby am Anfang sehr zurückhaltend, sie weigerte sich während meiner Zeit als Verbindungs-Agentin sogar, in meiner Gegenwart offen zu sprechen und schrieb mir nur Zettel, weil sie befürchtete, von der NAS ausspioniert zu werden. Ich ging auf ihr Spiel ein und beschränkte unsere Konversation vorübergehend ebenfalls auf Zettelschreiben, was sie offensichtlich beeindruckte. Seitdem ich die NSA verlassen habe und nun offiziell zum Team gehöre, reden wir ganz normal miteinander und sind fast so etwas wie Freundinnen geworden.
      Ich weiß noch nicht allzu viel über sie und ihre Vergangenheit, aber vielleicht werde ich sie beim nächsten gemeinsamen Becher ihres geliebten CAF-POW-Coffein-Mix einfach fragen, ob sie mir etwas mehr über sich erzählen mag.
      Oder ich frage Tim. Ich habe gehört, die beiden waren mal für kurze Zeit etwas mehr als nur miteinander befreundet. Vielleicht war es Abby, die Tim den berühmten „Stock aus dem Hintern“ gezogen hat, denn unser Computer-Genie war mit Sicherheit in seiner Jugend ebenso ehrgeizig wie verklemmt. Zuweilen kommt heute noch der kleine Spießer in ihm durch, aber im Großen und Ganzen ist Tim ein so lieber und loyaler Kollege, dass man ihn einfach gern haben muss.
      NCIS Special Agent Timothy McGee, unser Computer- und Technik-Genie. Er ist sehr gewissenhaft, und darüber hinaus stets freundlich und hilfsbereit, was vor allem von Tony mitunter schamlos ausgenutzt wird. In diesem Falle schlage ich mich bedingungslos auf Tims Seite, wenn ich mich auch sonst noch etwas vorsichtig aus den Plänkeleien meiner Kollegen herauszuhalten versuche. Aber in Punkto Tollpatschigkeit sind McGee und ich mitunter fast Seelenverwandte, und die müssen schließlich zusammenhalten!
      Bevor McGee nach Washington kam, war er im NCIS-Büro in Norfolk stationiert. Er hat Abschlüsse in Biotechnik und Computerkriminalistik, aber das weiß ich nur, weil ich neulich heimlich in seiner Akte geblättert habe. Tim ist viel zu bescheiden, um damit anzugeben.
      Er ist Single und führt derzeit eine sogenannte Fernbeziehung mit Delilah Fielding, seiner Freundin und Mitarbeiterin des Verteidigungsministeriums, die seit einem Attentat im Rollstuhl sitzt und vor kurzem einen Auslandsjob in Dubai angenommen hat. Ob die Liebe der Beiden letztlich von Bestand ist, bleibt abzuwarten, aber ich traue McGee ohne Weiteres zu, dass er aus Loyalität und Pflichtbewusstsein an dieser platonischen Beziehung festhält.
      Lange Zeit war er der „Bambino“ im Team, was DiNozzo ihm mit Sicherheit bei jeder sich bietenden Gelegenheit spüren ließ. Erst als Ziva zum Special Agent aufstieg und damit unweigerlich die Rolle der „Bambina“ übernahm, wurde er diesen lästigen Titel endlich los.
      Trotzdem kann es Tony einfach nicht lassen, seinen jüngeren Kollegen bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu ärgern. Oft verwendet er situationsbezogene Namensveränderungen als Anrede, wie heute Morgen zum Beispiel „McSchusselig“, als McGee seinen Kaffe verschüttete, oder „McWichtigtuer“, weil er mal wieder schneller mit dem Computer zugange war. Tim lässt sich allerdings nie oder nur äußerst selten von Tony provozieren, meistens überhört er dessen Sticheleien einfach. Ich denke, er ist zu gut erzogen und zu höflich, um sich auf Diskussionen dieser Art einzulassen.
      Genauso höflich wie Dr. Mallard, unser Gerichtsmediziner, den wir alle liebevoll „Ducky“ nennen. Der ältere Herr mit dem grauen Haar, der Nickelbrille und den gütigen Augen erinnert mich mit seiner Ruhe und Gelassenheit immer wieder aufs Neue an meinen Grandpa Howard. Stundenlang saß ich als Kind bei ihm in der Werkstatt und lauschte gespannt seinem unerschöpflichen Repertoire aus alten Geschichten. Er war klug und verständnisvoll, mein Grandpa, und das ist Ducky auch. Schade nur, dass er so gar keine Familie mehr hat. Ein Mann wie er sollte viele Enkelkinder haben, die auf seinen Knien sitzen und sich an seinen Geschichten erfreuen. Aber weil er die nun mal nicht hat, und seinen Kollegen meistens die Zeit zum geduldigen Zuhören fehlt, erzählt er sie notgedrungen seinem Assistenten Jimmy Palmer oder seinen „Gästen“ während der Autopsien auf dem Seziertisch. Die können ja nicht mehr davonlaufen…

      Mein Blick wandert hinüber zu Tonys Schreibtisch, auf dem überall verstreut diverses Bonbonpapier herumliegt. Papier, das er gern zu kleinen Kügelchen zusammenknüllt und seinen Kollegen McGee damit beschießt, oder auf den Papierkorb zielt, den er jedoch nur selten trifft.
      NCIS Senior Special Agent DiNozzo, groß, schlank, gutaussehend, mit dunklem Haar und italienischen Wurzeln, wie er gern und oft erwähnt. Genauso oft nervt er mit diversen Filmzitaten, die der bekennende Filmfreak bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum Besten gibt.
      Frauen gegenüber hält sich Tony DiNozzo für unwiderstehlich. Sein Ruf eilte ihm bereits voraus, noch bevor ich ihn persönlich kennengelernt hatte.
      „Pass bloß auf, Elli, nachher kommt ein Team vom NCIS zu uns, und dieser italienische Agent, der flirtet alles hemmungslos an, was weiblich und bei „drei“ nicht auf dem Baum ist!“ hatte mir eine unserer Chef-Assistentinnen verschwörerisch zugeflüstert. Auf meine Frage, woher sie das wüsste, grinste sie verheißungsvoll und meinte: „Erfahrungswerte, meine Süße!“
      Aus zuverlässiger Quelle habe ich gehört, dass es sehr viel ruhiger um Mister Casanova geworden ist, seitdem Ziva das Team verlassen hat. Tony gibt weder diverse Frauengeschichten von sich, noch brüstet er sich mit neuen Bekanntschaften.Und nein, Tony flirtet auch nicht mit mir. Na gut, hier und da entsteht ein wenig Geplänkel zwischen uns, das dazu dient, die Arbeitsatmosphäre etwas aufzulockern. Aber mehr ist da nicht. Entweder respektiert er, dass ich verheiratet bin, oder ich bin ihm zu jung, oder einfach nicht sein Typ. Vielleicht hat er aber auch einfach nur die Nase voll von Flirtereien am Arbeitsplatz.
      Allerdings scheint die Tatsache, dass ihn letztens während einer Ermittlung jemand fragte, ob ich seine Tochter sei, doch ziemlich an seinem Ego gekratzt zu haben. Immerhin bin ich nur wenige Jahre jünger als Ziva. Dass Tony öfter genauso gern den Clown wie den heißblütigen Italiano mimt, ist in meinen Augen vermutlich eine seiner Taktiken, um von seinem wahren Können abzulenken, denn was seine Arbeit betrifft, darin ist DiNozzo unschlagbar. Er ist ein erstklassiger Ermittler und ich bin sicher, dass Gibbs, würde er irgendwann wider Erwarten in den Ruhestand gehen, ihn sofort zu seinem Nachfolger wählen würde. Er arbeitet immerhin am längsten mit DiNozzo zusammen und weiß daher am besten um dessen wahre Qualitäten.

      Die Uhr über Gibbs Schreibtisch zeigt auf kurz vor Mitternacht. In ein paar Minuten beginnt ein neuer Tag.
      Was wird er bringen? Schreibarbeit? Neue Herausforderungen?
      Wird Gibbs mit den mir bereits gut bekannten Worten „Nehmt euer Zeug!“ hereinstürmen und uns auf dem Weg zum Fahrstuhl eilig mit den Fakten für einen neuen Fall vertraut machen?
      Was auch immer, man sollte ein wenig ausgeschlafen sein, um ihn zu bestehen.
      Steifbeinig klettere ich von Zivas Schreibtisch.
      Zivas Schreibtisch?
      Wäre Gibbs jetzt hier, hätte er mir mit Sicherheit eine seiner berühmt-berüchtigten Kopfnüsse verpasst.
      Verdammt nochmal, es ist dein Schreibtisch, Bishop, d-e-i-n-e-r!
      Ich verabreiche mir selbst eine rhetorische Kopfnuss und muss plötzlich laut lachen. Oh ja, Boss, die Dinger sind echt gut, die bringen einen wirklich voran!
      Ich atme tief durch, straffe die Schultern und marschiere mit selbstbewusstem Lächeln und hoch erhobenen Hauptes hinüber zum Fahrstuhl.
      Ich bin die Neue, Eleanor „Ellie“ Bishop, und ihr werdet nicht bereuen, mich in eurem Team zu haben, denn ich bin das Beste, was euch seit langem passiert ist!
      Ihr werdet schon sehen…

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      Ich hoffe, ich habe Ellis Charakter mit dieser kleinen Selbsteinschätzung einigermaßen getroffen.
      Inzwischen mag ich sie recht gern, die Neue im Team, obwohl ich nach Ziva sehr skeptisch war, was eine Neubesetzung anging.
      Bin gespannt auf eure Meinung!
      LG Angel

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „AngelHeart“ ()

      Hey,

      schön mal etwas aus Ellis Perspektive zu lesen! Ich mag sie wirklich gerne und sie ist mir mittlerweile total ans Herz gewachsen. Deshalb fand ich es schön, mal etwas von ihr zu lesen und ihren Anfang beim NCIS ein wenig mitzuerleben.
      Ich finde, du hast sie perfekt getroffen - ich konnte mir gut vorstellen, wie sie da in ihrem "Chaos" sitzt und nachdenkt, wie ihr Blick durchs Büro schweift und und und. Ihre Gedanken passten zu ihr, das konnte man gut nachvollziehen.
      Ich fand es sehr interessant, ihre Gedanken zu den verschiedensten Leuten und Themen zu lesen. Sei es Jake und ihre Familie, den Anfang beim NCIS, Ziva oder Abby oder sonstwer. Das hat mir gut gefallen.

      Wirklich schöner Oneshot, freu mich auf weitere Sachen von dir =)

      LG
      Kerstin
      Vielen Dank für dein Feedback, liebe Kerstin!
      Ich habe vorab ein wenig über "Elli" recherchiert, aber wirklich viel gibt es da noch nicht.
      Also habe ich versucht sie so darzustellen, wie ich sie in ihrer bisherigen Rolle erlebt habe. Freut mich natürlich umso mehr, dass das für dich so gut rübergekommen ist.
      Bin wirklich gespannt auf ihre Weiterentwicklung in Staffel 12.
      LG Angel